Nachhaltigkeitsziel 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden - Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten

Diplom-Ingenieurin und Umweltpädagogin Valentina-Johanna Baumgartner (li) und ihre Nabar*innen gründeten gemeinsam die Initiative "Anaab"

Diplom-Ingenieurin und Umweltpädagogin Valentina-Johanna Baumgartner (li) und ihre Nabar*innen gründeten gemeinsam die Initiative "Anaab"

„Der Türöffner zur Nachbarschaft!“ – Das FEIN-Pilotprojekt „Umweltbildung goes Askanischer Platz“

Im Bezirksticker stellen wir inspirierende Projekte aus Friedrichshain-Kreuzberg vor, die ganz konkret zu den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (#SDGs) der UN beitragen. Denn: Global denken – lokal handeln beginnt genau hier bei uns im Kiez.

Nur etwa 800 Meter vom belebten Potsdamer Platz entfernt, am Fanny-Hensel-Weg, liegt eine Oase, die nach Urlaub duftet. Hier berichtet Diplom-Ingenieurin und Umweltpädagogin Valentina-Johanna Baumgartner davon, wie sie bereits 2011 – mit ihrem Zuzug aus der Steiermark (Österreich) – die Idee für ein Nachbarschaftsprojekt entwickelte. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg förderte dies als eines von insgesamt fünf Pilotprojekten im Rahmen des Programms „Freiwilliges Engagement in Nachbarschaften (FEIN) in Kreuzberg.

„Wir haben hier in der Nachbarschaft gejubelt, als wir gehört haben, dass wir die FEIN-Förderung erhalten! Doch bis es so weit kam, war es ein langer Weg. So wie dieser unbefahrene Weg zwischen Fanny-Hensel-Kita und der Grundschule, der sehr ruhig und ungewöhnlich ist, zumal wie hier mitten in der Stadt leben. Das hat mich sofort dazu motiviert, hier ein Gartenprojekt zu starten!“ Sie lebt gemeinsam mit vielen weiteren Parteien in einem sechsgeschossigen Mietshaus, das 1988/89 nach Plänen von Josef Paul Kleihues im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) 1987 geplant und gebaut wurde.

Diese Bänke haben die Nachbar*innen gemeinsam gebaut und bemalt

Diese Bänke haben die Nachbar*innen gemeinsam gebaut und bemalt

Projektstart mit zwei Bänken

„Unsere Balkone sind mitunter 15 Meter lang, und die konkave Fensterfront entlang des Fanny-Hensel-Weges lädt zur Kommunikation unter Nachbarn ein.“ Die kleinen Gärtchen im Erdgeschoss sind nach Süden ausgerichtet und werden von den Bewohnenden bewirtschaftet. Die gesamte Anlage bietet viel Raum zum Leben und gemeinsamen Erleben.

Damals wurden zwar zwei Grasflächen entlang des Weges gebaut, „doch es sah alles in allem sehr traurig aus“, fand die Naturpädagogin. „Die Rosenstöcke, die es gab, wurden zwei Mal im Jahr abgesägt, das hat mir nicht gefallen. Ich hatte auf einem Hausfest in der Yorckstraße gesehen, wie schön die dortige Nachbarschaft eine Baumscheibe mit Pflanzen verschönert hatte. Das müssten wir doch auch bei uns schaffen, dachte ich mir.“

Und so begann im März 2018 – mit einer kleinen gepflanzten Narzisseninsel – diese nachbarschaftliche Erfolgsgeschichte. „Anfangs war ich hier immer allein im Garten unterwegs. Die Nachbar*innen fanden es klasse. Ich hatte gelesen, dass der Bezirk für ähnliche Projekte FEIN-Mittel (Freiwilliges Engagement In Nachbarschaften) vergeben kann. Also trommelte ich hier in der Nachbarschaft Menschen zusammen, die ebenfalls gern im Garten arbeiten und sich hier engagieren möchten.“

Gesagt, getan: „Ich habe 2020 über die benachbarte Schule die ersten 2.000 Euro Fördergelder beantragt, damit hatten wir ein wenig Geld, um zum Beispiel eine Bank zu bauen.“ Zu Beginn arbeiteten fast nur Frauen im Garten. „Mit den Bauaktivitäten beteiligten sich plötzlich auch die im Kiez lebenden Männer. Wunderbar, das war eine sehr schöne Gemeinschaftsarbeit! Die Malerarbeiten haben wir dann gemeinsam mit den Kindern erledigt, so hatten sie auch großen Spaß daran.“

Der wasserdichte und farbenfrohe Tauschschrank hat links auch Platz für kleine Pflänzchen

Der wasserdichte und farbenfrohe Tauschschrank hat links auch Platz für kleine Pflänzchen

Tauschschrank und ein Gratis-Werkzeug-Verleih erfreut die Nachbarschaft

Es folgten Hochbeete, die errichtet wurden. „Die Beete haben wir gemeinsam mit den Kindern mit Tomaten und Radieschen bepflanzt – alles, was schnell wächst, damit sie beim Wachsen zusehen können.“ Aber es gibt auch Erbsen und anderes Gemüse, zum Staunen und Naschen.

Ehrenamtlich hat sich hier eine Nachbarschaftsgruppe von 15 bis 20 Personen zusammengefunden, die sich jeden Montag ab 16.30 Uhr zum gemeinsamen Gärtnern an den bunten Bänken im Fanny-Hensel-Weg trifft. Hier wird zunächst abgesprochen, was gerade wichtig ist, welche Pflanzen rausgenommen werden müssen, wer für den Kompost zuständig ist, und wo noch weitere Arbeiten zu verrichten sind. „Alle Teilnehmenden können für sich entscheiden, was sie gern machen wollen.“

Seit Juli 2024 wird dieses Nachbarschaftsprojekt als FEIN-Pilot Umweltbildung goes Askanischer Platz mit 30.000 Euro jährlich gefördert, was der Gruppe einen größeren Radius beschert und auch weitere Nachbarschaftsprojekte ermöglicht.

„Ganz toll angenommen wird unser Findus-Tauschschrank, direkt vor der Schule. Ein wasserdichtes Gehäuse und so schwer, dass ihn niemand umwerfen oder wegtragen kann.“ Der Schrank sei beliebt, im Minuten-Takt kommen Kinder und auch viele Erwachsene vorbei, schauen hinein, ob es etwas Neues im Schrank gibt. Auch kommen immer wieder Erwachsene vorbei, die etwas in den Schrank hineinlegen. Eine Nachbarin bringt eine nagelneue Teleskopduschstange, die vielleicht jemanden glücklich machen könnte. Initiatorin Valentina ist zufrieden mit der Auslastung: „Alle achten darauf, dass der Schrank immer aufgeräumt ist. Auch, dass nur intakte und saubere Dinge darin angeboten werden. Hier fühlen sich die Anwohnenden gemeinsam verantwortlich.“

Am Tauschschrank stehen auch regelmäßig Jungpflanzen, kleine Sonnenblumen oder Tomatenpflanzen zum Beispiel, in Töpfen und „zum Mitnehmen“ – auch dieses Angebot wird gut genutzt.
Anwohnerin Sabine, die sich seit fast drei Jahren hier engagiert ist begeistert: „Valentina ist ein Goldstück, sie ist der Motor unserer Gemeinschaft. Neben unserer gemeinsamen Gartenarbeit hat sie viele neue Projekte ins Leben gerufen, von denen wir alle profitieren.“

So gibt es seit einiger Zeit einen Gratis-Gartenwerkzeugverleih: „Viele Gartengeräte benötigt man nur ein bis zwei Mal im Jahr, zum Beispiel eine Gartenschere, oder einen Spaten. Deshalb haben wir ein kleines Gartengeräte-Angebot zusammengestellt, das wir kostenfrei an unsere Anwohner*innen verleihen“, so Valentina-Johanna Baumgartner. Der Verleih wird sehr gut angenommen, und bisher sei alles in bestem Zustand wieder zurückgekommen.

In kurzer Absprache werden wir die Aufgaben im Garten-Team besprochen und verteilt

In kurzer Absprache werden wir die Aufgaben im Garten-Team besprochen und verteilt

Naschgarten mit Brombeeren, Himbeeren und Stachelbeeren

Die Nachbarschaftsgruppe verwandelt die Beete in saisonale Erlebnisgärten, die besonders den Schulkindern und der benachbarten Kita zugutekommen. „Dank der FEIN-Förderung unterrichte ich mehrere Stunden pro Woche als Naturpädagogin an der benachbarten Grundschule.“ Auch hierfür ist eines der großen Beete ein kleiner Naschgarten mit Brombeeren, Himbeeren, Stachelbeeren und neuerdings auch mit zwei Weinstöcken. „Einmal rot und einmal weiß – wir werden sehen, wie sich der Wein hier entwickeln wird. Wir haben auch Mais gepflanzt, damit die Kinder sehen, woher das Popcorn kommt.“

Es gibt auch eine große Kräuterspirale, die neben Thymian, Oregano und Salbei auch frische Minze und Zitronenmelisse für die Nachbarschaft bereithält. „Hier können die Kinder schnuppern. Und wer gerade Kräuter benötigt, darf sich bedienen.“

Ein Beet weiter blüht es kräftig in diversen Rottönen: „Hier experimentieren wir mit einem Trockenstaudenbeet. Diese Staudenmischung nennt sich „Indian Summer“. Die Pflanzen blühen sehr farbenfroh, fast ganz ohne Gießwasser. Das ist für uns alle interessant und hilft enorm.“ Denn im Sommer muss die Nachbarschaft sich absprechen und den Naschgarten und alle weiteren Beete täglich mit Wasser versorgen. „Täglich sind rund 30 Minuten für das Gießen nötig. Da hilft es sehr, wenn ein Beet sich selbst versorgt. Seitdem wir hier diese Stauden gepflanzt haben, haben wir nicht ein einziges Mal gegossen.“

Anwohner Jens ist begeistert von diesem Projekt: „Als ich aus Cuxhaven hierhergezogen bin, war dieses Projekt für mich und meine Partnerin der Türöffner zur Nachbarschaft. Seitdem habe ich in dieser Gemeinschaft so viele schöne Stunden erlebt. Es ist so wertvoll, wenn regelmäßige Treffen mit freundlichen Menschen mit einer sinnvollen Beschäftigung verbunden werden können. Am Ende haben alle etwas davon, das freut mich sehr.“

Valentina-Johanna Baumgartner im Naschgarten

Valentina-Johanna Baumgartner im Naschgarten

Aktionstage, Bokashi und Workshops für die Nachbarschaft

Regelmäßig organisiert Valentina Aktionstage, Mitmachangebote und Workshops für die Nachbarschaft: „Natur-, Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitsbildung hier, rund um den Anhalter Bahnhof sind die Themenschwerpunkte.“ Dabei vermittelt sie die positive Wirkung einer artenreichen Stadtnatur und eines nachhaltigen Lebensstils an die Anwohnenden.

Anwohnerin Sabine: „Das ist wirklich toll, was hier passiert. Regelmäßig gibt es interessante Besichtigungen und Führungen in der Nachbarschaft, zu denen sich alle Interessierten kostenfrei anmelden können.“ Gemeinsame Kiezspaziergänge, zum Beispiel mit Baumexpert*innen, aber auch die Biodiversität auf kleinsten Flächen (eigene Balkone, Hinterhöfe) und die entsprechenden Handlungskompetenzen werden gefördert. „Auf lange Sicht lernt hier der Kiez, bestehenden Umweltbelastungen entgegenzuwirken und sich gemeinsam für eine gemeinsame Stadtentwicklung einzusetzen“, erklärt die Initiatorin Valentina.

„Wir haben hier Raum für neue Projekte, so dass wir uns seit einiger Zeit mit Bokashi beschäftigen können, und auch erste Erfolge vorweisen können.“ Das Wort „Bokashi“ stammt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie „fermentiertes Material“. In einem Bokashi-Eimer werden normale Küchenabfälle und sogenannte Effektive Mikroorganismen (EM) ohne großen Aufwand in hochwertigen Dünger umgewandelt. „Das funktioniert schneller als auf einem normalen Komposthaufen. Dafür benötigt man kaum Platz. Wir haben einige Sets, die wir zur Düngerproduktion an unsere Nachbar*innen ausleihen.“

Alles in allem läuft es gut in dieser Nachbarschaft. Valentina-Johanna Baumgartner freut sich: „Es ist eine Freude! Unsere Gärten und die Projekte finden großen Anklang. Wir haben es hier richtig schön für alle gemacht. Und es bleibt auch schön, weil alle ein Auge draufhaben.“

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Auch das Projekt “mog61 Miteinander ohne Grenzen e.V.” erhält FEIN-Mittel.

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Für das Nachhaltigkeitsziel 10: Weniger Ungleichheite*n – haben wir die Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant*innen e.V. in Kreuzberg vorgestellt.