Vögel füttern im Winter – Ja oder nein?

Ein Wildvogel stillt seinen Hunger an einer Futterstelle

Ein Wildvogel stillt seinen Hunger an einer Futterstelle

Dauerfrost legt sich über Friedrichshain-Kreuzberg: Eisschollen treiben auf der Spree und den Landwehrkanal, in den Parks knirscht der Schnee unter den Schuhen. Während wir uns in beheizte Wohnungen zurückziehen, kämpfen Wildvögel mit gefrorenem Boden und leergefegten Futterplätzen. Schnell greifen viele Tierfreund*innen zum Futterhäuschen oder werfen ihnen etwas Essbares hin – aus Sorge, aber oft auch aus Unwissen. Doch hilft das wirklich? Die Stadtnaturrangerinnen Janni Kretschmer und Kristina Roth kennen die Antwort – und erklären, wann Zufüttern sinnvoll ist, wann es eher schadet und worauf man jetzt besonders achten sollte.

Mit den Minusgraden wächst bei vielen Menschen der Wunsch, den hungrig wirkenden Vögeln in Parks, Hinterhöfen und auf den Balkonen zu helfen. Die Stadtnaturrangerinnen beobachten diese Fürsorge mit Verständnis, aber auch mit einem warnenden Blick: „Ganz sicher kann man mit der Bereitstellung von geeignetem Winterfutter den Vögeln vor der Haustür und in Grünflächen das Leben erleichtern. Wichtig ist aus unserer Sicht allerdings zu wissen, dass der Einfluss der Vogelfütterung größer ist, als angenommen.“ Ihre Aussage deutet an, dass das, was gut gemeint ist, auch unerwünschte Folgen haben kann.

Die Stadtnaturrangerinnen Kristina Roth und Janni Kretschmer im Herbst während einer Freiwilligenaktion zugunsten des Uferschutzes auf der Halbinsel Stralau

Die Stadtnaturrangerinnen Kristina Roth und Janni Kretschmer im Herbst während einer Freiwilligenaktion zugunsten des Uferschutzes auf der Halbinsel Stralau

Vogelfutter lockt auch andere Tiere an

Aus ihrer Sicht stünde vor allem eines im Mittelpunkt: das veränderte Verhalten von Wildtieren durch regelmäßiges Füttern. Wenn Vögel und andere Tiere sich an bestimmte Futterstellen gewöhnen, entsteht häufig ein Ungleichgewicht im städtischen Ökosystem. Diese Entwicklung zeigt sich besonders in dicht besiedelten Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg. Kristina Roth erklärt: Dort, wo täglich gefüttert werde, lassen sich bald auch andere Tiere nieder. „An diesen Stellen explodieren die Populationen der Ratten!“ Und wie im natürlichen Kreislauf üblich, folgen den Nagern bald ihre Fressfeinde – Füchse, aber auch Greifvögel, die wiederum in die Stadt gelockt werden.

Das Problem dabei: Große Rattenpopulationen rufen meist menschliches Eingreifen auf den Plan. „Gewöhnlich wird auf größere Rattenansammlungen mit Rattengift reagiert“, so Roth. Was zur Folge haben könne, dass Fressfeinde der Ratten die vergifteten Tiere – die langsamer sind als gesunde – fressen und sich damit ebenfalls vergiften. „Für die Greifvögel kann das tödlich enden.“
Dass diese Folgen selten sichtbar sind, verschleiert die Dramatik des Problems – denn die geschwächten Tiere verenden meist weit entfernt vom Ort der Vergiftung.

Füttern ja, aber: gezielt, maßvoll und mit geeignetem Futter

Dass diese Folgen selten sichtbar sind, verschleiert die Dramatik des Problems – denn die geschwächten Tiere verenden meist weit entfernt vom Ort der Vergiftung.
Den Vogelfreund*innen, die Verantwortung übernehmen wollen, raten die Stadtnaturrangerinnen daher zu Achtsamkeit und genauem Hinsehen: Füttern ja, aber nur gezielt, maßvoll und mit geeignetem Futter, das keine anderen Tiere anzieht.

Zusätzlich weisen beide auf eine oft unterschätzte Gefahr hin: „Plastiknetze, wie wir sie von Meisenknödeln kennen, können für die Vögel und andere Tiere (z. B. Igel) gefährlich werden, weil sie sich direkt darin verfangen oder weil sie – oft nicht entsorgt – in der Natur verbleiben und nicht selten im Frühjahr in Nester verbaut werden. Das für die Vögel unzerreißbare Material kann für die Jungtiere zur Todesfalle werden.“

Hinzu kommt: Plastikteile zerfallen nur sehr langsam, werden zu Mikroplastik und verbleiben langfristig im Boden oder gelangen ins Wasser.
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Weitere allgemeine Informationen zum verantwortungsvollen Füttern

Richtig angelegt kann eine Vogelfütterung im Winter – etwa von November bis Februar – nicht nur den Tieren helfen, sondern auch ein besonderes Naturerlebnis für die Fütternden bieten. An Futterstellen lassen sich Meisen, Amseln oder Rotkehlchen aus nächster Nähe beobachten, was vielen Menschen einen neuen Blick auf die Tierwelt eröffnet. Besonders Kinder und Jugendliche profitieren davon: Wer sieht, hört und erlebt, wie vielfältig selbst die Stadtnatur ist, entwickelt leichter Verständnis und Interesse für Artenvielfalt und Naturschutz.

  • Rattensicher Vögel füttern: Kein Futter am Boden
    Damit am Futterplatz nichts verkommt, lässt sich unter einem Futterhaus ein Brett anbringen, auf dem heruntergefallene Körner oder Samen landen. Bei Futtersäulen eignen sich kleine Auffangschalen unter dem Spender, um Futterreste aufzufangen. Was trotzdem danebengeht, sollte regelmäßig entfernt werden – so bleibt der Platz sauber und ungebetene Gäste wie Ratten werden nicht angelockt.
  • Futterstelle in der Nähe von Hecken und Bäumen aufstellen
    So haben die Vögel bei Gefahr einen schnellen Rückzugsort und erreichen dennoch sicher die Futterquelle.
  • Metall statt Holz verwenden
    Futterhäuschen am besten auf einer glatten Metallstange befestigen: Diese lässt sich von Ratten, Mäusen und auch Katzen kaum erklimmen. Das schützt nicht nur das Vogelfutter vor unerwünschten Gästen, sondern auch die Tiere selbst – denn Rattenkot kann das Futter verunreinigen und Krankheitserreger verbreiten.
  • Nur tagsüber füttern
    Nachtaktive Nager wie Ratten profitieren von Futter, das über Nacht stehen bleibt. Deshalb empfiehlt es sich, das Vogelhaus morgens nach Sonnenaufgang zu befüllen – dann finden die Vögel nach kalten Nächten schnell die nötige Energie.
  • Das Richtige füttern!
    Kuchen, altes Brot oder Essensreste sind tabu! Streufutter mit Sonnenblumenkernen, Hanf und Erdnüssen, Fettfutter aus Hafer- und Weizenflocken, Meisenknödel ohne Netz. Auch Apfelstücke und getrocknete Mehlwürmer erfreuen die unterschiedlichen Vogelarten.
  • Wichtig: Wasser anbieten!
    Auch im Winter brauchen Vögel Trink- und Bademöglichkeiten. Eine flache, regelmäßig kontrollierte Schale mit frischem, eisfreiem Wasser ist ideal. So vermeiden die Tiere, verunreinigtes Schmelzwasser vom Straßenrand aufzunehmen, das durch Streusalz belastet sein kann.

Wer achtsam füttert, schützt nicht nur die Vögel, sondern stärkt auch das Bewusstsein für das feine Gleichgewicht der Stadtnatur – selbst dann, wenn Eis und Schnee das Bild bestimmen.

Weitere Informationen und ein Tipp für Interessierte

Anleitung für Meisenknödel und Futterglocken zum selber machen.