Isabel Neuenfeldt: Mit Akkordeon und Gesang mitten ins Herz

Es sind die besonderen Augenblicke, die Isabel Neuenfeldt mit ihrem Akkordeon und ihrem Gesang gestaltet

Es sind die besonderen Augenblicke, die Isabel Neuenfeldt mit ihrem Akkordeon und ihrem Gesang gestaltet

Der Weltmusiktag ist ein internationaler Tag, der der Musik gewidmet ist. Er findet jährlich am 1. Oktober statt. In diesem Jahr stellen wir die Künstlerin Isabel Neuenfeldt vor, die mit ihrem Akkordeon bereits mit den ersten Tönen die Zuhörenden dort trifft, wo es prickelt – direkt unter der Haut.

Es sind die besonderen Augenblicke, gerade auch die traurigen Anlässe, die Isabel Neuenfeldt mit ihrem Akkordeon und ihrem Gesang auf eindrucksvolle und würdevolle Weise gestaltet. Bei Stolpersteinverlegungen, Abschieden und Beerdigungen, bei Gedenkveranstaltungen, aber auch bei Hochzeiten spricht, singt und spielt sie ihr Instrument mit großer Sensibilität – stets so, als läge ihr der jeweilige Anlass persönlich am Herzen.

Isabel Neuenfeldt strahlt, wenn sie über ihre Arbeit berichtet – obwohl sie sich für sie überhaupt nicht wie Arbeit anfühlt: „Ich liebe es, genau das richtige Lied für die betroffene Person, das Paar oder die Familie zu finden.“ Dafür sucht sie in ihrem umfangreichen Repertoire aus Texten, Gedichten und Liedern aus unterschiedlichen Epochen so lange, bis sie das passende Stück gefunden hat. „Ich arrangiere zum Beispiel Gedichte für mein Akkordeon.“

Isabel Neuenfeldt mit ihrem Akkordeon an der Küste

Isabel Neuenfeldt mit ihrem Akkordeon an der Küste

Die 1990er-Jahre: Kleinkunst und Freies Theater

Dabei vertraut sie auf ihr Fingerspitzengefühl und ihre Fähigkeit, sich auch extremen Situationen zu stellen und sich in andere Menschen einzufühlen. „Das ist meine Aufgabe“, sagt die Künstlerin, die Schauspiel und Gesang an der Hochschule für Musik und Theater „Ernst Busch“ an deren Außenstelle in Rostock mit einem Diplom abschloss. Anschließend studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg Popularmusik und erhielt erste Engagements an Theatern, in Musicals sowie für Film und Fernsehen. „Am Rostocker Volkstheater lernte ich die Opernsängerin Rosita Mewis kennen. Als ich ihr sagte, dass ich für mein Leben gern singe, bot sie mir kostenlosen Gesangsunterricht an.“

Diese einmalige Chance ergriff Isabel Neuenfeldt sofort. „Sie sagte, ich könne bei ihr lernen, müsse aber pünktlich sein und die Termine einhalten. Wenn ich diese Regel breche, sei der Unterricht beendet.“ Noch heute ist sie der Sängerin für diese großzügige Förderung sehr dankbar.

Es waren die 1990er-Jahre. Kleinkunst und Freies Theater prägten die Welt der jungen Künstlerin, die inzwischen Mutter von zwei Kindern ist. „Damals war alles möglich!“ Auch, weil das Leben an sich günstig war. „Ich nutzte alle Möglichkeiten, meine Kunst auf den unterschiedlichen Bühnen Berlins zu präsentieren.“

Sie erinnert sich: „Zum Beispiel in der Kreuzberger Oranienstraße – im Max & Moritz – gab es regelmäßig Kleinkunst in Verbindung mit Diskussionsveranstaltungen.“ Oft stand sie damals als einzige Frau auf der Bühne. „Wenn sich in den intensiven Gesprächen des Veranstalters Dr. Seltsam mit beispielsweise Gregor Gysi oder Hans-Christian Ströbele, Pausen auftaten, stand ich auf und sang das passende Lied zwischendurch.“ Feste Gagen gab es nicht; für die Sängerin wurde ein Hut herumgereicht. „Bei prominenter Besetzung hat es sich für mich gelohnt.“ In weniger prominenten Runden sei gerade einmal das Geld für den Babysitter im Hut gelandet.

Isabel Neuenfeldt spielt bei Stolpersteinverlegungen für Verstorbene, die keine eigene Beerdigung hatten

Isabel Neuenfeldt spielt bei Stolpersteinverlegungen für Verstorbene, die keine eigene Beerdigung hatten

Gefühlvolle Beiträge bei Stolpersteinverlegungen

In dieser Zeit etwa machte sie erste Erfahrungen mit dem Akkordeon als musikalische Begleitung: „Es stand längere Zeit bei mir in der Ecke. Mir war es zu sperrig und meine einzige Assoziation, wenn ich es damals ansah, war Volksmusik.“ Als sie es dann aber aus dem Koffer hob und auf den Schoß nahm, war es um sie geschehen: „Es lädt zum Singen ein, mit nur wenigen Akkorden legt es einen wunderbaren Klangteppich unter die Stimme,“ schwärmt sie und berichtet von unglaublichen Klängen, mit denen ein Akkordeon zum Bespiel „Summertime“ von George Gershwin noch einmal mehr verzaubert. „Dieses Instrument lockt ein ganzes Orchester hervor für leise wie auch dramatische Töne.“ Töne, mit denen Isabel Neuenfeldt besonders aufmerksam denen eine Stimme gibt, die selbst nicht mehr sprechen können.

Bekannt ist sie für ihre gefühlvollen Beiträge bei Stolpersteinverlegungen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und darüber hinaus. Stolpersteine sind kleine, in den Boden eingelassene Gedenktafeln aus Messing auf einem Betonwürfel, die an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung erinnern. Mit ihnen wird am letzten freiwillig gewählten Wohnort an Menschen erinnert, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Im Bezirk sind bis heute mehr als 1.160 Stolpersteine verlegt. Isabel Neuenfeldt sagt: „Ich gebe alles dafür, den Menschen, die noch nicht einmal eine eigene Beerdigung hatten, mit meiner Musik und meinen Texten würdige Erinnerungsmomente zu schaffen.“

Diese Momente geben mitunter weit angereisten Angehörigen der Opfer des Nationalsozialismus, Anwohnenden und Engagierten während der feierlichen Verlegungen Zeit, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen.

Isabel Neuenfeldt ist immer auf der Suche nach passenden Texten und Melodien für besondere Anlässe

Isabel Neuenfeldt ist immer auf der Suche nach passenden Texten und Melodien für besondere Anlässe

Vertonte Gedichte von Mascha Kaléko und Arbeiterlieder

Diese Momente geben mitunter weit angereisten Angehörigen der Opfer des Nationalsozialismus, Anwohnenden und Engagierten während der feierlichen Verlegungen Zeit, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen.

Vor einer Veranstaltung beschäftigt sie sich intensiv mit den Menschen, derer gedacht wird. „Ich suche nach geeigneten Stücken und Melodien, die ich als passend empfinde.“ Manchmal vertont sie Gedichte: „Mascha Kaléko, eine deutschsprachige Dichterin jüdischer Herkunft, die 1938 noch rechtzeitig fliehen konnte, bietet sich an.“ Aber auch alte Arbeiterlieder und Lieder, die damals in den Lagern entstanden sind, spielt sie gern. „Immer wieder bekomme ich Noten zugesteckt, die in den Lagern als letzte Lieder geschrieben und gespielt wurden.“

Unter schlimmsten Bedingungen entstanden, handeln gerade diese Texte von Hoffnung und Zuversicht. Ihr Repertoire, in dem auch Bertolt Brecht seinen Platz gefunden hat, umfasst zudem eigene Texte und selbst komponierte Stücke. „So gelingt es mir, dem jeweiligen Augenblick entsprechend musikalisch zu reagieren.“

Isabel Neuenfeldt hat sich als Rednerin mit musikalischem Zusatz einen Namen gemacht

Isabel Neuenfeldt hat sich als Rednerin mit musikalischem Zusatz einen Namen gemacht

Isabel Neuenfeldt: „Die interessante Mischung macht’s“

War sie Mitte der 1990er-Jahre noch davon abhängig, was abends in ihrem Hut landete, kann sie inzwischen von und vor allem mit ihrer Musik leben. Während der Pandemie entdeckte sie ein neues Beschäftigungsfeld, das ihr wie auf den Leib geschrieben ist. Sie sang schon seit einigen Jahren auf Trauerfeiern, erfüllte die Wünsche der Verstorbenen oder ihrer Angehörigen.

Aufgrund der strengen Bestimmungen war zu dieser Zeit der Friedhof der einzige Ort für Live-Gesang. „Nun wurde ich gefragt, ob ich es mir zutraue, auf einer Beerdigung auch Reden zu halten. In den nun noch viel intensiveren Gesprächen mit den Angehörigen merkte ich sehr schnell, dass mir die Lebensgeschichte der Verstorbenen am Herzen liegt. Und dass ich auch beim Schreiben den richtigen Ton treffe, der Menschen berühren kann.“

Seitdem wird sie regelmäßig als Rednerin mit musikalischem Zusatz, als Moderatorin sowie als Planerin für Hochzeiten und Beerdigungen gebucht. „Die interessante Mischung macht’s“, freut sich Isabel Neuenfeldt. „Regelmäßig gebe ich mein Wissen auch als Musiklehrerin für Akkordeon und Gesang an meine Studierenden weiter.“ Damit es beim Üben im privaten Probenraum für die Nachbarn nicht zu laut wird, steht dort eine eigene kleine schalldichte Kabine.

Weitere Informationen:
Isabel Neuenfeldt

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