„Zeugnisse, Zeitgeschichte und Zukunft: Das Andreas-Gymnasium feiert mit neuer Schulchronik“

Fachbereichsleiter René Brett stellt am Andreas-Gymnasium die Schulchronik vor

Fachbereichsleiter René Brett stellt am Andreas-Gymnasium die Schulchronik vor

Wenn am letzten Schultag die Zeugnisse verteilt werden und die Vorfreude auf die Sommerferien bei den 799 Schüler*innen des Friedrichshainer Andreas-Gymnasiums in der Luft liegt, herrscht in der Aula eine ganz besondere Atmosphäre. In diesem Jahr aber gibt es für Berlins zweitälteste noch bestehende Schule gleich doppelten Grund zum Feiern: Neben dem Ende des Schuljahres wird erstmals die neue Schulchronik präsentiert.* Fachbereichsleiter René Brett* stellt damit ein Herzensprojekt vor, das ihn über zwei Jahre hinweg intensiv beschäftigt und viel Energie gekostet hat.

„Diese Chronik, die bewegte Geschichte unserer Schule, war eine absolute Herzenssache“, sagt René Brett sichtlich bewegt. Bereits im Jahr 2001 hatte die damalige Lehrerin C. Richter gemeinsam mit ihrem Geschichtsprofilkurs einen ersten Überblick über die wechselvolle Vergangenheit des Gymnasiums erstellt. Auf dieser Grundlage führt René Brett die Schulgeschichte nun fort und bringt sie eindrucksvoll auf den neuesten Stand.

Bis heute steuerte das Andreas-Gymnasium durch vier politische Epochen

Das Andreas-Gymnasium begann im Oktober 1833 als „Stralauer Schule“ mit gerade mal vier Lehrern und 54 Schüler*innen in der dichtbesiedelten Wohngegend des Berliner Ostens. Damals lebten hier Färber*innen, Weber*innen und Holzarbeiter*innen, die sich eine höhere Schulbildung ihrer Kinder eigentlich nicht leisten konnten. In den Anfangsjahren stand der Schulstandort immer wieder auf der Kippe. „Es wurde lange darüber nachgedacht, die Schule in eine reichere Gegend zu verlegen.“ Erst mit der Öffnung der Schillingbrücke im Jahr 1841 fanden 70 Kinder aus der wohlhabenderen Luisenstadt auf der anderen Seite der Spree ihren Weg an die Schule. Und als nur ein Jahr später der heutige Ostbahnhof als „Schlesischer Bahnhof“ den Betrieb aufnahm, schnellte die Zahl der Schüler*innen dank besserer Erreichbarkeit nochmals in die Höhe.

„An Umsiedlung dachte dann niemand mehr“, weiß René Brett, „Nach diesen Anfangsschwierigkeiten schlug die Schule einen beeindruckenden Kurs ein – und steuerte bis heute durch vier politische Epochen, von denen jede ihre eigenen Herausforderungen für den Schulalltag brachte“:

  • Das Kaiserreich als Monarchie
  • Die Weimarer Republik
  • Die Zeit des Nationalsozialismus
  • Das SED-Regime
Gustav Stresemann war unter seinen Mitschüler*innen als „Archimedes“ bekannt

Gustav Stresemann war unter seinen Mitschüler*innen als „Archimedes“ bekannt

Gustav Stresemann machte hier das Abitur

„Jede Zeit brachte ihre Schwierigkeiten mit sich“, erklärt der Fachbereichsleiter für Gesellschaftswissenschaften: „So konnten unsere Schüler*innen während des Ersten Weltkrieges nur ein sogenanntes Notabitur ablegen, um dann für ihr Land in den Krieg ziehen zu können. Auch die Hälfte aller Lehrkräfte wurde damals eingezogen, was die Schulleitung damals zwang Frauen als Lehrkräfte einzustellen – heute eine Selbstverständlichkeit!“ Es folgte eine Phase der sogenannten „Kohleferien“, weil die Mittel zum Heizen fehlten. 1918, als die Grippewelle viele Schüler*innen erfasste, musste der Unterricht wegen „Grippeferien“ zeitweise ganz ausfallen.

Zeitgleich mit den Umwälzungen an der Schule wuchs im Umfeld des Andreas-Gymnasiums der junge Gustav Stresemann gemeinsam mit seinen sieben Geschwistern auf. Sein Vater, ein Biergroßhändler und Gastwirt, ermöglichte es ihm als einzigem Kind der Familie das heutige Andreas-Gymnasium zu besuchen. Unter seinen Mitschüler*innen war Stresemann als „Archimedes“ bekannt – ein Spitzname, den er seiner stillen, zurückhaltenden Art und seiner großen Begeisterung für Mathematik verdankte. Nach dem Abitur promovierte Stresemann und prägte später die deutsche Geschichte maßgeblich: 1923 wurde er Reichskanzler sowie Außenminister der Weimarer Republik. Für sein unermüdliches Engagement für die Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich erhielt Stresemann 1926 gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis.

Die Vergangenheit des Andreas-Gymnasiums spiegelt damit nicht nur große politische Umwälzungen, sondern auch zahlreiche Lebensgeschichten wider, die im Stadtbild Berlins und unseres Bezirks bis heute Spuren hinterlassen haben. Inmitten wechselvoller Zeiten erwiesen sich das pädagogische Engagement und der Gemeinschaftssinn immer wieder als Stabilitätsanker – ebenso wie der Wille, auch in schwierigen Phasen das Bildungsangebot beständig weiterzuentwickeln.

Das FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum unterstützte die Recherche

Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der anschließenden Phase der Teilung angekommen, standen neue Herausforderungen vor der Tür: Der Unterrichtsbetrieb musste nach den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit rasch wiederaufgenommen werden, und mit dem politischen Wandel in Ost-Berlin wurde auch die Schule erneut geprägt. In den Jahrzehnten der DDR galt das Andreas-Gymnasium – damals noch unter anderem Namen – als eine der angesehenen höheren Bildungseinrichtungen der Stadt.

Doch nicht alle Kapitel der Schulgeschichte sind lückenlos überliefert. „Insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus liegt heute vielfach im Dunkeln“, berichtet René Brett. „Vieles wurde gezielt entfernt – ein großer Verlust für die schulische Erinnerungskultur.“ Dennoch ließ sich das Chronik-Team nicht entmutigen und rekonstruierte mit Unterstützung des FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museums so viele Details wie möglich, um auch diesen Teil der Vergangenheit erfahrbar zu machen.

Die Courage-AG ist ein besonders Angebot für die Schüler*innen am Andreas-Gymnasium

Die Courage-AG ist ein besonders Angebot für die Schüler*innen am Andreas-Gymnasium

Tradition und Fortschritt gehen hier Hand in Hand

In der Gegenwart präsentiert sich das Andreas-Gymnasium als lebendiger Lernort, der Vielfalt und Offenheit fördert. Neue Impulse setzen etwa Austauschprojekte mit Partnerschulen im Ausland sowie die Möglichkeit, internationale Sprachzertifikate zu erwerben – von Cambridge über das französische Sprachdiplom DELF bis zu eigenen Profilklassen für Mathematik und Naturwissenschaften. Zu den Besonderheiten zählt auch die Courage-AG, die sich aktiv der Erinnerungskultur und dem Engagement gegen Diskriminierung widmet.

„Unsere Schule ist heute eine starke Gemeinschaft, die von der Vielfalt ihrer Schüler*innen und Lehrkräfte lebt“, betont Schulleiterin Dr. Birgit Strohmeyer. Tradition und Fortschritt gehen dabei Hand in Hand: „Wir sind stolz darauf, sowohl unsere Geschichte zu pflegen als auch offen für neue Ideen zu bleiben.“

Die neue Schulchronik lädt ein zum Zeitreisen durch fast zwei Jahrhunderte bewegter Bildungsgeschichte. Sie erinnert an berühmte Absolvent*innen genauso wie an die vielen kleinen und großen Geschichten des Schulalltags. Gleichzeitig ist sie ein Dokument des Wandels – und ein Versprechen, das Andreas-Gymnasium auch in Zukunft als einen Ort des gemeinsamen Lernens und Wachsens zu gestalten.

Andreas-Gymnasium Berlin
Koppenstraße 76
10243 Berlin
E-Mail: sekretariat@andreas.schule.berlin.de
Telefon (030) 2936 90 20