Vorstellung der Schreibabyambulanz

Alexandra Tuxhorn-Eichler

Im zweiten Stock des RuDi-Nachbarschaftshauses am Friedrichshainer Rudolfplatz findet sich ein heller gemütlicher Raum, an deren Eingang Gäste die Schuhe ausziehen sollten. Denn hier auf dem Dielenboden sind krabbelnde Babys und am Boden spielende Kleinkinder unterwegs. Hier führt Alexandra Tuxhorn-Eichler die Schreibabyambulanz Friedrichshain.

Der Name der Beratungsstelle ist ein wenig irreführend. Denn dort werden nicht nur Familien mit so genannten Schreibabys beraten, sondern alle Eltern mit Kindern bis zu drei Jahren. Hier kann es um jegliche Fragen und Herausforderungen rund um das Thema Baby, Erziehung und Elternrolle haben. Alexandra Tuxhorn-Eichler ist Diplom-Pädagogin. Sie hat Erziehungswissenschaft und Heilpädagogik studiert. Außerdem ist sie als Paartherapeutin und systemischer Coach ausgebildet. Ergänzend hat sie eine Ausbildung zur Krisenbegleiterin abgeschlossen.

Die Schreibabyambulanz gehört zu den frühen Hilfen und ist ein kostenloses Beratungsangebot, das allen Friedrichshain-Kreuzberger Eltern offensteht. Die Schreibabyambulanz ist für Eltern eine zentrale Anlaufstelle, an die sie sich wenden können – mit Fragestellungen jeder Art. Das kann neben einem Schreibaby auch eine traumatische Geburt sein, aber auch Probleme mit dem Schlaf oder der Fütterung. Alexandra Tuxhorn-Eichler ist seit drei Jahren Teil der Schreibabyambulanz. Damals kam die Mutter von drei Kindern mit ihrer Familie von Nordrhein-Westfalen nach Berlin.

weinendes Baby

Insgesamt vier Beratungsstellen im Bezirk

Die Beratungsstelle ist gut vernetzt und Teil des Arbeitskreises rund um die Geburt, in dem zudem die lokalen Hebammen, Leiterinnen der Familienzentren im Bezirk und andere Expertinnen sitzen. Auch der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, dessen Mitarbeiterinnen junge Eltern in den Wochen nach der Geburt zu Hause besuchen, verweisen bei Bedarf an das Angebot. Kinderarztpraxen kennen die Schreibabyambulanz ebenfalls und empfehlen sie Eltern, die bei den Untersuchungen der Kinder mit Herausforderungen zu ihnen kommen. Zudem erfahren Eltern über das Internet oder von Mund-zu-Mundpropaganda von diesem Angebot. Finanziert wird die Beratungsstelle aus Senatsmitteln, Stiftungsgeldern und Spenden, da die öffentliche Förderung nicht auskömmlich ist.

Die Schreibbabyambulanz gibt es in Friedrichshain-Kreuzberg seit 21 Jahren in Trägerschaft des Nachbarschaftshauses Urbanstraße e.V. Es gibt je zwei Beratungsstellen pro Ortsteil. Insgesamt arbeiten drei Kolleginnen in der Schreibabyambulanz im Bezirk.

„Das Angebot wird wahnsinnig gut angenommen“, beschreibt Alexandra Tuxhorn-Eichler. Vier Tage die Woche führt sie die Beratungen im Kultur- und Nachbarschaftszentrum RuDi durch. Dienstags ist sie für Gespräche im Familienzentrum Menschenskinder. Alle Gespräche finden nach Vereinbarung statt. Etwa 70 Familien berät Alexandra Tuxhorn-Eichler pro Jahr – in deutscher, aber vielfach auch in englischer Sprache. Eine Sprachmittlung benötigt sie nie. „Die Paare, die zu mir kommen, sprechen entweder Deutsch oder sehr gut Englisch.“ Jede Beratungseinheit dauert 90 Minuten. Eine Familie kann insgesamt bis zu zehn Beratungseinheiten in Anspruch nehmen. Wenn mehr Bedarf besteht, können sich die Klient*innen auch nochmal melden und bekommen schnell einen weiteren Termin.

Stillen

Fragen zu Babyschlaf oder Schwierigkeiten beim Stillen

Bis zu 400 Beratungseinheiten finden im Jahr in der Friedrichshainer Schreibabyambulanz statt. Die Gespräche fußen auf zwei Säulen – der Beratung, in der beispielsweise der Babyschlaf erklärt wird einerseits und der körperorientierten Arbeit andererseits. „Für die Eltern ist es eine entscheidende Kompetenz, ihre Kinder besser zu verstehen und deren Zeichen richtig zu deuten.“ Für viele Paare, die in die Schreibabyambulanz kommen, ist es das erste Kind. Zudem fehlten Vorerfahrungen durch jüngere Geschwister oder Säuglinge im nahen Umfeld. „Die Beratungen können eine wichtige Stütze für die Familien sein.“

Zur körperorientieren Arbeit gehören sanfte Übungen und Massagen – auch für die Babys. „Das Ziel ist es, Stress rauszunehmen und Ruhe reinzubringen. Denn Kinder regulieren sich über ihre Eltern. Wenn die Eltern auch gestresst sind, kippt das Gleichgewicht in der Familie.“ Gemeinsam mit den Klient*innen schaut die Diplom-Pädagogin, wo gegebenenfalls noch Ressourcen zur Unterstützung sind, entweder im eigenen Umfeld oder über andere Angebote. Beispielsweise können Familien mit Säuglingen einige Wochen lang über die Krankenkasse eine Mütterpflegerin in Anspruch nehmen.

Der Schlaf von Babys und Kleinkindern sei ein großes Thema, ebenso wie Schwierigkeiten beim Stillen oder Füttern. Auch traumatische Geburtserfahrungen, unter denen die die Mütter leiden, spielten immer wieder eine Rolle, etwa, wenn Mütter ungeplant einen Kaiserschnitt hatten. Besonders schwierig waren die Geburten für Eltern in der Zeit der strikten Regeln während der Corona-Pandemie. Damals mussten die Mütter teilweise ohne Partner*in gebären oder konnten diese während des Krankenhausaufenthalts nur selten sehen. Hinzu kommen Mütter mit postpartalen Depressionen. Sobald Alexandra Tuxhorn-Eichler eine solche vermutet, unterstützt sie die Frau bei der Suche nach einer Therapiemöglichkeit, da sie selbst keine Psychotherapeutin ist.

In den Beratungen werden auch Partnerschaftsprobleme thematisiert. Einige Paare stünden bei der Veränderung vom Liebespaar zum Elternpaar vor Herausforderungen. Wenn sich in den Gesprächen herauskristallisiert, dass es in der Partnerschaft zu häuslicher Gewalt kommt, wird sie ebenfalls aktiv und sucht, sofern nötig, einen Platz im Frauenhaus.

Vater mit Buggy

Vereinzelung und Erschöpfung der Eltern

„Persönlich fällt mir in den Beratungen die massive Erschöpfung der Paare auf, die zu uns kommen.“ Das liege sicher auch daran, dass die meisten Familien in Friedrichshain hier in Berlin selbst keine Verwandtschaft hätten, die sie im Alltag unterstützen könnte. Alexandra Tuxhorn-Eichler nimmt eine extreme Vereinzelung wahr. Manche der Paare, die zu ihr kommen, seien „Expats“ oder „Digital Nomads“, die einige Jahre in Berlin wohnen und dann in eine andere europäische Metropole weiterziehen. „Sie haben hier weder Verwandte, noch ein Netz an Freunden und Bekannten, weil sie nicht lange hier in der Stadt bleiben.“

Ins Auge falle auch, dass Eltern, die auf eine stark bindungsorientierte Erziehung setzen und einen hohen Anspruch an sich haben, besonders anfällig für Überforderung und Erschöpfung seien, besonders wenn kein soziales Netzwerk in der Stadt existiere und niemand die jungen Eltern gelegentlich entlaste. „Da ist dann eine große Erschöpfung in den Familien, vor allem bei den Müttern, die sich selbst sagen, sie seien nicht gut genug. Das führt dann wiederum häufig zu Partnerschaftsproblemen.“

Für viele der Klient*innen ist es das erste Kind. Häufig haben die frisch gebackenen Eltern vorher keinerlei Kontakt zu Säuglingen gehabt – weder in ihrer eigenen Familie noch im Freundes- und Bekanntenkreis. „Die Eltern haben unheimlich viele Fragezeichen und kennen sich schlichtweg nicht mit Babys aus.“ Aufgrund fehlender Erfahrungen deuteten die Eltern daher Zeichen ihres Babys falsch. Statt einem müden Baby sanft in den Schlaf zu helfen, würden sie das Kind mit immer neuen Reizen stimulieren. Das führe zu Frustration auf beiden Seiten.

Kleinkind beim Basteln

"Eine gewisse Überforderung ist normal."

Generell gebe es in der Hilfestellung für die Eltern nicht den einen allgemeingültigen Ratschlag, der für alle gelte. „Wir holen die Eltern individuell ab und schauen, was wir in ihrer Situation machen und wie wir helfen können. Wir besprechen mit ihnen ihre Idee von Elternschaft und Partnerschaft und gucken, was es braucht, um diese zu verwirklichen.“

Eine gewisse Überforderung mit der Elternschaft sei ganz normal. Schließlich sei das Elternwerden der größte und einschneidendste biografische Umbruch. Alles verändere sich und häufig verliefen Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit dem Baby nicht genau so, wie man sie sich vorgestellt hatte. Für alles, was über dieses gewöhnliche Maß an erster Überforderung hinausgeht, hat Alexandra Tuxhorn-Eichler in der Schreibabyambulanz stets ein offenes Ohr und versucht, die Herausforderungen gemeinsam mit den Klient*innen zu lösen.