Internationale Wochen gegen Rassismus – Chantal Chisleys Engagement für ein vielfältiges und inklusives Friedrichshain-Kreuzberg

Chantal Chisley im BVV-Saal

Am 16. März beginnen die diesjährigen Internationalen Wochen gegen Rassismus. Rund um den 21. März, der von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Tag gegen Rassismus, setzen alljährlich Menschen, Initiativen und Organisationen auf der ganzen Welt ein klares Signal gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. In Deutschland werden die Aktionswochen von der Stiftung gegen Rassismus koordiniert. In den zwei Wochen finden zahlreiche Diskussionsrunden, Workshops und Gedenkaktionen statt.
Auch in Friedrichshain-Kreuzberg setzen sich das ganze Jahr über viele Menschen für eine offene, vielfältige und inklusive Gesellschaft ein. Eine von ihnen ist Chantal Chisley. Als Mitglied im bezirklichen Beirat für Partizipation und Integration und als Projektkoordinatorin beim Polnischen Sozialrat e. V. engagiert sie sich täglich für Antidiskriminierung, Chancengleichheit und Demokratieförderung – im Bezirk und darüber hinaus.

Peach Cobbler und vegetarische Pierogi

Chantal mit den beiden Gerichten, die ihre Migrationsgeschichte und ihr heutiges Engagement symbolisieren.

Migration, Familie und Vielfalt

Zum Interview hat Chantal zwei Gerichte mitgebracht, die ihre eigene Migrationsgeschichte und ihr heutiges Engagement symbolisieren: Pierogi – ihr Lieblingsgericht aus Polen, dem Heimatland ihrer Mutter, und Peach Cobbler, eine amerikanische Süßspeise aus den Südstaaten – Chantals Vater ist Afroamerikaner und diesen Nachtisch, der eng mit der Geschichte versklavter Afrikaner*innen in den USA verknüpft ist, gibt es in ihrer Familie immer zu Thanksgiving, Geburtstagen oder anderen besonderen Anlässen. „Vielfalt verbindet – und das nicht nur in Form von Essen“, erklärt sie. „Vielfalt ist menschlich. Wir sind alle vielfältig und bringen verschiedene Perspektiven mit. Und ich finde, wir müssen die Menschlichkeit hinter dieser Vielfalt normalisieren!“

Chantal trägt einen Pullover mit der Aufschrift „made by immigrants – the children of those who turned nothing into something“, zu deutsch in etwa „hergestellt von Immigrant*innen – den Kindern derer, die aus dem Nichts etwas geschaffen haben.“ Das Oberteil ist für sie ein ganz bewusstes Statement: „Meine Eltern sind damals nach Deutschland migriert, in der Hoffnung auf eine bessere Perspektive und mehr Möglichkeiten. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ihre Geschichte eine andere ist als die vieler Menschen, die unter ganz anderen, oft viel schwierigeren Bedingungen hierhergekommen sind.“ Der Pullover repräsentiert für Chantal also nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern auch die unterschiedlichen Ebenen von „Migration“ – Hoffnung, Mut, Privilegien, aber auch Risiko, Entbehrung und Neuanfang.

Studium und berufliche Motivation

Chantal Chisley ist in Kassel aufgewachsen, hat dort ihren Bachelor in Politikwissenschaften und Soziologie gemacht und ist dann nach Berlin gezogen, um im Master Nordamerikastudien zu studieren mit einem Schwerpunkt auf Politikwissenschaft und Soziologie. Während des Masterstudiums war sie für einige Wochen in den USA und hat sich für ihre Abschlussarbeit mit der Kriminalisierung von Black Americans im Bildungssystem von Louisiana auseinandergesetzt.
Spätestens nach diesem Aufenthalt war für Chantal klar, dass sie sich auch beruflich gegen Diskriminierung und für Partizipation einsetzen möchte. „Es ist furchtbar, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft Zugänge verwehrt werden.“

Chantal Chisley mit einem Pulli mit politischem Statement

Der Pulli ist für Chantal mehr als ein Oberteil, er ist auch ein politisches Statement: „Hergestellt von Immigrant*innen – den Kindern derer, die aus dem Nichts etwas geschaffen haben.“

Bildungsweg und Motivation für Antidiskriminierungsarbeit

Seit 2023 arbeitet sie als Projektkoordinatorin beim Polnischen Sozialrat e.V. , der sich für die Partizipation und Teilhabe von polnischen Migrant*innen in Deutschland einsetzt. Chantal arbeitet unter anderem an einem Patenschaftsprojekt mit, das Ehrenamtliche mit Geflüchteten verbindet. Ziel ist es, Teilhabe für Geflüchtete zu schaffen und sie dabei zu unterstützen, einen geeigneten Job zu finden. „Gleichzeitig wollen wir ihnen zeigen, dass auch ihre Stimme wichtig ist, dass auch sie ein besonderer Teil unserer Gesellschaft sind“, betont Chantal.

Gemeinsam mit einer Kollegin hat sie im letzten Jahr außerdem ein „Teilhabe-ABC“ für Instagram konzipiert, wo sie in Beiträgen von „A wie Antislawismus“ über „O wie Obdachlosigkeit“ bis „Z wie Zugang“ über Teilhabe aufklären. „Uns war wichtig zu zeigen, wo Teilhabemöglichkeiten in der Gesellschaft fehlen und welche Gruppen oft immer noch vergessen werden. Da greifen so viele Themen ineinander: Wir haben beispielweise gezeigt, wie schwierig der Wohnungsmarkt in Berlin für Menschen mit Migrationsgeschichte ist oder wie rassistisch das Gesundheitssystem ist – Menschen mit dunklem Hauttyp tauchen da beispielsweise kaum auf. Schwarze Menschen sind in medizinischen Büchern wenig bis gar nicht repräsentiert So werden Hauterkrankungen beispielsweise überwiegend anhand hellerer Hauttypen dargestellt, obwohl sie bei dunkleren Hauttypen häufig ganz anders aussehen können“, erklärt Chantal.

Chantal Chisley präsentiert den BVV-Saal

Stolz präsentiert Chantal Chisley den BVV-Saal, in dem der Bezirksbeirat für Partizipation und Integration alle acht Wochen zusammenkommt.

Arbeit im Bezirksbeirat für Partizipation und Integration

Seit 2024 ist Chantal Chisley außerdem im Bezirksbeirat für Partizipation und Integration tätig. Auf Grundlage des Berliner Partizipationsgesetzes (PartMigG) gibt es in jedem Bezirk einen solchen Beirat – eine unabhängige, überparteiliche Interessensvertretung für Menschen mit Migrationsgeschichte, die das Bezirksamt zu Partizipation, Integration und gleichberechtigter Teilhabe berät. „Wir geben unser Wissen und unsere Perspektiven weiter. Wir haben Stimm- und Rederecht, können Dinge fordern und Entscheidungen in Frage stellen,“ erklärt Chantal. Alle zwei Monate trifft sich der Beirat mit der Bezirksbürgermeisterin, der bezirklichen Beauftragten für Partizipation und Integration und Vertreter*innen aus den Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Die Sitzungen des bezirklichen Beirats für Partizipation und Migration sind in der Regel öffentlich und die Protokolle online einsehbar. Außerdem dürfen die Beiratsmitglieder an den Ausschüssen der BVV teilnehmen. „Es ist wichtig, dass unsere Perspektiven möglichst überall miteinfließen. Antidiskriminierung, Inklusion und Teilhabe betreffen so viele Bereiche, etwa auch Maßnahmen der Stadtentwicklung oder der Wirtschaftsförderung“, erklärt Chantal Chisley. „Durch den Beirat können wir direkt Einfluss nehmen auf Entscheidungen in Politik und Verwaltung und dafür sorgen, dass der Bezirk und unsere Gesellschaft diskriminierungssensibler, inklusiver und solidarischer werden. Wir können wirklich etwas bewirken!“

Rassismus sichtbar machen und Haltung zeigen

Rassismus und Diskriminierung kennt Chantal selbst seit ihrer Kindheit. Es ist ein sehr privates Anliegen und daher oft auch ein sehr emotionales Thema für sie. Abgrenzung oder „einfach mal abschalten“ seien schwer, da sie die Herausforderungen jeden Tag begleiten. „Selbst in einer so internationalen Stadt wie Berlin, auch in einem so offenen und vielfältigen Bezirk wie Friedrichshain-Kreuzberg, finden Rassismus und Diskriminierung täglich statt, überall.
Manchmal sei die Arbeit auch ernüchternd oder frustrierend, gibt sie zu, gerade in Zeiten eines rechten gesellschaftlichen und politischen Backlashes, wo viele wichtige Fördergelder gekürzt oder gestrichen werden. Umso wichtiger findet Chantal Chisley Aktionen wie die Internationalen Wochen gegen Rassismus. „Wir müssen Rassismus sichtbar machen und über Diskriminierung und Rechtsextremismus sprechen – gerade jetzt, wo rassistische Narrative wieder salonfähig gemacht werden. Rassismus beleidigt, verletzt und tötet im schlimmsten Fall Menschen. Daran müssen wir immer wieder erinnern.“ Die Aktionswochen seien auch ein wichtiges Zeichen der Hoffnung und des Mutes für alle, die sich engagieren. „Es ist ermutigend zu sehen, wie viele wir sind – wie viele auf die Straße gehen und klare Haltung zeigen und nicht einfach hinnehmen, dass rassistische Diskurse momentan wieder öffentlich legitimiert werden.“
Gleichzeitig reiche es nicht aus, Rassismus nur im Rahmen einzelner Aktionswochen sichtbar zu machen, betont Chantal. Vielmehr brauche es dauerhaft klare Haltungen, strategische Ansätze und konkrete Maßnahmen gegen Rassismus.