Stadt für alle: Wie Elisa Mattioli Lattanzi Straßenräume sicherer und lebenswerter für den Fußverkehr gestaltet

Elisa Mattioli Lattanzi arbeitet als eine von zwei Fußverkehrsplanerinnen im Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg

Elisa Mattioli Lattanzi arbeitet als eine von zwei Fußverkehrsplanerinnen im Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg

Zwischen grauen Asphaltflächen, parkenden Autos und Baustellen sorgt Elisa Mattioli Lattanzi dafür, dass in Friedrichshain-Kreuzberg niemand übersehen wird – vor allem die nicht, die zu Fuß unterwegs sind. Die 31-jährige Stadtplanerin arbeitet als eine von zwei Fußverkehrsplanerinnen im Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks und hat eine klare Mission: den öffentlichen Raum gerechter und sicherer gestalten. Das Berliner Mobilitätsgesetz bildet die Grundlage ihrer Arbeit und stellt die Bedürfnisse der schwächsten Verkehrsteilnehmer*innen in den Mittelpunkt – Kinder, ältere Menschen und alle mit eingeschränkter Mobilität.

„Ich lebe seit 2014 hier in Berlin. Nach meinem Studium der Architektur, machte ich meinen Master in ‚City Planning / Transport‘ im schottischen Glasgow.“ Seitdem hat sich Elisa Mattioli Lattanzi ganz der Planung sicherer und lebenswerter Wege verschrieben. Zunächst in einem Vermessungsbüro in der Projektentwicklung. Der Wechsel von der klassischen Bauprojektentwicklung zur kommunalen Fußverkehrsplanung war für sie mehr als nur ein beruflicher Schritt – es war eine bewusste Entscheidung für gesellschaftliche Verantwortung. Heute analysiert sie Kreuzungen, Schulwege und Gehbereiche, spricht mit Anwohner*innen und Schulen und sucht nach Lösungen, die den Alltag vieler Menschen spürbar verbessern.

Elisa Mattioli Lattanzi in der neu eingerichteten Schulzone in der Friedrichshainer Scharnweberstraße

Elisa Mattioli Lattanzi in der neu eingerichteten Schulzone in der Friedrichshainer Scharnweberstraße

Die Schulwegsicherheit liegt ihr besonders am Herzen

Die sichere, barrierefreie und attraktive Gestaltung des öffentlichen Raums, um individuelle Mobilität zu fördern und den sogenannten Umweltverbund (ÖPNV, Rad- und Fußverkehr) als Alternative zum Autoverkehr zu stärken, sei eine große Herausforderung, die alle Bezirke betreffe und die Stadt in Bewegung halte. „So spezifisch die Planung des Fußverkehrs, insbesondere unter den Gesichtspunkten der Schulwegsicherheit, auch sein mag – gibt es immer Raum für Innovation, und neue Ideen.“ Auch sei jeder Standort anders, was die Arbeit noch interessanter mache.

Für Elisa Mattioli Lattanzi bedeutet Fußverkehrsplanung weit mehr, als nur Gehwege zu breiter zu machen oder Zebrastreifen zu markieren. Ihr Ansatz ist, den öffentlichen Raum neu zu denken – aus Sicht derjenigen, die ihn tagtäglich nutzen. Sie betrachtet die Stadt als lebendiges Gefüge, in dem Wege nicht nur Verbindungen darstellen, sondern auch als Begegnungsräume dienen. Ihr Ziel ist es, Nachbarschaften im Maßstab des Menschen zu schaffen und soziale Räume in Zusammenarbeit mit den lokalen Communities zu ko-kreieren, um Barrieren abzubauen, statt einfach neue Verkehrsflächen zu schaffen.

Besonders die Arbeit zugunsten der Schulwegsicherheit liegt ihr am Herzen. „Wenn Kinder sicher und selbstständig zur Schule gehen können, profitieren davon alle – Eltern, Schulen und letztlich das ganze Viertel“, sagt sie. In Zusammenarbeit mit Anwohner*innen, Schulen und engagierten Eltern entstehen so Konzepte, die (die) Sicherheit und Eigenständigkeit der Jüngsten fördern. Regelmäßige Begehungen und Workshops helfen, die tatsächlichen Bedürfnisse aller Beteiligten sichtbar zu machen und passende Lösungen zu entwickeln.

In Zusammenarbeit mit Anwohner*innen, Schulen und engagierten Eltern entstehen Konzepte, von denen alle profitieren können

In Zusammenarbeit mit Anwohner*innen, Schulen und engagierten Eltern entstehen Konzepte, von denen alle profitieren können

Herausforderungen gibt es viele – enge Straßenräume, begrenzte Budgets, konkurrierende Interessen

Herausforderungen gibt es viele – enge Straßenräume, begrenzte Budgets, konkurrierende Interessen. Doch die gebürtige Italienerin sieht genau darin den Reiz ihrer Arbeit. Eine gute Planung, sagt sie, vereine fachliche Präzision mit einer großen Portion Fingerspitzengefühl. „Wenn sich am Ende Menschen wohler, sicherer und freier auf ihren Wegen bewegen, dann zeigt sich, dass die Stadtplanung tatsächlich im Alltag ankommt.“

Engagement und Fachwissen ergänzen sich hier ideal, was sich in vielen Projekten des Bezirks zeigt: „Kleine Eingriffe wie Poller, Sitzgelegenheiten oder Begrünungen können die Aufenthaltsqualität deutlich steigern. Das führt dazu, dass viele Augen auf der Straße sind, wie Jane Jacobs es beschreibt. Ihre Idee von ‚Eyes on the Street‘ verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass der öffentliche Raum lebendig ist und Menschen regelmäßig präsent sind. Diese Präsenz steigert das Sicherheitsgefühl, besonders an Orten, die sonst oft dunkel und leer wirken.“ Jeder Schritt auf sicherem Boden sei auch ein Schritt zu einer gerechteren Stadt. „Die Jüngsten schützen wir zum Beispiel in speziellen Schulzonen. Dort geben wir ihnen den notwendigen Raum, den sie brauchen. So haben wir beispielsweise in der Schulzone Scharnweberstraße in Friedrichshain eine Umgebung geschaffen, in der sich alle Menschen sicher und willkommen fühlen können. Was wir heute tun, wird für kommende Generationen von Bedeutung sein.“

In Friedrichshain-Kreuzberg werden derzeit mehrere dieser Schulzonen erprobt. Dort wird der Verkehr reduziert, und temporäre oder dauerhafte Sperrungen für den Kfz-Verkehr eingerichtet, damit Kinder ihren Schulweg sicher und eigenständig bewältigen können. Begleitend werden Straßenbemalungen, Beschilderungen und bewusst gestaltete Aufenthaltsbereiche geschaffen, die zeigen, dass dieser Raum zuerst den Kindern gehört. Wo Interesse besteht, werden lokale Communities und Schulklassen in die Gestaltung einbezogen, sei es bei der Bemalung von Elementen oder der Bepflanzung von Kübeln und entsiegelten Flächen. Für die Fußverkehrsplanerin sind diese Projekte gelebte Stadtentwicklung – sichtbar, nachvollziehbar und getragen von der Gemeinschaft.

Mit Straßenbemalungen, Beschilderungen und gemeinsamen Pflanzaktionen werden bewusst gestaltete Aufenthaltsbereiche geschaffen

Mit Straßenbemalungen, Beschilderungen und gemeinsamen Pflanzaktionen werden bewusst gestaltete Aufenthaltsbereiche geschaffen

Schritt für Schritt unsere Stadt lebenswerter machen

Für Elisa Mattioli Lattanzi ist die Erweiterung des Mobilitätsgesetzes um den Fußverkehr ein starkes Signal, dass Berlin den Fußverkehr endlich gleichberechtigt denkt.

Sie sieht darin nicht nur eine gesetzliche Grundlage, sondern einen Auftrag, eine große Stadt wie Berlin menschlicher zu gestalten.

„Jede Maßnahme, die den Verkehr sicherer macht, bringt uns einer Stadt näher, in der sich alle selbstbestimmt bewegen können“, sagt sie.

Der Weg dahin bleibt herausfordernd – doch für sie und viele andere Stadtplaner*innen ist genau das der Antrieb, unsere Stadt Schritt für Schritt lebenswerter zu machen.