Fachtag „Stark gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen

Micha Klapp, Jamile Silva de Silva, Clara Herrmann

Micha Klapp, Staatsekretärin für Arbeit und Gleichstellung SenASGIVA, Jamile da Silva e Silva, Gleichstellungsbeauftragte BA- Friedrichshain-Kreuzberg, und Clara Herrmann, Bezirksbürgermeisterin.

Der 25. November ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Seit 1981 wird dieser Gedenk- und Aktionstag zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt an Frauen und Mädchen jährlich weltweit begangen.

In Friedrichshain-Kreuzberg fand am 26. November ein Fachtag im Rahmen des Runden Tisches „Stark gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ unter der Leitung und Organisation der Gleichstellungsbeauftragte des Bezirksamts statt. Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung kamen im Nachbarschaftshaus der Urbanstraße zusammen, um über zentrale Themen der Gewaltprävention und -intervention zu sprechen, Impulse für die bezirkliche Zusammenarbeit zu setzen und den Austausch zwischen den verschiedenen Fachakteur*innen zu stärken.

Workshop Teilnehmende

Gewalt gegen Frauen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Die Gleichstellungsbeauftragte des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg Jamile da Silva e Silva betonte in ihrer Begrüßung, dass Gewalt gegen Frauen eine der dringendsten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit ist. Sie wirke sich nicht nur auf die direkten Betroffenen aus, sondern auf die gesamte Gesellschaft. „Deshalb ist es unsere gemeinsame Aufgabe, hinzusehen, zuzuhören und aktiv zu handeln. Mit diesem Fachtag schaffen wir einen Raum für Austausch, Wissen und Vernetzung. Wir wollen gemeinsam Strategien entwickeln, wie wir Frauen und Kinder besser schützen, Betroffene stärken und Gewalt konsequent entgegentreten können.“

Auch Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann und die Staatssekretärin für Arbeit und Gleichstellung Micha Klapp betonten die Bedeutung des Runden Tisches und des Fachtags als wichtigen Schritt im Kampf gegen Gewalt an Frauen und Mädchen im Bezirk und dankten den beteiligten Akteur*innen für ihr großes Engagement. Anschließend begann der Fachtag mit einer Einführung in das Thema und Einblicke in die Istanbul-Konvention und die Anforderungen des Landesaktionsplans zur Umsetzung der Konvention auf bezirklicher Eben. Es folgten fachliche Inputs, unter anderem aus juristischer Perspektive von Richter*innen am Amtsgericht Kreuzberg zum Thema Gewaltschutz sowie aus gesundheitlicher Perspektive vom bezirklichen Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung zum Thema „gesundheitlicher Versorgung nach häuslicher und sexualisierter Gewalt“.

Nach der Mittagspause konnten die Teilnehmenden sich in verschiedenen Workshops mit unterschiedlichen Themen vertieft auseinandersetzen, darunter „Zwangsverheiratung“, „Kinder als Mitbetroffene“, „Gewalt gegen Frauen mit Behinderung“, „Intersektionale Gewaltformen“ und „Sexualisierte Gewalt aus Betroffenenperspektive“.

Workshop Teilnehmende

Intersektionale Perspektiven

In allen Workshops wurde die zentrale Bedeutung einer intersektionalen Perspektive betont. „Je marginalisierter die Person und je hierarchischer das Verhältnis zwischen den Personen ist, desto größer ist auch das Risiko sexualisierter Gewalt“, erklärte Simone Heilmann, von LARA e.V. – Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Frauen*. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen ist etwa zwei- bis dreimal so häufig wie gegen andere Frauen. Vor diesem Hintergrund diskutierten die Teilnehmenden im Workshop der bezirklichen Behindertenbeauftragten die Notwendigkeit inklusiver Beratungsangebote: Es brauche Materialien in leichter Sprache und Formate in Gebärdensprache, der Zugang zu den bestehenden Beratungsangeboten müsse für alle gleich sein. Auch Kiezteams bestehend aus Fachleuten, die in der Nachbarschaft bekannt sind, könnten in diesem Kontext von Hilfe sein. „Es geht darum, eine Vertrauensbasis für die Betroffenen zu schaffen“, betont die Behindertenbeauftrage von Friedrichshain-Kreuzberg, Ulrike Ehrlichmann.

„Welche Bedingungen brauche ich selbst, um jemandem ein großes Geheimnis anzuvertrauen?“ Diese Frage war Ausgangspunkt des von Lara e.V. angebotenen Workshops zu „Sexualisierter Gewalt aus Betroffenenperspektive“. Die Teilnehmenden tauschten sich darüber aus, wie man möglichst ideale Voraussetzungen dafür schaffen kann, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt sich jemandem anvertrauen. Ein großes Problem sei nicht nur, dass es zu wenig Anlaufstellen und Beratungsangebote gebe, auch der gesellschaftliche Diskurs und das Justizsystem seien mitverantwortlich dafür, dass so viele Betroffene nie über ihre Erfahrungen sprechen, erklärt die Workshopleiterin Simone Heilmann. Die Gerichtsprozesse sind oft retraumatisierend und nur ca. 10 Prozent aller Betroffenen zeigen die Tat überhaupt an, davon führen wiederum nur ca. 9 Prozent zu einer Verurteilung der Täter*innen.

Viele der bestehenden Angebote seien außerdem nach wie vor oft in sehr binären und heteronormativen Strukturen verankert, die Gewalt in queeren Beziehungen und Communities werde oft vernachlässigt. „Auch dafür braucht es Beratungsangebote und Gesprächsräume“, betont Charlotte Kaiser, von L-SUPPORT – lesbisch*-queeres Anti-Gewalt-Projekt. In ihrem Workshop zu intersektionalen Gewaltform sprach sie mit den Teilnehmenden vor allem über das Problem der Community-Gewalt, der Gewalt von innen also, die oft dazu führe, dass Individuen sich in ihren eigenen Communities, im eigentlichen Safe Space, nicht länger sicher fühlen.

Workshop Teilnehmende

Männergewalt sollte auch ein Männerthema sein

Ayse Köse Kücük von Elişi Evi e.V. und Aliye Er von der TIO – Beratungsstelle für Migrantinnen informierten in ihrem Workshop über das Thema der Zwangsverheiratung. „Das Gewaltpotential hat in den letzten Jahren noch einmal deutlich zugenommen“, berichtete Ayse Köse Kücük aus ihrem Beratungsalltag. Die Teilnehmenden tauschten sich über konkrete Strategien und Handlungsempfehlungen aus. Eine besondere Herausforderung in diesem Kontext sei vor allem eine diskriminierungssensible Vermittlung und Beratung, da es sich oft um Menschen mit unterschiedlicher kultureller Sozialisierung handle.

Im Workshop von BORA e.V. – Schutz | Beratung | Prävention für gewaltbetroffene Frauen* und ihre Kinder wurde thematisiert, warum häusliche Gewalt stets auch ein Kinderthema ist. Die Teilnehmenden tauschten sich darüber aus, wie man Verdachtsmomente erkennen und gut mit Kindern ins Gespräch kommen kann. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass in jedem deutschen Klassenzimmer zwei Kinder von sexualisierter Gewalt betroffen sind. „Wir müssen diese Fälle ernstnehmen, reagieren und handeln“, betont Workshopleiterin Alicia Körniger von BORA e.V.

In der Abschlussdiskussion sprachen die Teilnehmenden über die auffallend geringe Männerquote unter den Besucher*innen des Fachtags. „Das ist die Entspanntheit des Privilegs“, meint einer der wenigen männlichen Teilnehmer, der HeForShe-Botschafter ist und sich bei der Beratungsstelle für Männer – gegen Gewalt engagiert. „Leider beschäftigen sich nach wie vor hauptsächlich Betroffene mit dem Thema. Dabei sollte Männergewalt auch ein Männerthema sein!“ Alle Teilnehmenden sind sich einig, dass der Fachtag viele wichtige Impulse und Vernetzungsmöglichkeiten geboten hat. Gerade in Zeiten von Kürzungen sei es wichtiger denn je, sich auszutauschen, sich zu vernetzen und Allianzen zu bilden.