Ein Orchester zum Mitnehmen – wie drei junge Talente mit ihren Akkordeons die Seelen berühren

Lena, Gili und Bela verbindet die Leidenschaft für gute Töne – und ihr Akkordeonlehrer Gerhard Scherer-Rügert

Lena, Gili und Bela verbindet die Leidenschaft für gute Töne – und ihr Akkordeonlehrer Gerhard Scherer-Rügert

Als Instrument des Jahres 2026 rückt das Akkordeon auch in Friedrichshain-Kreuzberg in den Mittelpunkt. Kaum ein anderes Instrument vereint so viele Möglichkeiten auf kleinem Raum: Es klingt nach Tango, Kammer- und Volksmusik, nach Jazz und Neuer Musik – und ist jederzeit im eigenen Koffer dabei, ganz ohne Strom, einsatzbereit. Zugleich fordert das Zusammenspiel von Tasten und Knöpfen, von rechter und linker Hand, ein hohes Maß an Koordination – und begeistert damit immer mehr Kinder und Jugendliche im Bezirk.

Drei von ihnen sind Gili (7), Lena (9) und Bela (16). Sie verbindet die Leidenschaft für gute Töne – und ihr Akkordeonlehrer Gerhard Scherer-Rügert. Er unterrichtet 23 Schüler*innen im Alter von 7 bis 47 Jahren und macht sie mit den Feinheiten des Instruments bis zur Wettbewerbsreife vertraut. Als Zweigstellenleiter und Spezialist für Neue Musik an der Musikschule Neukölln ist er zudem an der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg tätig. Aus seiner Talentschmiede sind bereits 57 erste Preisträger*innen des Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“ hervorgegangen.

Gerhard Scherer-Rügert studierte Akkordeon und Kammermusik an der renommierten Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen. „Ich kam 1987 nach Berlin, seitdem unterrichte ich und arbeite eng mit Komponist*innen Neuer Musik zusammen, deren Werke ich mit meinen Schüler*innen einstudiere“, sagt er. Mehr als 220 Uraufführungen hat er auf diesem Weg bereits begleitet.

Die rechte Hand sorgt für die Melodie, die linke Hand begleitet sie

Die rechte Hand sorgt für die Melodie, die linke Hand begleitet sie

Zu Beginn schnelle Spiel-Erfolge

Wie alles beginnt, zeigt sich an einem Samstagvormittag in der Musikschule im Bethanien: mit der ersten Unterrichtsstunde. Hier lernen Anfänger*innen zunächst, das Instrument überhaupt zu begreifen. Grundschülerin Gili, die erst seit einem halben Jahr spielt, erinnert sich noch gut daran. Als ihr Lehrer erklärt, das Akkordeon ruhe beim Spielen wie eine Katze auf dem Oberschenkel, muss sie lachen. „Aber nicht so kuschelig wie eine Katze“, sagt sie. Ein Kinderakkordeon wiegt immerhin rund vier Kilogramm.

Am Anfang geht es ruhig los: „Wir öffnen und schließen erst einmal das Instrument. Nur wenn Knöpfe gedrückt werden, entstehen Töne.“ Anders als bei der Geige lassen sich dabei vergleichsweise schnell saubere Klänge erzeugen, erklärt Lena, die seit fast zwei Jahren spielt. In ihrer Schulklasse wird oft darüber diskutiert, welches Instrument das schwierigste ist. „Dann geht es um Geige, Klavier – und dann bringe ich mein Akkordeon ins Spiel.“

Technisch ist die Aufteilung klar: „Mit der rechten Hand spielen wir die Melodie, wie auf einer Klaviertastatur.“ Jede gedrückte Taste öffnet eine Klappe, durch den Luftstrom entsteht der Ton. „Auf der linken Seite begleite ich mich selbst.“ Dort sitzen die Bassknöpfe für einzelne Töne oder ganze Akkorde. Und dann sind da noch die Register: Sie verändern die Klangfarbe, lassen das Instrument höher oder tiefer klingen oder erzeugen den typisch schwebenden Akkordeonklang. „Es gibt auch einen Knopf, mit dem man das Instrument lautlos schließen kann, ohne den Balg zu beschädigen“, erklärt Lena.

Lena, Gili und Bela vor ihrem Auftritt auf der Bühne der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg in der Zellestraße

Lena, Gili und Bela vor ihrem Auftritt auf der Bühne der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg in der Zellestraße

Bühne frei für die jungen Talente

Bela, Schüler der 10. Klasse am Leibniz-Gymnasium, spielt bereits seit sechs Jahren. „Ich hatte zuerst Klavierunterricht, war damals mit zehn eigentlich schon etwas spät dran“, sagt er. Doch nachdem er im Kindergarten einen Erzieher Akkordeon spielen gehört hatte, war für ihn klar: Dieses Instrument sollte es sein. „Es ist vielseitiger als Klavier.“ Seitdem wächst er mit den musikalischen Herausforderungen. Er tritt regelmäßig auf, überzeugt bei Wettbewerben und hat sich bei „Jugend musiziert“ bereits einen Namen in der Kammermusik gemacht. Besonders interessiert ihn die Neue Musik: Bela spielt unter anderem bei der Klangwerkstatt im Bethanien und beim Festival „Neuköllner Originaltöne“.

Auch Lena sammelt bereits Bühnenerfahrung. „Ich übe immer kurz vorm Essen, etwa 30 Minuten – mal mehr, mal weniger. Aber so gut wie jeden Tag.“ Derzeit bereitet sie sich intensiv auf eine Aufnahmeprüfung für eine Begabtenförderung vor. Ihr nächster großer Auftritt steht schon fest: Am 8. November spielt sie bei der Klangwerkstatt im Bethanien – mit einer Uraufführung von Rainer Rubbert.

Gili übt ebenfalls regelmäßig und spielt am liebsten gemeinsam mit ihrem Vater, der sie am Klavier oder an der Bassgitarre begleitet. Für den Unterricht fährt sie aus Charlottenburg ins Bethanien – Woche für Woche.

Für Gerhard Scherer-Rügert ist klar, warum sich dieser Einsatz lohnt: „Die Neue Musik ist die Kunst unserer Zeit. Mir ist es wichtig, dass Kinder von Anfang an damit in Berührung kommen.“ Auftritte seien dabei ein entscheidender Teil. „Sie machen die Kinder stark und selbstbewusst. Musikschulen tragen mit großem Engagement dazu bei, dass Kinder Ziele entwickeln und sich mit ihnen identifizieren.“

Doch Talent allein genügt nicht. „Es ist wie beim Erlernen einer Sprache“, sagt der Pädagoge. „Man muss sich regelmäßig damit beschäftigen und immer wieder zum Instrument greifen – üben, üben, üben.“ Manchmal vergleicht er das auch mit der Pflege einer Pflanze oder eines Tieres: „Beides braucht Aufmerksamkeit und Kontinuität.“ Genau das versucht er zu vermitteln – damit aus ersten Tönen Musik wird, die berührt.

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Über Belas erfolgreiche Teilnahme am Wettbewerb “Jugend musiziert” haben wir bereits in einem Bezirksticker-Artikel berichtetHier geht´s zu Artikel