Suchthilfekoordination in Friedrichshain-Kreuzberg
Bild: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg
Im Bezirksticker zeigen wir inspirierende Projekte aus Friedrichshain-Kreuzberg, die ganz konkret zu den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (#SDGs) der UN beitragen. Denn: Global denken – lokal handeln beginnt genau hier bei uns im Kiez.“
Drogenkonsum und Begleiterscheinungen wie Verelendung und Obdachlosigkeit sind in großen Städten ein häufig zu beobachtendes Phänomen, das zu zahlreichen Konflikten im öffentlichen Raum führt. In Berlin sind neben der Polizei, die für Kriminalitätsbekämpfung zuständig ist, und der Senatsverwaltung, die das Thema Suchthilfe im Land Berlin zentral steuert und finanziert, auch die Bezirksämter hiermit befasst, die die Suchthilfe und Suchtprävention vor Ort koordinieren.
Romy Kistmacher arbeitet in der Planungs- und Koordinierungsstelle Gesundheit (QPK) des Bezirksamtes. Diese Organisationseinheit gibt es in allen Berliner Bezirken und ist neben dem Gesundheitsamt Teil des öffentlichen Gesundheitsdienstes in den Bezirken. In Friedrichshain-Kreuzberg agiert die QPK als Schnittstelle u. a. zwischen Politik, Verwaltung, freien Trägern, Versorgungseinrichtungen und Bürgerinnen und Bürgern. Als Suchthilfekoordinatorin plant und koordiniert sie alle suchthilferelevanten Themen und Angebote in Friedrichshain-Kreuzberg. Auch die Suchtprävention fällt in ihr Aufgabengebiet.
Erfahrungen in der Suchthilfe auch aus anderen Ländern
Die Koordinatorin Romy Kistmacher ist Diplom Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin. Seit Dezember 2019 arbeitet sie im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Vorher war sie in Friedrichshain-Kreuzberg als Sozialarbeiterin tätig und kennt daher die Suchthilfelandschaft und die Herausforderungen im Bezirk sehr gut. Nach dem Studium an der Fachhochschule Potsdam arbeitete sie zwölf Jahre lang in Barcelona für das Rote Kreuz. Als Sozialarbeiterin war sie dort in einer Kontaktstelle mit Drogenkonsumraum tätig und kann daher das spanische System gut mit dem deutschen Suchthilfesystem vergleichen. „Dort sind viele Sachen einfacher und pragmatischer, wenn es um die Umsetzung geht.“
Insbesondere die Region Katalonien sei Vorreiterin, wenn es um akzeptierende Suchthilfe geht. „Dort werden viele Dinge umgesetzt, die es im Rest von Spanien nicht gibt“, weiß Romy Kistmacher. „Sie haben beispielsweise 24/7-Einrichtungen, um speziell drogenkonsumierende Menschen unterzubringen.“ Auch in Berlin gibt es ähnliche Einrichtungen, beispielsweise die Ohlauer365, wo obdachlose und von Suchterkrankungen betroffene Menschen ganzjährig ein Notübernachtungsangebot erhalten. Aber eben nur nachts, und nicht wie in Barcelona rund um die Uhr.
„Die Menschen stabilisieren sich einfach viel besser, wenn sie einen Ort haben, wo sie permanent sein können und in ihrem Rhythmus entscheiden können, ob sie bereit für eine Behandlung oder Therapie sind.“ In Barcelona wurden diese Angebote, nachdem sie in der Corona-Pandemie mit EU-Mitteln geschaffen wurden, verstetigt und erhalten eine Regelfinanzierung. In Friedrichshain-Kreuzberg gibt es derzeit die einzige verbliebene Einrichtung Berlins, die 24 Stunden und sieben Tage die Woche nur für obdachlose Frauen geöffnet hat. Hierzulande seien die Zuständigkeiten oft nicht geklärt. „In Barcelona ist die Verzahnung von Gesundheit und Soziales wesentlich besser“, berichtet Romy Kistmacher. Auch heute steht sie immer mal wieder im Austausch mit anderen europäischen Städten wie Zürich, um Best-Practice-Beispiele zu sammeln und in Friedrichshain-Kreuzberg umzusetzen. „Wir schauen, was gibt es in anderen Städten, was es hier noch nicht gibt.“
Suchthilfe im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg
In Berlin gibt es fünf stationäre Konsumräume und drei Konsummobile. Zwei dieser Konsumräume befinden sich in Kreuzberg und ein Konsummobil ist im Görlitzer Park unterwegs. „Deren Öffnungszeiten entsprechen nicht den Bedarfen. Die Mitarbeitenden dort arbeiten aber schon am Limit ihrer Kapazitäten. Da sind andere Städte weiter.“
Romy Kistmacher setzt sich in Abstimmung mit ihrem Team bei der zuständigen Senatsverwaltung für Gesundheit dafür ein, dass die Ressourcen im Bezirk bedarfsgerecht verteilt werden. „Das müsste natürlich mehr sein“, konstatiert Kistmacher. Seit Jahren seien die psychosozialen Beratungsangebote im Bezirk nicht ausreichend finanziert und können den Bedarf nicht decken. „Mit dem aktuellen durch den Senat gedeckelten Finanzierungsmodell können die gestiegenen Kosten nicht gegenfinanziert werden, was in einer Einschränkung des Angebots mündet.“ Das Angebot müsse dringend ausgebaut werden, teilweise könne den gesetzlich festgelegten Aufgaben nicht entsprochen werden, da dafür die Mittel vom Land fehlen, so Kistmacher.
Mehr Sicherheit durch Entkriminalisierung
Romy Kistmacher würde sich für eine Entkriminalisierung vieler Drogen aussprechen. Durch eine kontrollierte Abgabe könnte aus ihrer Sicht Beschaffungskriminalität wirkungsvoll bekämpft und sichergestellt werden, dass der Stoff, den die Menschen konsumieren, keine lebensgefährlichen Verunreinigungen und Beimischungen enthalte. Um das zu vermeiden, gibt es in Berlin seit 2023 Einrichtungen, die Drug-Checking anbieten und Stoffe auf Reinheitsgehalt und Verunreinigungen testen können. Drug-Checking wird vornehmlich im Bereich der Partydrogen angeboten. Die Suchthilfekoordinatorin würde sich wünschen, dass auch in den Konsumräumen ein regelhaftes Drug-Checking eingerichtet werden könnte, um Überdosierungen und medizinischen Komplikationen vorzubeugen. Auch in Sachen Aufklärung würde sich Romy Kistmacher eine Veränderung wünschen. „Das passiert noch nicht in ausreichender Form, weil Drogenkonsum in der Gesellschaft immer noch sehr stigmatisiert ist und man nicht offen drüber sprechen kann“.
In Friedrichshain-Kreuzberg und anderen Innenstadtbezirken ist Drogenkonsum im öffentlichen Raum und dessen Begleiterscheinungen wie Obdachlosigkeit ein seit der Corona-Pandemie zunehmendes Problem. Romy Kistmacher führt das auf die Tatsache zurück, dass Suchthilfeeinrichtungen während der Pandemie nur eingeschränkt öffnen konnten, und die betroffenen Menschen vermehrt den öffentlichen Raum nutzen mussten und dann dortgeblieben sind. Der Konsum von Kokain, insbesondere von Crack, ist seit der Pandemie stark gestiegen, was mit der Verfügbarkeit zusammenhängt. „Wir werden überschwemmt von Kokain aus Südamerika. Das ist in der Masse, wie wir es jetzt sehen, neu.“. Eine Fentanyl-Problematik, wie sie in Nordamerika existiert, könne hier noch nicht beobachtet werden. Es gebe zwar mehr junge Menschen, die Opiat-Medikamente konsumieren, aber die Zahl der Konsument*innen insgesamt sei stabil. „Viele junge Menschen wissen nicht, was sie da konsumieren, weil z.B. opiathaltige Medikamente wie Tilidin oder Tramadol in der Rap-Musik-Szene verharmlost oder verherrlicht werden.“
Vernetzung in der Berliner Suchthilfelandschaft
„Wir arbeiten, anders als das Gesundheitsamt, eher auf einer strukturellen übergeordneten Ebene. Ich habe z.B. keine „Sprechstunden“, bin aber bei Bedarf für alle Menschen erreichbar.“ Sie erfüllt als Suchthilfekoordinatorin und Suchtpräventionsbeauftragte eine wichtige Informations- und Verweisfunktion. „Wenn Menschen bei mir anrufen oder mich per Mail kontaktieren und wissen wollen, wohin sie sich bei eigenen Suchtproblemen oder Problemen im Familien- und Bekanntenkreis wenden können, ist meine Aufgabe zu informieren, welche Angebote es in unserem Bezirk gibt“. Zu ihren vielfältigen Aufgaben gehört aber auch sicherzustellen, dass die Suchthilfeangebote im Bezirk ausreichend vorhanden sind und diese gut untereinander vernetzt sind. „Das ist viel Büroarbeit. Doch häufig bin ich auch in Außenterminen, bei Netzwerkrunden, bei Gremien oder bei Treffen mit den Trägern unterwegs“. Die Beratungsangebote in Friedrichshain-Kreuzberg werden von freien Trägern umgesetzt. Für die Alkohol- und Medikamentenberatungsstellen sind die Bezirke zuständig, für illegalisierte Substanzen und nichtstoffliche Konsumstörungen das Land Berlin. In der Drogenberatungsstelle Misfit in Kreuzberg werden aktuell am häufigsten Beratungen von Menschen nachgefragt, die Cannabis konsumieren, gefolgt von Kokain-Konsument*innen. Neben den Angeboten für stoffgebundene Abhängigkeitserkrankungen gibt es im Bezirk auch eine Beratungsstelle für Menschen die an Verhaltenssucht, beispielsweise Spiel-, Internet oder Pornosucht erkrankt sind. Seit neuestem wird durch die Suchtberatung Friedrichshain auch digitale Beratung angeboten, bei denen Betroffene oder Angehörige im Chat oder per Videotelefon Hilfe erhalten können. Viele Angebote im Bezirk sind barrierefrei erreichbar und dank der Sprachkompetenz in den Teams der Träger, können Beratungen in zahlreichen Sprachen angeboten werden. „Wir achten schon bei der Ausschreibung darauf, dass wir dem Bedarf im Bezirk gerecht werden“.
Frau Kistmacher arbeitet eng mit den Kolleg*innen der anderen Bereiche des Bezirksamtes zusammen, beispielsweise mit dem Quartiersmanagement oder der sozialräumlichen Planungskoordination. Besonders in Quartiersmanagementgebieten leben Menschen, die sozial schwächer gestellt sind. „Hier ergibt eine Zusammenarbeit mit dem Fachbereich total Sinn“. Ziel der Zusammenarbeit ist es, einen guten Zugang zu den Gesundheitsangeboten im Bezirk zu gewährleisten. Eine enge Zusammenarbeit besteht auch mit dem Straßen- und Grünflächenamt, wenn es um Themen wie Drogenkonsum im öffentlichen Raum oder Nutzungskonflikte geht. Auch mit dem Amt für Soziales arbeitet Romy Kistmacher zusammen, wenn es um Themen wie Obdachlosigkeit geht. „Oftmals geht das Hand in Hand, Drogenkonsum und Obdachlosigkeit.“
Als Beispiel für eine ämterübergreifende Zusammenarbeit nennt Romy Kistmacher die monatliche Praktiker*innenrunde Görlitzer Park, in der viele Fachbereiche oder Ämter wie das Ordnungsamt, das Parkmanagement und der sozialpsychiatrische Dienst gemeinsam mit den Trägern vor Ort Problemlösungen finden. Eine ähnliche Struktur gibt es auch für den sehr belasteten Sozialraum Kottbusser Tor. „Da geht es auch konkret um die Probleme vor Ort, was ist das Hauptproblem? Und wie können wir daran arbeiten?“.
Alle zwei Monate trifft sich im Bezirk die AG Sucht. Bei dem Netzwerktreffen kommen verschiedenste Menschen zusammen, die in dem Bereich arbeiten oder selbst betroffen sind. Das Treffen ist immer sehr gut besucht, weil sich viele engagierte Menschen einbringen. „Das funktioniert bei uns im Bezirk richtig gut und macht Spaß“, freut sich Romy Kistmacher.
Problem: Konsum im öffentlichen Raum
Ein häufiges Problem im Öffentlichen Raum sind unachtsam entsorgte Konsummaterialien wie Spritzen. Um dem entgegen zu wirken wurden im Bezirk an derzeit 18 Orten Spritzenabwurfbehälter aufgestellt, in denen benutzte Spritzen sicher entsorgt werden können. Zudem gibt es das sogenannte „Peer-Projekt , bei dem selbst von Sucht betroffene Menschen an belasteten Orten in Kreuzberg gebrauchte Konsummaterialien einsammeln und entsorgen. „Solche Projekte müssen wir verstetigen. Das muss auch auf Landesebene deutlich gemacht werden.“
Gemeinsam mit ihrer Kollegin von der Psychiatriekoordination und den Trägern der psychosozialen Versorgung im Bezirk organisiert Romy Kistmacher in diesem Jahr die 10. „Sozialympia“, ein inklusives Sportfest, das am 25. Juli auf dem Sportplatz in der Lobeckstraße stattfindet. Beim „Fit für die Straße“ geht es im Juli um Verkehrssicherheit und Suchtprävention für Schüler*innen der 10. Klassen. Gemeinsam mit dem Carlsen-Verlag, Trägern der Sucht-und Obdachlosenhilfe und Kolleg*innen aus anderen Fachbereichen wie dem Jugendamt hat Romy Kistmacher ein Aufklärungsbuch für Kinder zum Thema Sucht und Obdachlosigkeit im öffentlichen Raum entworfen, das in diesem Jahr erscheinen wird. Die Idee dazu wurde von einer Anwohnerin und Mutter aus dem Wrangelkiez im Runden Tisch Görlitzer Park eingebracht.
An ihrer Arbeit schätzt Kistmacher die Zusammenarbeit mit ihrem Team und den regelmäßigen Kontakt zu verschiedensten Akteuren. „Das ist nicht immer Problemzentriert, sondern auch Lösungsorientiert.“ Sie motiviert, dass sie in ihrem Job einiges bewegen kann. „Auch, wenn es teilweise etwas länger dauert und die Mühlen der Verwaltung langsam mahlen“. Die notwendige Geduld musste sie sich erst anlernen. Auch die Einstellungen innerhalb der Bevölkerung in Friedrichshain-Kreuzberg nimmt Romy Kistmacher als sehr wohlwollend wahr. „Viele Menschen sprechen sich dafür aus, den von Drogensucht betroffenen Menschen zu helfen – auch wenn das nicht immer einfach ist.“ Es gäbe viele Menschen, die sich gegen Verdrängung und Repressionen aussprechen und für mehr soziale Angebote plädierten, resümiert Kistmacher.
Beitrag zum SDG 2 – Kein Hunger: Vorstellung des LebensMittelPunktes