20 Jahre Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage: Das Hermann-Hesse-Gymnasium setzt auf Vielfalt

SOR-Team des Hermann-Hesse-Gymnasiums

Marvin Gasser, Sylke Roschke und Deborah Schmidt

Seit zwei Jahrzehnten steht das Hermann-Hesse-Gymnasium in Kreuzberg für ein klares Bekenntnis zu Vielfalt, Respekt und Zivilcourage. Als Teil des bundesweiten Netzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist Antidiskriminierungsarbeit hier kein einmaliges Projekt, sondern gelebter Schulalltag. Wie das Engagement am rund 600 Schüler*innen zählenden Gymnasium konkret aussieht und warum es bis heute trägt, zeigt der Blick auf die vielfältigen Initiativen und Haltungen innerhalb der Schulgemeinschaft.

Ein Schwerpunkt der Schule liegt auf Antirassismus und Diversität in all ihren Facetten. Die Themen sind fest im schulischen Leben verankert – nicht nur über die Projekttage, sondern auch im Unterricht. „Unser Engagement passt zu unserem Schulspirit. Denn wir achten hier aufeinander und respektieren uns. Ob jemand gläubig ist oder woran jemand glaubt, spielt in unserem Umgang miteinander keine Rolle“, erklärt Schulleiterin Sylke Roschke. Dieser Respekt füreinander werde über die umgesetzten Projekte sichtbar. „Es ist wichtig, dass wir das im Alltag leben und uns im Konfliktfall immer wieder darauf besinnen.“ Seit 2012 arbeitet sie an dieser Schule. Als sie als stellvertretende Schulleiterin hier im Graefekiez anfing, gab es die Projekttage „Schule ohne Rassismus“ (SOR) bereits und die Unterstützung bei der Umsetzung der Projekttage war eines ihrer ersten Vorhaben. „Damals war das hier eine lebendige Schule mit zahlreichen Herausforderungen. Gleichzeitig gab es in der Schule einen großen Willen, die Gemeinschaft zu leben.“ Es sollte ein Setting geschaffen werden, in dem alle gemeinsam respektvoll und tolerant miteinander umgehen. „Inzwischen haben wir in diesem Themenfeld einen riesigen Sprung nach vorn gemacht.“ Für Sylke Roschke ist hier auch die Vielfalt innerhalb des Lehrer*innen-Kollegiums von großer Bedeutung. Auch hier solle sich die Diversität der Gesellschaft zeigen.

Die Courage AG

Die Courage-AG am Projekttag

Wachsendes Engagement

In den vergangenen Jahren ist das Engagement in diesem Bereich in der Schulgemeinschaft immer weiter gewachsen. So finden am Hermann-Hesse-Gymnasium jedes Jahr im November zwei SOR-Projekttage statt. Marvin Gasser ist an der Schule Beauftragter für „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Der Lehrer für Musik und Latein ist seit 2020 am Hermann-Hesse-Gymnasium und erlebt seine Kolleg*innen bei den Themen Antirassismus und Antidiskriminierung als sehr engagiert. „Viele von uns leben das im Alltag. Einige der Lehrkräfte bieten an den Projekttagen selbst Workshops für die Schüler*innen an.“ Die Themen, die in den Workshops an den Projekttagen behandelt werden, sind sehr vielfältig. Auch das Themenfeld Nachhaltigkeit und Zero Waste findet Berücksichtigung. In die Planung des Angebots wird auch die Gesamtschüler*innenvertretung eingebunden. Auch Schüler*innen der Oberstufenjahrgänge richten Workshops aus. Die Projekttage richten sich an die Schüler*innen der Mittelstufe.
Ein besonderes Thema, das die Schulgemeinschaft – mit und ohne familiäre Betroffenheiten – sehr beschäftige, seien die aktuellen Entwicklungen in Israel und im Gaza-Streifen. „Am Wahlverhalten der Schüler*innen, die sich ihre Workshopangebote für die Projekttage aussuchen, sehe ich genau, dass das bei uns sehr viele interessiert“, erklärt Marvin Gasser.

Die Wall of Fame der queeren Pomis

Aktive Arbeitsgemeinschaftsgemeinschaft

2005 wurde das Gymnasium ins bundesweite Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” aufgenommen. Aus Sicht der Schulleiterin ist es beachtlich, dass sich die Schule schon so lange mit diesem Thema auseinandersetzt. Über die Jahre seien viele unterschiedliche Projekte zu verschiedenen Aspekten umgesetzt worden. So werde die Auszeichnung fortwährend mit Leben und Engagement gefüllt. Die Mitgliedschaft im Netzwerk ist für sie nur ein Baustein von vielen. Es gehe auch darum, wie Lehrkräfte und Schüler*innen miteinander umgehen und wie sich die Jugendlichen untereinander verhalten.

Einige Jahre nach der Aufnahme in das Netzwerk entstand auch die entsprechende SOR-Arbeitsgemeinschaft. Deborah Schmidt führte sie seit 2017. Bis heute leitet die Politik- und Kunstlehrerin die AG, die aktuell aus sechs Schüler*innen der Mittelstufe besteht. „Das ist eine sehr gute Gruppengröße, in der die Zusammenarbeit bestens funktioniert.“ Die Landesorganisation des Netzwerks empfiehlt den Schulen eine solche Aktivengruppe, damit die Ideen zur Ausgestaltung der „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ von innen entstehen und nicht von oben auferlegt werden.

Im vorigen Schuljahr gestaltete die AG unter anderem eine „Wall of Fame“ mit queeren Persönlichkeiten, die in der Mediathek der Schule zu finden ist. Im schulischen Alltag, den eigenen Glauben oder die sexuelle Identität zeigen zu können, sei für die Schüler*innen wichtig. Die Schule müsse hierfür ein Safe Space sein.

Bei den diesjährigen SOR-Projekttagen bieten die Schüler*innen aus Deborah Schmidts AG einen Workshop zu „Vielfalt im Film“ an. Dieser Peer-to-Peer-Ansatz ist noch relativ neu, aber funktioniere sehr gut. „Die Schüler*innen sind wirklich fit und wollen das gern selbst übernehmen.“ Zudem hätten die Jugendlichen selbst sehr gute Ideen für Themen und Projekte.

Gütesiegel Mehrsprachige Schule

Größere Offenheit bei den Schüler*innen

Auch in anderen Bereichen des Schullebens, etwa im Unterrichtsfach Darstellendes Spiel oder im schuleigenen Makerspace, werden Rassismus und andere Formen der Diskriminierung thematisiert und bearbeitet. „Die Verzahnung der einzelnen Aktivitäten ist entscheidend. Die Projekttage dürfen nicht im luftleeren Raum stattfinden, sondern müssen sich im Unterricht und im Schulleben widerspiegeln.“ Der Demokratiebildung kommt am Hermann-Hesse-Gymnasium eine wichtige Rolle zu. Der wöchentliche Klassenrat ist fest im Stundenplan verankert. Auch der Wahlkampf für die Wahl der Schülersprecher*innen nimmt im Schulalltag viel Raum ein.

Sylke Roschke stellt bei den Schüler*innen heute eine größere Offenheit fest, sich mit Vielfaltsthemen zu beschäftigen, als es vor einigen Jahren noch der Fall war. „Sie schaffen es heute viel besser, sich empathisch in andere hineinzuversetzen. Auch das Vokabular auf dem Schulhof ist ein anderes.“

Auch die Offenheit und feste Verankerung der Mehrsprachigkeit ist für die Schule Teil der Strategie. Denn die meisten Schüler*innen am Hermann-Hesse-Gymnasium wachsen bilingual auf. Die Arbeitsgemeinschaft Mehrsprachigkeit mache seit einigen Jahren die unterschiedlichen Herkunfts- und Familiensprachen der Jugendlichen für die anderen sichtbar und erlebbar. Sprachkenntnisse würden in der Schulgemeinschaft generell als Mehrwert anerkannt.