Von der Pike auf gelernt: Neu bauen, sanieren und instandhalten

Baustelle für das Sportfunktionsgebäude

Baugrube für das Holz-Hybrid-Gebäude zwischen den Bahnhöfen Südkreuz und Schöneberg: Es wird für den Schul- und Vereinssport gebraucht.

Azubis erlernen den nachhaltigen Umgang mit Baustoffen unter Realbedingungen

Auf dem Hof des Bildungscampus Schöneberger Linse – ehemalige Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule – steht seit kurzem ein Kran. Angesichts der seit Jahren intensiven Bautätigkeit auf den Baufeldern 1-6 ist ein solcher kaum noch erwähnenswert. Doch der neu aufgestellte Kran an der Ella-Barowski-Straße auf Baufeld 7 bildet eine Ausnahme, denn er steht an einer Baustelle, wo Auszubildende arbeiten. Sie werden in den kommenden Monaten hier ein neues Sportfunktionsgebäude errichten. Fast die kompletten Kosten in Höhe von ca. 1,8 Mio. Euro werden aus dem Programm Nachhaltige Erneuerung finanziert.

Teske-Grundschule mit einem blühenden Garten.

Blick vom neu angelegten Spielplatz auf die Teske-Schule.

Die Idee, jungen Leuten dieses Projekt zuzutrauen, hatte zunächst monetäre Gründe. Die Kostenersparnis liegt etwa bei 30 Prozent und so ging der Auftrag für das geplante Holz-Hybrid-Gebäude an das landeseigene Oberstufenzentrum in Haselhorst. Doch können Auszubildende die Anforderungen hinsichtlich Nachhaltigkeit und Qualität erfüllen?
„Überzeugen Sie sich selbst und kommen sie vorbei!“, lautete die Antwort der Schulleitung des OSZ Bautechnik I. Die Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung von Tempelhof-Schöneberg, Eva Majewski Sparacino, die Gebietsbeauftragte Karla Blauert (Jahn, Mack & Partner) und Mitarbeitende des Stadtplanungsamtes und der SE Facility Management nahmen die Einladung an und fuhren am 27. April vom Rathaus Schöneberg nach Spandau. Die Knobelsdorff-Schule ist eine von zwei Ausbildungsstätten für Berufe im Bauhandwerk und stark nachgefragt.

Stadträtin mit Schlossermeister

Die Bezirksstadträtin überzeugt sich von der Handwerksqualität der Metallwerkstatt.

„Über 600 Bewerbungen auf unsere knapp 130 Ausbildungsplätze haben wir für das kommende Lehrjahr schon erhalten“, erklärt Kristian Wuthe, der die Besuchergruppe im Auftrag der Schulleitung über das Gelände führt. Die erste Halle ist geschwängert vom Geruch nach Metall und Schmieröl. Hier erlernen Konstruktionsmechanikerinnen und -mechaniker ihr Handwerk. Schlossermeister Thomas Berndt präsentiert der Stadträtin ein Werkstück seiner Schützlinge für einen weiteren Auftrag aus ihrem Bezirk – einen 70 Kilogramm schweren Kandelaber aus 2 mm Edelstahl. Die Ausführung ist fehlerfrei und so wird dieser künftig das Portal des Paul-Nartop-Gymnasiums schmücken. Die Schule steht unter Denkmalschutz und die Wiederherstellung der vier historischen Lampeneinfassungen ist nun eine Aufgabe unter Realbedingungen für das zweite Lehrjahr.
„Manchmal ist die denkmalgerechte Wiederherstellung von Bauten erst durch unseren Kostenvorteil finanzierbar, gerade bei öffentlichen Einrichtungen. Ein vom Roten Rathaus sichtbares Zeichen unserer Handwerkskunst ist der barocke Kirchturm der Parochialkirche, heute ein Kulturzentrum. Die „Pyramide“ (Turmspitze) wurde von Auszubildenden der Knobelsdorff-Schule gebaut und dann 2016 wieder aufs Kirchendach gesetzt“, erzählt stolz Kristian Wuthe, der früher selbst „an der Knobelsdorff-Schule“ gelernt hat.

Tischlerwerkstatt mit Paula an der Säge

Tischlerlehrling Paula an der Tischfräse

Weiter geht es in die Tischlerwerkstatt, wo Paula gerade einige Restplatten an der Tischfräse bearbeitet. Sie ist eine von 23 weiblichen Auszubildenden an der Knobelsdorff-Schule und lässt sich vom Blitzlicht der Kamera nicht beirren. Stolz zeigt die junge Frau auf einen Stapel fertiger Holzbogenfenster, die bald in die Fassade der Feuerwache Oderberger Straße eingebaut werden. Sie wurden von den Tischlerinnen und Tischlern in Handarbeit hergestellt und sind ein Beispiel dafür, wie man eine höhere Energieeffizienz unter Denkmalschutzaspekten ermöglichen kann. Demnächst beginnen sie hier in der Werkstatt mit der Produktion der Innentüren für das temporäre Sportfunktionsgebäude an der Ella-Barowsky-Straße. Geplant ist, dass dafür fast in jeder Werkstatt Bauteile vorproduziert werden. So wird dieses Gebäude zu einem Gesellenstück aller Gewerke.

Die Überzeugung, den richtigen Auftragnehmer gewählt zu haben, wächst bei Eva Majewski Sparacino und ihrem Team von Halle zu Halle. Überall messen, bohren, schrauben oder sägen die Auszubildenden mit viel Hingabe. Die jeweiligen Werkstattmeisterinnen und -meister halten sich im Hintergrund, stehen aber für Fragen jederzeit zur Verfügung. So ist es kein Wunder, dass Absolventen der Knobelsdorff-Schule in der Berliner Baubranche sehr gefragt sind.

Drei Personen begutachten Beton-Stücke

Unterschiede von Leicht- und herkömmlichen Beton: Kristian Wuthe (Ausbildungsleitung Abt. 1), Stahlbetonbaumeister Christian Schmitz im Gespräch Bezirksstadträtin Eva Majewski Sparacino, Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung von Tempelhof-Schöneberg (v.l.n.r.)

„Wir werfen gar kein Material weg. Bei uns bleibt alles im Kreislauf“, betonen alle Gesprächspartner während des Rundgangs. Übungsstücke werden beim nächsten Projekt weiter verwertet. Und selbst die Späne und Reste haben noch eine Aufgabe. Damit trainiert die Berliner Feuerwehr das Löschen von Bränden mit verschiedenen Materialien und Situationen. „Alles weiter zu verwerten, das lernen die Auszubildenden von der Pike auf. Sicher werden später alle mit dem Tablet auf den Baustellen arbeiten und somit auch Material durch Digitalisierung einsparen. Aber zunächst vermitteln wir ihnen die Basisqualifikationen wie Modellbau und Zeichnen“, erläutert z.B. der Zimmermeister Markus Schmelzer.

In der großen Halle der Stahlbetonbauer entspannt sich eine Diskussion um die Vor- und Nachteile von Beton. Schließlich soll das Gebäude an der Ella-Barowsky-Straße ein Hybridbau werden. Der Fachbereich Baumanagement, die bezirkliche Baudienststelle Hochbau, hat sich bewusst dafür entschieden und die Stadträtin lässt sich vom Stahlbetonbaumeister Christian Schmitz verschiedene Materialproben von Leichtbeton zeigen. Seine Azubis lernen, daraus einen guten Sichtbeton herzustellen und dafür auch mal eine Schalung von Hand zu zimmern.

Elektriker

Ali aus Afghanistan lernt an der Knobelsdorff-Schule Elektriker. Auch er freut sich auf seine erste Baustelle im Stadtgebiet.

In der letzten Werkstatt zeigt sich: Die Vergabe des Bauauftrages an die Knobelsdorff-Schule erfüllt ebenfalls eine wichtige soziale Aufgabe, denn es werden dort auch einige Geflüchtete in mehreren Berufen ausgebildet. So übt Ali aus Afghanistan in der Elektrowerkstatt mit seinen Klassenkameraden aus Syrien noch mal die Verkabelung für die morgige Prüfung. Der junge Mann erklärt der Politikerin seinen Schaltkreis für eine Treppenhausbeleuchtung. Die Lampe würde nur leuchten, wenn alle Schutzabdeckungen geschlossen seien. Er setzt den Akkuschrauber an, grinst und schon funktioniert es.

Kristian Wuthe bestätigt, dass es für die Auszubildenden eine riesige Wertschätzung sei, wenn sie ihren Teil zum temporären Sportfunktionsgebäude beitragen dürfen. Lernen unter Realbedingungen sei eben unverzichtbar. Dass dann manche Baustelle u.a. wegen der Theorie- und Prüfungszeiten etwas länger dauere, sei durch die gute Qualität der Arbeit mehr als aufgewogen. Die Stadträtin sieht das ähnlich und gibt ihrem Planungsteam den Rat, an solchen Vorhaben festzuhalten. Junge, gut ausgebildete Handwerksleute brauche die Stadt. Lokale Produktion sei eben auch ein Beitrag zur Nachhaltigkeit.