Nachhaltigkeitsziel 10: Weniger Ungleichheiten – Die Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen e.V. in Kreuzberg

Alexander Schwartz und Mónica Pessoa vor dem Bürogebäude der KuB in der Oranienstraße.

Im Bezirksticker stellen wir inspirierende Projekte aus Friedrichshain-Kreuzberg vor, die ganz konkret zu den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (#SDGs) der UN beitragen. Denn: Global denken – lokal handeln beginnt genau hier bei uns im Kiez. Die Kreuzberger Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen e. V. (KuB) setzt sich seit über vier Jahrzehnten für die Belange von Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Berlin ein.

Der gemeinnützige Verein hat sich 1983 gegründet – als Reaktion auf verschiedene politische Entscheidungen, die den Handlungsspielraum von Geflüchteten damals erheblich einschränkten: Sie wurden in Flüchtlingsunterkünften untergebracht, durften sich in der Stadt nicht frei bewegen und nicht arbeiten. Die Initiatorinnen wollten Betroffene in dieser Situation unterstützen – und waren angetrieben von der Überzeugung, dass allen Menschen ein sicherer Aufenthaltsstatus und politische, soziale und ökonomische Gleichstellung zustehen.

Das Foyer der Beratungsstelle.

Das Foyer der Beratungsstelle.

Breites kostenloses Angebot

Diese Motivation bewegt auch die heutigen Mitarbeiter*innen der KuB: „Die Menschen, die zu uns kommen, sind auf verschiedenen Ebenen in einer sehr prekären Lage – aufenthaltsrechtlich, sozial, finanziell und psychologisch“, erklärt Mónica Pessoa, Koordinatorin der Deutschkurse, die sich seit 2009 bei der KuB engagiert. „Unser Angebot versucht daher, ganzheitlich zu sein. Wir greifen auf unterschiedlichen Ebenen an.“ Neben Rechtsberatungen für Aufenthaltsrecht und Asylverfahren bietet die KuB auch eine spezielle Beratung für Schwangere, Alleinerziehende und Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt an. Darüber hinaus gibt es eine psychosoziale Beratung, Sprachmittlungen und -begleitungen in aktuell 24 verschiedenen Sprachen, Deutschkurse für unterschiedliche Niveaus sowie kleinere Sozialberatungen.

Alle Angebote sind kostenlos und stark nachgefragt. „Es kommen dauerhaft mehr Ratsuchende zu uns, als wir beraten können“, berichtet Alexander Schwartz, der seit fünf Jahren in der KuB mitarbeitet. Angefangen hat er als ehrenamtlicher Deutschlehrer, heute kümmert er sich zusätzlich um Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising und – wie alle Mitarbeiter*innen – die Selbstverwaltung der KuB. „Rechnet man alle unsere Angebote zusammen, besuchen im Schnitt ca. 120 Leute pro Tag die KuB.“

Engagement als politische Haltung

Die sich verschlechternde rechtliche Lage im Bereich Asyl und Migration, strenge Förderrichtlinien und Haushaltskürzungen hätten die Situation in den letzten Jahren schwieriger gemacht. Die KuB ist seit ihrem Bestehen auf private Spenden und das Engagement von Ehrenamtlichen angewiesen. Von den rund 200 Mitarbeitenden haben derzeit ca. 30 auch bezahlte Arbeitsstunden. „Das ist mehr als nur eine Arbeit hier. Es ist auch eine gewisse Lebenseinstellung, eine politische Haltung“, betont Mónica Pessoa. „Es ist extrem schwer, sich abzugrenzen und es nimmt sehr viel Raum ein. Aber guten Raum“, ergänzt ihr Kollege.

Flyer für das neue Angebot für queere Deutschkurse und ein Spendenaufruf für die KuB.

Flyer für das neue Angebot für queere Deutschkurse und ein Spendenaufruf für die KuB.

In den letzten Jahren habe sich in der KuB viel verändert: Die Arbeit sei professioneller geworden, das Angebot gewachsen. „Damit haben sich auch unsere Ansprüche an die eigene Arbeit erhöht. Wir reflektieren jetzt viel mehr unsere Rolle als sogenannte ‚Helfer‘ und wie wir vielleicht auch selbst bestimmte diskriminierende und rassistische Muster wiederholen“, erklärt die Koordinatorin der Deutschkurse.

Neu ist beispielsweise auch das stark nachgefragte Angebot der queeren Deutschkurse. „Wir wollten einen Kurs entwickeln, der einen safer space schafft, einen Raum, in dem man sicherer lernen kann. Gleichzeitig ist es auch ein bisschen Community Building, man kann direkt Freundschaften knüpfen“, erläutert Mónica Pessoa. Die Lehrmaterialien wurden für den Kurs teilweise angepasst und auch die Themen seien manchmal andere, weil die Menschen beispielsweise andere Unterkünfte suchen oder Informationen über spezielle Anlaufstellen benötigen. In der Regel gibt es für die LGBTQI+-Deutschkurse doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze.

Weniger Ungleichheiten – auch intern

„Wir wollen für alle Menschen, die irgendwie aufenthaltsrechtlich prekarisiert sind, gleichermaßen ansprechbar sein. Wir haben keine Einschränkungen, woher sie kommen oder aus welchen Gründen sie Schwierigkeiten haben, sondern wir wollen eine Stelle sein, zu der alle Menschen hingehen können, die keine oder kaum andere Anlaufstellen haben“, betont Alexander Schwartz.

Weniger Ungleichheiten – das lebt die KuB auch intern: Der Verein ist kollektiv organisiert: Es gibt keine Chef*innen, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, Konflikte zusammen gelöst. „Diese ganzen Klischees, dass nichts funktioniert, wenn es keine Person gibt, die bestimmt, die widerlegen wir ziemlich gut, finde ich. Die Arbeit hier hat auf jeden Fall meinen Glauben an Selbstverwaltung gestärkt,“ erzählt Alexander Schwartz. „Wir sind eine stets lernende Organisation.“

Kontakt:
Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen e.V.
Oranienstr. 159
10969 Berlin-Kreuzberg
Telefon: (030) 614 94 00
E-Mail: kontakt@kub-berlin.org
www.kub-berlin.org

Für das Nachhaltigkeitsziel 9Industrie, Innovation und Infrastruktur – haben wir das Projekt „fLotte Kommunal“ vorgestellt, das kostenlose Lastenräder zum Leihen anbietet.