Ausgezeichnet! Das Kreuzberger Hermann-Hesse Gymnasium erhält das Gütesiegel „Mehrsprachige Schule“ des Landes Berlin

Christina Henke, Staatssekretärin für Bildung (3.v.re) und das Schul-Team nach der offiziellen Übergabe des Siegels an Schulleiterin Sylke Roschke (4.v.re.)

Christina Henke, Staatssekretärin für Bildung (3.v.re) und das Schul-Team nach der offiziellen Übergabe des Siegels an Schulleiterin Sylke Roschke (4.v.re.)

Nach zwei Jahren intensiver Pilotphase wurde das Hermann-Hesse-Gymnasium in Kreuzberg im Dezember von Christina Henke, Staatssekretärin für Bildung, offiziell mit dem Gütesiegel „Mehrsprachige Schule“ ausgezeichnet.

Damit gehört die traditionsreiche Bildungseinrichtung nun zu den Vorreiter*innen eines Schulkonzepts, das sprachliche Vielfalt als Chance begreift und Mehrsprachigkeit aktiv fördert. Die Auszeichnung würdigt nicht nur die engagierte Arbeit des Kollegiums, sondern auch den Beitrag der Schüler*innen und Eltern, die gemeinsam gezeigt haben, wie interkulturelles Lernen im Alltag lebendig werden kann.

Netzwerktreffen als Impulsgeber*in

Für Schulleiterin Sylke Roschke ist sprachliche Vielfalt weit mehr als ein pädagogisches Konzept: Sie sieht darin einen festen Bestandteil der Schulkultur. Mit rund 600 Schüler*innen und 60 Lehrkräften, die zahlreiche Sprachen als Mutter- oder Zweitsprache in den Schulalltag einbringen, wird Mehrsprachigkeit hier tagtäglich gelebt. Ziel sei es, den reichen sprachlichen Schatz der Schulgemeinschaft bewusst zu nutzen und allen Lernenden zugänglich zu machen.

Den Impuls für die Zertifizierung gaben die Lehrkräfte Julia Gerber und Philip Adams aus dem Team Sprachbildung. Nach einem Netzwerktreffen initiierten sie gemeinsam mit Fachbereichsleiterin für Fremdsprachen Kerstin Rauch eine zweijährige Pilotphase, in der vielfältige Projekte zur Förderung von Mehrsprachigkeit umgesetzt wurden. Ob bilinguale Unterrichtseinheiten, Sprachpatenschaften oder fächerübergreifende Aktionen – das Ergebnis überzeugte nicht nur die Schulgemeinschaft, sondern auch die Jury des Gütesiegels: Das Hermann-Hesse-Gymnasium im Graefekiez gilt nun offiziell als Vorreiter in Sachen sprachbewusster Bildung.

Gemeinsam entwickelten die Schüler*innen in ihren unterschiedlichen Herkunftssprachen kleine „Überlebens-Guides“

Gemeinsam entwickelten die Schüler*innen in ihren unterschiedlichen Herkunftssprachen kleine „Überlebens-Guides“

Mehrsprachigkeit als Chance

Die Idee, Mehrsprachigkeit als Chance und nicht als Herausforderung zu begreifen, prägt das pädagogische Selbstverständnis des Hermann-Hesse-Gymnasiums inzwischen auf allen Ebenen. So werden nicht nur die klassischen Fremdsprachen gefördert, sondern auch die Herkunftssprachen der Schüler*innen sichtbar gemacht und wertgeschätzt. In Projekten und Unterrichtseinheiten übernehmen die Jugendlichen oft selbst die Rolle von Sprachbotschafter*innen und erklären Begriffe aus ihrer Muttersprache oder gestalten Unterrichtsbeiträge in mehreren Sprachen. „Das stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein, sondern auch das gegenseitige Verständnis“, erklärt Julia Gerber. „Sprache wird so zum verbindenden Element, das Gemeinschaft schafft – über kulturelle Grenzen hinweg.“

Gemeinsam entwickelten die Schüler*innen in ihren unterschiedlichen Herkunftssprachen kleine „Überlebens-Guides“, die wichtige Begriffe und Redewendungen aus Sprachen wie Japanisch, Dari, Norwegisch oder Französisch ins Deutsche übersetzen. In den handlichen Sprachführern finden sich nützliche Fragen und Wendungen, die sowohl erklärend wirken als auch in Notsituationen – etwa auf dem Weg zum nächsten Krankenhaus – hilfreich sein können.

Farbige Zeichnungen die zeigen, in welchen Sprachen die Schüler*innen – auch mit nur leichten Kenntnissen – vertraut sind und wo sie diese im Körper verorten

Körpersprachen gemalt - Wenn sich Beine "spanisch" anfühlen

Auch außerhalb des regulären Unterrichts zeigt sich die gelebte Mehrsprachigkeit. In Mintfächern, wie z. B. Biologie und Chemie werden Fachbegriffe aus den Naturwissenschaften in verschiedenen Sprachen dargestellt, und in der Schulbibliothek gibt es mittlerweile eine kleine, stetig wachsende internationale Abteilung. Veranstaltungen wie Lesenachmittage, zu denen auch Eltern eingeladen werden, Comic-Workshops oder Theaterprojekte finden häufig in mehreren Sprachen statt und spiegeln die kulturelle Vielfalt der Schule wider. Für die Schulgemeinschaft ist das Gütesiegel daher kein Abschluss, sondern vielmehr eine Bestätigung, diesen Weg konsequent weiterzugehen – als Schule, in der Sprachen Brücken bauen.

Waren es vor etwa zehn Jahren vorwiegend die Sprachen Türkisch und Englisch, die den Schulalltag begleiteten, hat sich die Sprachvielfalt enorm entwickelt. Heute feiert die Schule regelmäßig einen Tag der Sprachen, an dem die Schüler*innen unter Einbezug unterschiedlicher Jahrgänge sich spielerisch Fremdsprachen wie Englisch, Französisch, Italienisch und oder auch Latein nähern können. Doch auch Sprachen wie Japanisch, Georgisch oder Portugiesisch spielen im Klassengeschehen eine wichtige Rolle. „Allein eine Abfrage in einer 9. Klasse hat ergeben, dass die Schüler*innen gemeinsam über ein Sprachvermögen von über 20 unterschiedlichen Sprachen verfügen. Mit diesem Wissen wollen wir das Beste machen – wir wollen es allen Beteiligten zugänglich machen“, berichtet Leiterin Sylke Roschke, die mit ihrem Team bereits seit 2012 das Gymnasium auf Erfolgskurs gebracht hat.

Am Hermann-Hesse-Gymnasium ist es inzwischen selbstverständlich, dass die Kinder und Jugendlichen sprachlich tief in sich hineinhorchen, um zu erspüren, welche Sprache ihre einzelnen Körperteile „sprechen“ – Body-Language im Detail. Bei dieser Übung entstehen farbige Zeichnungen, die sichtbar machen, in welchen Sprachen die Schüler*innen – auch mit nur leichten Kenntnissen – vertraut sind und wo sie diese im Körper verorten. So kann es geschehen, dass sich die Beine „spanisch“ anfühlen, während Kopf und Bauch „kurdisch“ oder „türkisch“ klingen, der Oberkörper jedoch überwiegend „deutsch“. Ein anderes Kind spürt in sich vor allem „deutsch“, „englisch“ und „französisch“ – neben einem Hauch „bayerisch“. Diese »Körpersprachen« sind so individuell wie die tägliche Begegnung der Schüler*innen mit ihren vielfältigen Sprachen.

Mehrsprachigkeit in Poesie und Musik

Während der zweijährigen Pilotphase wurde in enger Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie die Sichtbarkeit der Mehrsprachigkeit im Schulalltag deutlich erhöht – etwa durch Beiträge auf der Homepage, bei Instagram und in der Schülerzeitung. Im Naturwissenschaftsunterricht erstellten die Schüler*innen zweisprachige Tiersteckbriefe. Auch im Schaukasten im Erdgeschoss und in den Klassenräumen war die Mehrsprachigkeit sichtbar: Dort hingen neben Plakaten mehrsprachige Operatorenlisten zum Mitlesen und Verwenden aus.

Operatoren sind sprachliche Handlungsanweisungen. Sie bestehen aus auffordernden Verben und dienen zur Orientierung für Aufgaben im Unterricht bzw. bei schriftlichen Arbeiten. Am Hermann-Hesse-Gymnasium sind die Operatoren im Studienzeitbuch, dem persönlichen Kalender zur Unterrichtsorganisation für die Lernenden enthalten.

Auch poetisch und musikalisch findet die Mehrsprachigkeit in den Projekten ihren Ausdruck: So entwickelten die Schüler Caner, Eymen und Hamza im Rahmen des Schulprogramms den Rap „Öffnet die Augen“, während einige Schülerinnen das Gedicht „Stufen“ des Namensgebers Hermann Hesse anlässlich des 70-jährigen Jubiläums des Gymnasiums im Sommer dieses Jahres mehrsprachig – auf Deutsch, Türkisch, Englisch und Spanisch – interpretierten. Neben mehrsprachigen Theaterprojekten gestalteten die Jugendlichen unter fachlicher Anleitung auch Comics, in denen sie ihre Botschaften gegen Rassismus sowohl bildlich als auch sprachlich vielfältig in Szene setzten.

Das Projektteam freut sich über den gemeinsamen Erfolg , der mit dieser Handteller großen Plakette besiegelt wurde

Das Projektteam freut sich über den gemeinsamen Erfolg , der mit dieser Handteller großen Plakette besiegelt wurde

Geschafft: Das Gütesiegel „Mehrsprachige Schule“ für das Hermann-Hesse-Gymnasium

Diese Beispiele zeigen in eindrucksvoller Weise, wie konsequent und kreativ das Thema Mehrsprachigkeit am Hermann-Hesse-Gymnasium umgesetzt wurde – ein Aspekt, den auch die Staatssekretärin für Bildung, Christina Henke, besonders hervorhob. Nach einem lebhaften Gespräch mit den beteiligten Schüler*innen und dem Projektteam der Schule verlieh sie feierlich das handtellergroße Gütesiegel „Mehrsprachige Schule“. Dabei sprach sie nicht nur großes Lob für die erfolgreiche Projektumsetzung aus, sondern auch Worte der Anerkennung und des Dankes.

Gemeinsam mit dem Projektteam versichert Schulleiterin Sylke Roschke: „Wir freuen uns sehr über diese Anerkennung und stehen darüber hinaus als Mentoren-Schule anderen Schulen zur Seite, die ebenfalls diesen Weg der Mehrsprachigkeit vorantreiben und gehen wollen.“

Weitere Informationen:

Hermann-Hesse-Gymnasium
Böckhstraße 16
10967 Berlin
Telefon (030) 6664 340 90
E-Mail: kontakt@hhg-kreuzberg.de
Website: www.hesse-kreuzberg.de