Nachhaltigkeitsziel 5 - Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen und Mädchen

Anke Peterssen berichtet über das Erfolgsmodell der Kreuzberger Schokofabrik, eines der größten Frauenzentren Europas

Anke Peterssen berichtet über das Erfolgsmodell der Kreuzberger Schokofabrik, eines der größten Frauenzentren Europas

Im Bezirksticker zeigen wir inspirierende Projekte aus Friedrichshain-Kreuzberg, die ganz konkret zu den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (#SDGs) der UN beitragen. Denn: Global denken – lokal handeln beginnt genau hier bei uns im Kiez.“

Das Kreuzberger Frauenzentrum Schokofabrik lebt seit über vier Jahrzenten Gleichstellung und die Beendigung geschlechterspezifischer Gewalt sowie die Teilhabe an Entscheidungsprozessen von Frauen* vor.

Als im Frühling 1981 Mitglieder der autonomen Frauen- und Lesbenbewegung in der Kreuzberger Mariannenstraße die ehemalige Schokoladenfabrik besetzten und in Eigenregie sanierten, war die Pädagogin Anke Peterssen noch nicht mit dabei. Sie stieß erst etwas später dazu. Und blieb. Sodass sie heute, 44 Jahre später, über das Erfolgsmodell der Kreuzberger Schokofabrik, eines der größten Frauenzentren Europas, berichten kann.

Das Ziel: Die Diskriminierung von Frauen zu beenden

„Es war eine sehr aufregende Zeit. Ein ganz besonderer Sommer, in dem wir alles ausprobieren konnten. Ich lebte damals in Neukölln und studierte Erziehungswissenschaften. Und es gab nichts, was wir als Frauen nicht auch genauso gut wie die Männer machen konnten“, sagt Anke Peterssen, die es wissen muss. Denn nachdem das Gebäude der ehemaligen Schokoladenfabrik in der Kreuzberger Mariannen- und Naunynstraße in Eigenregie saniert wurde, entpuppte es sich zu einem der Orte, an denen Frauen sich gegenseitig stützen und aufeinander verlassen konnten.

„Neben der Planung und Umsetzung aller Bauprojekte im und am Haus haben wir uns mit feministischer Projektarbeit beschäftigt.“ Das Ziel: Die Diskriminierung von Frauen zu beenden. „Das waren die 1980ger Jahre. An Hausbesetzergruppen hatte man sich inzwischen gewöhnt, doch wir Frauen, als erfolgreiche Besetzerinnen und Handwerkerinnen waren neu für die Gesellschaft.“

Sie bauten gemeinsam das Dachgeschoß zum Gewächshaus um, installierten Solarzellen, richteten ein Café ein, inszenierten Kulturprogramme und gründeten die Kindertagesstätte „Schokoschnute“. Eine eigene Tischlerinnen-Werkstatt, die „Schokospäne“, eine Mutter-Kind-Gruppe, ein Frauen-Krisen-Telefon, sowie die „Schokosport-Gruppe rundeten das einzigartige Angebot für Frauen von Frauen ab.

Deutschlands erstes Hamman für Frauen

„Wir waren der Zeit voraus, als wir 1988 das erste Hamam für Frauen in Deutschland eröffneten. Es erfreut sich bis heute mit seinem Reinigungs-, Kosmetik- und Massage-Angebot großer Beliebtheit.“ Im Hamam der Schokofabrik arbeiten und treffen sich Frauen, Lesben, inter*, nichtbinäre, trans* und agender Personen (FLINTA*) unterschiedlichster kultureller Herkunft sowie Besucher*innen aus aller Welt.

Anke Peterssen: „Unser Frauenzentrum befindet sich in einem Öffnungsprozess. So bieten wir Dienstag und Donnerstag ab 17 Uhr einen FLINTA*-Abend, an dem alle Frauen*, Lesben, Inter*, Nichtbinäre, trans*, und agender Besucher*innen willkommen sind.“

Anke Peterssen erzählt: „Inzwischen sorgt ein kleines Blockheizkraftwerk für autonome Stromversorgung. Wir arbeiten auf sechs Etagen, 1.200 Quadratmetern, und setzen uns fortwährend gegen Gewalt gegenüber Frauen ein. Und dafür, dass Arbeit für Frauen fair bezahlt wird.“ 21 Frauen arbeiten sozialversicherungspflichtig, mit mindestens 15 Stunden pro Woche in Teilzeit, für das Frauenzentrum. „Das sind zum Beispiel Lehrerinnen, Trainerinnen und auch die Mitarbeiterinnen im Haman.“

Damit besonders die jungen Frauen möglichst große Unabhängig- und Chancengleichheit erhalten können, bietet die Schokofabrik seit Jahrzenten Nachhilfekurse an. „In unserem „Treffpunkt Bildung“ bieten wir Nachhilfe für Mädchen und junge Frauen in den Kernfächern für die Klassen 7-13 an.“

Sozialberatung und psychosoziale Beratung für Frauen

Die Nachhilfe ist kostenlos und findet 1:1 mit einer Lehrperson statt, die in der Regel selbst noch studiert und im Laufe der Zeit die Funktion einer Mentorin einnimmt. Neben der Nachhilfe gibt es Unterstützung bei Präsentationen und Vorträgen sowie bei der Bewerbung um einen Praktkums-, Ausbildungs- oder Studienplatz.

„Wir freuen uns immer, wenn mit unserer Unterstützung eine Schülerin ihren Schulabschluss erreicht hat. Auch wenn viele von ihnen inzwischen aufgrund der Mietsituation nicht mehr hier im Bezirk leben können, kommen sie gern in die Schokofabrik zurück und nutzen unsere Angebote.“

Barrierefrei, im Erdgeschoss findet sich der „Schoko-Infotresen”. „Hier bieten wir Termine für Sozialberatung und psychosoziale Beratung für Frauen an. Hilfebedürftige können Montag, Dienstag und Donnerstag von 13 bis 17 Uhr, sowie Mittwoch von 10 bis 13 Uhr einfach über den Hof zu uns kommen und einen Einzeltermin vereinbaren. Hierfür steht eine Juristin zur Verfügung.“

Wir waren mutig, damit es uns und anderen Frauen bessergeht!

„Wir waren immer mutig, haben uns etwas getraut, damit es uns und anderen Frauen bessergeht.“ Einen weiteren großen wie mutigen Schritt machten 14 der aktiven Frauen, die 2003 die Genossenschaft Schokofabrik gründeten, „Durch den Erwerb der Immobilie und die Vermietung an den Verein Schokofabrik e. V. können günstige Mietkonditionen gewährleistet werden.“ Heute führt der Vorstand die Geschäfte der Genossinnenschaft. Der Aufsichtsrat überwacht diese. Mehr als 100 Genossinnen unterstützen seither mit ihrer Einlage die Genossinnenschaft und ihre Projekte. „Wir haben viele Pläne, auch weitere Baumaßnahmen stehen an. So wäre dringend eine Dachsanierung nötig, dafür müssen wir jedoch erst einmal die Mittel beschaffen.“, sagt Anke Peterssen. Bis dahin geht es weiter mit der engagierten Bildungs- und Beratungsarbeit für Frauen* und Mädchen* in Krisensituationen.

Kontakt:

Frauenzentrum Schokofabrik
Mariannenstraße 6
10997 Berlin
Telefon (030) 6548 3344

Für das Nachhaltigkeitsziel 4 “Bildungsangebote für alle” haben wir Claudia Hiesemann aus der Gilberto-Bosques-Volkshochschule im Bezirksticker vorgestellt.