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Sir Victor Gollancz

Gollancz Opener
Bild: VHS Steglitz-Zehlendorf

Victor Gollancz (9. April 1893 – 8. Februar 1967) war ein englischer Schriftsteller und Verleger.

Gollancz entstammte einer orthodoxen jüdischen Familie, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Polen nach England eingewandert war. 1928 gründete er den Victor-Gollancz-Verlag. Er verlegte zahlreiche politische und belletristische Werke. Ab 1936 erschien die Reihe “Left Book Club”, in der Werke von Autoren wie George Orwell und Arthur Koestler vertreten waren. Die Bücher aus dem Victor-Gollancz-Verlag waren wegen ihrer politischen Aktualität und auch wegen ihres günstigen Preises sehr erfolgreich.

Fast 30 Jahre lang setzte Gollancz sich als Verleger, Autor, Organisator und Redner in zahlreichen Kampagnen für verschiedene humanistische und pazifistische Ziele ein: gegen Faschismus, gegen Hunger, gegen Armut, gegen die Todesstrafe, für Völkerverständigung.

In Deutschland wurde Gollancz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt, als er sich für die Aussöhnung der englischen Bevölkerung mit der deutschen einsetzte. Im Herbst 1946 unternahm er eine sechswöchige Reise in die britische Besatzungszone, auf der er zahlreiche Fotografien machen ließ und Gespräche mit alliierten Militärs, mit deutschen Ärzten, Politikern, Gewerkschaftlern und Vertretern der Kirche führte. Er informierte sich über den katastrophalen Gesundheitszustand der Zivilbevölkerung, der bedingt war durch Hunger, Kohleknappheit, Mangel an Bekleidung und geeignetem Wohnraum und durch schlechte hygienische Bedingungen. Insbesondere befasste er sich mit der Situation der Kinder.

Nach England zurückgekehrt, initiierte er die Kampagne “Save Europe Now”, in der er für eine humane Behandlung der deutschen Zivilbevölkerung eintrat. Er organisierte Hilfspakete und Büchersendungen nach Deutschland und in andere vom Krieg verwüstete europäische Länder. Zu dieser Zeit war das Engagement für die deutsche Zivilbevölkerung ein mutiger und auch unpopulärer Schritt, denn die Einstellung der englischen Bevölkerung war, unmittelbar nach Krieg und Holocaust, von Hass und Rachegefühlen gegenüber Deutschland geprägt.

In den 50er und 60er Jahren erhielt Gollancz in der Bundesrepublik Deutschland wegen seines Einsatzes für die deutsche Zivilbevölkerung und für die Aussöhnung mit England zahlreiche Ehrungen. Ihm wurden das Bundesverdienstkreuz, die Goethe-Medaille und 1960 der angesehene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Auch Gemeinde- und Bezirksverwaltungen zeichneten ihn aus: in Berlin und in mehreren anderen Städten wurden Straßen nach ihm benannt, eine Studienstiftung erhielt seinen Namen und auch die Volkshochschule Steglitz.

1965 wurde er von der englischen Königin in den Adelsstand erhoben.

Nach dem Tod von Victor Gollancz existiert der gleichnamige Verlag in London weiter. Er wurde Teil des Cassell-Verlags und ist jetzt vor allem bekannt durch die Publikation von Fantasy-Romanen.

Im Oktober 1967 wurde die Volkshochschule Steglitz, die zu der Zeit noch ihren Sitz im Selerweg 17 hatte, in Anwesenheit seiner Witwe in Victor-Gollancz-Volkshochschule umbenannt. Bei der Fusion der beiden Bezirke Steglitz und Zehlendorf im Jahre 2001 einigte man sich auf die Weiterführung des Namens.

Der persönliche Nachlass von Victor Gollancz befindet sich im Modern Records Centre an der Universität von Warwick in Coventry/England.

Text: Anne Spier