Stéphane Bauer: „Der Wirkungsgrad von Kunst endet nicht an der Haustürschwelle!“

Stéphane Bauer vor dem Eingangsportal des Kreuzberger Bethanien, in dem einst die Operationssäle des ehemaligen Diakonissen-Krankenhauses am Mariannenplatz untergebracht waren

Stéphane Bauer vor dem Eingangsportal des Kreuzberger Bethanien, in dem einst die Operationssäle des ehemaligen Diakonissen-Krankenhauses am Mariannenplatz untergebracht waren

Mit dem internationalen Tag der Kunst ist die Welt aufgerufen, die Kunst zu feiern. Dank der Unesco werden besonders an diesem Tag überall auf der Welt Feierlichkeiten veranstaltet, um die Kunst und die Künstler*innen ins Rampenlicht zu stellen. Im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien sorgt der Kurator Stéphane Bauer (62) seit vielen Jahren jeden Tag dafür, dass dieser Kunstort sich internationaler Aufmerksamkeit erfreut.

„Das ist hier der Mittelpunkt meines Lebens“, sagt Stéphane Bauer. Er meint damit viel mehr als nur dieses alte Gemäuer, in dem einst die Operationssäle des ehemaligen Diakonissen-Krankenhauses am Mariannenplatz untergebracht waren. Das Hospital wurde im Jahr 1970 geschlossen. Die Kreuzberger Hausbesetzerszene rettete das Bethanien vor dem Abriss, so dass sich im Jahr 1973 der Kunstraum etablieren konnte. Seit 2009 bewirtschaftet die gemeinnützige Gesellschaft für StadtEntwicklung (GSE) das Bethanien.

Durch die Tür dringt der Klang einer Oboe. In der benachbarten Musikschule übt ein Kind am Instrument, während Stéphane Bauer es sich auf seinem Bürostuhl ohne Lehne bequem macht. Die fünf Rollen unter dem Stuhl machen ihn noch schneller und beweglicher im Raum, als er es ohnehin schon ist. Und das muss er auch sein, denn es wartet immer viel Kunst auf ihn, die gesehen werden will.

Das Bethanien am Kreuzberger Mariannenplatz ist ein Ort der Kunst und der Musik

Das Bethanien am Kreuzberger Mariannenplatz ist ein Ort der Kunst und der Musik

„Wir fühlen uns den Anwohnenden gegenüber verpflichtet."

„Wir fühlen uns den Anwohnenden gegenüber verpflichtet. Es ist uns eine Ehre, hier an diesem besonderen Ort als Kunst-Dienstleister tätig zu sein.“ Kunst sei für ihn weder Geschmackssache, noch sei Kunst nur für die Künstler*innen: „Unsere Aufgabe ist es, als öffentliche Einrichtung der Bevölkerung Kunst zu ermöglichen und ihnen damit einen Mehrwert mit auf den Weg zu geben.“

Die regelmäßig stattfindenden Gruppen- und Themenausstellungen zu sozialen und kulturellen Prozessen des Alltags mit zeitgenössischer Kunst, berücksichtigen Diversität, zeigen sich international und eignen sich dabei lokale Bezüge an.

Das denke er sich natürlich nicht alles allein aus, wirft er ein. „Wir nehmen Vorschläge auf. Und wenn es geht, ermöglichen wir es hier in unseren Räumen. Erfahrungsgemäß braucht es vom Vorschlag bis zur Umsetzung einer Idee etwa eineinhalb bis zwei Jahre.“ Damit entsteht im Kunstraum eine Sichtbarkeit unterschiedlicher Menschen in ihren unterschiedlichen Welten. Jede*r Betrachter*in könne dann entdecken, was es für neue Sachen gebe, die vorher nicht sichtbar waren. „Unter Berücksichtigung der kommunalen Anbindung, und der jeweiligen Lebensart bereichert das den Alltag enorm.“

An Ideen und kreativen Vorschlägen mangele es nicht. „Ich sage immer: Kommt vorbei! Dann sprechen wir über die Projekte und die unterschiedlichen Ideen.“ Ob es dann mit einer Vernissage im Kunstraum Kreuzberg endet, wüsste man erst, wenn es soweit ist. „Oft kristallisiert es sich im Gespräch heraus, ob die Idee zu unserer Einrichtung passt, oder ob wir einen besseren Ort für die Umsetzung finden.“ Das könnte zum Beispiel auch der Projektraum in der Alten Feuerwache an der Weberwiese oder die Galerie im Turm am Frankfurter Tor sein, für die er ebenfalls verantwortlich ist. Wichtig sei ihm der Kontext zur Umgebung und wo dieser gegeben ist, sei er dabei und interessiert.

Der amerikanische Künstler Brad Downey legte im Sommer 2015 die Banksy-Installation aus dem Jahr 2003 wieder frei

Street-Art- Festival mit Banksy

Den richtigen Riecher bewies er 2002 beim Mittagessen am heutigen Rio-Reiser-Platz. Während er hungrig einen Salat auf dem Teller sortierte, sprach ihn ein junger Mann aus der Naunynritze – einem benachbarten Jugendfreitzeitclub – an: „Er brachte mich auf die Idee, ein Street-Art- Festival auf die Beine zu stellen. Damit sind wir bekannt geworden!“

Bereits ein Jahr später startete das Projekt, zu dem auch der damals noch nicht ganz so bekannte britische Street-Art-Künstler Banksy eingeladen war.“ Mithilfe der Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes wurde das Festival ein Volltreffer. Es lockte in sechs Wochen mehr als 20.000 Besucher*innen in die Street-Art-Ausstellung „Backjumps“ im Kreuzberger Bethanien.

Stéphane Bauer schüttelte damals dem öffentlichkeitsscheuen Künstler bei der Ankunft die Hand, allerdings kann er ihn heute nicht genau beschreiben. Denn: „Vor mir standen gleich zwei junge Männer, beide so um die 30 Jahre alt, etwa gleich groß. Als ich fragte, wer von beiden Banksy sei, murmelten beide etwas, lachten und zeigten auf den jeweils anderen.“. Auch auf den eingereichten Reiseunterlagen habe der Künstler seine wahre Identität geheim gehalten – die Namen der Reisenden waren ausgeschnitten. Und damit nicht nachvollziehbar.
Nach acht Wochen wurde die erfolgreiche Ausstellung abgebaut und die Wände inklusive der Banksy-Installation überstrichen. „Das machen wir immer. Ist eine Ausstellung vorüber, wird alles gemalert, damit die neue Ausstellung ihren Platz in unseren Räumen findet.“

Zwölf Jahre – und über die Dauer etwa 60 folgenden Ausstellungen lang ruhte das Kunstwerk unter der immer dicker werdenden Farbschicht. Solange, bis der amerikanische Künstler Brad Downey im Sommer 2015 im Raum stand und sich entschied, die Banksy-Installation aus dem Jahr 2003 wieder freizulegen. „Schicht für Schicht haben Expert*innen die Farbe wieder von der Wand geholt.“ Vielleicht eine der ungewöhnlichsten Aktionen, die es im Kunstraum je gegeben hat.

Für Stéphane Bauer ist es ein großes Glück, sich (fast) den ganzen Tag mit Kunst beschäftigen zu können

Der besondere Augenblick vor der Vernissage

“Brad Downey integrierte im Rahmen der Ausstellung „Do not think!” das Kunstwerk in seine tiefrote Raumgestaltung”. Wer jetzt aber denkt, der Kunstraum habe ein unbezahlbares Werk an der Wand, muss jetzt sehr stark sein: „Nach Ende der Ausstellung haben wir alles wieder weiß gemalert, da sind wir konsequent.“

Für diese Konsequenz, für den künstlerischen Mut und die Qualität der wechselnden Ausstellungen, sprechen die jährlichen 50.000 bis 60.000 Besucher*innen, die es aus der Nachbarschaft aber auch aus dem Ausland regelmäßig in die großzügigen Räumlichkeiten am Kreuzberger Mariannenplatz zieht.

„Wir nehmen keinen Eintritt, unsere Kunst steht allen kostenfrei zu Verfügung. Wir haben sehr viele Stammgäste, die regelmäßig beim Sonntagsspaziergang bei uns reinschauen. Sie sprechen uns an, und sind voll des Lobes, wenn sie unser Gästebuch beschreiben.“ Doch nicht alle, die sich dort verewigen sind voller Lob: „Unsere größten Kritiker*innen sind die Eltern der Kinder, die hier nebenan an der Musikschule unterrichtet werden. Während sie auf ihre Kinder warten, haben sie exakt eine Stunde Zeit, die sie gern in unseren Räumen verbringen.“ Kritik wird professionell angenommen: „Wir versuchen immer etwas besser zu werden, näher an unsere Betrachter*innen heranzukommen.“

Sein großes Glück ist es, sich (fast) den ganzen Tag mit Kunst beschäftigen zu können. Besonders der Abend vor einer Ausstellungseröffnung sei einer der größten Momente in seinem Wirkungskreis. “Da gibt es diesen besonderen Augenblick, wenn die neue Ausstellung aufgebaut ist, die Bilder hängen und Künstler*innen wie auch Kolleg*innen bereits nach Hause gegangen sind. Dann genieße ich den unglaublichen Luxus, ganz allein, und als Erster durch die Ausstellung zu gehen.“ Nach der monatelangen Vorbereitung und Beschäftigung mit dem Thema ein Hochgefühl für den Kurator: „Diese Intensivität, mit der ich mich in diesen Augenblicken auf die Kunst einlassen kann, ist unbeschreiblich.“ Zufrieden schließt er dann ab, und freut sich auf die Vernissage am nächsten Tag.

Kunst an einem Bauprojekt - die Signalkugel am May-Ayim-Ufer

An der Oberbaumbrücke leuchtet die rote Signalkugel

„Das sind immer sehr spannende Tage für uns, denn wir wünschen uns natürlich, dass die Ausstellung gut ankommen wird.“ Neben der aufkommenden Nervosität frage er sich in diesen Momenten „Wie viele Menschen kommen heute?“, „Wie werden sie reagieren?“ – Gradmesser hierfür könnte die Anzahl der telefonischen Nachfragen in den Stunden vor der Eröffnung sein.

Stéphane Bauer: „Fragt uns vorher jemand, ob es noch möglich sei, ein Ticket für die Eröffnung zu bekommen, weiß ich: Es wird heute voll!“ Erfahrungsgemäß folgen in der Regel zwischen 800 und 1.000 Menschen den Einladungen des Kunstraums, so dass im Vorfeld jede Sorge eigentlich unbegründet wäre.

Nach der Vernissage ist vor der Vernissage – so habe er einmal während einer Eröffnung der Ausstellung einer Künstlergruppe festgestellt, dass einer der Wachleute des Bethaniens einen Großteil seiner hier ansässigen armenischen Gemeinde in den Kunstraum gelotst habe und sofort reagiert. „Das war außergewöhnlich, aber all diese Menschen waren hier, weil eine der Künstler*innen auch aus Armenien kam, das wollten sie sehen. Also habe ich mit der Künstlerin gesprochen, und ihr eine eigene Ausstellung angeboten.“ Da war er wieder, der richtige Riecher im richtigen Augenblick.

„Ginge es mir nur um die Kunst, würde ich in einer Galerie arbeiten. Das hier ist viel mehr: Mit einer großen Idee im Hinterkopf komme ich ins Gespräch mit vielen Unterstützer*innen, dann begleite ich über Monate die Entwicklungsphase unserer Idee. Wir überlegen gemeinsam, welche Künstler*innen wir einladen und dann kümmere mich um die finanzielle Förderung der Umsetzung. Wenn vom Beginn der Idee bis zur Finanzierung alles geregelt ist, übernimmt die Programmkoordinatorin. Und ich bin bereits den nächsten Ideen auf der Spur.“ Es sei anregend, sich mit den anfallenden Themen zu befassen.

„Mit der Kunst etwas zu bewegen, die Menschen in Bewegung zu bringen, sie damit zu berühren und auch einmal etwas in Frage zu stellen“, dafür lohne sich jede Anstrengung. „Kunst ist eine eigene Sprache, von der alle etwas haben, sich etwas aneignen können. Eine sehr lebendige, bewegliche Form der Kommunikation.“

Oft fährt Stéphane Bauer mit dem Rad über die Oberbaumbrücke in Richtung Friedrichshain. Kurz vor der Brücke, gleich hinter dem Schlesischen Tor beginnt auf der rechten Seite das Kunstprojekt „Menschenlandschaft Berlin“, ein Skulpturenweg, der von hier bis zum May-Ayim-Ufer auf der anderen Seite führt. „Folgt man dieser Sichtachse bis hin zum Ufer, trifft der Blick auf die feuerrote Signalkugel, die in Anlehnung an einen längst vergangenen Leuchtturm, dort als Kunst an einem Bauprojekt errichtet wurde.“ Besonders nachts, von der Brücke aus betrachtet, ein Blickfang.

So war es auch ein Blick aus dem Fenster gewesen, der ihn zur erfolgreichen Aktion „Urban Gardening“ inspiriert habe. „Draußen waren die Stadtgärtner*innen aktiv, als ich das sah, dachte ich an die Gärten am Tempelhofer Feld, an die Kreuzberger Prinzessinnengärten und hatte die Idee, wie wir viele Menschen in diesem Zusammenhang außerhalb der Kunst erreichen können.“ Stéphane Bauer war erneut als Ermöglicher in der Spur, suchte Verbündete, kümmerte sich um finanzielle Förderung, überlegte gemeinsam mit Unterstützern wer eingeladen wird…und hatte mit diesem Augenblick aus dem Fenster wieder Erfolg!

„Das war ganz großartig. Wir fanden eine Referentin zum Thema aus England. Und einer der Gärtner führte uns in Form eines Kunstspaziergangs in Kreuzberg herum. Wir besuchten Taubenzüchter, die Prinzessinnengärten und er führte uns tatsächlich in einen Kuhstall, der in der Audre-Lorde-Straße, Ecke Oranienstraße zu finden ist.“

„Walk!“ – Spaziergänge, als Kunstform

„Walk!“ – Spaziergänge, als Kunstform

Menschen mit Kunst in Einklang zu bringen

„Walk!“ – Spaziergänge, als Kunstform. Eine gute Möglichkeit Menschen an Kunst heranzuführen, die bisher wenig Berührungspunkte fanden. „Spazierengehen. Wir haben in 2007 zwei Spaziergänge pro Woche angeboten. Inhalt, Dauer und die Richtung der Spaziergänge überließen wir den Künstler*innen.“ Dabei hatten die zahlreichen Teilnehmer*innen die Gelegenheit währen der geführten Touren in die Rolle einer*eines französischen Staatsbürger*ins zu schlüpfen, der*die sich an der Pariser Seine wähnte, während der Blick über den Landwehrkanal schweifte. Eine andere Gruppe folgte dem Künstler auf dem Heimweg nach Weißensee zu Fuß. „Das war weit, und der Spaziergang entsprechend lang, doch ließ der Künstler alle Teilnehmenden lebhaft an seinen künstlerischen Gedanken teilhaben.“

Für Stéphane Bauer gehört die Kunst in die Nähe aller Menschen im Bezirk und auch darüber hinaus. „Menschen mit Kunst in Einklang zu bringen, sie dafür zu interessieren und sie im besten Fall damit zu begeistern, das möchte ich, das wollen wir hier im Kunstraum mit unserer Arbeit erreichen.“

Weitere Informationen zum Kunstraum Kreuzberg/Bethanien finden Sie hier.

Anmeldung zum Newsletter unter: bethanien@kunstraumkreuzberg.de