Die Geister von Bethanien

Auf einer Collage sind mehrere Fotos von Bethanien zu sehen.

Düster strecken sich die Türme des Bethanien am Mariannenplatz in den grauen Oktoberhimmel. Zwischen den goldenen Herbstblättern empfängt einen dieses imposante Gebäude, das mit seiner eindrücklichen Architektur aus der sonstigen Umgebung im Kreuzberger Kiez heraussticht. Die verwinkelten Türme, die Bogengänge, die labyrinthische Architektur im Inneren des Hauses und der verwunschene Garten erinnern an verzauberte Märchenschlösser oder unheimliche Geisterhäuser.

Das Gebäude, in dem sich heute neben dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien und der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg u.a. auch das Internationale Theaterinstitut, eine Druckwerkstatt, verschiedene freie Theaterinitiativen sowie anmietbare Ausstellungsräume befinden, hat eine bewegte Geschichte. Geistererzählungen und Spukgeschichten ranken sich um das Bethanien und das nicht erst, seit die Berliner Autorin Sarah Khan in ihrer 2013 erschienen Erzählsammlung „Die Gespenster von Berlin“ eine Geschichte diesem sagenumwobenen Ort widmete und von einer „Gespensterjagd in Bethanien“ erzählte. „Das Haus war schon immer ein Ort der Mythenbildung“, berichtet Stéphane Bauer, Leiter des Kunstraums Kreuzberg/Bethanien.

„Bethanien“ – der Name stammt aus dem Hebräischen und kann, je nach Kontext, auch „Haus des Elends“ bedeuten. Außerdem erinnert die Bezeichnung des Gebäudes an den Ort in der Bibel, an dem Jesus Lazarus von den Toten erweckte. Ist der Name Programm? Ein Ort des Unheils, des Leids und der Grenzüberschreitung des Todes?

Die eindrückliche Säulenhalle des Bethanien.

Die sagenumwobene Geschichte des Hauses

Errichtet wurde das Gebäude in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Diakonissen-Krankenhaus. Es diente als Ausbildungsstätte für Krankenschwestern und füllte gleichzeitig den Bedarf nach einem weiteren Krankenhaus neben der Charité, die den steigenden Bevölkerungszahlen Berlins nicht länger gewachsen war.

Gehörte man nicht zu den Diakonissen, die hier ihre Ausbildung absolvierten, gab es eigentlich nur zwei Gründe, aus denen man im Bethanien der Anfangszeit landen konnte: „Entweder hatte man eine ansteckende Krankheit wie Typhus oder man kam aufgrund eines Arbeitsunfalls hierher“, berichtet Stéphane Bauer und verweist auf die umliegenden Kreuzberger Fabriken des 19. Jahrhunderts. „Da verlor man schon mal schnell einen Finger oder einen Arm an eine der Maschinen.“

Ob sich wohl die abgetrennten Gliedmaßen auf die Suche nach ihren verlorenen Körpern machten? Ist es Zufall, dass Stéphane Bauer nur wenige Sätze später von seiner Begeisterung für die Netflix-Serie „Wednesday“ erzählt, eine Neuadaption der Adams Family-Saga, in der eine abgetrennte Hand als eigenständige Figur eine zentrale Rolle spielt? Erinnert das Gebäude am Mariannenplatz nicht auch ein wenig an die „Nevermore Academy“, das Internat für monströse Außenseiter*innen, auf das Wednesday Adams gegen ihren Willen von ihren Eltern geschickt wird und das in der Serie zum Schauplatz unheimlicher Gegebenheiten wird?

In der eindrücklichen Säulenhalle, die heute als Foyer des Bethanien fungiert, befand sich ursprünglich das Krankenlager, das gleichzeitig als Operationssaal diente. Zehn bis zwölf Betten standen hier nebeneinander, operiert wurde direkt vor Ort. Die Geräuschkulisse möchte man sich nicht vorstellen. „Da freut man sich schon manchmal, dass man im 21. Jahrhundert lebt“, gibt Stéphane Bauer zu. Die Gemäuer erinnern sich gewiss noch an die Schreie, das Leid, den Tod. Im zweiten Weltkrieg wurde der Mariannenplatz vor dem Bethanien zwischenzeitig als Massengrab genutzt. Auch dieses dunkle Kapitel fließt in die unheimliche Atmosphäre des Gebäudes mit ein.

Die Außenfassade des ehemaligen Krankenhauses am Mariannenplatz.

Berühmte Persönlichkeiten hinterlassen Spuren ...

Bethanien ist verbunden mit vielen berühmten Namen – allen voran Theodor Fontane, der bekannte Autor des deutschen Realismus. Vor seiner Karriere als Schriftsteller machte er eine Ausbildung zum Apotheker und arbeitete ein Jahr lang in der Krankenhausapotheke des Bethanien. Die dortige „Fontane-Apotheke“ kann man heute noch besichtigen. Stéphane Bauer weiß von einer Anekdote zu berichten über die Zeit des Schriftstellers im Krankenhaus am Mariannenplatz: „Fontane war ein junger Mann und gerne unterwegs. Eines Abends ist er wohl sehr betrunken nach Hause gekommen und, da er in seinem Zustand keinesfalls der strengen Äbtissin über den Weg laufen wollte, versuchte er über den Keller ins Haus zu gelangen.“ Über Fontanes Erlebnisse in diesem Keller wissen wir wenig, aber liegt nicht die Vermutung nahe, dass er hier Inspiration für seine spätere Kriminalgeschichte „Unterm Birnbaum“ fand, in der eine Leiche im Keller und ein unerklärlicher Spuk eine zentrale Rolle spielen?

Eine weitere bekannte Persönlichkeit, die mit der Geschichte vom Bethanien verbunden ist, ist Anita Berber – berühmt-berüchtigte Tänzerin, Kabarettistin und Schauspielerin der Weimarer Republik. Sie war bekannt für ihren exzessiven Lebensstil und das Ignorieren gesellschaftlicher Normen: Bei ihren Auftritten war sie oft gänzlich nackt und / oder betrunken, sie konsumierte Kokain und Morphium, sie war als Sexarbeiterin tätig, trug Smokings und führte neben ihren Ehen eine lesbische Beziehung. Sie galt als Verkörperung der Femme fatale, der dämonischen Verführerin, die mit ihrem grenzüberschreitenden Verhalten gleichzeitig Faszination und Beklemmnis bei ihrem Umfeld auslöste. Im November 1928 starb Anita Berber an den Folgen von Tuberkulose im Bethanien-Krankenhaus. Wenige Jahre vor ihrem Tod verewigte Otto Dix sie in seinem berühmten „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ und hielt die ambivalente Wirkung der Schauspielerin fest – dunkelrotes Kleid, blasser Teint, dunkle Augen, Flammen im Hintergrund; die Figur changiert zwischen Verführung und teuflischer Bedrohung. Ob nicht auch der Geist dieser unruhigen Seele, dieser so jung verstorbenen Femme fatale in Bethanien weiter tanzt?

Stéphane Bauer vor dem Bethanien.

Gruselige Gegenwart

Alleine möchte man sich in dem großen Gebäude am Mariannenplatz wahrlich nur ungern wiederfinden. Tagsüber ist das zum Glück ohnehin kaum möglich: Das Haus ist in der Regel sehr belebt, Musikschüler*innen, Künstler*innen, Besucher*innen und Mitarbeiter*innen lassen den Geistern nur wenig Möglichkeiten, solange es hell ist. Abends sei das schon etwas anderes, berichtet Stéphane Bauer. Gelegentlich komme es vor, dass er als letzter zu später Stunde das Haus verlasse, das sei dann schon sehr unheimlich. Die Ausstellungen schließen um 20 Uhr, die Musikschule um 22 Uhr. „Also in der Nacht ist das Haus eigentlich den Geistern überlassen.“

„Besonders gruselig war es zu Zeiten der Pandemie“, erinnert sich der Leiter des Kunstraums. „Die auch tagsüber ausgestorbenen Straßen auf dem Weg zur Arbeit hatten etwas von schauerlichen ghost cities. Und dann ganz alleine in diesem großen Gebäude – schließlich durften wir pandemiebedingt immer nur alleine vor Ort arbeiten – das war schon sehr unheimlich.“

Auch die jüngere Geschichte des Hauses ist bewegt: Nachdem im März 1970 der letzte Patient das Bethanien verlassen hatte, wurden Teile des ehemaligen Krankenhauses zum wichtigen Schauplatz der Berliner Hausbesetzer*innenszene. Seit mehreren Jahren gibt es zudem ein Stipendiat*innen-Programm des Senats, das Künstler*innen aus aller Welt ermöglicht, mehrere Monate lang im Bethanien zu wohnen und zu arbeiten und am Ende ihre Werke im Kunstraum auszustellen. Über Wochen alleine in diesem riesigen, dunklen, verwinkelten Gebäude übernachten? Nicht wenige der Stipendiat*innen haben gruselige Anekdoten zu erzählen, die Sarah Khan in ihrer Geschichte sammelt – von unerklärlichen Erscheinungen in Spiegelbildern liest man hier, von ominösen Wanddurchschreitungen, mysteriösen Stimmen, sich verselbständigenden Gegenständen und plötzlich zerspringenden Vasen.

Künstlerische Freiheit, Realität oder Vision? Seit jeher sind kreative Produktivität und künstlerischer Wahn eng miteinander verbunden, man denke etwa an die Kunstwerke von Frida Kahlo oder Vincent van Gogh oder an die Erzählungen von Charlotte Perkins Gilman oder E. T. A. Hoffmann. Ist es also vielleicht gerade die besondere Atmosphäre des Bethanien, die sagenumwobene Geschichte des Hauses, die Geistervisionen ebenso inspiriert wie kreative Meisterwerke? In den verwinkelten Räumen und der historischen Architektur dieses Ortes scheinen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Realität und Vision, zwischen Spukerzählung und Wahrheit zu verschwimmen.

Das Haus am Mariannenplatz bietet also wahrlich reichlich Stoff für einen Gruselroman – oder eine eigene Serie? „Vielleicht schreibe ich ein Drehbuch, wenn ich im Ruhestand bin“, überlegt Stéphane Bauer scherzhaft. Bis dahin müssen wir uns wohl leider noch ein wenig gedulden. Oder wir begeben uns selbst vor Ort auf die Spuren der Geister – und welcher Tag eignet sich dafür besser als der 31. Oktober?

Weitere Informationen zu Stéphane Bauer und seiner Arbeit im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien gibt es hier.