Expedition ins wilde Friedrichshain-Kreuzberg – mit den Stadtnatur-Rangerinnen auf Spurensuche zwischen Baumkronen und Wurzelwerk

Die Stadtnatur-Rangerinnen Kristina Roth (li) und Janni Kretschmer (re) von der Stiftung Naturschutz im Kreuzberger Viktoriapark

Die Stadtnatur-Rangerinnen Kristina Roth (li) und Janni Kretschmer (re) von der Stiftung Naturschutz im Kreuzberger Viktoriapark

In unserem Bezirk kümmern sich die beiden Stadtnatur-Rangerinnen Janni Kretschmer und Kristina Roth von der Stiftung Naturschutz hauptberuflich darum, unsere grünen Räume zu schützen. Um den Blick für die Natur der Friedrichshain-Kreuzberger*innen noch stärker zu schärfen, bieten sie ab sofort exklusive und einmalige Einblicke in ihre Arbeit an.

Es ist ein kalter, verschneiter Dienstagvormittag Anfang Februar– minus sechs Grad zeigt das Thermometer an diesem Morgen. Der hügelige Viktoriapark liegt unter einer gefrorenen Eisschicht, frischer Schnee auf dem Eis mahnt zur Vorsicht. Doch die Natur hat immer geöffnet: Am vereinbarten Treffpunkt am Kreuzberger Wasserfall warten die beiden Rangerinnen. Heute dürfen zum ersten Mal und exklusiv Interessierte sie bei ihrer Arbeit begleiten.

Hier finden sich einige Risse, Spalten und Baumhöhlen, die im System aufgenommen werden

Hier finden sich einige Risse, Spalten und Baumhöhlen, die im System aufgenommen werden

Jede Jahreszeit hat ihre eigenen Aufgaben

Regelmäßig prüfen und begehen die Rangerinnen ihre Reviere im Volkspark Friedrichshain, auf der Halbinsel Stralau und – so wie heute – im Viktoriapark. „Auf geht’s, heute suchen wir Nester, Baumhöhlen und Nistkästen“, sagt Rangerin Kristina Roth und erklärt, dass jede Jahreszeit ihre eigenen Aufgaben im Naturschutz mit sich bringt. „Im Moment tragen die Bäume kein Laub – daher ist es die ideale Zeit, Habitatbäume ausfindig zu machen und die Nisthilfen in Augenschein zu nehmen.“

Habitatbäume sind Bäume, die die aufgrund ihres Alters Strukturen aufweisen, die von den Tier- und Pflanzenarten als Habitat genutzt werden können und deshalb geschützt werden. Charakteristisch sind Strukturen wie Höhlen, Risse, Spalten im Holz sowie Totholzanteile und abgestorbene Äste, in denen sich Mikrohabitate bilden – Brutplatz, Unterschlupf oder Nahrungsquelle für etwa Vögel, Fledermäuse, Insekten, Pilze, Moose und Flechten. Meist sind es alte oder teilweise abgestorbene Bäume, die aus Naturschutzgründen stehen gelassen und im Baumkataster erfasst werden, weil sie für die biologische Vielfalt besonders wichtig sind.

Janni Kretschmer: „Im Naturschutz wird versucht, auch die bereits abgestorbenen Bäume stehen zu lassen beziehungsweise tote Teile vor Ort zu belassen – an manchen Orten geht das natürlich nicht wegen der Verkehrssicherheit. Deshalb sind im Innenstadtbereich wie im Viktoriapark mit vielen Wegen und Besuchenden eher wenige Totholzstrukturen vorhanden. Man findet eher die Baumhöhlen in den noch vitalen Bäumen.“

Stadtnatur-Rangerin Janni Kretschmer gibt die Daten eines Baumes in ein Tablet ein

Stadtnatur-Rangerin Janni Kretschmer gibt die Daten eines Baumes in ein Tablet ein

Größte innerstädtische Ansammlung von Amphibien

Vielerorts hängen bereits Nistkästen in den Bäumen, die – falls noch nicht geschehen – im System aufgenommen und kartiert werden. „Einige hängen schon längere Zeit und müssen bei nächster Gelegenheit gereinigt und entleert werden“, ergänzt sie. Alle Mitläufer*innen sind aufgefordert, die Baumwipfel, Stämme und Äste nach Schlupflöchern und Nistgelegenheiten für Vögel und Fledermäuse zu untersuchen.

Der Kreuzberger Viktoriapark ist auf 12,8 Hektar Heimat für ahornblättrige Platanen, Linden, Eichen, Kastanien, Birken und Robinien. „Hier im Park findet sich die größte innerstädtische Ansammlung von Amphibien“, berichtet Kristina Roth und zeigt auf den Weiher, der — genauso wie die Erdkröten und Frösche — noch im eisigen Winterschlaf liegt.

Beim Blick in die Baumkronen gewinnt die kleine Gruppe um die Rangerinnen eine neue Perspektive auf das Parkgeschehen. „Hier sehen wir einen Habitatbaum, der noch nicht in unserer GIS-Karte verzeichnet ist“, erklärt Rangerin Janni Kretschmer. Sie steht unter der etwa 70 Jahre alten Eibe, sucht die Baumnummer im System und gibt die Daten in ein Tablet ein, das sie bei sich trägt. „Baumnummern in Berliner Parks und an Straßen sind Teil eines digitalen Baumkatasters, das der Verwaltung, Pflege und Kontrolle dient. Anhand der Nummer kann ich die Bäume auf unserer Karte genau verorten und die jeweiligen Strukturen zuordnen. Wenn wir zu diesem Baum noch keine Informationen vermerkt haben, trage ich sie nach.“

Eine Hainbuche im winterlichen Viktoriapark

Eine Hainbuche im winterlichen Viktoriapark

Erkennungszeichen eines Greifvogel-Horsts

Es geht weiter bergauf: Der Kreuzberg ist mit 66 Metern hoch genug, um auf den frisch verschneiten Hängen eine Menge Rodelspaß zu bieten. Die Stadtgärtner*innen wissen das und haben zum Schutz der rodelnden Kinder lange Laubwälle quer über die abschüssigen Wege angelegt. Diese dienen einerseits als natürliche Rückzugsorte für kleinere Tiere, sollen aber vor allem auch die Schlitten abbremsen, wenn sie den Hang in Richtung Straße hinuntersausen.

Auf dem Weg in Richtung Denkmal werden die Rangerinnen von einer Mutter und ihrer etwa zehnjährigen Tochter angesprochen – sie sind im Park bekannt. „Wir haben einen Specht gesehen! Er ist dort hinten!“, ruft das Mädchen ganz aufgeregt. Die Rangerinnen legen eine kurze Pause ein und fragen nach, wo der Specht gerade sitzt und wie er aussieht. „Vermutlich ein Buntspecht, wir schauen uns das gern an. Vielen Dank für den Hinweis!“ Fröhlich gehen Mutter und Tochter weiter.

Mit geschärftem Blick entdecken die Teilnehmer*innen beim Weitergehen ein großes Nest hoch oben in den Ästen. „Kann das ein Greifvogel-Horst sein?“, fragt ein Mitläufer neugierig. Kristina Roth schaut hinauf und schüttelt den Kopf. „Nein, die Lage und der Aufbau passen zu einem Krähennest“, erklärt sie. „Ein Greifvogel-Horst ist deutlich stabiler gebaut und meist auf hohen Buchen, Eichen oder Nadelbäumen zu finden, mit einer freieren Einflugschneise.“ Neben Krähen werden hier im Park aber auch Habichte, Sperber und Mäusebussarde gesichtet – wo genau, bleibt jedoch geheim, um die geschützten Tiere nicht zu stören.

Ein Eichhörnchen im Baumwipfel im Kreuzberger Viktoriapark

Ein Eichhörnchen im Baumwipfel im Kreuzberger Viktoriapark

Eichhörnchen sind wahre Sammler

Unweit des Denkmals führt Rangerin Janni Kretschmer die Gruppe zu einer auffälligen Hängebuche. In ihrem Geäst befindet sich ein kugelförmiges Nest, kunstvoll aus Zweigen, Moos und Laub gebaut. „Das ist ein Kobel – das Zuhause eines Eichhörnchens“, erklärt sie. Die kleinen Nagetiere haben meist mehrere solcher Nester, unterschiedlich ausgestattet, je nach Jahreszeit und Witterung. „Hoch oben ziehen sie ihre Jungen auf oder ruhen sich einfach aus“, ergänzt Kristina Roth. Der Kobel wirkt erstaunlich gemütlich: Dicht gepolstertes Eichenlaub schaut heraus und bewegt sich sanft im Wind. „Jeder Kobel hat einen getrennten Aus- und Eingang – das ist ihr Notausgang für den Fall der Fälle.“

Während Janni Kretschmer die Baumnummer notiert und den Standort des Kobels in das System einträgt, erzählt Kristina Roth eine weitere Geschichte aus dem Parkalltag. „Eichhörnchen sind wahre Sammler. Im Herbst legen sie unzählige Vorratsverstecke mit Nüssen an, vergessen aber viele davon wieder. So tragen sie unbewusst zur Verbreitung neuer Pflanzen bei – eine kleine, aber wertvolle Hilfe für die Natur.“

Die beiden Stadtnatur-Rangerinnen an einer alten Platane in direkter Nähe des Schinkel-Denkmals im Viktoriapark

Die beiden Stadtnatur-Rangerinnen an einer alten Platane in direkter Nähe des Schinkel-Denkmals im Viktoriapark

Nächste Station: Volkspark Friedrichshain

Nach rund zwei Stunden endet die winterliche Exkursion am Sockel des Schinkel-Denkmals. Bei dampfenden Bechern mit „Durchatmen-im-Wald“-Tee nutzen die Teilnehmer*innen die Gelegenheit, Fragen zu stellen und das Erlebte zu besprechen. Trotz Minusgraden sind alle begeistert – die Geschichten der Rangerinnen und der Blick in die normalerweise verborgenen Lebensräume des Parks haben die Kälte längst vergessen lassen.

Die nächste Gelegenheit, die beiden Rangerinnen mit neuen Geschichten im Gepäck bei ihrer Arbeit zu begleiten, bietet sich am:

Treffpunkte:
Viktoriapark: Am Fuß des Wasserfalls
Volkspark Friedrichshain: “Am Denkmal “Alter Fritz(Weitere Informationen)
Stralau: Schwanenwiese beim Spielplatz Palmkernzeile

Die Begehungen finden im monatlichen Wechsel im Viktoriapark, im Volkspark Friedrichshain und auf Stralau statt.

Termine 2026:
8.4. Stralau | 6.5. Viktoriapark | 3.6. Volkspark Friedrichshain | 1.7. Stralau | 5.8. Viktoriapark | 2.9. Volkspark Friedrichshain | 7.10. Stralau | 4.11.