Die Berliner Liedertafel – eine Männersache

Der Chor- und künstlerische Leiter Vincent Jaufmann und die die Berliner Liedertafel während einer Probe im Nachbarschaftshaus Urbanstraße

Der Chor- und künstlerische Leiter Vincent Jaufmann und die die Berliner Liedertafel während einer Probe im Nachbarschaftshaus Urbanstraße

„Männersache“ – so der Titel des letzten gelungenen Auftritts der Berliner Liedertafel 1884 e.V. im vergangenen Februar im Kammermusiksaal der Philharmonie. Gemeinsam mit zwei weiteren Berliner Männerchören folgte die Kreuzberger Herren-Runde der Einladung des Chorverbandes Berlin, und erntete damit auf dieser hochkarätigen Bühne Beifallsstürme. Doch bis es soweit kommen konnte, sang sich dieser Chor bereits gut 140 Jahre lang durch Höhen und Tiefen.

Nicht ganz solange dabei, aber immerhin seit 1956, ist der 2. Tenor und Archivar Wolfgang Görsch (89). Seine Augen leuchten und seine Hände unterstreichen jede Geste, wenn er von früher berichtet: „Damals brauchte man zwei Bürgen, die eine Empfehlung aussprechen mussten. Ohne hatte man keine Chance, Chormitglied zu werden.“

Er selbst sei damals, also vor 59 Jahren, als Student an der Ingenieursschule für Bauwesen über seinen Semesterleiter an der Hochschule geworben worden. „Ich war damals richtig gut in Musik, zusammen mit fünf anderen aus meinem Semester musste ich vorsingen. Das hat gut geklappt, zunächst auf Probe für sechs Wochen.“

Klaus Schröter und Wolfgang Görsch in den Räumlichkeiten der Berliner Liedertafel im Kreuzberger Nachbarschaftshaus

Klaus Schröter und Wolfgang Görsch in den Räumlichkeiten der Berliner Liedertafel im Kreuzberger Nachbarschaftshaus

Willy Brandt war damals Schirmherr der USA-Kanada-Reise in 1967

Er hatte einen Mentor, der ihn begleitete und sich für ihn einsetzte, so dass er bleiben konnte. Bis heute. „Wir sprachen uns damals per „Sie“ oder mit „Onkel“ an. Mein Mentor hieß Otto Schiller. Onkel Otto war sehr unterhaltsam, ein lebenslustiger Mensch.“ Überhaupt sei die Gesellschaft im Chor immer sehr angenehm gewesen. Es gab viel zu erleben, zu besprechen, und ja, gesungen wurde auch.

„Und dann waren da die vielen Reisen, wir sind oft im Ausland unterwegs gewesen“, schwärmt auch Klaus Schroeter, 2. Bass, der am 1. April sein 65. Chorjubiläum feierte. Zu Zeiten, als das Fliegen noch überhaupt nicht selbstverständlich war, packten 120 Sänger und 47 Begleitpersonen im Jahr 1967 ihre Koffer, und checkten in Tegel für die USA-Kanada Reise ein. „Als wir auf dem Rollfeld standen und die PanAm-Maschine sahen, bekamen wir Gänsehaut! Auf der Maschine war ein riesiger Schriftzug der Berliner Liedertafel!“ Es handelte sich um einen Sonderflug, mit einer eigens gebrandeten Maschine. Die gesamte Reise stand unter der Schirmherrschaft von Willy Brandt.

Klaus Schroeter erinnert sich: „Das Besondere daran war, dass bereits bis zur Zwischenlandung die gesamten Biervorräte an Bord von den Sängern ausgetrunken waren, sodass am Flughafen Shannon in Irland neues Bier gebunkert werden musste.“

Über eine Auftrittsreise, dieses Mal flog der Männerchor nach Japan, stieß der ehemalige Vorsitzende des Chores, Klaus Lehmann als 1. Tenor im Jahr 2010 zur Berliner Liedertafel: „Ich sang damals schon im Männerchor Zeuthen und wurde gefragt, ob ich die Japan-Reise als Gastsänger begleiten möchte. Was für eine Frage, es war mir eine Ehre! Mit dem größten Vergnügen bin ich mitgefahren, und dabeigeblieben.“ Vier Jahre lang war er der Vorsitzende des Gesangsvereins.

Start und Ziel der USA-Kanada-Reise war auf dem provisorisch errichteten Flughafen Berlin Tegel mit einem eigenen Schriftzug auf der Maschine

Start und Ziel der USA-Kanada-Reise war auf dem provisorisch errichteten Flughafen Berlin Tegel mit einem eigenen Schriftzug auf der Maschine

"Der Chor ist fester Bestandteil meines Lebens!"

Ähnlich ging es dem Sänger und Notenwart der Berliner Liedertafel Karl-Heinz Rogalski. Kurz bevor der Chor sich 2010 erneut auf den Weg nach Japan machte, heiratete er heimlich seine Partnerin Antje und machte die Chorreise somit gleichfalls zur Hochzeitsreise. „Damit haben wir alle überrascht, wir hatten einen Riesen-Spaß“.

Und Nachbar Florian Schnippenkötter fragte sich vor etwa zehn Jahren, was da für eine Veranstaltung im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße stattfindet. Im Vorbeigehen fielen ihm Aufbauten auf: „Ich fragte nach, und lernte diesen Chor kennen. Toll! Inzwischen ist der Chor ein fester Bestandteil meines Lebens. Ich genieße unsere Probenabende und auch unsere Auftritte. Der Klang eines Männerchores ist sehr besonders, es ist eine Freude dabei zu sein.“

Gemeinsam mit Klaus Lehmann, zeigen sie die angesammelten Schätze des Vereins in den musealen Räumlichkeiten, im Keller des Nachbarschaftshauses in der Kreuzberger Urbanstraße. Neben handgestickten Vereinsfahnen der Berliner Liedertafel finden sich hinter Glas gesicherte Mitbringsel und Gastgeschenke aus 140 Jahren Vereinsgeschichte. Hinter jedem Gegenstand findet sich eine Geschichte, ein Kalauer und sogar die Lösung eines Kriminalfalls: „Einen Raum weiter findet sich die sogenannte Silberkammer“, zeigt der Archivar in Richtung Flur: „Diese Kammer wurde einmal ausgeraubt, dabei war auch ein goldener Weinkelch gestohlen worden.“

Damals wurde auch schon viel getratscht, und so kam dem damaligen Chorleiter zu Ohren, dass der Nachbar eines Freundes seinen Wein, an jedem Abend aus einem goldenen Becher trinken würde. „Der Chorleiter fuhr dorthin und fand tatsächlich den Becher, der beim Einbruch verschwand. Jetzt steht er wieder dort, wo er hingehört.“ Hinter Glas gesichert.

Der heutige Chor- und künstlerische Leiter Vincent Jaufmann lächelt die Becher-Story weg. Sein Reich ist da eher der Notenraum, gleich neben der ehemaligen Silberkammer. Hier lagern die Noten ordentlich sortiert in Schränken und Schubladen. Eine Fundgrube für alle Musikliebhabenden. Unter seinem Künstlernamen „Schmelter“ hat er für die Berliner Liedertafel bereits mehrere Chorwerke komponiert und bekannte Melodien als Männerchorsatz bearbeitet. „Für Noten geben wir gar nicht so viel Geld aus, vieles kann ich neu aufschreiben und für unseren Chor arrangieren. Das geht mir gut von der Hand.“

Der Notenraum ist eine Fundgrube für alle Musikliebhabenden

Der Notenraum ist eine Fundgrube für alle Musikliebhabenden

"Als Chor haben wir viel zu bieten!"

Für den ehemaligen Vorsitzenden Klaus Lehmann ist Vincent Jaufmann hingegen unbezahlbar: „Vincent ist unser 10. Chorleiter, seit 2006 ist er für die Berliner Liedertafel aktiv.“ Als künstlerischer Leiter treibe er den Chor voran, mit viel Freude und Elan. „Seine Vorgänger hatten alle sehr gute aber auch nicht so gute Seiten. Mit Vincent Jaufmann haben wir eine Zusammenfassung aller guten Seiten seiner Vorgänger, in einer Person zusammengefasst. Ein Glückgriff!“

Archivar Wolfgang Görsch sieht das genauso so: „Ja, wir haben als Chor viel zu bieten. Wir haben eine tolle Infrastruktur.“ Er zählt die Vorzüge der Berliner Liedertafel auf: „Tolle historische Räumlichkeiten, einen schönen schwarzen Flügel, der 1925 eigens von den Gebrüdern Bechstein persönlich an die Berliner Liedertafel gestiftet wurde.

„Wir werden von unserer Stimmbildnerin Sigrid Höhne-Friedrich wie auch von Vincent Jaufmann stimmlich gefördert wie gefordert, und neben den vielen Freundschaften, die im Laufe der Jahre entstanden sind, pflegen wir diese nach den Proben, aber auch – wer mag – beim Kartenspielen oder an Geburtstagen. Wir haben so viel zu bieten“. Obendrauf unterstützt Stimmbildnerin Sigrid Höhne-Friedrich auch einzelne Sänger im Einzelunterricht bei schwierigen Passagen. Bei neuen Sängern und Interessenten nimmt sie die “Vorsortierung” in die jeweilige Stimme vor und gibt anfängliche individuelle Unterstützung, damit sie einfacher im Chor ankommen können.

Und schon wieder lächelt Vincent Jaufmann. Er will jetzt endlich seinen Flügel in Position rollen, und mit den Sängern ein Lied einstudieren. Vor Auftritten ist er die Ruhe selbst, sagt er. Jetzt will er proben.

Der Chor, der Donnerstagabend, ein fester Garant für Freude, Freunde und Zusammenhalt. Viele der Sänger sind verheiratet. Ihre Frauen agieren als Fördermitglieder des Chores. „Unsere Frauen wissen genau, wo wir donnerstagsabends sind. Den Chor haben sie gleich mitgeheiratet.“

Um Punkt 18 Uhr trifft auch der Caterer Senthilkumaran Kandasamy im Küchentrackt des denkmalgeschützten Gebäudes in der Kreuzberger Urbanstraße 21 ein. Ab 19.30 Uhr ist die Chorprobe angesagt, und die Sänger lieben es, vorher gemeinsam ein kühles Blondes zum liebevoll gestalteten Brötchen zu versenken. Hier gibt sich der Koch große Mühe, ein beachtliches Schnitzel auf einer Brötchen-Hälfte zu platzieren. Für nach der Probe, etwa gegen 21.30 Uhr hält er ein Chili con Carne vor. So kann man(n) es sich gutgehen lassen.

Jede Stimme, ob hoch oder tief, ist bei der Berliner Liedertafel willkommen

HERRlich. Diese Männerstimmen klingen richtig gut!

Wären da nicht die Frauen, insbesondere eine, die Stimmbildnerin Sigrid Höhne-Friedrich, die sich während der an diesem Abend ausnahmsweise geteilten Probe, in dem im Keller liegenden Vereinsraum, der Tenöre annimmt. Seit mehr als 25 Jahren feilt sie an den Stimmbändern der Chormitglieder und sorgt damit für den guten Ton. Während oben, im großen Saal mit seinem Parkettboden und den historischen Wand- und Deckenlampen, am Flügel der dynamische Chorleiter Vincent Jaufmann teils sitzend, mehr stehend und mit klarer Stimme die Bässe in Form bringt.

Heute kann sich hier niemand ausruhen. Aber sie strengen sich gern an, wollen besser werden und lauter singen. Gemeinsam. Zu schön klingt es am Ende, wenn die Tenöre wieder aus dem Keller zurückgekehrt sind und alle gemeinsam, im großen Saal, mehrstimmig das Lied „Der alte Barbarossa“ anstimmen. In diesem Augenblick haben Zuhörende das Gefühl in mitten eines Heimatfilmes, im Frühling, an einem Bergsee gelandet zu sein. Mit jedem Ton des Gesangs lacht die Sonne heller, so wie das Umfeld immer grüner wird.

HERRlich. Diese Männerstimmen klingen richtig gut, sie tragen einen davon. Zu schön, doch jetzt gibt es erst einmal eine kleine Pause. Chorleiter Vincent Jaufmann und der ehemalige Vorsitzende Klaus Lehmann würden sich sehr freuen, wenn noch mehr Männer den Chor unterstützen würden. „Früher sangen hier etwa 180 Sänger. Heute sind wir rund 40 aktive Sänger. Einige sind neu zu uns gekommen, teils aus Südamerika. Wir würden uns aber über noch mehr musikbegeisterte Männer freuen, die singen wollen.“

Auch Vincent Jaufmann heißt alle interessierten Sänger willkommen und hat einen guten Rat für Neuankömmlinge: „Am besten kommt man langsam aber sicher ins Singen, in dem man beim Singen auf den Nachbarn hört. Also: Nicht gleich lospoltern und volle Kraft in die Stimme legen. Besser ist es, sich anzupassen, auf den Nachbarn zu hören, der es schon kann.“ Sonst könne es passieren, dass der schräge Gesang auch den Nachbar anstecke. Und davon hätte am Ende niemand etwas. Am wenigsten die Zuhörerenden.

Damit sich auch zukünftig möglichst viele Menschen an dem unvergleichbaren Klang dieser Männerstimmen erfreuen können, sind neue Stimmen herzlich willkommen. „Wir freuen uns über musikbegeisterte Männer, die mit uns gemeinsam singen wollen. Und die mit uns gemeinsam diesen Chor beflügeln können.

Wolfgang Görsch: „Unser Chor hatte in jungen Jahren bis zu 250 aktive Sänger und über 700 Unterstützer. An diese Zahlen werden wir gerade in der aussterbenden Gattung der Männerchöre nicht mehr herankommen. Doch jede Stimme, ob hoch oder tief, wird uns dabei helfen, die Berliner Liedertafel in Schwingung zu halten.

Wer schon immer einmal singen wollte, oder bereits Gesangserfahrung hat, bestenfalls Noten lesen kann (Vorerfahrung ist kein Muss) und dabei sein möchte, kann sich gern melden:

E-Mail: info@berliner-liedertafel.de
oder über WhatsApp unter der Nummer +49151 4773 6937

Im Juni haben wir den Friedrichshainer Jugenchor unter der Leitung von Fernando Bultmann Gutiérrez vorgestellt.