Auf dem Weg zu Tagesstruktur, Normalität und Sinn - Die Patientenbibliothek im Kreuzberger Vivantes Klinikum Am Urban

Gemeinsam bestückt das Team der Patientenbibliothek den kleinen Rollwagen mit den neuesten Schmökern für den Stationsbesuch

Gemeinsam bestückt das Team der Patientenbibliothek den kleinen Rollwagen mit den neuesten Schmökern für den Stationsbesuch

Im Foyer des Urbankrankenhauses befindet sich – in direkter Nachbarschaft zu einem Blumenladen, dem Urban-Späti und gegenüber vom Friseur – eine kleine Bibliothek mit rund 6.000 Büchern. Interessierte können diese kostenfrei ausleihen oder gegen eine Spende erwerben. Auch ein gemütlicher Sessel lädt zum Schmökern zwischen den Bücherregalen ein.

1991 wurde die Bibliothek vom Krankenhaus eröffnet, musste zehn Jahre später jedoch aufgrund des Sparzwangs geschlossen. 2006 wurde sie durch die Kooperation zwischen ajb und dem Vivantes-Klinikum als Alfred-Döblin-Bibliothek als ein sogenanntes Zuverdienstprojekt wiederbelebt. Dort werden u.a. Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen bzw. Suchterkrankungen aus dem Bezirk beschäftigt.

Ein besonderer Service: An fünf Tagen in der Woche sind zwei Mitarbeiter mit einem wohlsortierten Bücherwagen auf allen sechs Etagen des Krankenhauses unterwegs. Sie klopfen an die Türen der Patienten und fragen: „Hallo, wir kommen von der Patientenbibliothek. Möchten Sie ein Buch ausleihen? Was interessiert Sie besonders?“ Sensibel und geschult stellen sie bei dieser Gelegenheit das Repertoire der unterschiedlichen Genres vor.

Carsten Lohse, der gemeinsam mit Frau Voroneckas für die Anleitung der Klienten zuständig ist, weiß, wie sensibel die tägliche Tour durch das Haus sein kann: „Wir sind hier in einem großen Krankenhaus und wissen nie, was uns hinter der nächsten Tür erwartet. Hier werden Kinder geboren, aber auch Krankheiten festgestellt und behandelt. Wir erleben täglich die ganze Bandbreite des Lebens.“

Ein gemütlicher Sessel lädt zum Lesen ein

Ein gemütlicher Sessel lädt zum Lesen ein

Regelmäßige Lesungen

In der Regel seien die meisten Patienten jedoch positiv überrascht, wenn das Team mit den Büchern vorbeikommt. Auch auf den psychiatrischen Stationen klopfen sie an die Türen – was einigen nicht immer leichtfällt. „Dort muss man ein dickes Fell mitbringen und besonders verständnisvoll sein.“

Einige der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen diese Situation aus eigener Erfahrung, da sie selbst bereits Zeit aus gesundheitlichen Gründen in der Psychiatrie verbracht haben. „Für sie ist es ein großer Augenblick, jetzt als Dienstleister zurückzukehren.“ Andere sehen es als Herausforderung, die sie auf ihrem Weg aus der Krankheit weiterbringen kann.

200 bis 400 Bücher werden monatlich ausgeliehen. Besonders gefragt sind Krimis und: „Harry Potter geht immer! Leider vergessen viele, den Harry Potter wieder zurückzubringen.“ Ärgerlich, denn oft wartet schon eine Person bereits darauf. „In diesem Fall müssen wir dann immer nachkaufen.“ Oder auf eine entsprechende Bücherspende warten, von denen die Bibliothek lebt.

Frau Voroneckas: „Wir freuen uns über gut erhaltene Bücher, die hier abgegeben werden können. Entweder geben wir sie direkt in den Verleih, oder wir bieten sie gegen eine kleine Spende zum Mitnehmen an. Besonders lesenswerte Bücher sind auch in unserem Gratis-Regal zu finden.“

Eine Mitarbeiterin erzählt, wie gern sie zu ihrer Arbeit in der Bibliothek geht: „Ich arbeite hier zehn Stunden im Monat. Das macht mir richtig Spaß! Hier treffe ich tolle Kollegen. Und es macht mir Spaß, besondere Bücher zu empfehlen oder für unsere Kunden das richtige Buch herauszusuchen.“ Ziel und Zweck des Einsatzes ist die Nutzung der eigenen Fähigkeiten, was das Selbstbewusstsein stärkt und Bestätigung bietet.

Besondere Aufmerksamkeit erhält die Bibliothek auch bei regelmäßig stattfindenden Lesungen, die so viel Publikum anziehen, dass es in der gemütlichen Bibliothek eng werden kann. Der Bestsellerautor Robert Seethaler stellte bereits zwei Mal eines seiner Bücher in einer Lesung vor. Genauso wie drei Patienten der Klinik, die mit ihren Texten einen Verlag überzeugten.

Max Kindler, Bezirksstadtrat für Jugend, Familie und Gesundheitinformierte sich gemeinsam Alexandra Gelbstein, Leiterin der QPK, über die Arbeit in der Bibliothek

Max Kindler, Bezirksstadtrat für Jugend, Familie und Gesundheit informierte sich gemeinsam Alexandra Gelbstein, Leiterin der QPK, über die Arbeit in der Bibliothek

„Hier wird darauf geachtet, dass es uns gut geht!“

Mario Schellong, Bereichsleiter Soziale Psychiatrie und Jugend, ajb: „Die Arbeitszeiten und Anforderungen sind flexibel und werden an die individuelle Belastbarkeit angepasst, oft ohne Leistungsdruck. Für einige unserer Klienten bedeuten diese Tätigkeiten ein wichtiges Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt. Gerade die Jüngeren nutzen diese Chance und beginnen anschließend woanders mit einer Ausbildung oder machen mit einem Mini-Job im ersten Arbeitsmarkt weiter.“

Die Aufgaben hier in der Bibliothek sind vielseitig. Antonio Hünig, der für die ajb den Bereich Zuverdienst koordiniert, versichert: „Je nach dem wie die persönlichen Interessen gelagert sind und wie kommunikativ die Mitarbeitenden sind, werden sie eingesetzt. Aus Schutz vor Überforderung passen wir die Arbeitszeiten und Aufgaben an die individuelle Belastbarkeit an, ohne Leistungsdruck.“ Eine Mitarbeiterin bestätigt fröhlich: „Ja, das stimmt. Jeder so, wie er kann.“ Von einer Stunde pro Monat an aufwärts ist alles möglich. „Hier wird darauf geachtet, dass es uns gut geht!“

Mario Schellong: „In den vergangenen 20 Jahren haben hier fast 300 psychisch erkrankte Menschen stundenweise Beschäftigung gefunden. Jährlich stellen wir zehn bis 15 Menschen neu ein, während etwa ein Drittel aller Beschäftigten sich nach Beendigung ihrer Tätigkeit beruflich weiterentwickeln kann, da sie hier im Projekt Stabilität und Selbstbewusstsein gewonnen haben. Und das Schönste sei es zu hören, wenn ein Mitarbeitender nach kurzer Zeit stolz sagen kann: „Ich arbeite in der Alfred-Döblin-Bibliothek“.

Betrieben wird die Bibliothek vom sozialen Träger ajb. Die ajb gmbh – Gemeinnützige Gesellschaft für Jugendberatung und psychosoziale Rehabilitation – ist ein anerkannter Träger der Jugendhilfe, der gemeindepsychiatrischen Versorgung, der Berufsorientierung sowie der Beschäftigung und Qualifizierung.

Das Team gemeinsam mit dem Bezirksstadtrat Max Kindler während seines Besuchs

Das Team gemeinsam mit dem Bezirksstadtrat Max Kindler während seines Besuchs

Soziale Teilhabe und psychische Stabilisierung

Rund 280 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ajb unterstützen berlinweit Menschen mit psychischen Erkrankungen mit Rat und Tat. Auf Grundlage der Sozialgesetzbücher bietet die ajb niedrigschwellige Hilfen vor allem für junge Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen an. Die Angebote orientieren sich am individuellen Bedarf und an den jeweiligen Möglichkeiten.

In Friedrichshain-Kreuzberg bietet die ajb 16 Projekte für Menschen in Krisen, mit psychischen Beeinträchtigungen und in besonderen Lebenssituationen an. Der Zuverdienst ist ein besonders sinnstiftendes Angebot für diese Zielgruppe.

Antonio Hünig, Psychosozialer Berater: „Ein Zuverdienst ermöglicht psychisch erkrankten Menschen eine stundenweise, niedrigschwellige Beschäftigung. Er dient in erster Linie der sozialen Teilhabe und psychischen Stabilisierung.“

Unabhängig von der tatsächlichen Arbeitsleistung liegt der Fokus dabei auf dem gesundheitlichen Nutzen für die Betroffenen.

Derzeit nutzen 65 Personen im Alter zwischen 18 Jahren und dem Renteneintritt die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe und zur Beteiligung am Arbeitsleben. 16 davon arbeiten regelmäßig in der Patientenbibliothek im Urbankrankenhaus.

Bücherspenden sind willkommen!

Weitere Informationen und Öffnungszeiten:
Alfred-Döblin-Patientenbibliothek
im Vivantes Klinikum Am Urban
Dieffenbachstraße 1
10967 Berlin
Telefon (030) 130 223 156
Web: www.ajb-Berlin.de

Öffnungszeiten:
Montag und Mittwoch von 11 bis 16 Uhr
Dienstag und Donnerstag von 14 bis 16 Uhr
Freitag von 11 bis 15.30 Uhr

Bücherspenden sind willkommen, bitte telefonisch ankündigen.