Zwischen Stethoskop und Schleichtieren: Ein Vormittag bei den Einschulungsuntersuchungen

Eine Person mit blauem Kleid, gemustertem Schal und dunklen Stiefeln steht auf Laub und Gras neben einem Holzpfosten mit einem blauen Richtungsschild. Das Schild trägt den Schriftzug 'Schuluntersuchung Kinder- und Jugendgesundheitsdienst'. Im Hintergrund ist ein Backsteingebäude mit großen Fenstern und kahlen Bäumen zu sehen.

Seit 2019 leitet Tanja Müller den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst im Gesundheitsamt.

Donnerstagvormittag im Kreuzberger Curt-Bejach-Gesundheitshaus: Im Hinterhofgebäude herrscht an diesem kühlen sonnigen Wintermorgen reges Treiben. Denn noch bis ins Frühjahr hinein finden hier die Einschulungsuntersuchungen statt.

Tanja Müller sitzt in ihrem Büro im ersten Stock und bereitet sich auf ihre erste Patientin vor. Auf den Fensterbrettern stehen zahlreiche Schleichtiere: Löwen, Nashörner, Tiger, Elefanten, ein Zebra, eine Giraffe und ein Känguru lockern die Atmosphäre im Sprechzimmer etwas auf. An der Wand hängen Wimmelbilder von Ali Mitgutsch. Tanja Müller ist Kinderärztin und seit 19 Jahren im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst (KJGD) des Bezirksamtes beschäftigt. Seit 2019 leitet sie den Bereich mit rund 20 Mitarbeiterinnen.

Ein Kind sitzt auf einem Holzstuhl und blickt mit dem Gesicht in ein augenärztliches Untersuchungsgerät, das auf einem Tisch steht. Das Kind trägt einen langärmligen Pullover. Unter dem Tisch steht eine Personenwaage auf dem Boden.

Neben Seh- und Hörtests überprüfen die Ärztinnen auch die Sprachkompetenz der Kinder.

Muster erkennen, Plural bilden, Mengen erfassen

10 Uhr – der erste Untersuchungstermin des Tages: Die medizinische Fachangestellte Mareike Bock hat Lea* im Nebenraum bereits gewogen, gemessen und mit ihr Hör- und Sehtests durchgeführt. Auch erste Zeichnungen hat das Mädchen dort bereits gefertigt. Mareike Bock übergibt der Ärztin die von den Eltern ausgefüllten gelben Zettel. Die Fünfjährige aus Kreuzberg kommt mit ihrem Vater in den Raum, der den Schneeanzug des Kindes überm Arm trägt.

Schüchtern sitzt das Mädchen im blauen Strickpulli Tanja Müller gegenüber. Die Ärztin versucht mit ein paar Fragen, das Eis zu brechen. „Habt ihr in der Kita Fasching gefeiert? Als was bist du gegangen? Gab es Süßigkeiten? Weißt du, wann du Geburtstag hast? Kennst du die Schule, auf die du kommen wirst?“ Anschließend malen Tanja Müller und Lea gemeinsam weiter. Es geht darum, Muster zu erkennen und korrekt zu zeichnen.

„Hier sind drei Bilder. Das eine ist weggelaufen. Welches passt, damit es wieder ordentlich ist?“ Lea sucht das passende Bild für die Reihe aus. Danach geht es mit Sprechübungen weiter. Die KJGD-Leiterin spricht Fantasieworte vor und Lea spricht sie leise nach. Dabei lispelt sie ein wenig. Weiter geht es mit der Pluralbildung. Die Kinderärztin gibt Nomen vor, deren Mehrzahl das Kita-Kind nennen soll. Es klappt problemlos. Nach den Sprachübungen geht es langsam in Richtung Mathematik. Lea soll bis 20 zählen. Ab 15 wird es etwas chaotisch – nicht ungewöhnlich für ihr Alter. Danach soll sie auf die Schnelle Mengen erfassen. „Siehst du auf dem Bild mehr blaue oder gelbe Bälle?“

Ein gelbes Heft mit der Aufschrift 'Vorschule' liegt auf einem Tisch. Daneben befinden sich drei Buntstifte, ein Doppelspitzer aus Metall und eine kleine Tafel mit weißem Rahmen und gelbem Punktmuster. Auf der Tafel steht in weißer Schrift: 'bald bin ich ein Schulkind'.

Für Kinder, die zu Hause wenig Materialien haben, geben die Ärztinnen Hefte und Stifte aus.

Ausführliches Rückmeldung an die Grundschulen

Sobald auch diese Aufgaben erledigt sind, kommt der sportliche Teil. Lea springt eine Runde auf einem Bein. Anschließend horcht Tanja Müller die junge Kreuzbergerin noch ab und schaut sich ihre Zähne an.

„War alles so, wie Sie es erwartet haben?“, fragt die Ärztin im Anschluss den Vater. Der nickt und ergänzt: „Sie war sehr zurückhaltend. Zu Hause ist sie etwas lauter.“ Das sei ganz normal, erklärt Tanja Müller und lobt Leas Konzentrationsfähigkeit. Sie empfiehlt dem Vater regelmäßigen Sport für die Tochter und bittet, auf das Lispeln zu achten. Auch den Impfstatus spricht sie an und rät, die fehlende Windpockenimpfung noch nachzuholen.

Nach den Untersuchungen nimmt Tanja Müller sich immer Zeit, ein ausführliches Feedback für die Grundschule aufzuschreiben. „Ich schreibe zu jedem Kind immer etwas auf.“ In ihrem Text fasst die Ärztin das Wichtigste zum Wesen des Kindes, Händigkeit, Sprachstand, Konzentrationsfähigkeit und Mengenvorwissen zusammen. Auch Hinweise zu Auffälligkeiten und Diagnostikempfehlungen finden Eingang.

Aus den Mitteln für Kinderarmutsprävention haben die Kolleginnen im KJGD Vorschulhefte und hochwertige Buntstifte gekauft. Wenn die Ärztinnen den Eindruck haben, dass es in einer Familie keine oder nur sehr wenige Mal- und Schreibmaterialien gibt, geben sie den Kindern diese kleine Tüte als Geschenk mit nach Hause.

Ein rechteckiges Schild mit weißem Hintergrund zeigt oben in großer, roter Schrift den Hinweis 'Untersuchung!'. Darunter steht in kleinerer, ebenfalls roter Schrift: 'Bitte nicht stören!'. Am unteren Rand ist eine bunte Zeichnung von sieben Kindern zu sehen, die nebeneinander stehen und unterschiedliche Kleidung tragen.

30 bis 60 Minuten dauert die Einschulungsuntersuchung.

3.000 Einschulungsuntersuchungen pro Jahr

3.000 Kinder sehen die zehn Ärztinnen vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst jährlich in den Einschulungsuntersuchungen. In der Regel finden diese zwischen November und April statt. Unterstützt werden die Medizinerinnen von zehn medizinischen Fachangestellten (MFA) und einer Verwaltungsmitarbeiterin, die sich um die Terminplanung kümmert. Der Großteil der Untersuchungen findet im Curt-Bejach-Gesundheitshaus in der Urbanstraße in Kreuzberg statt. Ein Team – bestehend aus einer Ärztin und einer MFA – bietet montags bis donnerstags auch Untersuchungen am Friedrichshainer Standort des Gesundheitsamtes in der Koppenstraße an. Die Untersuchungen dauern zwischen 30 und 60 Minuten.

Eine Herausforderung für das Team sind die 25 Prozent der Eltern, die ihre Termine nicht einhalten. Das binde Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen. Hier wünscht sich das Team mehr Verbindlichkeit von den Eltern. Termine lassen sich problemlos telefonisch oder per E-Mail verschieben.

Alle Eltern von Kindern, die im August schulpflichtig werden, bekommen eine postalische Termineinladung mit einem Fragebogen. Die im Fragebogen erfassten Informationen werden durch die Senatsgesundheitsverwaltung ausgewertet. Aktuelle Zusatzerhebungen behandeln das Zähneputzen in der Kita und die Frage, ob die Kinder bereits schwimmen und Fahrradfahren können.

Mehrere orangefarbene Stühle stehen in gleichmäßigen Reihen an weißen Tischen in einem Klassenraum. Die Stühle sind aus Kunststoff und haben eine charakteristische Öffnung in der Rückenlehne. An den Fenstern und Wänden hängen bunte Papierrosetten und Dekorationen. Der Boden ist rot, die Wände und Decke bestehen aus hellem Holz. Große Fenster lassen viel Tageslicht herein.

Zehn Prozent der Kinder werden zurückgestellt

Rund zehn Prozent der Kinder, die zur Einschulungsuntersuchung kommen, werden zurückgestellt. Sie erhalten im Folgejahr einen weiteren Untersuchungstermin. Gründe für die Rückstellung können spezielle Förderbedarfe sein, etwa weil das Kind nicht spricht oder noch eine Windel trägt. Manchmal kommt der Wunsch nach der Rückstellung auch von den Eltern oder aus der Kita. Bei anderen Kindern empfiehlt der KJGD die Rückstellung, weil sie nur sehr selten in der Kita waren. Die finale Entscheidung der Rückstellung liegt jedoch nicht im Gesundheitsamt, sondern bei der Schulaufsicht, die zur Senatsbildungsverwaltung gehört.

Das zweite Kind, das heute zu Tanja Müllers Einschulungsuntersuchung kommt, ist Rosa*. Die Fünfjährige wächst zweisprachig auf. Mit ihren Eltern spricht sie spanisch, in der Kita deutsch. Sie wird von ihrer Mutter begleitet, die mit Jacken und Fahrradhelmen bepackt im Sprechzimmer Platz nimmt. Auch Rosa ist ziemlich schüchtern. Zögerlich setzt sie sich auf den hölzernen Kinderstuhl. Auf die Fragen hin nickt sie nur zaghaft oder schüttelt den Kopf. Auf die Frage nach ihrem Alter hin hält sie fünf Finger in die Luft. Nach ihrem Geburtstag gefragt, zuckt das Mädchen im rosa Paillettenpullover mit den Schultern. Sie spricht sehr leise. Auch Tanja Müllers Spanischkenntnisse, die sie bei den Sprachübungen auspackt, können das Kind nicht aus der Reserve locken.

Ein durchsichtiges Glas steht auf einem Holztisch und ist mit bunten Wachsmalstiften gefüllt. Die Spitzen der Stifte zeigen nach oben und sind in verschiedenen Farben wie Rot, Blau, Gelb, Grün und Orange zu sehen. Im Hintergrund hält eine Hand einen blauen Wachsmalstift und malt auf ein Blatt Papier mit kreisförmigem Muster und farbigen Strahlen. Das Papier liegt auf dem Tisch, weitere bunte Linien sind darauf zu erkennen.

Wer nie malt, kann am Ende keinen Stift halten.

"Manche Kinder können keinen Stift halten."

Das Mädchen möchte nicht reden – und auch beim Abhorchen ihren Pulli nicht ausziehen. Die Ärztin und Rosa einigen sich, dass sie die Arme aus den Ärmeln rauszieht. Es folgt ein Gewurschtel durch mehrere Lagen Winterkleidung, bis die KJGD-Leiterin mit ihrem Stethoskop zum Brustkorb durchkommt.

„Waren Sie als Kind auch so schüchtern?“, fragt Tanja Müller Rosas Mutter nach der Untersuchung. „Ich nicht, aber der Papa vielleicht.“ Mit der Mutter spricht die Ärztin über die bilinguale Erziehung und die Einschätzung von Rosas Deutschkenntnissen. Obwohl das Mädchen wenig gesprochen hat, sieht Tanja Müller hier keine sprachlichen Probleme, da die Mutter erzählt, dass es im Kita-Alltag keinerlei Kommunikationsprobleme gebe.

„Man entwickelt schon ein gewisses Gefühl dafür, was die Eltern einem erzählen und wie sehr das der Realität entspricht. Nicht immer sind sie die besten Quellen, weil sie manches sehr selektiv wahrnehmen.“

Tanja Müller und ihre Kolleg*innen stellen immer wieder Fördermängel fest. Insgesamt gebe es eine große Diskrepanz zwischen den Kindern, die zu Hause und in der Kita besonders gefördert werden und denen aus bildungsfernen Familien. „Manche Kinder können keinen Stift halten.“

Eine Frau mit heller Strickjacke steht hinter einem Mädchen, das auf einem Stuhl sitzt. Das Mädchen trägt ein gestreiftes T-Shirt und hält ein Smartphone in beiden Händen. Auf dem Tisch liegen ein Teller mit Bananenscheiben und ein Glas. Im Hintergrund hängt ein gerahmtes Bild mit grünen Blättern an der Wand.

Tanja Müller plädiert dafür, dass Eltern sich in Erziehungsfragen mehr auf ihr Bauchgefühl verlassen.

Erschöpfte Eltern, die mit kleinsten Erziehungsfragen überfordert sind

Bildschirme seien das größte Problem. „Dazu sind sich alle Kinderärzte einig.“ Das bemerken die Sozialarbeiterinnen aus dem Kinder- und Jugendgesundheitsdienst häufig schon bei den Hausbesuchen kurz nach der Geburt. „Manche Kleinkinder können gar nicht mehr gewickelt werden, ohne dass man ihnen ein Handy in die Hand drückt.“

Die Kinderärztin ist selbst Mutter von drei Söhnen. Während ihre Kinder klein waren, hat sie immer gearbeitet und weiß daher genau: „Diese Doppelbelastung liegt klar bei den Müttern, die gleichzeitig Geld verdienen und Kinder erziehen.“

Tanja Müller beobachtet bei vielen Familien eine fehlende Ko-Regulation durch die Eltern. Darunter versteht man in der Erziehung die Unterstützung von Eltern bei der Regulierung der Emotionen und Verhaltensweisen ihrer Kinder. Auch eine falsch verstandene Bedürfnisorientierung werde für einige Familien zunehmend zu einem Problem und führe zur Erschöpfung, vor allem von Müttern. Der pädagogische Ansatz, empathisch zu erziehen und die Gefühle und Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen, werde vermehrt so missverstanden, dass Eltern jeden Wunsch ihres Kindes erfüllen. „Eltern sind erschöpft und manchmal mit den kleinsten Erziehungsfragen überfordert.“ Tanja Müller bemerkt, dass Eltern sich in Erziehungsfragen immer weniger auf ihre Intuition verließen. „Die Eltern haben hohe Ansprüche – an sich und an ihre Kinder. Sie lesen Ratgeber und hören Erziehungs-Podcasts. Dabei könnten sie sich häufig auf ihr Bauchgefühl verlassen.“

Kinder zur Selbstständigkeit erziehen und im Haushalt einbinden

Oft hören die Ärztinnen bei der Untersuchung: „Mein Kind macht am Tablet Lernspiele.“ Doch auch davon hält Tanja Müller nichts. „Wenn wir nach den Bildschirmzeiten fragen, wissen die Eltern schon, was wir da hören wollen. Also müssen wir nachhaken.“ Die Kinder würden sich natürlich an ihren Eltern orientieren – und auch die verbrächten viel zu viel Zeit am Smartphone. „Der Medienkonsum der Eltern hat natürlich einen großen Einfluss auf das Medienverhalten der Kinder.“

Wichtig ist aus Tanja Müllers Sicht, Kinder zu mehr Selbstständigkeit zu erziehen. Auch Kita-Kinder könnten bereits im Haushalt helfen, indem sie beim Tischdecken oder Wäscheaufhängen helfen. Entscheidend für die Entwicklung der Kinder sei auch der Kita-Besuch. „Im Kita-Alltag lernen die Kinder in der sozialen Gruppe. Das ist die ideale Vorbereitung für die Schule.“

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*Die Kindernamen wurden zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte verändert.