Ulla Utasch berichtet aus Cardiff

Eindrücke aus der Butetown Medical Practice

Bericht vom 25.05.2025

Am vergangenen Wochenende hatte ich noch einen großartigen Ausflug nach Bath und bin zum ersten Mal mit einem dieser Stadtrundfahrten-Doppeldecker-Busse gefahren, witzig.

In meiner letzten Hospitations-Woche war ich in Butetown Medical Practice, eins der Health Centres mit einer weiteren …sehr freundlichen und ebenfalls interessierten Hebamme, Fiona Gillespie. Das war nochmal schön zu erleben, eine relative Standard-Versorgung von Schwangeren und Wöchnerinnen, nachdem ich mich ja schon in das Gesundheitssystem vertiefen konnte. So konnte ich die ganze Sprechstunde viel besser nachvollziehen. Die letzten zwei Tage habe ich nochmal mit Becky Marsh verbracht. Sie arbeitet in ihren üblichen Hebammen-Sprechstunden im University Hospital Llandough am westlichen Stadtrand Cardiffs und ist die Kontakt-Hebamme für das Perinatal-Mental-Health-Team. In ihrem Team haben sie z.B. eine spezifische Schwangerenvorsorge für Frauen nach Kindsverlust eingerichtet („Rainbow-Clinic“). Ich habe übrigens eine der Hebammen gefragt und herausgefunden, warum Operationssaal hier „Theatre“ genannt wird,… aber das erzähl ich Euch dann in Berlin.

Ich versuch einmal grob das System zu skizzieren, in das sich eine Schwangere begibt.
  1. Auf der Homepage https://cavuhb.nhs.wales/our-services/maternity-services/ meldet sie sich an.
  2. Sie wird von einer Hebamme kontaktiert
  3. Sie bekommt einen ersten Hebammen-Vorsorge-Termin in dem Health Centre in Ihrem Bezirk mit ausführlicher Krankheits-, Geburten- und Sozialanamnese
  4. Sowie kritische Aspekte festgestellt werden, wird der für sie passendere Weg angeboten und sie wird direkt mit Überweisung und Terminvergabe versorgt
  5. Die Hebamme macht nach Standard sämtliche Vorsorgeuntersuchungen bis 41+0 SSW. Die zwei vorgesehenen Ultraschall-Untersuchungen (machen dort keine Ärzt*innen, sondern extra ausgebildete Ultraschaller*innen) sowie der OGTT finden im Krankenhaus statt.
  6. Es wird kein CTG (nur in begründetem Verdacht auf Regelwidrigkeiten) geschrieben, sondern Auskultation über 1 Minute und immer nach Quantität und Qualität der Kindsbewegungen, denn: „sie wollen lieber Infos aus dem Bauch heraus bekommen, als von außen reinzuhören“
  7. Über 40+0 wird einer Schwangeren das „stretch and sweep“ bei uns bekannt als „Eipollösung“ angeboten
  8. Ab 41+0 bekommt die Schwangere einen Termin im Krankenhaus für das Geburtseinleitungs-Prozedere
  9. Die Geburt findet im Krankenhaus statt, in der entweder Hebammen- oder Ärzt*innen geleiteten Geburtsstation
  10. Nach Entlassung bekommt sie 2-3 Hausbesuche und geht dann wieder für ihre eigene Betreuung und die Vorsorgeuntersuchungen für ihr Kind in ihr Health-Centre, solange alles unauffällig verläuft bleibt sie in Standardversorgung, bei Auffälligkeiten wird sie automatisch die spezifische Versorgung übergeleitet
  11. Nach 4 Wochen postpartum kommt der/die Healthvisitor (entspricht bei uns am ehesten „Frühe Hilfen“ bzw. „Familienhebamme“)

Ich habe meine Zeit in Cardiff jetzt beendet und bin extrem happy und voll mit wahnsinnig wertvollen Eindrücken, sowohl privat als auch beruflich. Mein Fazit: alle Systeme haben Vor- und Nachteile und alle Systeme sind natürlich immer nachbesserbar. Ich bin gespannt, was wir evtl. übernehmen können. Auf jeden Fall habe ich auch nochmal gemerkt, obwohl english meine solideste Fremdsprache ist, wie anstrengend es ist, sich in einem fremden Land, mit fremder Sprache/ zumindest nicht Muttersprache, fremder Kultur, etc. zurecht zu finden. Und ich musste mir nicht um meine Unterkunft, Versorgung, Familie oder Aufenthaltsstatus Sorgen machen.

Cardiff Royal Infirmary

Bericht vom 19.05.2025

Das vergangene Wochenende war, …, erlebnisreich. Ich hatte eine wunderschöne Wanderung von Lavernock Stony Beach über den Penarth Coast Path in das Seebad Penarth, habe die gigantisch große und schöne 1000-jährige Kathedrale in Cardiff besucht und einen relativ spontanen Trip nach London mit Themse, Tate und Hydepark und fröhlichen Begegnungen dort gehabt.

Die dritte Arbeitswoche war auch wieder sehr eindrücklich. Ich verstehe immer mehr, dass die Versorgung und Betreuung der Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen sich inhaltlich im Vergleich zwischen Deutschland bzw. Berlin und UK bzw. Wales bzw. Cardiff überwiegend entspricht, klar! Die Strukturen allerdings unterscheiden sich, aus meiner derzeitigen Sicht, wesentlich. Die General-Formel heißt Standardisierung. Sämtliche Abläufe sind entsprechend vorhersehbar und nachvollziehbar, sowohl für die Profis, als auch für die, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen. Alle Hebammen, bis auf verschwindend wenige, sind bei NHS (National Health Service) angestellt. Eine sehr große Zahl von ihnen arbeitet in den geburtshiflichen Abteilungen der Krankenhäuser (ärztlich oder hebammengeleitet), eine ca. ebenso große Zahl als Community Midwife. Die versorgen die Frauen vor und nach der Geburt in den Health Centres und machen durchschnittlich ein bis drei Hausbesuchen nach der Geburt. (https://cavuhb.nhs.wales/our-services/maternity-services/).

Die Community Midwifes, deren Arbeitsinhalte ebenfalls durchstandardisiert sind, können Schwangere oder Wöchnerinnen mit besonderen Bedürfnissen niedrigschwellig z.B. an Allgemeinarztpraxen oder Physiotherapeut*innen, speziell auf pelvic floor spezialisiert, überweisen. In diesem ambulanten Versorgungssystem wurden auch sehr spezifische Angebote entwickelt. Wie z.B. die Versorgung mit Hausbesuchen durch das von Hebammen praktizierte „Elan-Team“ für extremly vulnerable women across Cardiff. Wir würden sie Familienhebammen nennen, deren Arbeit sich sehr mit der von Sozialarbeiter*innen überschneidet (https://cavuhb.nhs.wales/news/latest-news/idm2024-meet-our-specialist-elan-midwives-supporting-vulnerable-people/ ).

Das für mich besondere an diesem Team ist nicht soo sehr, dass es sie gibt, sondern diese zentrale Struktur mit der die Hebammen arbeiten. Die Schwangeren werden in der Vorsorge standardisiert gescreent, besondere Bedarfe erfasst und ihnen dieses Angebot gemacht. Sie werden übergeleitet, d.h. die Hebamme macht direkt, im allen zur Verfügung stehenden System, einen Termin für sie aus. Die Schwangere wird dann von der Hebamme besucht. Die Hebamme hat für diese Besuche durchschnittlich eine Stunde
Zeit eingeplant. Die Hebamme arbeitet eng mit allen angrenzenden Berufsgruppen, wie Sozialarbeiter*innen, Jungendamt, etc. zusammen.

Zum „Elan-Team“ gehört auch Wendy Ansell (die in Folge ihrer Arbeit und ihres unermüdlichen Engagements im Oktober 2024 denTitel MBE, Mitglied des Ordens des British Empire!! Tragen darf) setzt sich seit sehr vielen Jahren ein für eine hebammengeleitete Versorgung für Frauen mit FGM_C im Cardiff Royal Infirmery https://cavuhb.nhs.wales/hospitals-and-health-centres/our-hospitals/cardiff-royal-infirmary/ . Dazu gehören Diagnostik, geburtsvorbereitende Behandlung, inkl. chirurgische Versorgung in Kooperation mit einem*r Gynäkolog*in und einer relativ intensiven psychosoziale Umsorgung mit zugrundeliegender Traumasensibilität.

Das zweite Team, dessen Arbeit ich intensiv begleiten durfte, ist das „Perinatal Mental Health Team“. Dazu gehören ca. sechs Psychologische Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen, drei Hebammen und einige Krankenschwestern. Auch in dieses Team werden Schwangere oder Wöchnerinnen, die in der Hebammenversorgung mit besonderen Bedürfnissen identifiziert werden, niedrigschwellig und durch die jeweilige Hebamme per „referral“ überwiesen. Einmal wöchentlich findet eine Fall-Konferenz statt. Daran nehmen die Psychotherapeut*innen, eine Hebamme und eine leitende Gynäkologin der geburtshilflichen Abteilung der Uni-Klinik teil. Die Anfragen werden jeweils an primary care (moderate Symptomatik, spezialisierte Hebammen) oder secondary care (intensive Symptomatik, Psycholog. Psychotherapeut*innen/ Psychiater*innen) verteilt bzw. angebunden und dort mit Terminen oder stationärem Aufenthalt versorgt. Und jetzt habe ich auch verstanden, wie meine Koordinatorin den Hospitationsplan für mich zusammengestellt hat. Ich habe begonnen mit der nicht aufsuchenden Standardversorgung für überwiegend gesunde und sich in soliden Lebensverhältnissen befindenden Schwangeren aus der diversen Bevölkerung Cardiffs. Im Verlauf konnte ich immer tiefer eintauchen in das System, das sich entsprechend immer weiter verzweigt.

Maternity Emotional Health Page - Cardiff

Bericht vom 09.05.2025

Am vergangenen Samstag habe ich Wales verlassen und einen Ausflug nach Bristol gemacht, mit dem Zug nur etwas mehr als eine Stunde von hier. Super Wetter, super Leute, super Stimmung. Außer der großen Kathedrale, kann man sich herrlich im gesamten ehemaligen Werft- und Hafengelände herumtummeln. Es ist (inzwischen) bewohnt und dank Kneipen, oh nein Pubs, sowie einer großen Galerie mit vielen bunten Leuten, herrlich bevölkert. Am Sonntag folgte ein Ausflug in den Brecon Beacons National Park. Eine traumhaft schöne, teils frühlingsgrüne Mondlandschaft mit dem höchsten Berg dort Pen Y Fan mit ca. 900 Höhenmeter. Und wieder unten, seit langem mal wieder getrampt, hihi , das ist inzwischen auch hier nicht mehr so üblich, aber: wieder eine unglaublich herzerwärmende Begegnung und Speed-Austausch und Begeisterung auf allen Ebenen.

In der Arbeitswoche habe ich zwei Hebammen begleitet. Amelie, ist 1991 in München geboren. In diesem Jahr habe ich damals in München mein Hebammen-Examen abgelegt . Sie hat ihr Hebammen-Examen hier in Cardiff gemacht. Sie arbeitet ebenso wie Sally als Community Midwife. Am Montag war hier Bank Holiday, Maifeiertag. Somit war Amelie nicht in „ihrem“ Health Centre, wo sie „ihre“ Schwangeren und Wöchnerinnen betreut, sondern zentral im „Heath“, dem größten Krankenhaus in Wales. Die Gesundheitszentren der einzelnen Bezirke haben an Feiertagen geschlossen. Die Frauen mit nicht aufschiebbaren Untersuchungsterminen werden also zentral durch eine extra dafür eintreffende Community Midwife in den Räumen des Hospitals versorgt. Diese Untersuchungen müssen nicht die diensthabenden Hebammen durchführen, wie es in Deutschland üblich ist. In dem Universitätskrankenhaus in Cardiff finden durchschnittlich 5500 Geburten pro Jahr, 450 pro Monat, ca. 15 täglich (https://cavuhb.nhs.wales/our-services/maternity-services/ ) statt. Sie werden in zwei übergeordneten Abteilungen betreut. Die ärztlich geleitete Geburtshilfe, so wie es überwiegend in Deutschland üblich ist und die hebammengeleitete Geburtshilfe, so wie sich in Deutschland zur Zeit der Trend entwickelt. Von den ca. 450 Geburten im Monat finden dann aber doch nur 30-40 Geburten in der Hebammengeleiteten Abteilung statt.

Was mich wirklich umwerfend beeindruckt hat ist die Tatsache, dass die Geburten hier alle in einer 1:1 Betreuung, d.h. eine Hebamme betreut wirklich nur eine! Gebärende als Standard betreut werden. Und nicht nur dass es diesen Standard gibt, er wird auch, laut Amelie, mit sehr hoher Priorität praktiziert. Das heißt, damit eine 1:1-Betreuung gewährleistet werden kann, muss ggf. eine Hebamme aus einer anderen Abteilung oder eine der Community Midwifes aus ihrer Rufbereitschaft in die Geburtshilfe hereingerufen werden. Wow…!!, davon träumen die Hebammen in Deutschland und kämpfen dafür seit Jahrzehnten ohne wesentlichen Erfolg, obwohl Studien längst belegen, dass nicht nur die Würde der Gebärenden besser gewahrt, sondern auch signifikant höhere gesundheitlich-medizinische Sicherheit gewährleistet werden kann (und ich hoffe sehr, Ihr habt alle die unlängst stattgefundene Petition genau dafür unterschrieben???). Zudem habe ich eine weitere Hebamme, Sophie Miller, deren Kontakt mir Sally aus meiner ersten Woche vermittelt hat, begleitet. Sie ist im Perinatal-Mental-Team als Hebamme auf Mental Health spezialisiert. Das Team besteht aus 2 Psycholog*innen, 5-6 Mental Health Nurses und zwei Hebammen. Eine der beiden bietet Termine für Schwangere (mit moderaten Ängsten und Depressionen) an, die zweite für Frauen, die geboren haben (Geburtsnachgespräche, ABT= After Birth Talk oder z.B. mit Wochenbettdepression). Diese Gespräche habe ich sehr strukturiert, ressourcenorientiert und transparent erlebt. Bezüglich der Geburtsnachgespräche hat mich überrascht, dass die Frauen hier zwar einen großzügigen Zugang zu ihren Nachgesprächen haben, in denen sie detailliert die gesamte Dokumentation, oder auch nur bestimmte Zeitabschnitte durchgehen, sie wiederum aber kein Recht haben, Ihre Patient*innen-Akte zu bekommen und noch nicht einmal die für sie besonders interessanten Seiten zu fotografieren. Und morgen werde ich, wieder mit Amelie, kreuz und quer durch Cardiff fahren und sie zu Hausbesuchen begleiten, ich freue mich und bin gespannt.
(Funfact: wusstet Ihr, dass Operationssaal hier in Great Britain… „Theater“ genannt wird?)

Untersuchungszimmer ambulante Hebammenversorgung Cardiff

Bericht vom 02.05.2025

Die Anreise vom Flughafen Cardiff mit dem Bus ins Stadtzentrum war ein angemessener Einstieg in den gesamtbritischen Linksverkehr, walisische Hügel- und Küstenlandschaft. Ich bin total happy! Ich habe den Eindruck alle sind hier ziemlich happy, auf jeden Fall mega freundlich, herzlich und immer willkommen heißend. Ob Busfahrer*innen, bei denen man sich beim Aussteigen bedankt und sie mit „have a nice day“oder „see you later guys“ antworten, oder man sich im Supermarkt gegenseitig Vortritt lässt, oder eben die Hebamme, die, neben ihrer mega professionellen Kommunikation immer auch ein persönliches und warmes Wort parat hat.

Cardiff ist eine kleine Großstadt, Hauptstadt von Wales und wirkt auf mich bunt und angenehm aufgeschlossen. Meine Unterkunft liegt im Herzen von Roath, wir in Berlin würden es Kreuz-Kölln nennen. Von meiner Küche mit Mehr-Blick, überblicke ich eine Kreuzung und könnte Tag und Nacht ethnographische Langzeitdokumentation betreiben.

Meine Hospitationseinsätze werden sich über das gesamte Stadtgebiet von Cardiff verteilen. In meiner ersten Woche habe ich Sally Field begleitet, eine Community Midwife, angestellt beim NHS. Ihre Arbeitsplätze verteilen sich auf Albany Surgery und Whitchurch Road Surgery. Die Frauen oder Paare kommen zu ihr für die Schwangerenvorsorge und auch die nachgeburtliche Betreuung. Wöchnerinnen bekommen in Großbritannien nur ca. 2-3 Hausbesuche nach der Geburt und gehen, sobald sie wieder mobil sind, zurück zu ihrer Hebamme im Gesundheitszentrum. Zu ihrem Aufgabenbereich gehören natürlich auch Hausbesuche.

Darüber hinaus sind die Community Midwifes in ein Dienstsystem integriert, in dem sie Rufdienste leisten und Frauen bei ihren Hausgeburten begleiten. Es kann auch vorkommen, wenn Kolleg*innen der Geburtshilfe im Krankenhaus ausfallen, dass sie für einzelne Dienste einspringen müssen. Die Community Midwife hat Einblick und Zugriff auf eine digitale Schwangerschafts- oder Patientenakte der Frau, das muss ich noch genauer herausfinden. Darin kann sie z.B. sämtliche Labor- und andere Untersuchungsergebnisse einsehen und auch Termine im Krankenhaus machen, z.B. für eine außerordentliche Ultraschalluntersuchung oder auch den OGTT.

Sobald eine Schwangere oder Wöchnerin körperliche oder mentale Beschwerden angibt, fragt die Hebamme nach, klärt den Bedarf und bietet Kontakt an zum GP (Allgemeinärzt*in), Physiotherapeut*in oder einer Hebamme, die sich auf Mental Health spezialisiert hat. Dieser Kontakt beinhaltet 8-10 Sitzungen. Diese Kollegin werde ich u.a. in der kommenden Woche begleiten. Dieses Maternity-Mental Health-Angebot wurde vom NHS in der Folge der Corona Krise etabliert durch “The Minister for Mental Health and Wellbeing” (Welsh: Y Gweinidog Iechyd Meddwl a Llesiant).

Und auch im Arbeitskontext bleibt immer auch der Humor .

Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin

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