Ein Musterbeispiel: 65 Jahre Paul-Hertz-Siedlung

CHARLIE 31

Das Titelbild der aktuellen Ausgabe

Eine Großsiedlung feiert Geburtstag

Großsiedlungen hat Berlin reichlich und sie alle waren eine Antwort auf die große Wohnungsnot. Die meisten wurden im Rahmen der Wohnungsbauförderung errichtet, weshalb das Wohnen dort bis heute erschwinglich ist. In mehreren dieser Siedlungen fördern Land und Bund den Ausbau der sozialen Infrastruktur. Ob in Marzahn-Süd, Neu-Hohenschönhausen, im Märkischen Viertel (MV) oder in der Paul-Hertz-Siedlung – der Förderbedarf und die Stärken der Wohngebiete sind vergleichbar. Wie in den anderen Gebieten auch, ist die ehemalige Plansiedlung „Charlottenburg Nordost“ der Gewobag mit einem zentralen Grünzug durchzogen. Die Erschließung erfolgt durch eine Ringstraße, den Reichweindamm. Innen gibt es ein Wegenetz, das die 57 Zeilenbauten und 9 Punkthochhäuser verbindet.

Bernhard-Lichtenberg-Straße

Bernhard-Lichtenberg-Straße

Vor 65 Jahren, im November 1961, wurde der Grundstein für die damalige Vorzeigesiedlung gelegt. Dieses Jubiläum nahm die Redaktion der Stadtteilzeitung „CHARLIE“ zum Anlass, um einmal tiefer in die Baugeschichte einzutauchen, das Bezirksarchiv, das Bezirksmuseum und einige Erstmieterinnen und -mieter zu befragen. Gerade diese schwärmen bis heute von der Anfangszeit der Paul-Hertz-Siedlung.

Architekten waren der ehemalige Bauhausstudent Prof. Wils Ebert seine Kollegen Prof. Werner Weber und Fritz Gaulke. Sie griffen die Grundidee des Neuen Bauens wieder auf. Viel „Licht, Luft, Sonne“ sollten die Menschen hier haben und ihre Wohnungen eine moderne technisches Ausstattung. Erstmalig in Berlin erfolgte die Versorgung mit Wärme und Warmwasser für einen ganzen Wohnkomplex mit rund 3200 Wohnungen über Fernleitungen der GASAG. Gebaut wurde mit hohem Tempo unter Verwendung vorgefertigter Bauelemente, sodass schon nach einem Jahr Richtfest gefeiert werden konnte. An diesem Tag erhielt der Wohnkomplex auch den Namen des SPD-Politikers Paul Hertz, der sich sehr für den sozialen Wohnungsbau nach dem Krieg stark gemacht hatte. Im Juni 1964 wurde am Kirchnerpfad die 250.000 Berliner Neubauwohnung in Berlin (West) und ein Jahr später der erste Abschnitt der neuen Helmuth-James-von-Moltke-Grundschule übergeben.

Interessant erscheint aus heutiger Sicht das Finanzierungsmodell. Die künftigen Mieter mussten der Gewobag beim Einzug ein Mieterdarlehen gewähren. Das lag im mittleren vierstelligen Bereich, eine für damalige Verhältnisse ziemlich große Summe. Für die Tilgung nahm sich die Gewobag viel Zeit; laut Mietvertrag zahlte sie gerade einmal 5 % im Jahr zurück. Die Mieter bekamen jedoch die Möglichkeit, einen Teilbetrag über einen Sparkassen-Kredit zu finanzieren. Diese Beteiligung an den Baukosten sorgte vielleicht auch für die anfangs sehr hohe Identifikation der Bewohnerinnen und Bewohner mit ihrer Siedlung. Heute sorgen sie sich wegen der mit den Jahren entstandenen Defizite (hohe Lärmbelastung durch die Autobahn, vertrocknete Grünflächen, veraltete Einzelhandelsflächen). Ungeachtet dessen gibt es Mietergärten, die mit viel Liebe und Engagement gepflegt werden, einen aktiven Mieterbeirat und eine Interessensgruppe, die sich für das Umfeld interessiert.

Spürbar verbessert haben sich die Möglichkeiten der Nachbarschaftsarbeit. Zum einen bietet das Stadtteilzentrum Charlottenburg-Nord in der kleinen Kiezstube am Reichweindamm fast täglich ein abwechslungsreiches Programm aus Beratung, Bewegung und Begegnung. Zum anderen wurde mit Mitteln der Nachhaltigen Erneuerung das Familienzentrum Jungfernheide und am Klausingring der einzige öffentliche Spielplatz umgestaltet und der dortige Mädchentreff Jacki zu einem ganzjährigen Angebot ausgebaut. Das Funktionsgebäude am Sportplatz Heckerdamm bekommt Außentoiletten, die auch barrierefrei sind. Diese sollen im Jubiläumsjahr fertig werden, genauso wie der neue Mehrzweckraum an der Moltke-Grundschule. Seit Anfang Februar ist auch der neue Modulare Holzergänzungsbau für den Schulbetrieb mit einer lichtdurchfluteten Mensa in Betrieb und die Kinder durchweg begeistert. Ein besseres Geburtstagsgeschenk könnte man der Siedlung kaum machen.

Mehr interessante Fakten über die Geschichte der Siedlung erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der CHARLIE.
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Beitrag über das Richtfest in einer alten rbb-Abendschau von 1962