Brücken bauen zwischen Schule und Familie: Wie das Programm „Rucksack Schule“ Eltern in Kreuzberg stärkt

Rucksack Schule

Die Elterngruppen im Programm sind je nach Schule zwischen acht und 22 Personen groß.

Mehrsprachigkeit gehört in vielen Berliner Klassenzimmern und Wohnungen zum Alltag – im Schulalltag jedoch wird sie oft noch immer unterschätzt. Das Programm „Rucksack Schule“ in Friedrichshain-Kreuzberg setzt genau hier an: Es stärkt Familien darin, ihre Sprachen und Kompetenzen aktiv einzubringen.

Lina Bundrock ist seit 2022 beim Programm beschäftigt. Sie ist Koordinatorin für Friedrichshain-Kreuzberg beim freien Träger RAA Berlin e.V. Sie ist in Berlin geboren und in Freiburg aufgewachsen. An der der Technischen Universität Berlin hat sie Erziehungswissenschaft studiert. Bevor sie zu Rucksack Schule kam, arbeitete sie in einem Schülerinnenclub eines Gymnasiums.

Ihre Kollegin Zeinab Khalife ist ebenfalls bei der RAA Berlin e.V. angestellt. Unter anderem leitet sie als Elternbegleiterin drei “Rucksack Schule”-Gruppen.
Zeinab Khalife ist seit 19 Jahren als Elternbegleiterin im Programm dabei. Ursprünglich kommt die ausgebildete Sekretärin aus dem Libanon. 1984 kam sie aus Beirut nach Berlin. „Damals gab es deutlich weniger Angebote als heute.“ Zwar sprach sie dank ihrer Ausbildung am British Council fließend Englisch, doch auch damit sei sie damals in der Stadt nicht weit gekommen.Neben ihr gibt es vier weitere Rucksack Schule Elternbegleiterinnen im Bezirk.

Grundschulklassenzimmer

Das Programm „Rucksack Schule“ richtet sich an Eltern mit Kindern in den Klassen 1 bis 3.

Förderung von Mehrsprachigkeit und Familienbildung

„Rucksack Schule“ ist ein bundesweites Programm, das Mehrsprachigkeit und Familienbildung fördert. Es richtet sich an Eltern von Kindern im Alter von sechs bis acht.

Die Partner*innenprogramme sind „Griffbereit Mini“ für Eltern während der Schwangerschaft und in der Babyzeit und „Griffbereit“, das sich an Familien mit Kindern zwischen ein und drei Jahren richtet. Daran schließt das Programm „Rucksack Kita“ für Familien mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren.

Das Programm „Rucksack Schule“ richtet sich an Eltern mit Kindern in den Klassen 1 bis 3. Zielgruppe des Programms sind mehrsprachige Familien. Die Gruppen sind je nach Schule zwischen acht und 22 Eltern groß. An der Fichtelgebirge-Grundschule gab es früher sogar zwei Elterngruppen. Doch im Wrangelkiez verändere sich, wie in anderen Kreuzberger Nachbarschaften auch, die Zusammensetzung der Bevölkerung und damit der Familien vor Ort.

Aktuell gibt es in Kreuzberg acht Elterngruppen in sechs Grundschulen. In jeder Schule gibt es eine Kontaktlehrkraft für das Programm. Ein wesentliches Ziel ist die Förderung und Wertschätzung von Mehrsprachigkeit sowie die ganzheitliche Entwicklung der Kinder. In den Gruppen sind alle willkommen, unabhängig von der eigenen Mutter- oder Familiensprache. Die Eltern, die am Programm teilnehmen, sind zum allergrößten Teil Mütter.

Wöchentlich treffen sich die fünf Elternbegleiterinnen mit Koordinatorin Lina Bundrock in den Büroräumen in der Adalbertstraße zur Teamsitzung. Darin werden die Materialien und die Organisation besprochen. „Wir schauen, welche Themen im Unterricht behandelt werden und wie wir diese gemeinsam bearbeiten können“, berichtet Zeinab Khalife. Aktuell sei das beispielsweise der Themenkomplex Müll und Verpackung.

Fichtelgebirge-Grundschule

"Rucksack Schule" startete vor über 20 Jahren an der Fichtelgebirge-Grundschule im Wrangelkiez,

"Rucksack Schule" läuft seit über 20 Jahren

Seit über 40 Jahren lebt Zeinab Khalife in der gleichen Wohnung in Kreuzberg. „Ich bin eine echte Kreuzbergerin. Ich liebe es hier. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu wohnen.“ Vor über 20 Jahren war sie selbst Teilnehmerin des Programms an der Galilei-Grundschule in Kreuzberg, die ihr Sohn damals besuchte. „Ich war sofort verliebt in das Projekt“, berichtet sie. Inzwischen hat sie vier Kinder, die alle studiert haben, und fünf Enkelkinder. Wöchentlich geht die 62-Jährige in die Kreuzberger Grundschulen, die sie betreut. In der Regel treffen sie dort zwischen 8 und 10 Uhr die Elterngruppen. In den Elterngruppen wird deutsch, arabisch und türkisch gesprochen. „Wir sind aber offen für alle Sprachen. Alle sind willkommen. Da gibt es keine Beschränkung.“

Das Programm startet vor über 20 Jahren in der Fichtelgebirge-Grundschule im Wrangelkiez. Zusammen mit einer Kollegin aus dem Jugendamt schaut Lina Bundrock heute, an welchen Grundschulen im Bezirk es Bedarf gibt.

Klassenzimmer einer Grundschule in Friedrichshain-Kreuzberg

Aktuell gibt es acht Elterngruppen in sechs Grundschulen.

Elternpartizipation und Bildungspartnerschaft

„Wir sehen Mehrsprachigkeit als eine notwendige Kompetenz und möchten auf die Wertigkeit aller Sprachen hinweisen.“ Es gehe um Partizipation der Eltern und Kinder und die Bildungspartnerschaft zwischen Eltern und Schule. Viele der teilnehmenden Eltern sind selbst schon in zweiter Generation in Berlin. Es geht bei Rucksack nicht ums Deutsch lernen, sondern darum die translinguale Lebensrealität der Familien als wertvolle Ressource zu sehen.

Brücken bauen im Bildungssystem, nennt es Zeinab Khalife. Es gehe um eine bessere Kommunikation zwischen den Familien und den Schulen. Mit ihren Gruppen fühle sie sich sehr wohl und willkommen. Sie erzählt von einem gemeinsamen Frühstück vor einigen Wochen in einer Grundschule im Nordwesten Kreuzbergs. Dort kam der Schulleiter vorbei und setzte sich zur „Rucksack Schule“- Gruppe. „Und dann haben wir uns einfach mit ihm unterhalten- über den Ramadan und alles Mögliche. Es gab einen wunderbaren Raum für Austausch.“ So ein informativer Gesprächsanlass sei ideal, um miteinander ins Gespräch zu kommen und sich kennenzulernen.

Lina Bundrock: „Wenn Eltern in einer solchen Situation mit der Schulleitung ins Gespräch gekommen sind, fällt ihnen wahrscheinlich auch der nächste Kontakt leichter – einfach, weil man sich schon einmal gesehen hat Wir möchten Hemmschwellen abbauen und möchten dazu beitragen, dass sich Eltern in der Schule ernst genommen fühlen.“

Gemeinsame Ausflüge und Picknicks mit der ganzen Familie

In den Elterngruppen behandeln die Elternbegleiterinnen mit den Müttern unterschiedliche Themen – zum Beispiel das Land Berlin und seine Verwaltungsstruktur. Hierfür stellt „Rucksack Schule“ mehrsprachige Materialien zur Verfügung, die die Familien zu Hause mit ihren Kindern bearbeiten können. Derzeit werden die Materialien überarbeitet. „Wir schauen genau hin, was noch passt und was nicht mehr und wo wir etwas sinnvoll ergänzen können.“ Aber das Programm sei viel mehr als nur seine Materialien. Auch Fortbildungen und Informationsnachmittage mit externen Dozent*innen bieten die Elternbegleiterinnen an, beispielsweise zum Thema Medienerziehung oder in Kooperation mit der Erziehungs- und Familienberatung des Jugendamtes.
„Wir hören uns um: Was brauchen die Eltern? Dementsprechend versuchen wir passende Angebote zu machen, mit Materialien oder anderen Informationsformen.“ Regelmäßig veranstaltet „Rucksack Schule“ Ausflüge – mit und ohne die Kinder. In den letzten Monaten waren sie gemeinsam in der Experimentier- und Lernwerkstatt Curioso in Kreuzberg, im Modellpark Berlin-Brandenburg und im Waldmuseum in Grunewald. Gerade plant sie einen gemeinsamen Besuch im Reichstag. „Wir möchten, dass die Familien verschiedene Orte kennenlernen.“ Um auch die Väter einzubinden, veranstaltet das Team von Rucksack Schule in Kooperation mit dem Kollegen von der „Zusammenarbeit mit Vätern“ jährlich ein gemeinsames Picknick für alle an einem Sonntag.

Viel mehr als ein Elterncafé

Zeinab Khalife macht deutlich: „Wir sind kein Elterncafé, wir sind viel mehr. Wir haben klare Ziele für die Eltern. Wir möchten sie und ihre Kinder als Teil der Gesellschaft weiterbilden.“

Einmal pro Halbjahr geht Zeinab Khalife mit einer Elternperson in die Klassen, liest dort mehrsprachig vor und bietet ein mehrsprachiges Basteln an. An der Kurt-Schumacher-Grundschule hat im Rahmen des mehrsprachigen Vorlesens beispielsweise eine Mutter auf Arabisch vorgelesen, die Klassenlehrerin auf Türkisch und die Elternbegleiterin selbst auf Deutsch.

„Damit wollen wir mehr Selbstverständlichkeit und Wertschätzung von Mehrsprachigkeit in die Schule hereinbringen“, erklärt Lina Bundrock.