100. STADTFORUM BERLIN: [Un]sichtbare [Infra]strukturen Berlins zukunftsfähig weiterentwickeln

  • Ricarda Pätzold (r.) befragte auf dem Podium Heike Schmitt-Schmelz, Bezirksstadträtin für Schule, Sport, Weiterbildung und Kultur, Charlottenburg-Wilmersdorf; Dr. Torsten Kühne, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie; Cristian Gaebler, Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen sowie den Wissenschaftler Ralf Zimmer Hegmann vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS).

    Ricarda Pätzold (r.) befragte auf dem Podium Heike Schmitt-Schmelz, Bezirksstadträtin f. Schule, Sport, Weiterbildung u. Kultur, Charlottenburg-Wilmersdorf; Dr. Torsten Kühne, Staatssekretär in der Senatsverwaltung f. Bildung, Jugend u. Familie; Christian Gaebler, Senator f. Stadtentwicklung, Bauen u. Wohnen sowie den Wissenschaftler Ralf Zimmer Hegmann vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS).

Senator Christian Gaebler plädiert für Mehrfachnutzungen von Orten der Daseinsvorsorge

Die Veranstaltungsreihe STADTFORUM BERLIN gibt es bereits seit 32 Jahren! Mehrmals im Jahr findet dieses „Get Together“ von Politik, Verwaltung und der interessierten Öffentlichkeit an außergewöhnlichen Orten statt, und es versteht sich fast von selbst, dass diese Säle dann gut gefüllt sind. Wie auch bei der 100. Ausgabe des Forums am 23. Juni, das auf dem Gelände des „Holzmarkt 25“ in der Nähe des Ostbahnhofs stattfand. Der einstmalige Holzmarkt, später als Gaswerk und Technoclub genutzt, hat sich inzwischen zu einem multifunktionalen Zentrum entwickelt. Da dieses aber kein klassischer Konferenzort ist, brauchte es seitens der beauftragten Agentur Zebralog ein gewisses Improvisationstalent, um die Veranstaltung zum Erfolg zu bringen. Die Location bot also schon mit ihrem Ansatz der Selbstverwaltung verschiedener Einrichtungen und Nutzungen den passenden Rahmen zum aktuellen Thema.

Zu den Teilnehmenden gehörten auch Mitarbeitende aus Stadtteilzentren, Quartiersmanagements und der Gebietsbetreuung von Fördergebieten.

Zu den Teilnehmenden gehörten auch Mitarbeitende aus Stadtteilzentren, Quartiersmanagements und der Gebietsbetreuung von Fördergebieten.

Die Leitfrage, wie Berlin seine Kitas, Schulen, Bibliotheken, Stadtteil-, Kultur- und Sporteinrichtungen weiterentwickeln könnte, bewegt viele Akteure in den Bezirken und in mehreren Senatsverwaltungen. So war garantiert, dass sich diesmal nicht nur Planende in den Dialogstationen begegneten, sondern diese auch mit den Nutzenden auf Augenhöhe ins Gespräch kamen, was den Diskussionen zu einer neuen Dynamik verhalf.

Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik freute sich über diese bunte Mischung der Akteure. Sie eröffnete gemeinsam mit dem Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Christian Gaebler, den Abend. Er nutzte sein Eingangsstatement, um zwei Fragen zu stellen: Berlin müsse sich angesichts knapper werdender Finanz-, Raum- und Personalressourcen frühzeitiger überlegen, welche Infrastruktur an welcher Stelle erforderlich sei und wie diese nachhaltig und dauerhaft funktionsfähig bleiben könne.

Stefan Zenker von der KIEZquartier gGmbH präsentierte in der Dialogstation 4 das Modellprojekt Gotenburger Straße als gelungenes Beispiel für die „Mehrfachnutzung von sozialen Infrastrukturen“.

Stefan Zenker von der KIEZquartier gGmbH präsentierte in der Dialogstation 4 das Modellprojekt Gotenburger Straße als gelungenes Beispiel für die „Mehrfachnutzung von sozialen Infrastrukturen“.

Eine umfassende Antwort darauf konnte und wollte Ralf Zimmer-Hegmann vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Dortmund in seiner Keynote nicht geben. Er setzte jedoch mit seinen fünf Thesen zur Infrastruktur der Daseinsvorsorge sehr interessante Impulse für die anschließenden fünf Diskussionsforen. Fast bei allen seiner Aussagen gab es Nicken und Beifall, denn viele Menschen sehen den Dissens zwischen nachhaltig gebauter Infrastruktur und der nicht nachhaltig gesicherten, personellen Ausstattung für deren Betrieb.

Der Wissenschaftler gab den Verantwortlichen aus der Politik eines mit auf den Weg „Sparen hilft nicht!“ und meinte dabei sowohl die bauliche Unterhaltung als auch die Personalausstattung. Wie schwierig dies in der Praxis umzusetzen ist, und wie sehr sich das „Säulendenken“ zwischen den einzelnen Verwaltungen manifestiert hat, wurde durch Äußerungen mehrerer Stadträtinnen und Stadträte auf den anschließenden Podien deutlich. Hinzu kämen rechtliche Probleme, die oft einer Mehrfachnutzung von Infrastruktureinrichtungen entgegen sprächen.

Verwaltung trifft Praxis: Doris Leymann von der Sozialraumorientierten Planungskoordination (Charlottenburg-Wilmersdorf) im Gespräch mit Esther Klobe-Weihmann vom Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V.

Verwaltung trifft Praxis: Doris Leymann von der Sozialraumorientierten Planungskoordination (Charlottenburg-Wilmersdorf) im Gespräch mit Esther Klobe-Weihmann vom Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V.

Neben dem Benennen der Herausforderungen war dieser Abend auch ein Festival der Best-Practice-Beispiele. Staatssekretär Dr. Torsten Kühne von der Senatsbildungsverwaltung und verantwortlich für die Schulbauoffensive, berichtete von der Multifunktionalität der neuen Schulen in Berlin. Da würde man Sport, Elternbeteiligung und Nachbarschaft bereits baulich mitdenken. Ein anderes Beispiel, das unbedingte zur Nachahmung empfohlen sei, ist das Modellprojekt Gotenburger Straße, das Stefan Zenker von KIEZquartier GmbH in der Dialogstation 4 vorstellte. Hier sei es gelungen, vielen benachteiligten Gruppen ein Dach über dem Kopf zu geben. In der Dialogstation 2 erörterten Expertinnen und Experten aus der Praxis die Möglichkeiten, Bestandsorte zukunftsfit zu machen. Hier lag der Fokus auf den Bibliotheken, die als Anker städtischer Zentren weiterzuentwickeln seien.

An der Dialogstation 5, die sich der Planung der „Sozialen Infrastruktur von morgen“ widmete, ging es wiederum um das „Wann“ und das „Wie“ der Zusammenarbeit zwischen Planenden und Nutzenden.

An jeder Dialogstation wurden Ideen und Vorschläge sowie Hinweise zu Problemlagen aus den Murmelrunden zusammengetragen.

An jeder Dialogstation wurden Ideen und Vorschläge sowie Hinweise zu Problemlagen aus den Murmelrunden zusammengetragen.

Alle fünf Dialogstationen trugen ihre Erkenntnisse zu Herausforderungen, Erfolgsfaktoren, innovativen Maßnahmen und wichtigen Rahmenbedingungen an Pinnwänden zusammen und gaben den Senatsverwaltungen etliche Vorschläge mit auf den Weg. Diese sollen in Kürze zusammengefasst und allen Beteiligten zur Verfügung gestellt werden. Dieses Dokument wäre ein guter Handlungsleitfaden für die Planung und Umsetzung einer nachhaltigen Sozialen Infrastruktur, die alles andere als unsichtbar sein sollte. Im Gegenteil, Senator Gaebler will die Fokussierung darauf auch als Beitrag zur Verteidigung der Demokratie verstanden wissen. Er versprach, diese belebende Diskussion weiterzuführen und lud schon mal zur 101. Ausgabe des STADTFORUMS ein. Am 17. November soll es voraussichtlich um Wärme- und Energienetze gehen. Offenbar gehen der Veranstaltungsreihe die Themen nicht aus.