Charlottenburg-Nord: „Für Galina und uns“

Edelstahl und Cortenstahl: Aus diesen beiden Materialien formte der Kunsthandwerker Philipp Schreiner zwei große Halbschalen nach dem Entwurf von Stephanie Imbeau. Ihre Idee hatte 2024 beim „Kunstwettbewerb für die Grünverbindung Halemweg/Popitzweg“ den 1. Preis der Fachjury erhalten. Nun setzen die stählernen, zerbrochenen Schalen als Kunstwerk und zugleich als Sitzskulptur den abschließenden i-Punkt auf das Freiraum-Projekt. Im Rahmen des Förderprogramms Nachhaltige Erneuerung wurden über 4,4 Mio. Euro für die Grünanlage mit Spielplätzen, Bürgergarten, klimaresilienter Bepflanzung und schließlich auch für die „Kunst am Bau“ aufgewendet.

Oliver Schruoffeneger

Umweltstadtrat Oliver Schruoffeneger erläuterte, warum das Kunstwerk den Titel „Für Galina und uns“ trägt.

Zur Einweihung der Skulptur versammelten sich am 16. Oktober etwa vierzig Gäste aus Politik, Kunst, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Auch Nachbarn folgten der Einladung des Stadtrates für Ordnung, Umwelt, Straßen und Grünflächen von Charlottenburg-Wilmersdorf, Oliver Schruoffeneger. Er würdigte in seiner Ansprache den Mut der ukrainischen Ärztin Galina Romanowa, die vor 81 Jahren in Plötzensee hingerichtet wurde und der das Kunstwerk gewidmet ist. Der Stadtrat mahnte zudem an, dass ihr Widerstand gegen die Nationalsozialisten ein Signal an die heutige Generation sei, miteinander im Dialog zu bleiben. Deshalb habe sich das Bezirksamt gemeinsam mit der kanadisch-amerikanischen Künstlerin und der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand bewusst auf den zunächst irritierenden Titel des Kunstwerks – „Für Galina und uns“ – verständigt. Um diesen zu verstehen, müsse man sich auf das Kunstwerk einlassen.
Es fügt sich inhaltlich gut in die „Gedenkregion Charlottenburg-Nord“ ein und schaffe eine Verbindung zum „Pfad der Erinnerung“, der sich bis zur Hinrichtungsstätte Plötzensee erstreckt. Folgerichtig widmen sich die alljährlichen „Plötzenseer Tage“ des Ökumenischen Gedenkzentrums (23.1.–2.2.2026) diesmal Galina Romanowa. Dazu ist eine Delegation aus ihrer ukrainischen Geburtsstadt eingeladen. Zusammen möchte man sich austauschen und weitere historische Quellen zu der noch wenig bekannten, antifaschistischen Widerstandsgruppe „Europäische Union“ erschließen, der sie angehörte.

Gedicht mit Stephanie Imbeau

Die Künstlerin trug ihr Gedicht vor.

Im Anschluss an den Bezirksstadtrat würdigte der Bildhauer Sven Kalden die Skulptur aus künstlerischer Sicht. Kalden hatte im vorigen Jahr den Vorsitz der Wettbewerbs-Jury inne. Stephanie Imbeau sei es nicht nur gelungen, sehr wirkungsvoll Geschichte und Hoffnung miteinander zu verbinden. Sie habe auch sehr überzeugend die bereits am Grünzug vorhanden zahlreichen Kunstobjekte mit dem ihrigen verbunden. So bildeten die Halbschalen nun mit den „Mäander-Codes“ aus Cortenstahl von Susanne Specht (2022/23) und dem kürzlich sanierten „Gestirne-Zyklus“ aus Bronze von Joachim Dunkel (1963) eine dem Ort angemessene Formensprache.
Stephanie Imbeau war wegen dieser Würdigung sichtlich gerührt. In ihrer emotionalen Dankesrede spürten die Anwesenden, dass der künstlerische Schaffensprozess für sie eine Herzenssache war. Die beiden Halbschalen seien ihr erstes dauerhaftes Kunstwerk und sie lud alle Nachbarn ein, darin Platz zu nehmen. Die Künstlerin fasste ihre Gedanken während des Entstehung in einem Gedicht zusammen. Dieses wurde in eine Metalltafel eingraviert, die sich am Fundament der Skulptur befindet:

Oud-Spieler

Der Musiker Bakr Khleifi adaptierte zwei ukrainische Volksweisen auf seiner Oud.

Für Galina und uns

zwei hände – zwei formen des seins
vorher und nachher / sein und zerbrechen
zwei scherben, für immer entzweit
zwei plätze – zwei orte zum nachdenken
zwei meinungen in einem raum geschaffen
um in seiner schützenden Nähe nach Wegen zu suchen, gemeinsam
geborgen und doch sanft gedrängt
frieden zu schließen inmitten der zerbrochenen
erinnerungen an das, was passiert, wenn wir vergessen
uns und anderen zuzuhören.

Stephanie Imbeau

Ganz in diesem Sinne spielte der Virtuose Bakr Khleifi zwei ukrainische Volkslieder auf seiner Oud und berührte damit alle Anwesenden auf eine ganz besondere Weise.

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