Wenn die Wiege zum Rettungsnetz wird – Annas Arme sind der erste sichere Ort für Babys

Die Arme der Kriesenpflegemutter Anna sind der erste sichere Ort für Babys in Not

Die Arme der Kriesenpflegemutter Anna sind der erste sichere Ort für Babys in Not

Ein Herzensort mitten im Kiez – eine schöne, helle Altbauwohnung. Die Waschmaschine läuft, es riecht nach frischer Wäsche. Anna (60) steht nur eine Armlänge entfernt von der Wiege, die in der weißen Wohnküche steht. Sie ist eine von drei Krisenpflegemüttern in Friedrichshain-Kreuzberg, die im Auftrag des Jugendamtes tätig und sofort da sind, wenn ein Baby in Not gerät und niemand aus der Familie bereitsteht, um es zu versorgen.

In der Wiege brabbelt und quietscht Baby Sunny (6 Wochen, Name von der Redaktion geändert)* fröhlich vor sich hin und lauscht dabei den Worten ihrer Pflegemutter, bei der sie seit vier Wochen lebt: „Hier bei mir geht’s nicht um die Krise. Bei mir dreht sich alles um das Baby und dessen Bedürfnisse, da es im Moment ganz allein auf der Welt ist.“

Kräftig greift das Baby nach Annas Zeigefinger

Kräftig greift das Baby nach Annas Zeigefinger

Wertvolle Hilfe für Babys in Not

Anna arbeitet seit fünf Jahren als Krisenpflegemutter im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, hat einen Bereitschaftspflegevertrag mit dem hiesigen Jugendamt abgeschlossen und arbeitet mit dem freien Träger PiK – Pflegekinder im Kiez zusammen. Derzeit gibt es zwei Krisenpflegestellen im Bezirk, die für eine bedarfsgerechte Unterbringung von Kindern von 0-3 Jahren dem Regionalen Sozialpädagogischen Dienst (RSD) des Fachbereichs Familienunterstützende Hilfen und Kinderschutz zur Verfügung stehen. Diese Form der Unterbringung ist für Säuglinge und Kleinkinder in aller Regel die fachlich bessere Option, statt sie in einer Wohngruppe mit insgesamt sechs anderen Kindern betreuen zu lassen. Deshalb setzen sich die Fachkräfte im Jugendamt seit vielen Jahren für den Ausbau und die Finanzierung dieser wertvollen Hilfe ein.

Anna nimmt ein Kind auf, das den elterlichen Haushalt sehr kurzfristig verlassen musste und mit ihrer Unterstützung diesen Schock verarbeitet. Bisher hat sie bereits neun Babys und Kleinkindern in Notsituationen das Leben mit ihrer Fürsorge sicherer machen können. „Normalerweise ist mein Einsatz vorübergehend, bis zu drei Monate. Eines der Kinder war aber fast zwei Jahre bei mir. Da ist dann schon eine längere Anbahnungszeit von vier Wochen für den Umzug in die neue Pflegefamilie notwendig. Eine aufregende und hochemotionale Zeit für alle Beteiligten Es entsteht eine außergewöhnliche Nähe, wenn man es zulassen kann. Ich habe dadurch sogar wunderschöne Freundschaften geschlossen und ich erlebe wie wunderbar sich die Babys und Kinder entwickeln können. Ein Mädchen wurde vor einigen Tagen eingeschult“, erzählt sie. Am Einschulungstag war sie dabei.

Beim Wickeln zeigt das Baby seine kleinen Füßchen

Beim Wickeln zeigt das Baby seine kleinen Füßchen

Liebevolles Ritual bei Ankunft des Babys

Ein neues Pflegekind wird immer per Telefon angekündigt. Der Anruf kann jederzeit kommen. Besonders bei sehr kleinen Kindern ist das Jugendamt immer bemüht, den Krisenpflegeplatz vorrangig gegenüber einer stationären Einrichtung in Anspruch zu nehmen, damit das Kind bestmöglich versorgt werden kann.

Dann hat Anna nicht viel Zeit, den Stubenwagen aufzubauen, Fläschchen und Schnuller zu sterilisieren und sich innerlich auf ein fremdes Baby einzustellen. „Mir hilft dabei, dass ich mich ausnahmslos auf jedes Baby und jedes Kind sehr freue!“ Manchmal hängt sie eine bunte Girlande im Eingang auf, mit der sie das Baby willkommen heißt. Manchmal stellt sie auch einen besonders schönen Blumenstrauß auf den Tisch, den sie dem Baby bei der Ankunft zeigt. „Ich spreche dann viel mit dem Baby, zeige ihm alles ganz genau und erkläre, was wir gerade sehen können.“ Ein liebevolles Ritual, um Pflegemutter und Kind auf eine gemeinsame Ebene zu bringen.

Die Gründe, warum Säuglinge in die Krisenpflege kommen, sind so unterschiedlich wie die Geschichten dahinter: Überforderung der Eltern, psychische Erkrankungen, Suchtprobleme oder plötzliche Obdachlosigkeit. „Manchmal weiß ich nur, dass das Kind sicher sein muss. Mehr erfahre ich dann, wenn ich es übernehme“, sagt Anna.

Stofftier, weiche Bürste, Schnuller und kleine Schühchen - wenn der Anruf kommt, muss alles bereit sein für das Baby

Stofftier, weiche Bürste, Schnuller und kleine Schühchen - wenn der Anruf kommt, muss alles bereit sein für das Baby

Krisenpflegeplatz wird vorrangig gewählt

In den ersten Tagen geht es vor allem um Ruhe, Wärme und verlässliche Nähe – „um alles, was ein Baby braucht, um anzukommen“. Einige der Kinder sind selbst beeinträchtigt, zum Beispiel, weil die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Das nennt sich Fetale Alkoholspektrum-Störung oder FASD. „In diesem oder einem anderen Fall fragt mich der Träger vorher, ob ich mir die besonderen Anforderungen zutraue“, versichert Anna, die als gelernte Ergotherapeutin sensibel auf besondere Bedarfe eines Kindes eingehen kann. „Ich kann in jedem Fall mein Bestes als Pflegemutter geben.“

Die ersten Tage sind besonders intensiv: „Das Kind spürt natürlich die Veränderung, und dann setze ich alles daran, dass wir uns näherkommen und es Vertrauen zu mir aufbaut. Bisher war es immer so, dass es nach zwei bis drei Wochen bei mir angekommen ist.“ Wie auf Stichwort brabbelt Sunny etwas und streckt ihre kleinen Händchen in die Höhe. Anna steht auf und lächelt in die Wiege, legt sanft ihre rechte Hand auf den Bauch des Kindes, zupft mit der linken Hand eine leichte Decke zurecht. Für Sunny das Signal für: „Hier bin ich sicher.“ Sie schließt die Augen für ein weiteres Nickerchen.

Anna hat Sunny im Krankenhaus abgeholt. Vierzehn Tage nach ihrer Geburt konnte ihre Mutter aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht selbst entscheiden, wer sich um das Neugeborene kümmern soll. In einem solchen Fall wird das zuständige Jugendamt eingeschaltet, ein Vormund bestimmt und eine Krisenpflegestelle beauftragt.

Ein gemütliches, lichtdurchflutetetes Heim für das Baby, so lange es nötig ist

Ein gemütliches, lichtdurchflutetetes Heim für das Baby, so lange es nötig ist

Der Ort der Pflegestelle ist geheim

Während sie die Kinder betreut, finden in den meisten Fällen begleitete Umgangstreffen mit den leiblichen Eltern statt. „Dort fahre ich mit dem Baby hin, denn die Eltern wissen nicht, wo ich mit dem Kind lebe. Die Mütter, die ich kennengelernt habe, kämpfen für ihr Kind.“ Da es in den meisten Fällen einen Grund dafür gibt, dass die Kinder bei Anna und nicht bei ihren Eltern leben, bleibt die Adresse der Pflegestelle geheim. „Niemandem ist damit geholfen, wenn nachts eine weinende Kindesmutter in meiner Tür stehen würde.“

Jetzt gluckst Sunny laut in ihrer Wiege. Sie ist wach und will nur noch eines: die Flasche! Anna holt sie geübt aus der Wiege, trägt das kleine Bündel zum Sofa, das in einem großen Spielzimmer steht. In der Mitte des Raumes liegt eine kuschelige Wickel- und Krabbeldecke unter einem Spielbogen.

„Ich halte hier immer ein Fläschchen Wasser in angenehmer Trinktemperatur für die Milchzubereitung vor, damit Sunny nicht lange warten muss.“ Sie dankt es mit einem deutlichen Schmatzen. Ihre kleinen Fingerchen wickeln sich um Annas Finger. „Das macht sie gern. Nach dem Kuscheln und einem Bäuerchen geht es auf die Wickeldecke, die Windel wird gewechselt.

Während des Wickelns bekommt Anna einen Anruf – Sunnys Mutter geht es gesundheitlich wieder etwas besser. Bald kann Sunny zurück zu ihrer Mutter, und ein neues Baby braucht Annas liebevolle Starthilfe.

Anna setzt sich für die Mutter von Sunny ein, denn die wünscht sich eine behutsame Rückführung ihres Kindes. „Nach und nach. Die Mutter trifft sich regelmäßig mit Sunny, sie möchte auf keinen Fall, dass die Kleine erneut einen Schock bekommt.“ Erst wenn die Mutter, Anna und natürlich auch Sunny miteinander ein gutes Gefühl haben, wird die Wiege wieder frei sein – für das nächste Baby in Not.

Täglich 15 Minuten Yoga helfen der Krisenpflegemutter stark zu bleiben

Täglich 15 Minuten Yoga helfen der Krisenpflegemutter stark zu bleiben

Emotionale und körperliche Stärke

Für Anna begann die Arbeit in diesem Fall dann mitten im Klinikalltag: „Ich bespreche mich mit dem Personal des Krankenhauses, das sich bis dahin sehr liebevoll um die kleinen Babys kümmert.“ Sie nimmt das Baby auf den Arm, packt die Windeln ein und fährt mit ihm nach Hause, nach Kreuzberg. „Am Anfang ist alles noch sehr offen. Ich versuche erst einmal, Normalität herzustellen – füttern, tragen, schlafen, spazieren“, erzählt sie. Es geht für das Baby darum, Bindungsfähigkeit zur entwickeln. Diese Fähigkeit ist ausgesprochen wichtig, um den Selbstwert und das Vertrauen zu erlangen. Gerade das macht die Arbeit einer Pflegemutter so wertvoll in unserer Gesellschaft. Während Sunny bei ihr lebt, klärt das Jugendamt im Hintergrund, ob die Mutter sich erholen kann, ob es Verwandte gibt, die das Kind aufnehmen könnten, oder ob langfristig eine Pflegefamilie gesucht werden muss.

Dafür, dass Anna jederzeit ein Baby aufnehmen kann, erhält sie eine Bereitschaftspauschale vom Jugendamt. Hinzukommt eine Pauschale für den Lebensunterhalt des Kindes sowie eine Pauschale zur Pflege und Erziehung sobald eine Belegung erfolgt. „Alle weiteren Kosten, die das Kind betreffen, wie spezielle Anschaffungen, kann ich beantragen, dann wird das übernommen.“ Alle eigens für das Kind angeschafften Kleidungsstücke und Ausstattungen werden später dem Kind mitgegeben, wenn es zurück zu seiner Familie oder beispielsweise in eine Pflegefamilie kommt.

Jedes Kind hat seinen eigenen Takt

Doch bis es so weit ist, zeigt Anna emotionale wie auch körperliche Stärke: „In kurzer Zeit kann ich mich auf ein neues Kind in meiner Nähe einstellen und seinen speziellen Rhythmus erkunden. Wir spielen uns aufeinander ein.“ Jedes Kind habe seinen eigenen Takt, der seinen Tag und auch die Nächte bestimme. „Darauf stelle ich mich ein, das macht es einfacher.“ Sie weiß, dass sie nur einen bestimmten Teil des jungen Lebens persönlich begleiten kann. „Ich kann mich gut von den Kindern verabschieden, wenn ich weiß, dass sie in gute Hände kommen.“

Zum Ausgleich und zur Festigung ihrer Stärke macht Anna jeden Abend 15 Minuten Yoga: „Es kommt nicht auf die Minute an, wann ich die Übungen mache, aber das ist meine tägliche persönliche Quality Time, die Zeit, die mich stark macht.“ Urlaube kündigt sie rechtzeitig vorher beim Träger und beim Jugendamt an, so dass sie in diesen Zeiten kein Kind bei sich hat. Und sollte sie – „was sehr, sehr selten vorkommt“ – ausgehen wollen, sorgen ihre beiden inzwischen erwachsenen Pflegekinder, Nachbar*innen oder vertrauensvolle Freunde dafür, dass es dem Baby gutgeht. „Ich habe selbst mit zwei Pflegekindern, inzwischen adoptiert, eine Familie gegründet. Heute sind sie 23 und 26 Jahre alt. Wir helfen uns jederzeit gegenseitig, wie man das so macht in einer liebevollen Familie.“ Für eine vorübergehende Zeit sind die Babys und die Kinder, die sie aufnimmt ein Teil dieser Familie.

Wenn Mutter, Anna und natürlich auch Sunny miteinander ein gutes Gefühl haben, wird die Wiege wieder frei sein – für das nächste Baby in Not.

Wenn Mutter, Anna und natürlich auch Sunny miteinander ein gutes Gefühl haben, wird die Wiege wieder frei sein – für das nächste Baby in Not

Sicher, willkommen und nicht allein

Sunnys kleines Leben hat gerade erst angefangen. Doch den ersten Satz ihrer Geschichte hat Anna geschrieben:

‚Du bist sicher. Du bist willkommen. Du bist nicht allein.‘

Viel Glück, Sunny – für dich und deine Mama!

Es gibt viele Kinder, für die dringend ein Platz in einer Pflegefamilie gesucht wird. Langfristig, oder im Fall von Sunny nur für wenige Wochen.

Eine Pflegestelle kann für das Leben eines dieser Kinder einen großen Unterschied machen.

Interessierte, die sich einen Einsatz als Pflegeeltern vorstellen können, erhalten bei einem Träger und beim Jugendamt nähere Informationen darüber, welche Pflegeformen es gibt und wer eine Pflege übernehmen kann.

Weitere Informationen:

Kontaktadresse:
Pflegekinder im Kiez gGmbH
Dieffenbachstraße 56
10967 Berlin
Telefon 030 6122735
Mail: kontakt@pflegekinder-im-kiez.de

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