Repair Cafés in Friedrichshain-Kreuzberg: Technik, Wissenstransfer, Engagement

offener laptop mit wärmebildkamera davor und sdg12 logo

Suche nach Fehlern mit Wärmebildkamera

Seit der Verabschiedung der Agenda 2030 durch die Vereinten Nationen im Jahr 2015 stellen die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) den globalen Rahmen für eine zukunftsorientierte Politik dar. Auch Deutschland hat sich verpflichtet, diese Ziele umzusetzen – nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in den Behörden der Länder und Kommunen. Nachhaltigkeit ist somit längst keine abstrakte Idee mehr, sondern ein konkreter Handlungsauftrag für die öffentliche Verwaltung. Im Bezirksticker zeigen wir inspirierende Projekte aus Friedrichshain-Kreuzberg, die ganz konkret zu den 17 Zielen beitragen.
Die Repair Cafés im Bezirk sind ein solches Beispiel. Sie stehen für das SDG 12: Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster.

Schrauben statt Wegwerfen: Ob Gaming-Laptop, Walkman oder andere alte Technik. An langen Tischen kommen erfahrene Tüftler*innen und neugierige Besucher*innen zusammen, um gemeinsam zu Reparieren.

Wer das Repair Café betritt, spürt sofort die besondere Atmosphäre. Es riecht nach Lötzinn, Kaffee und Kuchen: eine Mischung aus Werkstatt und Nachbarschaftstreff. Die Tische sind übersät mit halb auseinander gebauten Geräten, Platinen, Gebrauchsanleitungen, Werkzeuge, Schrauben und Federn. Hinter den Tischen stapeln sich alte Geräte: Ersatzteillager für jede Eventualität – oft mitgebracht von Besucher*innen.

Es ist eine bunte, generationsübergreifende Mischung. Auf der einen Seite sitzen ältere Männer, oft im Ruhestand, erfahren und routiniert. Auf der anderen Seite meist jüngere Gäste: eine Studentin mit einem defekten Laptop, zwei Frauen mittleren Alters bringen einen alten Kassettenrecorder und ein Mann um die 50 zeigt ein Smartphone mit kaputtem Display. Manchmal werden gleich zehn Geräte auf einmal vorbeigebracht, an anderen Tagen ist es ruhiger. Doch immer entsteht Austausch über Technik, Erfahrung und Ideen.

Pionier des Fernsehens

Ein Reparier-Experte ist Helmut Nestler. „Wenn du einen Ersatzbildschirm nächstes Mal mitbringst, können wir dein Handy wieder in Ordnung bringen“, erklärt er dem Mann.
In den 1960er Jahren war Helmut Teil des Teams um Prof. Walter Bruch, das die analoge Farbfernsehnorm PAL entwickelte. PAL löste das Schwarzweißfernsehen in Deutschland ab und war technisch dem US‑amerikanischen NTSC‑Verfahren überlegen. „Wir wollten echtere Farbe“, erinnert sich der heute 81-jährige. PAL ist bis heute in nahezu ganz Westeuropa und vielen Ländern außerhalb Europas Standard.

Nach dieser Pionierarbeit führte er eines der ersten Fernsehgeräte-Geschäfte Berlins. Heute organisiert er unter anderem das Repair Café Friedrichshain. Acht Repair-Cafés hat er im Lauf der Jahre betreut, vier sogar selbst gegründet.
Nun sucht er dringend Nachfolger*innen, die Wissen und Engagement weitertragen.

Ein älterer Mann auf Schreibtischstuhl vor Schreibtisch übersäht mit Technik und Ersatzteilen

Adam an seinem Schreibtisch

Adam ist 75 Jahre alt, lebt in Tempelhof und ist seit 2013 aktiv im Repair Café. Er arbeitete über drei Jahrzehnte lang in der Elektronikbranche, zuletzt im Bereich der Flachmontagetechnik (SMD) und baute Platinen. Gemeinsam mit Thomas organisiert er das Kreuzberger Repair Café. Darüber hinaus engagiert sich Adam zweimal pro Woche in der LPG Yorckstraße in der Werkstatt, wo neben Elektronik auch Holz- und Metallarbeiten möglich sind.

Kürzlich besuchte er mit dem Verein Sonay Soziales Leben den Werkraum einer Schule, um mit Jugendlichen zu arbeiten und sein Wissen zu teilen. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht Senior*innen und Jugendliche miteinander in Kontakt zu bringen. „Viele Zwölfjährige sind nach wenigen Stunden so gut wie manch Erwachsener nach Monaten nicht“, erzählt er begeistert. Hier zeigt sich das Potential der Begegnung zwischen Generationen.

Repair Cafe Broschüre, es ist Werkzeug zu sehen, neben dem großen AUfdruck mit REPARIEREN

Repair-Café Broschüre

Herausforderungen und Ausblick

Herausforderungen und Ausblick
So viel Begeisterung und Expertise trifft jedoch auch auf Grenzen. Trotz aller Energie und Freude am Reparieren: Der Nachwuchs sei rar. Viele junge Menschen arbeiteten heute nicht mehr in technischen Berufen und verfügten über weniger praktisches Wissen. Zwar sei das Interesse groß, doch oft nicht langfristig.

„Man muss heute multi sein“, sagt Adam: Nicht nur Multi-Tasking-Experte, sondern in vielen Bereichen, denn die Technik sei enorm vielfältig. „Es kommt schon vor, dass ein Kassettenrecorder aus den 90ern am gleichen Tag kommt, wie das neueste iPhone.“

Hinzu kommen die Grenzen des Ehrenamts. Die ständigen Kosten durch Fahrkarten oder Material machen sich bemerkbar. Eine kleine Aufwandsentschädigung wäre durchaus angemessen, meint Adam. Das Repair Café selbst erhält keine institutionelle Unterstützung, sondern lebt allein von Spenden. Es ist kein Verein, sondern eine lebendige Initiative, getragen durch Freiwillige.

Die Repair Cafés in Friedrichshain-Kreuzberg sind mehr als Treffpunkte. Sie sind Räume des Austauschs, des Lernens und der lokalen Nachhaltigkeit. Wer Lust hat, technisches Wissen zu teilen oder sich einbringen möchte, ist jederzeit herzlich willkommen. Helfende Hände und engagierte Nachfolger*innen sind dringend gesucht, damit die Reparatur-Kultur im Bezirk lebendig bleibt.

Kreuzberg:
  • Jeder erste Sonntag im Monat im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße 21, 10961 Berlin
  • Jeder erste und dritte Mittwoch im Monat im Mehrgenerationenhaus in der Gneisenaustraße 12 , 10961 Berlin
Friedrichshain:
  • Jeder erste Samstag im Monat in der Jakob-Gemeinde in der Rigaer Straße 86, 10247 Berlin

Für das Nachhaltigkeitsziel 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden haben wir das FEIN-Pilotprojekt „Umweltbildung goes Askanischer Platz“ in Kreuzberg vorgestellt.