Stadtnatur-Rangerin Kristina Roth: „Ohne wilde Mitbewohner wären wir einsam!“

Stadtnatur-Rangerin Kristina Roth am Kreuzberger Wasserfall

Stadtnatur-Rangerin Kristina Roth am Kreuzberger Wasserfall

In der wilden Natur des Kreuzberger Viktoriaparks ganz in der Nähe des Wasserfalls trifft man mit viel Glück auf die Stadtnatur-Rangerin Kristina Roth. Zu Fuß ist sie dort regelmäßig unterwegs. Ihr Erkennungszeichen: Khaki-Hemd auf der Haut und ein Fernglas um den Hals.

Angestellt bei der Stiftung Naturschutz Berlin ist sie mit einer Kollegin für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg verantwortlich. „Meine Arbeit ist ein Traumjob! Die Natur, die Tiere und die Pflanzen waren immer schon ein großer Bestandteil in meinem Leben. In enger Abstimmung mit dem Umwelt- und Naturschutzamt beobachte und dokumentiere ich unsere Stadtnatur, setzte Maßnahmen zum Schutz der Flora und Fauna um, mache Netzwerkarbeit und realisiere Umweltbildungsangebote für Groß und Klein.“

Wenn sie eines der drei Begehungsgebiete abschreitet, die zu ihrem Revier gehören – Viktoriapark, Volkspark Friedrichshain und die Halbinsel Stralau – nimmt sie jede Veränderung wahr. Sie kennt jeden Greifvogel, die Anzahl der geschlüpften Amphibien und jedes Seerosenfeld.

Die Mönchsgrasmücke - Singvogel mit einem dunklen punkigen Kopfschmuck

Die Mönchsgrasmücke - Singvogel mit einem dunklen punkigen Kopfschmuck

Artenschutz, -Vielfalt, und Naturpädagogik

Im Hintergrund stimmt ein Vogel ein fröhliches Lied an. Kristina Roth unterbricht, zeigt in Richtung des Baumes und weiß „Das ist eine Mönchsgrasmücke, ein kleiner grauer Singvogel mit einem dunklen punkigen Kopfschmuck.“ Der passt in die Kreuzberger Parkanlage. „Vogelgesänge sind so wohltuend für uns Menschen, wir sollten viel öfter zuhören“.

Zu ihren Aufgaben gehört die Umweltbildung auf umfangreichem Niveau zu den Themen Artenschutz, -Vielfalt, Renaturalisierung und Naturpädagogik. „Ich habe schon früh damit begonnen, mich mit der Stadtnatur zu beschäftigen.“ Diese beginnt für sie bereits auf dem heimischen Balkon, auf dem sich gerade die Meisen um den besten Aussichtsplatz auf dem Schutzgitter streiten.

Für die Stadtnatur-Rangerin gehört Natur schon immer zum Alltag. Bereits während des Abiturs war sie in einer Umweltgruppe aktiv und setzte sich auch später immer wieder für die Natur vor ihrer Berliner Haustür ein. Zu Beginn ihrer beruflichen Karriere studierte sie allerdings zunächst mehrere Semester deutsche Literatur und entschied sich dann für den Beruf der Rechtsanwaltsfach-angestellten, in dem sie 16 Jahre sehr erfolgreich arbeitete. „Mir erschien der Wechsel 2020 in die Stadt-Wildnis logisch. Er führte mich zurück zu meinen Wurzeln und macht mich noch immer sehr glücklich. Den Grundstein für den Berufswechsel legte ich bereits 2013 mit dem Beginn meiner vierjährigen Ausbildung zur Wildnis-Pädagogin, die ich 2017 u.a. mit einem knapp vierwöchigen Aufenthalt in der Wildnis der Karpaten erfolgreich absolviert habe.“

Stadtnatur-Rangerin Kristina Roth bietet Seminiare zum Thema „Hund und Stadtnatur - respektvolles Miteinander ist möglich" an

Stadtnatur-Rangerin Kristina Roth bietet Seminiare zum Thema „Hund und Stadtnatur - respektvolles Miteinander ist möglich" an

Hund und Stadtnatur - respektvolles Miteinander

Die Wissensvermittlung macht ihr Spaß, so wie sie diesbezüglich auch bei Hunden immer einen guten Lauf hatte, denn sie ist auch ausgebildete Hundetrainerin. „Ich habe selbst zwei Hunde, Onchu und Wuki, meine treuen Wegbegleiter. „Auch aus diesem Bereich gebe ich gern Wissen weiter. So biete ich derzeit ein Online-Seminar zum Thema „Hund und Stadtnatur – respektvolles Miteinander ist möglich“ an. Unsere Stadt ist die Heimat von etwa 20.000 unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten. Es sind in Berlin etwa 130.000 Hunde offiziell gemeldet – ist doch klar, dass es da Interessenkonflikte gibt. Hier möchte ich gern vermitteln, damit beide Seiten gut miteinander leben können.“

Ein weiteres Steckenpferd der engagierten Stadtnatur-Rangerin sind die Amphibien: „Die liegen mir sehr am Herzen.“ Am künstlichen Weiher angekommen geht sie etwas in die Hocke, zeigt mit dem rechten Arm über das Wasser: „Wenn man mit weichem Blick jetzt über die Wasseroberfläche sieht, fallen die kleinen dunklen Punkte im Wasser auf, die sich bewegen. Das sind hunderte kleine Kaulquappen. Und wenn sie soweit sind, im Juni etwa, dann verlassen sie das Wasser und klettern als Jungfrösche durch den Park ins geschützte Unterholz, um dort zu Erdkröten, Grasfröschen oder Wasserfröschen heranzuwachsen.“

Während sie spricht, ist zu spüren, dass jede einzelne dieser Kaulquappen hier im Park ihr Leben Kristina Roth und ihrem Team zu verdanken hat. „Ich bin ja froh, dass wir es in diesem Jahr pünktlich geschafft haben, dass ein Becken rechtzeitig mit Wasser befüllt war und jetzt das Wasser insgesamt läuft!“ Damit meint sie sie Brunnenanlage, die den Wasserfall und auch den kleinen künstlich angelegten Weiher im Viktoriapark mit Wasser versorgt. „Ich bedanke mich an dieser Stelle sehr bei den Kolleg*innen des Grünflächenamts, der Naturschutzbehörde, den Berliner Wasserbetrieben und deren Helfer*innen.“
Mit der Präzision einer Hebamme treibt sie jedes Jahr im Frühjahr der Kampf gegen die Zeit voran: „Hier zählt wirklich jeder Tag!“ Normalerweise werde der Wasserfall kurz vor Ostern in Betrieb genommen. „Die Tiere, unsere Amphibien hier im Park feiern aber kein Osterfest. Sie überwintern im Laub und werden wach, wenn die Nächte wärmer als fünf Grad werden. Dann hüpfen sie los, in Richtung Wasser. Bis dahin muss es fließen, damit sie im Tümpel laichen können.“

Sie lacht erleichtert, denn in diesem Frühling war alles auf den Punkt für die kleinen Hüpfer hergerichtet. „Die wollen doch loslegen, da fiebere ich jedes Jahr mit!“

Auch der Volkspark Friedrichshain bietet Wasserflächen für Amphibien

Auch der Volkspark Friedrichshain bietet Wasserflächen für Amphibien

Amphibien-Vielfalt im Kreuzberger Viktoriapark

Dankbar, dass sie den Kleinen eine gute Kinderstube bieten können, verfolgen sie und ihre Kolleg*innen jeden Entwicklungsschritt: „Nach dem Laichen dauert es etwa drei Wochen, bis aus den Eiern die Kaulquappen schlüpfen. Zuerst entwickeln sie kleine Hinterbeine, dann kommen die winzigen Vorderbeine. Nach zwei bis drei Monaten beginnt die Umwandlung von der kiemenatmenden Larve zum lungenatmenden erwachsenen, aber noch winzigen Frosch.“ Jetzt beginnen sie über Haut und Lungen zu atmen. Bis zum Ende dieser Zeit hat sich auch der Ruderschwanz zurückgebildet.

Spannend werde es dann, wenn ab Juni der Nachwuchs beginnt, das Wasser zu verlassen. „Wir Menschen müssen dann besonders gut aufpassen, wo wir hintreten. Die sind noch so winzig, etwa Fingernagelgroß, dass wir wirklich aufpassen müssen, was da auf dem Boden los ist. Hunde sollte man in dieser Zeit unbedingt an der Leine führen und die Grünflächen rund um das Wasser nicht betreten.“

Auch die kleinen Kaulquappen stehen unter Naturschutz, deshalb der Hinweis der Fachfrau: „Die Amphibien sind besonders geschützt und dürfen weder gefangen noch ausgesetzt werden. Dieses gilt für Laich und auch die Kaulquappen!“ Jede*r könne sich an den Tierchen erfreuen, wenn sie in ihrem natürlichen Lebensraum unterwegs sind, zu Wasser oder zu Lande. Besser sei es, nicht zu füttern, und nichts anzufassen.

In Berlin gibt es 26 Stadtnatur-Ranger*innen, die zwischen Mensch und Natur vermitteln. „Zeitweise arbeitete ich allein in Friedrichshain-Kreuzberg, doch nun habe ich wieder eine Kollegin und wir können zu zweit alle Aufgaben abdecken.“ Die sind vielfältig, denn neben Führungen und nötigen Datenerhebungen unterstützen die Ranger*innen auch bei Naturschutzmaßnahmen.

„Bei größeren Aktionen fassen wir gemeinsam an, etwa bei der Renaturierung bestimmter Bereiche oder auch dem Uferschutz. Zum Beispiel haben wir das Uferschutzkonzept der Halbinsel Stralau mit umgesetzt. Dort haben wir Totholzhecken gebaut, um einige Uferbereiche vor Betretung zu schützen. So kann sich die Vegetation erholen und bietet diversen Tierarten Schutz und Nahrung.
Besondere Augenblicke auch für die Stadtnatur-Rangerin: Graugans-Küken nach dem Bad im Weiher

Besondere Augenblicke auch für die Stadtnatur-Rangerin: Graugans-Küken nach dem Bad im Weiher

„Wir sind die Stimme von Flora und Fauna"

Die Ranger*innen stehen auch jederzeit beratend zur Verfügung, immer im Sinne der Pflanzen und Tiere: „Wir sind die Stimme von Flora und Fauna, die selbst keine haben, dafür setze ich mich ein. Denn: Artenvielfalt bekommt eine immer größere Bedeutung.“

Kristina Roth ist keine Freundin von artenarmen Rasenflächen mit Grillflächen: „Ich bevorzuge es artenreich und mag heimische Gehölze wie Weißdorn, Schlehe und Haselnuss. Davon haben wir alle etwas.“

So ist sie immer im Einsatz in Sachen Naturschutz. „Wir Menschen wären sehr einsam, wenn wir die wilden Mitbewohner in den Parks und Wäldern nicht hätten.“ Unabhängig davon ob diese klein oder groß sind, rät sie zu Rücksichtnahme.

Besonderer Tipp für Hundehalter*innen

Was kann ich tun, damit es der Natur bessergeht?
  • Nichts ins Wasser werfen
  • Müll mit nach Hause nehmen
  • Wilde Tiere nicht füttern
  • Tiere nicht stören
  • dort, wo Amphibien wandern, in den Abendstunden vom Rad absteigen
  • Ufernahe Flächen nicht betreten
  • Hunde anleinen und nicht ins Wasser lassen

Besonderer Tipp für Hundehalter:*innen: „Ich finde es super, dass die meisten Hundehalter*innen inzwischen den Hundekot in einem Säckchen einsammeln und mitnehmen. Meistens liegt Müll in der Nähe, und der Plastiksack ist noch nicht voll. Es wäre ein kleiner Anfang, wenn dann der danebenliegende Müll auch mit den Sack käme. Und dann: Alles in den Müll.“

Was ist los in Berlins Umwelt und Natur? Interessante Führungen, Ausflüge und Vorträge im Umweltkalender!