Stellen Sie sich vor, Sie kommen aus Brasilien und Ihre erste Reise nach Europa führt Sie nach Berlin. Aber Sie machen die Reise nicht nur, um die Stadt kennenzulernen, sondern um dort zu leben. Dies ist meine Geschichte.
Als ich im Jahr 2017 nach Berlin kam, war ich von vielen Orten und von vielen Dingen begeistert. Aber meine größte Sehnsucht war, das Brandenburger Tor zu sehen. Das war mein Berlin, d. h. das Bild, das ich mir aus der Ferne von der Stadt gemacht hatte. Als ich das Bauwerk dann zum ersten Mal sah, war ich von seiner Größe und Schönheit beeindruckt.
Nicht selten entwickelt man zu Orten eine persönliche Beziehung, die man nur aus Büchern oder aus dem Fernsehen kennt. Wenn man dann die Gelegenheit hat, einen dieser Orte zu besuchen, ist es an der Zeit, präzise Informationen einzuholen.
Das Brandenburger Tor wurde 1734 als Stadttor erbaut. Auf Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. wurde der Bau in seiner heutigen Form nach Plänen von Carl Gotthard Langhans errichtet. Es sollte ein Symbol des Friedens werden, architektonisches Vorbild war das “Stadttor von Athen“.
Nicht von ungefähr spricht man vom klassizistischen Stil. Das Brandenburger Tor besteht aus zwölf dorischen Säulen, sechs auf jeder Seite. Die Säulen bilden zusammen fünf Durchgänge. Ursprünglich durften die Bürger nur die äußeren zwei Durchgänge auf jeder Seite verwenden. Das Monument ist das einzig erhaltene von zuletzt achtzehn Berliner Stadttoren. Es ist 26 m hoch, 11 m tief und 65 m breit.
Das Brandenburger Tor war Zeuge wichtiger historischer Ereignisse. Im Oktober 1806 marschierten die französischen Truppen Napoleons durch das Tor und besetzten Berlin, die preußische Hauptstadt. Um seine Herrschaft über das besiegte Preußen zu demonstrieren, ließ Napoleon die Quadriga, die das Bandenburger Tor krönende Bronzeskulptur, abbauen und schickte sie nach Paris. Erst 1814, nachdem die antifranzöische Allianz unter Führung von Russland und Preußen gegen Napoleon siegreich war, kehrte die Quadriga wieder nach Berlin zurück.
Viele Jahre später, während des Kalten Krieges, stand das Brandenburger Tor isoliert, nur DDR Soldaten hatten Zugang. Als dann im November 1989 die Mauer fiel, wurde das Denkmal zum Zeichen der deutschen Wiedervereinigung.
In den letzten Jahren bin ich ein wenig durch Europa gereist, und mir sind Ähnlichkeiten zwischen dem Triumphbogen in Paris und dem Brandenburger Tor aufgefallen. Der Arc de Triomphe ist jünger und sehr viel höher, aber beide Bauwerke wurden im klassizistischen Stil errichtet und beide sind herausragende und geschichtsträchtige Wahrzeichen ihrer Stadt. Ich bewundere die einzigartige Schönheit beider Bauten, aber als Neu-Berlinerin fühle ich mich doch zu meinem Lieblings-Wahrzeichen, dem Brandenburger Tor, immer wieder besonders hingezogen.
Vanessa Hartmann-Kusowski, Dezember 2021
vanessa.kusowski@gmail.com