Errichtet wurde das Gebäude in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Diakonissen-Krankenhaus. Es diente als Ausbildungsstätte für Krankenschwestern und füllte gleichzeitig den Bedarf nach einem weiteren Krankenhaus neben der Charité, die den steigenden Bevölkerungszahlen Berlins nicht länger gewachsen war.
Gehörte man nicht zu den Diakonissen, die hier ihre Ausbildung absolvierten, gab es eigentlich nur zwei Gründe, aus denen man im Bethanien der Anfangszeit landen konnte: „Entweder hatte man eine ansteckende Krankheit wie Typhus oder man kam aufgrund eines Arbeitsunfalls hierher“, berichtet Stéphane Bauer und verweist auf die umliegenden Kreuzberger Fabriken des 19. Jahrhunderts. „Da verlor man schon mal schnell einen Finger oder einen Arm an eine der Maschinen.“
Ob sich wohl die abgetrennten Gliedmaßen auf die Suche nach ihren verlorenen Körpern machten? Ist es Zufall, dass Stéphane Bauer nur wenige Sätze später von seiner Begeisterung für die Netflix-Serie „Wednesday“ erzählt, eine Neuadaption der Adams Family-Saga, in der eine abgetrennte Hand als eigenständige Figur eine zentrale Rolle spielt? Erinnert das Gebäude am Mariannenplatz nicht auch ein wenig an die „Nevermore Academy“, das Internat für monströse Außenseiter*innen, auf das Wednesday Adams gegen ihren Willen von ihren Eltern geschickt wird und das in der Serie zum Schauplatz unheimlicher Gegebenheiten wird?
In der eindrücklichen Säulenhalle, die heute als Foyer des Bethanien fungiert, befand sich ursprünglich das Krankenlager, das gleichzeitig als Operationssaal diente. Zehn bis zwölf Betten standen hier nebeneinander, operiert wurde direkt vor Ort. Die Geräuschkulisse möchte man sich nicht vorstellen. „Da freut man sich schon manchmal, dass man im 21. Jahrhundert lebt“, gibt Stéphane Bauer zu. Die Gemäuer erinnern sich gewiss noch an die Schreie, das Leid, den Tod. Im zweiten Weltkrieg wurde der Mariannenplatz vor dem Bethanien zwischenzeitig als Massengrab genutzt. Auch dieses dunkle Kapitel fließt in die unheimliche Atmosphäre des Gebäudes mit ein.