Zwischen Geschichte und Zukunft – Wie Alexander Matthes das Dragonerareal und das Modellprojekt Rathausblock mitgestaltet

Ein Mann mit kurzem, braunem Haar steht vor hohen, blühenden Pflanzen in einem Garten. Er trägt ein kurzärmeliges, dunkelgraues Hemd mit feinem Muster und lächelt leicht. Im Hintergrund sind grüne Blätter, weiße und gelbe Blüten sowie ein Teil eines hellen Gebäudes zu sehen. Die Szene wirkt sommerlich und freundlich.

Seit fast zehn Jahren ist Alexander Matthes an der Planung und Entwicklung des Dragonerareals beteiligt.

Zwischen historischen Backsteinfassaden wachsen Wildblumen aus den Fugen des Kopfsteinpflasters. Wo einst Dragoner, Soldaten der berittenen Infanterie, ihre Pferde unterbrachten und später Autos repariert wurden, entsteht in den kommenden Jahren eines der spannendsten Stadtentwicklungsprojekte Berlins. Wer heute über das Dragonerareal läuft, sieht vor allem alte Gebäude, freie Flächen und Baustellen. Alexander Matthes sieht etwas anderes.

Er sieht Spielplätze, Werkstätten, Kultur, neue Nachbarschaften und Menschen, die sich begegnen. Seit 2017 begleitet er als Sachbearbeiter für Infrastruktur und Städtebauförderung im Fachbereich Stadtplanung des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg die Entwicklung des Dragonerareals. Für ihn ist es weit mehr als ein Bauprojekt – es ist die Chance, gemeinsam mit vielen Beteiligten ein Quartier für die Zukunft zu gestalten.

Vom Zufall zum Traumberuf Stadtplanung

Dass Alexander Matthes einmal Stadtplaner werden würde, war ursprünglich gar nicht geplant. Anfang der 1990er-Jahre zog er für sein Studium nach Berlin. Eigentlich wollte er Landschaftsplanung studieren. Weil der Numerus clausus zu hoch war, empfahl ihm ein Bekannter den Studiengang Stadtplanung – das Institut liege schließlich nur einen Straßenblock entfernt.
Aus dem vermeintlichen Umweg wurde sein Traumberuf. „Ich wollte eigentlich nach dem ersten Semester wieder wechseln“, erzählt er. Doch schon nach wenigen Monaten stand für ihn fest: „Das ist genau mein Fach.“ Schon damals faszinierte ihn weniger die Planung neuer Stadtteile auf der grünen Wiese. Viel spannender fand er bestehende Quartiere – Orte mit Geschichte, gewachsenen Strukturen und Menschen, die dort leben.
„Mich interessiert vor allem die Frage, was Menschen in einem Quartier wirklich brauchen und wie man Bestehendes sinnvoll weiterentwickeln kann.“ Diese Haltung begleitet ihn bis heute. Nach Stationen in einem Stadtplanungsbüro, einer Stadterneuerungsgesellschaft und einer Stadtverwaltung wechselte er 2017 nach Friedrichshain-Kreuzberg. Ausschlaggebend war die Stellenausschreibung für das Dragonerareal. „Die Aufgabenbeschreibung klang unglaublich spannend. Ich habe mich beworben – und glücklicherweise hat es geklappt.“

Im Vordergrund stehen mehrere Holzbänke mit Metallgestellen auf einem gepflasterten Platz. Dahinter befinden sich zahlreiche Hochbeete und Pflanzkübel mit üppig wachsenden, teils blühenden Pflanzen. Die Hochbeete sind aus Holz oder Metall gefertigt. Im Hintergrund erstreckt sich ein langes, flaches Gebäude mit heller Fassade und großen Fenstern. Links ragt ein großer Baum mit dichtem Laub ins Bild. Die Szene ist von Tageslicht und blauem Himmel geprägt. Der Ort ist als Kiezraum am Dragonerareal kontextualisiert.

Der Kiezraum am Dragonerareal bietet gemeinschaftlich nutzbare Flächen für Sitzungen, Veranstaltungen und Co.

Stadtplanung bedeutet vor allem Zusammenarbeit

Viele stellen sich Stadtplanung als Arbeit am Reißbrett vor. Alexander Matthes beschreibt seinen Berufsalltag ganz anders. Natürlich gehören Fördermittel, Bebauungspläne und Infrastruktur dazu. Im Mittelpunkt stehen für ihn jedoch Zusammenarbeit und der Blick auf das große Ganze. Als Hauptsachbearbeiter für das Fördergebiet koordiniert er die Zusammenarbeit zahlreicher Beteiligter – von Fachämtern des Bezirksamts über Senatsverwaltungen und landeseigene Unternehmen bis hin zu Planungsbüros, Genossenschaften und zivilgesellschaftlichen Initiativen. „Man könnte sagen, ich bin die zentrale Schnittstelle.“

Er begleitet Förderverfahren, stimmt Projekte ab, vermittelt zwischen unterschiedlichen Interessen und sorgt dafür, dass viele einzelne Bausteine am Ende ein gemeinsames Quartier ergeben. Besonders schätzt er die Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen im Bezirksamt. „Gemeinsam schaffen wir etwas für den Bezirk. Dadurch entsteht ein echtes Wir-Gefühl.“ Gerade weil viele Fachbereiche finanziell unter Druck stehen, eröffnen Städtebaufördermittel neue Möglichkeiten. Gleichzeitig weiß er, dass gute Projekte nur dann dauerhaft funktionieren, wenn sie später auch gepflegt und erhalten werden können. Deshalb arbeitet er eng mit den Fachämtern zusammen – von Grünflächen über Verkehr bis hin zu sozialen Einrichtungen.

Backsteingebäude mit hohen Rundbogenfenstern und dekorativen Zierelementen an der Fassade, das als Alte Reithalle auf dem Dragonerareal bekannt ist. Im Vordergrund ein asphaltierter Hof mit vereinzeltem Bewuchs und Schattenwurf. Links und rechts wachsen größere Sträucher und Bäume an der Gebäudeseite. Im Hintergrund sind weitere Gebäude und ein moderneres Hochhaus zu sehen. Der Himmel ist wolkenlos und blau.

Die "Alte Reithalle" soll in Zukunft verschiedenen Projekten ein Zuhause bieten.

Das Dragonerareal – Stadtentwicklung für das Gemeinwohl

Wer am Dragonerareal vorbeigeht, ahnt oft nicht, welche Idee hinter dem Projekt steckt. Entstehen soll kein klassisches Investorenprojekt. Ziel ist ein gemeinwohlorientiertes Quartier mit bezahlbarem Wohnraum, erschwinglichen Gewerbeflächen, sozialen Einrichtungen, Kulturangeboten und attraktiven Freiräumen. Gleichzeitig bleibt der Grund und Boden in öffentlicher Hand. „Ich wünsche mir vor allem, dass die Menschen verstehen, dass hier ein kommunales Projekt entsteht.“

Die historische Alte Reithalle soll künftig unter anderem eine Jugendfreizeiteinrichtung sowie Angebote der Abteilung Weiterbildung und Kultur beherbergen. Hinzu kommen Grünflächen, ein Spielplatz, eine sogenannte Urbane Fabrik, gemeinwohlorientierte Nutzungen in bestehenden Gebäuden und ein weitgehend autofreies Wohnquartier. Auch Klimaanpassung spielt eine zentrale Rolle. Regenwassermanagement, Dach- und Fassadenbegrünung sowie ressourcenschonendes Bauen gehören längst selbstverständlich zur Planung. „Die Arbeit wird nie langweilig. Es kommen ständig neue Themen hinzu.“

Moderne Verwaltung entsteht durch Vertrauen

Für Alexander Matthes ist das Dragonerareal längst mehr als ein Bauprojekt. „Wir nennen das Projekt nicht ohne Grund Modellprojekt Rathausblock Immer wieder tauscht er sich mit Forschungseinrichtungen, Studierenden und Fachleuten aus ganz Deutschland aus. Das Interesse gilt dabei nicht nur den geplanten Gebäuden, sondern vor allem den Prozessen dahinter. „Immer wieder geht es um die Frage: Was funktioniert hier? Was können andere Kommunen daraus lernen?“ Dass das Dragonerareal inzwischen bundesweit Aufmerksamkeit erhält, erfüllt ihn durchaus mit Stolz.

Wenn Alexander Matthes über seine Arbeit spricht, fällt ein Begriff immer wieder auf: Vertrauen. Vertrauen zwischen Verwaltung und Stadtgesellschaft. Vertrauen zwischen unterschiedlichen Fachbereichen. Und Vertrauen in die Menschen, die gemeinsam an Lösungen arbeiten. „Ich freue mich, wenn Menschen das Gefühl haben, dass Verwaltung nicht von oben herab handelt, sondern offen, kooperativ und auf Augenhöhe arbeitet.“ Diese Haltung erlebt er auch im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg.

„Ich kann viele Themen eigenverantwortlich voranbringen und bekomme dafür großes Vertrauen von meinen Vorgesetzten.“ Ebenso schätzt er die kollegiale Zusammenarbeit über Fachbereichsgrenzen hinweg. Für ihn verfolgen alle das gemeinsame Ziel, den Bezirk weiterzuentwickeln und die vorhandenen Ressourcen bestmöglich einzusetzen.

Alexander Matthes steht auf einer gepflasterten, offenen Fläche und hält ein schwarzes Fahrrad am Lenker. Er trägt ein kurzärmliges, kariertes Hemd und eine kurze Hose. Im Hintergrund sind eine hohe Backsteinmauer, mehrere mit Graffiti besprühte Wände und einige Bäume zu sehen. Der Himmel ist wolkenlos und blau. Die Szene wirkt urban und sommerlich.

Auf der derzeitigen Brachfläche soll perspektivisch ein moderner Gebäudekomplex entstehen.

„Man fühlt sich manchmal fast wie ein Quartiersbürgermeister.“

Seit fast zehn Jahren begleitet Alexander Matthes das Dragonerareal. Viele Meilensteine liegen bereits hinter ihm – von der Kooperationsvereinbarung über das Bebauungsplanverfahren bis hin zu wichtigen politischen Beschlüssen. Gleichzeitig weiß er, dass die eigentliche bauliche Entwicklung gerade erst beginnt. Bis das Quartier vollständig entwickelt ist, werden noch viele Jahre vergehen.

„Mit einem Projekt wie diesem altert man ein Stück weit mit“, sagt er und lacht. „Man kennt irgendwann unglaublich viele Menschen, Geschichten und Zusammenhänge. Man fühlt sich manchmal fast wie ein Quartiersbürgermeister.“ Wenn er an die Zukunft denkt, wünscht er sich vor allem eines: Dass die Menschen irgendwann sagen werden, der gemeinwohlorientierte Ansatz habe funktioniert. Dass hier ein Quartier entstanden ist, in dem bezahlbares Wohnen, Kultur, Gewerbe, Natur und Begegnung selbstverständlich zusammengehören.

Vielleicht beschreibt genau das auch seine Arbeit am besten. Alexander Matthes plant nicht einfach Gebäude. Gemeinsam mit vielen anderen entwickelt er einen Ort, an dem Geschichte bewahrt und Zukunft gestaltet wird.