Katrin Wolf berichtet aus Bournemouth und London

Research team im BPAS

Bericht vom 16.05.2025

Auch meine letzte Woche ist sehr abwechslungsreich und spannend. Nach 3 Wochen im klinischen Bereich lerne ich weitere Abteilungen kennen und bekomme einen Einblick in die Organisationsstruktur und Unternehmenskultur von BPAS. Und auch ein Highlight: ich treffe meine Kollegin Ulla (Hebamme im Zentrum) vor der Tate Modern. Es ist sehr schön, Erfahrungen auszutauschen.

Die Teams der Abteilungen „Campaigns“, „Advocacy“ and “Centre for Reproductive Research & Communication“ arbeiten überwiegend “remote” und treffen sich nur an 1-2 Wochentagen in Präsenz in einem stilvollen „co-workingspace“. Die Arbeit des Campaign-Teams läuft gerade auf Hochtouren: ein Antrag, die strafrechtliche Verfolgung von Frauen nach Schwangerschaftsabbruch aus dem Gesetz zu streichen („decriminalisation amendment)“ wurde von BPAS initiiert und am folgenden Tag über einen MP (Member of Parliament) eingebracht. Ich bekomme einen direkten Einblick in die Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit, und kann an einer Sitzung mit dem Advocacy-Team und der „Chief Strategic Communications Officer“ teilnehmen, bei dem Vorgehen und externe Kommunikation abgestimmt werden.

Weitere Projekte wie z. B. die Kampagne: „Contraception Conversation“ in der es u.a. darum geht, den Zugang zu Verhütungsmitteln zu erleichtern, in dem diese z.B. auch im Supermarkt oder an der Tankstelle erworben werden können, sind sehr spannend (wenn auch für Deutschland absolute Zukunftsmusik). Die BPAS-Studie „Contraception re-imagined“ liefert hochinteressante Daten über den Zugang zu Verhütung und zu Verhütungsverhalten, und ist eine gute Vorlage, das Angebot der Kostenerstattung von Verhütungsmittel im Zentrum zu evaluieren. In den letzten Tagen lerne ich die Arbeit des „Centre for Reproductive Research & Communication“ (CRRC) kennen. Ein 6-köpfiges Team, entwickelt Forschungsprojekte zu evidenzbasierter reproduktiver Gesundheitsversorgung. Die Evaluation von BPAS-Daten, wie z.B. Daten zum telemedizinischen medikamentösen Schwangerschaftsabbruch, sind für die Entwicklung von Qualitätsstandards und für die strategische Ausrichtung von BPAS entscheidend.

Sehr interessant für mich auch die Möglichkeit, an einer Sitzung mit dem „Chief medical officer“ teilnehmen zu können, bei der es um „Vision and Mission“ von BPAS und um die Position des CRRC innerhalb der Organisation geht. Auch hier die Diskussion, wie Veränderungen innerhalb einer Organisation umgesetzt werden können. Für den ÖGD ein hochrelevantes Thema, fast beruhigend, dass Changemanagement überall eine große Herausforderung ist.

Mit diesem visionären Ausblick neigt sich meine Zeit bei BPAS dem Ende zu. Es war eine spannende Zeit mit einem sehr gewinnbringenden Einblick in eine hochprofessionelle und moderne „Abortion care“ und in eine Organisation, die für eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung und reproduktive Rechte eintritt.

London ist eine Stadt wie keine andere, die sich täglich zu verändern scheint.
Die vielen Stunden in der Underground werde ich nicht unbedingt vermissen, aber die Höflichkeit und kindness auf jeden Fall.

Besprechungszimmer im BPAS Richmond London

Bericht vom 09.05.2025

Auch meine zweite Woche bei BPAS London ist ereignisreich und gewinnbringend. Ich kenne die grundsätzlichen Abläufe, und Eingriffsmethoden, verstehe einen Großteil der vielen Abkürzungen (auf meiner „abbreviation list sind es mittlerweile 42, z.B. STOP: „surgical termination of pregnancy“). Neben den medizinischen Aspekten und OP-Techniken sind auch die kleinen Unterschiede aufschlussreich, denn sie geben mir einen Einblick in eine andere Behandlungskultur. Ein Beispiel: mit fällt auf, dass es ausreicht, wenn die Patientin ihre Blutgruppe benennt. Das ist in Deutschland undenkbar, denn es bedarf immer eines schriftlichen Dokumentes. Auf mein Nachfragen heißt es:“we trust in women“. Die Information, die die Patientin mitteilt, wird ernst genommen, gleichzeitig wird ihr vermittelt, dass die Verantwortung für die eigene Gesundheit auf ihrer Seite liegt.

An einem Tag habe ich die Möglichkeit einen OP-Tag im BPAS East London zu verbringen. In dieser Klinik werden ausschließlich Eingriffe in Lokalanästhesie und „concious sedation“ angeboten. Das interessiert mich besonders, da in Deutschland operative Schwangerschaftsabbrüche fast ausschließlich in Vollnarkose durchgeführt werden. Einmal unterirdisch quer durch London erreiche ich Stratford, im Herzen von Ost-London. Ein Gegensatz zu Richmond, ärmer, urban und lebendig. Die Klinik ist viel kleiner, auch hier eine herzliche Aufnahme. Alles findet auf sehr engem Raum statt, aber auch hier eine sehr professionelle und effektive Versorgung. Mich überzeugt die Lokalanästhesie bzw. Sedierung während des Eingriffs sehr. Vorteilhaft, dass der Aufenthalt für die Frau deutlich kürzer ist, der apparative und personelle Aufwand geringer. Die individuell wahrgenommenen Schmerzen während des Eingriffs variieren, werden aber sehr gut toleriert, was v.a. auch an der 1:1-Betreuung und der sehr herzlichen und zugewandten Kommunikation während des Eingriffs liegt.

Die Aufgaben der einzelnen Berufsgruppen unterscheiden sich sehr von deutschem System: Krankenschwestern und Hebammen sind für Anamneseerhebung, Ultraschalluntersuchung und Verhütungsberatung sowie OP- Aufklärung zuständig, alles ärztliche Tätigkeit in Deutschland. Nur in Sonderfällen wird Rücksprache mit der Ärzt_in gehalten. Der / die Operateur_in sieht die Klientin erst im OP und kann sich vorab über eine sehr detailliert geführte digitale Akte informieren. Auch die notwendigen ärztlichen Unterschriften für das HSA1 – Zertifikat (Dokument, das vor jedem Schwangerschaftsabbruch ärztlich unterschrieben werden muss) erfolgt digital, von Ärzti_inen die sich im Homeoffice mit der digitalen Akte über den Fall informieren.

Ich bin gespannt auf den Austausch zu diesen Erfahrungen mit Telemedizin und Digitalisierung in meinem Team.
Meine „klinische“ Zeit bei BPAS ist jetzt schon vorbei, und ich verabschiede mich vom Team im Richmond mit einem „süßen Gruß aus Berlin“ in der Mittagspause.

OP-Saal beim BPAS Richmond London

Bericht vom 02.05.2025

Meine 2. und 3. Woche verbringe ich im BPAS Richmond. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Versorgung von hohen Schwangerschaftswochen. Die rechtliche Lage zum Schwangerschaftsabbruch in England und Wales unterscheidet sich sehr von der Situation in Deutschland. Hier ist „abortion care“ in das Gesundheitssystem integriert, ab der 11. Schwangerschaftswoche werden die Abbrüche operativ durchgeführt, ein Schwangerschaftsabbruch aus sozialer oder medizinischer Indikation ist bis zur 24. Schwangerschaftswoche möglich. Der Zugang ist vergleichsweise niedrigschwellig, die Kosten werden vom NHS übernommen.

Bis Richmond bin ich mit der London Underground unterwegs, und das ist bereits ein Erlebnis. Die morgendliche rush-hour ist beeindruckend, auch das disziplinierte rechts Stehen links Gehen auf den endlos langen Rolltreppen. In Richmond wird es wieder ruhiger und wohlhabender. Mein Weg führt mich über die Themsebrücke mit Panoramablick.

In der Klinik weiß erstmal keiner so richtig über die „visiting doctor“ Bescheid, und so werde ich direkt in den OP geschleust. Hier werden an 6 Tagen in der Woche täglich bis zu 20 Eingriffe durchgeführt. Die Abläufe sind standardisiert, der Personalschlüssel hoch, was sehr zu einer ruhigen und harmonischen Arbeitsatmosphäre beiträgt. Beim morgendlichen Briefing ist das OP – Team komplett, jeder stellt sich kurz mit Namen und Funktion vor, da das Personal in den unterschiedlichen Funktionen rotiert und Operateur_in und Anästhesist_in von extern kommen. Bevor mit der Narkose begonnen wird, erfolgt das „sign in“ bzw. „sign out“, bei dem alle Beteiligten anwesend sind, Ruhe und Konzentration herrscht und die Patientin und der geplante Eingriff mit allen Besonderheiten vorgestellt werden. Gleiches passiert dann nach dem Eingriff und vor der Übergabe in den Aufwachraum.

Der Dokumentationsaufwand ist immens, mit unzähligen „checklists“ die ausgefüllt werden. Für mich sehr interessant, dass es BPAS intern für jede Situation eine Policy gibt, also eine Richtlinie oder eine Vorgehensbeschreibung, der konsequent gefolgt wird. Auch wenn diese policies die ärztliche Entscheidungsmöglichkeit einschränken können, bieten sie zugleich sehr viel Sicherheit, ein für alle transparentes Vorgehen und nicht zuletzt eine rechtliche Absicherung.

Die praktische Umsetzung dieser Policies hat mich in dieser Form beeindruckt. An jedem Tag habe ich bei einem_r anderem Operateur_in hospitiert, das Vorgehen bleibt gleich, was ich als sehr positiv erlebt habe. Beeindruckend ist auch der persönliche und warmherzige Umgang mit den Patientinnen. Das mag auch an der Sprache liegen (alle Patientinnen werden mit Vornamen, angesprochen, häufig auch mit „darling“ o.ä.), ist aber auch eine Haltung des Gesamtteams, die wirklich „non-judgemental“ ist, die Entscheidung der Frau wird nicht bewertet. Für mich ist die OP-Hospitation durchaus auch herausfordernd. So bin ich dankbar für das freundliche und hochprofessionelle Team.

Nach Feierabend ist das Wetter in dieser Woche gar nicht „british, sommerliche Temperaturen lassen mich das Themseufer und den Richmond Park genießen.

Briefing im BPAS Bournemouth

Bericht vom 24.04.2025

In den nächsten 4 Wochen werde ich an 2 Standorten verschiedene Bereiche von BPAS (Britisch Pregnancy Advisory Service) kennenlernen, einer unabhängigen Gesundheitsorganisation, die seit 1968 spezialisierte Beratungs- und Versorgungsleistung zu ungewollten Schwangerschaften bietet. BPAS ist eine gemeinnützige Organisation mit 73 Standorten im Vereinigten Königreich. Die Organisation gehört nicht zum NHS, 97% der Versorgungsleistungen sind aber über das NHS finanziert.

Auf zu meiner ersten Station in der BPAS „Treatment Unit“ (TU) Bournemouth, einem kleinen Städtchen an der englischen Südküste. Der Weg dorthin fußläufig von meiner Unterkunft durch ein ruhiges Wohnviertel mit blühenden Kastanien, belebt durch uniformierte Schüler_innen mit Krawatte und Jackett. Der Empfang sehr herzlich, und der „observational Doctor“ schon erwartet. Zu Beginn erhalte ich eine Führung durch das recht verwinkelte Haus, in dem über mehrere Etagen pragmatisch begrenzter Raum genutzt wird. Es folgte eine Einweisung zu „safety and security“, Regeln („Confidentiality, smoking, uniform”) sowie Information zur Organisation, die erste Erfahrung mit standardisierten Vorgängen: Induction checklist . Danach habe ich Zeit mich mit Inga, der Operateurin und meiner Mentorin, über ihre Arbeit bei BPAS und über länderspezifische Unterschiede in der Versorgung von ungewollten Schwangerschaften bei einer Tasse Tee zu unterhalten. Im Anschluss ein Hospitationseinsatz im OP mit Schwangerschaftsabbrüchen unter Lokalanästhesie oder „concious sedation“ (Sedierung). Dies ist für mich sehr spannend, da diese Anästhesieformen in Deutschland bei einem operativen Schwangerschaftsabbruch nicht angeboten werden.

Am Nachmittag nehme ich an einem „Debriefing“ teil, das aufgrund einer Patientinnenbeschwerde einberufen wurde, und von einer „quality matron“ moderiert wird. Eine neue Erfahrung im Fehler- und Qualitätsmanagement, in dem in einem dynamischen Prozess Standards konkret und umgehend verbessert werden. Mein zweiter Tag ist ein langer OP-Tag. Da ich in den folgenden Wochen noch häufig im OP hospitieren werde, berichte ich von dieser Erfahrung im nächsten Bericht.

In der Covid-Pandemie wurden Prozesse bei BPAS digitalisiert und nach positiver Evaluation fortgesetzt. Somit wird seit der Pandemie der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch ausschließlich telemedizinisch durchgeführt. An einem Tag habe ich die Möglichkeit im „Telemedicine HUB“ telefonische Konsultationen zu verfolgen. Ich bin beeindruckt von einem hochstandardisierten Verfahren und einem Dokumentationssystem, das mich davon überzeugt, dass eine vertrauliche und hochqualifizierte Beratung digital möglich ist.

Morgen ist meine Zeit bei BPAS Bournemouth zu Ende. Es war eine Woche voller Erfahrungen, mit einem sehr engagierten Team und einer beeindruckenden frauenzentrierten Versorgung. Nach einem Wochenende an der südenglischen Küste, geht es am Montag im BPAS Richmond weiter.

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