Mehr Autonomie für Hebammen: Neuer Hebammenkreißsaal in Friedrichshain

Angela Hemp und Lea Linke im Kreißsaal

Im Vivantes-Klinikum im Friedrichshain werden Geburten künftig auch in einem eigens eingerichteten Hebammenkreißsaal betreut. Gesunde Schwangere mit einer unkomplizierten Schwangerschaft können dort unter der alleinigen Verantwortung von Hebammen gebären – ohne routinemäßige ärztliche Betreuung und ohne medikamentöse Eingriffe. Kommt es zu Komplikationen, kann jederzeit das ärztliche Team hinzugezogen werden. Das Konzept soll die physiologische Geburt stärken und Hebammen zugleich mehr Eigenverantwortung in der Betreuung geben.

Kreißsaal

Das ärztliche Team kann jederzeit konsultiert werden.

Betreuung ausschließlich durch Hebammen

Auch vorher wurden die Gebärenden im Kreißsaal in Friedrichshain primär von Hebammen betreut, aber eben in einem interprofessionellen Team in Zusammenarbeit mit den ärztlichen Kolleg*innen. Am Ende der Geburt sei in Deutschland normalerweise ein*e Gynäkolog*in mit dabei. Im Hebammenkreißsaal findet die Betreuung ausschließlich durch Hebammen statt.

Für das Angebot hat das Projektteam um die leitende Hebamme Angela Hemp und die Projektleiterin Lea Linke einen klaren Kriterienkatalog zusammengestellt: Der Hebammenkreißsaal richtet sich an gesunde Frauen ohne Risikofaktoren oder Mehrlingsschwangerschaft mit einer Geburt ab der 37. Schwangerschaftswoche.

In der aktiven Phase der Geburt sind zwei Hebammen dabei, um das 4-Augen-Prinzip sicherzustellen. So übernimmt die zweite Hebamme in diesem Fall die Rolle, die im klassischen Kreißsaal ein*e Mediziner*in übernimmt. Das ärztliche Team kann jedoch jederzeit konsultiert werden. Für Schwangere mit Risiken und Vorerkrankungen steht weiterhin der Kreißsaal mit dem interdisziplinären Team zur Verfügung.

Kreißsaal Friedrichshain

Gebärende sollen als gesunde Patientinnen behandelt werden.

Stärkung der physiologischen Geburt

Ein Grundsatz im Hebammenkreißsaal ist, dass die Gebärende keine Medikamente erhält. Daher wird den Schwangeren bei der Aufnahme in den Kreißsaal auch kein intravenöser Zugang für die etwaige Medikamentengabe gelegt. Auch der Wehenschreiber (CTG) wird entsprechend der Leitlinien erst ab der aktiven Geburtsphase angelegt, wenn der Muttermund mindestens fünf Zentimeter geöffnet ist.

Auch Gebärende, bei denen der errechnete Geburtstermin überschritten ist, können zur Geburt in den Hebammenkreißsaal kommen. Sobald eine Geburt jedoch medikamentös eingeleitet wird, ist dies ein Ausschlusskriterium für die Geburt im Hebammenkreißsaal. So lange eine Geburt physiologisch verläuft, also spontan und ohne Komplikationen und medizinische Eingriffe, kann diese allein von Hebammen betreut werden.

Angela Hemp: „Mit dem Hebammenkreißsaal stärken wir die physiologische Geburt – und kommen weg von deren Pathologisierung. Das ist ganz im Sinne der Gesundheitspolitik der Bundesregierung.“ Gebärende sollen als gesunde Patientinnen behandelt werden – und nicht so, als seien sie krank. „Hebammen sind ja genau dafür ausgebildet: Um den Prozess der Geburt zu betreuen.“

Kreißsaal Friedrichshain

Das Team besteht aus 60 Frauen und einer männlichen Hebamme.

Hebammenkreißsaal als attraktiver Arbeitsplatz

Angela Hemp ist seit 2007 leitende Hebamme. In ihrem Team gibt es aktuell 45 Planstellen, die von 60 Frauen und einer männlichen Hebamme ausgefüllt werden. Sie begann 1979 ihre Ausbildung als Hebamme in der Charité. Nachdem sie ausgelernt hatte, wechselte sie 1982 ins Klinikum im Friedrichshain. „Das war damals noch eine wesentliche strengere Schule hier. Die vielen älteren Hebammen haben uns Berufsanfängerinnen immer schon gezeigt, was man nicht kann. Aber man konnte auch viel dazu lernen.“

Wenn sich während der Geburt im Hebammenkreißsaal Komplikationen ergeben, können schnell Ärzt*innen hinzugezogen werden. „Damit können wir deutlich mehr Sicherheit gewähren als bei einer Hausgeburt“, erklärt Angela Hemp. „Wir können jederzeit ärztliche Kolleg*innen hinzuziehen, wenn sich der Bedarf ergibt.“

Für die Hebammen im Klinikum sei der Hebammenkreißsaal ein attraktiver Arbeitsplatz. „Man stellt sich darin ganz neu der Herausforderung und hat deutlich mehr Autonomie.“ Dabei hinterfrage man das eigene Verhalten, das teilweise aus anderen Prozessen in den interprofessionellen Kreißsälen resultiere.

Außengelände Kreißsaal

Bundesweit fast 100 Hebammenkreißsäle

Das Konzept des Hebammenkreißsaales gibt es in Deutschland schon länger. Die ersten vereinzelten Einrichtungen dieser Art wurden bereits vor über 15 Jahren in Frankfurt/Main und Bremerhaven eröffnet. In den letzten Jahren richtete sich mehr Aufmerksamkeit auf diese Arbeitsweise. Eine deutliche Zunahme bundesweit hat Lea Linke ab 2022 beobachtet. 2024 gab es in Deutschland bereits 50 Hebammenkreißsäle, inzwischen sind fast 100 Hebammenkreißsäle beim Deutschen Hebammenverband gemeldet. Der Begriff des Hebammenkreißsaals ist nicht geschützt, sodass er in jeder Klinik etwas unterschiedlich umgesetzt und gelebt wird. Leitlinien für die Arbeit von Hebammenkreißsälen hat der Deutsche Hebammenverband erstellt.

Der Kreißsaal im Klinikum im Friedrichshain konnte in den vergangenen Jahren einen deutlichen Personalzuwachs verzeichnen. Durch den neuen Tarifvertrag von Vivantes seien Hebammen deutlich besser gestellt als früher, wodurch das Landesunternehmen ein attraktiver Arbeitgeber für Hebammen geworden sei. Die Zahl der Geburten ist im Friedrichshainer Klinikum bislang nur minimal zurückgegangen. Der bundesweite Geburtenrückgang zeigt sich hier bislang nicht so deutlich wie andernorts.

Die Idee, im Klinikum im Friedrichshain, einen Hebammenkreißsaal einzurichten, kam aus dem Team selbst. „Die Kolleginnen haben sich gewünscht, autonomer arbeiten zu können“, erzählt Angela Hemp. In Kombination mit neuen Räumlichkeiten für die Station und Personalaufwuchs war der richtige Zeitpunkt da, um das Projekt anzugehen. „Wir wollten gern etwas Neues ausprobieren und bei uns implementieren. Also haben wir verschiedene Arbeitsgruppen zum Thema gebildet.“

schlafendes Neugeborenes

Strukturen und Abläufe wurden genau angeschaut.

Erfahrene Hebamme als Projektleitung

Das Team erarbeitete gemeinsam das Konzept und plante Fortbildungen. Das Ganze sei ein sehr großer Verwaltungsaufwand gewesen. Bald habe das Team daher erkannt, dass es eine Projektleitung brauchte. „Es wurde einfach deutlich, dass ich die Projektsteuerung als leitende Hebamme neben meinen bestehenden Aufgaben nicht übernehmen kann. Es brauchte ein wenig Überzeugungsarbeit, aber am Ende wurden wir erhört“, erklärt Angela Hemp.

So stieß Lea Linke im Vorjahr als Projektleiterin dazu. Sie hatte selbst als Hebamme im Vivantes-Klinikum im Friedrichshain gearbeitet und kannte daher sowohl das Team als auch seine Strukturen. Lea Linke ist ausgebildete Hebamme und arbeitet von 2015 bis 2021 in dieser Funktion im Kreißsaal des Klinikums. Anschließend ging sie nach Lübeck, wo sie ein Masterstudium in Gesundheits- und Versorgungswissenschaften abschloss. Die Projektleitung bleibt auch nach Start des Hebammenkreißsaals, um das Projekt zu evaluieren und zertifizieren zu lassen. Auch die Durchführung wissenschaftlicher Studien zum Hebammenkreißsaal hier kann sich Lea Linke gut vorstellen, da es bislang kaum Studien aus Deutschland zum Thema gibt .

„Wir sind sehr dankbar, dass wir als Projektleitung eine Kollegin bekommen haben, die selbst Hebamme ist und so tief in der Thematik drinsteckt. Das hat auch die Akzeptanz beim Team deutlich gesteigert“, berichtet Angela Hemp. So hätten auch Sorgen und Bedenken der Hebammen zum Konzept ausgeräumt werden können. Die Mitarbeiter*innen hatten vor allem Haftungsfragen, Prozesse und die Personalabdeckung als Herausforderungen gesehen. So wurde gemeinsam ein genauer Kriterienkatalog entwickelt. „Dafür haben wir uns die aktuellen Strukturen und Abläufe hier im Kreißsaal ganz genau angeschaut.“

Babyhand

20 bis 25 Geburten pro Monat sind im Hebammenkreißsaal möglich.

Mehr Nachfrage als Termine

Voraussetzung für den Einsatz im Hebammenkreißsaal sind zwei Jahre klinische Berufserfahrung. Die Berufsanfänger*innen im Team werden gleich entsprechend für den Einsatz dort geschult. In jedem Dienst steht derzeit eine Hebamme für den Einsatz im Hebammenkreißsaal zur Verfügung.

Die Anmeldung für die Geburt im Hebammenkreißsaal ist bislang noch limitiert. Pro Monat sind 20 bis 25 Geburtsanmeldungen möglich. Für eine Geburt im Hebammenkreißsaal sind zwei Vorgespräche mit der Schwangeren in bestimmten Zeitfenstern der Schwangerschaft vorgesehen. Seit Anfang September kommen bereits die ersten Frauen zu den Vorgesprächen. Dass das Klinikum mit diesem Konzept einen Nerv getroffen hat, zeichnet sich bereits ab: Für das Angebot gibt es bereits jetzt mehr Nachfrage als Termine.

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