Berliner Krisendienst: Krise kennt keine Saison

Viktor Michnev vor den Räumen des Berliner Krisendienstes der 1999 gegründet wurde

Viktor Michnev vor den Räumen des Berliner Krisendienstes der 1999 gegründet wurde

Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, kostenlos und auf Wunsch anonym: Der Berliner Krisendienst ist eine erste Anlaufstelle für Menschen in akuten psychischen Notsituationen und ihre Angehörigen. Neun Standorte, eine Mission: Hilfe, wenn sie am dringendsten gebraucht wird.

Viktor Michnev arbeitet seit 2024 als Psychologe beim Berliner Krisendienst, der 1999 gegründet wurde. Gemeinsam mit sechs festangestellten Kolleg*innen ist er für Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg zuständig.

„Wir sind persönlich und am Telefon vor allem dann für die Menschen da, wenn alles andere geschlossen hat.“ Persönliche und telefonische Gespräche stehen im Vordergrund und sind die weitaus meisten Kontakte, aber auch in Notfällen steht das Team vor Ort bei den Betroffenen oder in Form von Videoberatungen bereit. 365 Tage im Jahr sind alle neun Standorte von 16-24 Uhr geöffnet. Die Tag- (8-16 Uhr) und die Nachtdienste (0-8 Uhr) sind Zentraldienste im Standort Mitte für ganz Berlin.

Zahlreiche Informationen unterschiedlicher Fachrichtungen im Eingangsbereich

Zahlreiche Informationen unterschiedlicher Fachrichtungen im Eingangsbereich

Psychologie, Psychotherapie, Pädagogik, Sozialarbeit und Drogenhilfe unter einem Dach

Unterstützt wird das feste Team, von 30 bis 35 eng vernetzten Honorarkräften aus unterschiedlichen Fachbereichen: Psychologie, Psychotherapie, Pädagogik, Sozialarbeit und Drogenhilfe gehören ebenso dazu wie Traumaexpert*innen sowie Fachkräfte mit Erfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe oder Wohnungslosenhilfe.

Auch bei Polizeieinsätzen wird das multiprofessionelle Team um Unterstützung gebeten. „Zusätzlich steht uns eine ärztlicher Hintergrunddienst zur Seite, mit dem wir uns in medizinischen Fragen eng abstimmen können. Wenn es notwendig wird, begleitet er uns auch an einen Einsatzort.“

„Das Modell des Krisendienstes lebt von Vielfalt – das gilt auch für die Hilfesuchenden“, sagt Viktor Michnev. „Zu Beginn einer Schicht wissen wir nie, was uns erwartet. Deshalb achten wir bei der Dienstplanung darauf, dass möglichst viele Fachbereiche abgedeckt sind.“

Pro Schicht arbeiten in der Regel eine festangestellte Person und bis zu drei Honorarkräfte gleichzeitig. Auch Mehrsprachigkeit wird berücksichtigt. „Wenn nötig, können wir Anrufende auch auf Englisch beraten.“

Auf Wunsch bietet der Berliner Krisendienst auch eine Videoberatung an

Auf Wunsch bietet der Berliner Krisendienst auch eine Videoberatung an

Hilfe außerhalb der Klinik

Der Berliner Krisendienst wurde im Oktober 1999 gegründet – als Reaktion auf einen wachsenden Bedarf in der psychiatrischen Versorgung der Stadt.

„In den 1990er-Jahren fand ein Abbau von stationär psychiatrischen Betten und die Ambulantisierung der Psychiatrie im Sinne einer gemeindenahen Versorgung statt“, erklärt der Psychologe. „Dadurch mussten mehr psychisch erkrankte Menschen ambulant versorgt werden. Und es brauchte ein flächendeckendes, niedrigschwelliges Angebot außerhalb der Klinik.“

Sechs erfahrene Träger bündelten damals ihre Ressourcen und entwickelten ein einheitliches Modell für die Krisenversorgung in ganz Berlin. Ziel war es, Menschen in akuten psychosozialen Krisen schnell, wohnortnah und ohne lange Wartezeiten zu unterstützen – und eine Lücke zwischen Selbsthilfe, Therapie und stationärer Behandlung zu schließen.

Der Berliner Krisendienst ist nicht Teil des Kassensystems und wird durch das Land Berlin zuwendungsfinanziert. Menschen in Not erhalten kostenlos und niedrigschwellig Beratung durch erfahrene, speziell ausgebildete Fachkräfte.

Klinik- oder Therapieplätze können über die vorwiegend telefonische Beratung nicht vermittelt werden. Anrufende können jedoch darauf vertrauen, gehört zu werden und gemeinsam nach Lösungswegen für ihre akute Situation zu suchen. Auf Wunsch bietet der Krisendienst auch eine Videoberatung an.

In die freundlich eingerichteten Räumen des Berliner Krisendienstes scheint am Tag die Sonne

In die freundlich eingerichteten Räumen des Berliner Krisendienstes scheint am Tag die Sonne

Zuhören, einordnen, Perspektiven schaffen

Wenn in den freundlich eingerichteten Räumen des Berliner Krisendienstes das Telefon klingelt, ertönt eine leise Melodie. Bis zu vier Mitarbeitende nehmen die eingehenden Gespräche entgegen. Nach einem kurzen Durchatmen heißt es: „Hallo, hier ist der Berliner Krisendienst!“

„Je nach Brisanz und Thema des Anrufs können wir uns auf unterschiedliche Räume verteilen und in Ruhe zuhören“,* sagt Viktor Michnev.* Manche Menschen erfahren durch Freund*innen oder Angehörige von dem Angebot, andere suchen im Internet nach Hilfe.

An den Berliner Krisendienst wenden sich Menschen in persönlichen Krisen ebenso wie Angehörige, die nicht mehr weiterwissen. Hinter einem Anruf stehen oft lange Versuche, eine schwierige Situation allein zu bewältigen: schlaflose Nächte wegen Mobbings, Sorgen um heranwachsende Kinder oder die Belastung der Eltern durch die Suchterkrankung eines erwachsenen Kindes.

„Uns rufen Menschen an, wenn sie so nicht mehr leben können oder wollen – oder wenn sie nach einer Trennung oder dem Verlust eines geliebten Menschen nicht aus der Trauer herausfinden“, berichtet Viktor Michnev.
Wenn die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten nicht mehr ausreichen, hören die Fachkräfte zu, fragen nach und besprechen gemeinsam mit der betroffenen Person die aktuelle Lage.

„Ein Patentrezept gegen eine Krise haben wir nicht in unseren Schreibtischen liegen. Aber wir können professionell einordnen und Angebote machen, die helfen können.“

Das Team versucht, die akute Verzweiflung zu verringern, konkrete nächste Schritte zu entwickeln und vorhandene Ressourcen sichtbar zu machen. Dabei wird auch das persönliche Umfeld einbezogen.

„Viele Menschen vergessen in Ausnahmezuständen, wie viele Menschen ihnen in Familie und Freundeskreis nahestehen und helfen können.“ Gemeinsam wird geklärt, welche Unterstützung bereits vorhanden ist und welche Schritte als Nächstes möglich sein könnten.

Nur selten werden Gespräche am Telefon so lang und komplex, dass die Beratenden an ihre Grenzen geraten

Nur selten werden Gespräche am Telefon so lang und komplex, dass die Beratenden an ihre Grenzen geraten

Krisen kennen keine Saison

In der Krisenbewältigung gibt es keine Hoch- oder Nebensaison. „Wir stellen keine besonderen Ausschläge fest. Unsere Telefone klingeln unabhängig von Wetter, Luftdruck oder Jahreszeit“, sagt der Mitarbeiter des Berliner Krisendienstes.

Die Gründe für psychosoziale Krisen sind vielfältig, ebenso wie ihre Erscheinungsformen. Schweigt das Telefon einmal ungewöhnlich lange, prüfen die Mitarbeitenden vorsichtshalber die Leitungen. Zu ungewohnt ist die Ruhe für ein Team, das normalerweise kontinuierlich Gespräche führt.
Gemeinsam mit den Anrufenden wird herausgearbeitet, wie belastbar sie aktuell sind und wie sie mit Gefühlen wie Angst, Wut oder Hilflosigkeit umgehen können.

„Wir bemühen uns, Klarheit und Verbindlichkeit zu schaffen – auch im Umgang mit unangenehmen oder neuen Gefühlen, die nicht automatisch unnormal oder als Zeichen einer Störung zu sehen sind.“

Viele Menschen erleben bestimmte Gefühlszustände während einer Krise zum ersten Mal. Es kann entlasten, gemeinsam einzuordnen, was gerade passiert und welche Unterstützung sinnvoll ist.

„Antriebslosigkeit bedeutet nicht automatisch eine Diagnose“, erklärt Viktor Michnev. „Wir versuchen herauszufinden, welche weiteren Einflüsse auf die betroffene Person wirken.“ Schon die Einordnung einer Situation könne beruhigen. „Gefühle, die mit unüblichen, ungewöhnlichen Ereignissen einhergehen, welche wir nicht täglich erfahren, werden beispielsweise verlangsamt verarbeitet.“ Daher brauche die Psyche da manchmal länger diese Erfahrungen inklusive der Gefühle zu verarbeiten.

„Sehr viele Klient*innen ja, aber sicherlich nicht alle. Es gibt vereinzelt schon auch tragische Fälle, die sehr viel Schwieriges/Schlimmes erlebt haben. Dafür braucht man Zeit. Sehr viele unserer Klient*innen verfügen über viel eigenes Potenzial, das wir mobilisieren können.“ Es gebe vereinzelt schon auch tragische Fälle, die sehr viel Schwieriges und Schlimmes erlebt haben.

Über das Tor der Großen Hamburger Straße 5 führt der Weg zum Berliner Krisendienst

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Beratung und Aufklärung

Nur selten werden Gespräche am Telefon so lang und komplex, dass die Beratenden an ihre Grenzen geraten. „Dann bitten wir um Verständnis, dass wir das Gespräch vertagen, einen neuen Termin vereinbaren oder zu einem Folgegespräch in einen unserer Räume einladen.“

Ein persönliches Gespräch ermöglicht eine andere Wahrnehmung als ein Telefonat. Körpersprache und direkte Begegnung können helfen, die Situation besser einzuordnen. Gespräche mit hoher emotionaler Belastung sind auch für die Beratenden intensiv.

Jedes Teammitglied entwickelt eigene Strategien, um professionelle Distanz zu wahren und nach der Arbeit wieder Abstand zu gewinnen. „Der wichtigste Aspekt der Psychohygiene ist der direkte Austausch mit den Dienstkolleg*innen sowie Super- und Intervisionen“, sagt Viktor Michnev.

Neben der Beratung engagieren sich die Mitarbeiter*innen des Berliner Krisendienstes in der Öffentlichkeitsarbeit. So informieren sie etwa am Welttag der Suizidprävention, der jährlich wiederkehrend am 10. September stattfindet – über die Angebote des Krisendienstes. Auch beim Lauf und Markt für Seelische Gesundheit am Vivantes Klinikum Am Urban in Kreuzberg, der sich gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen richtet, ist der Berliner Krisendienst vertreten.

Seit seiner Gründung ist der Beratungsbedarf kontinuierlich gestiegen. Wurde das Angebot im ersten Jahr rund 32.000-mal genutzt, verzeichnet der Berliner Krisendienst inzwischen jährlich etwa 90.000 Beratungskontakte. Das zeigt den anhaltend hohen Bedarf an niedrigschwelliger Unterstützung in psychischen Krisen.

„Am Ende eines Gesprächs fragen wir, wie sich die Anrufenden im Moment fühlen“, sagt Viktor Michnev. „Häufig bekommen wir die unmittelbare Rückmeldung, dass das Gespräch entlastet hat und sich etwas verändert hat. Viele bedanken sich ausdrücklich für unsere Arbeit.“

Weitere Informationen:

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