Anschaulich und generationsübergreifend Technikgeschichte erklären

Joachim Breuninger Technikmuseum

Seit 2020 leitet Joachim Breuninger das Deutsche Technikmuseum in Kreuzberg.

Ein sonniger Donnerstagnachmittag auf dem Gelände des größten Museums in Friedrichshain-Kreuzberg: Einige Mitarbeiter*innen des Deutschen Technikmuseums und Kolleg*innen der BVG stehen am Lokschuppen 2 auf dem weitläufigen Außengelände und warten auf ein neues Exponat. Ein restaurierter U-Bahnwaggon aus den 1920er Jahre kommt per Schwerlasttransport aus Friedrichsfelde, wo Liebhaber*innen historischen Wagenmaterials das Stück in der BVG-Betriebswerkstatt ehrenamtlich restauriert haben. Zu besonderem Ruhm fand der Kleinprofilwagen 390 nicht über seinen verkehrlichen Aufgaben vor fast 100 Jahren, sondern weil er 1978 in David Bowies Film „Just A Gigolo“ als Kulisse diente.

Unter den Wartenden ist auch Joachim Breuninger. Er leitet das Museum mit 177 Mitarbeiter*innen seit 2020. Täglich fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit im westlichen Teil Kreuzbergs.

Der knapp 100 Jahre alte U-Bahn-Waggon diente in David Bowies Film als Kulisse.

Exponate zum Anfassen

Seinen Weg in die Museumsarbeit fand der studierte Historiker, Germanist und Politologe über das Deutsche Historische Museum, wo er Ende der 1990er Jahre eine Ausstellung zum Thema „50 Jahre Bundesrepublik“ mitgestaltete und den Bereich Sport, Urlaub und Außenpolitik kuratierte.

„Das war ein klassischer Projektjob. Danach habe ich zufällig einen Bekannten im Zug getroffen, der mir von einer offenen Stelle im DB Museum in Nürnberg berichtete. Mein Ass im Ärmel für diese Stelle war, dass ich dort glaubhaft versichern konnte, keine Ahnung vom Thema Eisenbahn zu haben. Das war mein Glück. Die wollten keinen Pufferküsser, der schon alles weiß. Genau das war meine Qualifikation.“ So kam er in den Bereich Verkehr und Technik. Danach ging es für ihn nach Dresden, wo er Direktor des dortigen Verkehrsmuseums war.

Bis heute beeindruckt Joachim Breuninger, was man mit Verkehrs- und Technikgeschichte alles erklären kann. „Das funktioniert generationenübergreifend. Anhand unserer Exponate kann man vieles leichter zugänglich machen. Damit haben wir anderen Museen etwas voraus, die manchmal, vor allem für Kinder, etwas trocken wirken können. Das ist das Schöne an der Technikgeschichte, sie ist absolut anschaulich. Wo immer möglich, ist sie bei uns auch zum Anfassen.“

Viele der Exponate sprechen für sich.

Ein relativ junges Museum mit umfangreicher Sammlung

Eines der wichtigsten Exponate ist für Joachim Breuninger der Deportationswagen in der Eisenbahnausstellung. „Mit diesem Exponat kann man sehr eindrücklich Geschichte erzählen. Mit wenigen Erklärungen drumherum ist für die Besuchenden eigentlich alles klar.“ Aber auch der Rosinenbomber und der Zuse-Rechner sind aus seiner Sicht wichtige Ausstellungsstücke. „Wir haben viele dieser wichtigen und für sich sprechenden Exponate im Haus.“

Ein gewisses Tüftlergen hat Museumsdirektor Joachim Breuninger auch als Geistes- und Sozialwissenschaftler. Außerdem backt er zu Hause alles selbst. „Wir sind schon seit Jahren nicht mehr beim Bäcker gewesen. Unser Sauerteig zu Hause ist schon sehr lange Teil unseres Haushalts.“

Dennoch ist es aus seiner Sicht wichtig, berufliche und private Hobbys und Interessen klar zu trennen. „Das, wofür ich mich privat begeistern kann, interessiert nicht unbedingt unsere Besuchenden im Haus.“

Im Museum sei generell die große Frage: „Was sammeln wir und warum sammeln wir es? Brauchen wir es wirklich?“ „Das Entscheidende ist, jetzt schon zu wissen, was später einmal relevant wird. Unsere Depots sind voll. Da stellt sich die Platzfrage ganz akut.“ Bald wird das Depot des Deutschen Technikmuseums in eine neue Liegenschaft in Lichterfelde umziehen. Vorher muss das Team sortieren.

Mit nur 43 Jahren ist das Technikmuseum ein relativ junger Ort. Für die Sammlung sei der Mauerfall ein Glücksgriff gewesen. „Danach kamen im Wochenrhythmus Menschen, die uns Exponate angeboten haben. Da haben wir erst mal alles genommen.“

"Wir sehen uns als Plattform für Initiativen."

Vielfältige Outreach-Arbeit in die umliegenden Kieze hinein

Nun sei es an der Zeit, sukzessive auszusortieren. „Das ist eine wichtige Aufgabe für uns alle in der Museumsszene.“ Hierfür gibt es einen klar definierten Prozess entlang des Code of Ethics für Museen. „Die Kuratoren schauen sich ihre Sammlungen ganz genau an und prüfen, ob es beispielsweise doppelte Ausstellungsstücke gibt. Dann klären wir, ob wir ein Exponat selbst noch gebrauchen können oder ein anderes Museum. Danach erst entsorgen oder verkaufen wir.“

Aktuell ist das Museum etwa dabei, 17 Autos und Motorräder zu verkaufen. Privat sei er sehr gut im Aufräumen und Aussortieren. „Zu Hause sammle ich nichts.“ Den Mut zum Aussortieren sieht er als Schlüsselqualifikation für seinen Job. „Ich bin Stammgast am BSR Recyclinghof in der Gradestraße.“

Die Outreach-Arbeit in die umliegenden Kieze hinein und die Zusammenarbeit mit Vereinen und der Zivilgesellschaft ist dem Museum ein wichtiges Anliegen: „Wir sehen uns als Plattform für Initiativen. Wir arbeiten zum Beispiel mit Feuer und Flamme vom Dragonerareal zusammen, die hier bei uns backen.“ Auch mit den „Omas for Future“ aus dem Möckernkiez ist das Museum verbunden. Diese Zusammenarbeit entstand aus den Repair-Workshops der Sonderausstellung über das Reparieren vor drei Jahren. Aktuell häkeln die Omas für den Erhalt der Artenvielfalt.

kinetischer Sand SuperCity 3000 im Technikmuseum

Kinder einfach ausprobieren lassen ist eine der Devisen.

SuperCity 3000 - Ausstellung von Kindern für Kinder

„Viele unserer Kooperationen sind aus Ausstellungen heraus entstanden. Wir sind da jederzeit offen für mehr.“ Eine weitere Zusammenarbeit besteht über das Projekt „Changing Room“, das im Bereich Textiltechnik angedockt ist und das Thema Fast Fashion kritisch beleuchtet. Auch mit unserer bezirklichen Volkshochschule kooperiert das Museum, indem Integrationskurse gemeinsam in die Ausstellung kommen. „Es ist unser Anspruch, uns für die Kieze um uns herum zu öffnen. Am besten sind natürlich immer Projekte, von denen die Besuchenden auch etwas haben.“

An der aktuellen Sonderausstellung SuperCity 3000, an der mehrere Grundschulklassen aus ganz Berlin mitgearbeitet haben, war auch eine Klasse der Bergmannkiez-Gemeinschaftsschule in Kreuzberg beteiligt. Diese Ausstellung von Kindern für Kinder zeigt, wie der Stadt der Zukunft aussehen könnte – wenn sie von Kindern geplant würde. „90 Prozent der Kinder leben in Städten. Daher dachten wir uns: Fragen wir sie doch einfach und begleiten sie bei der Ausarbeitung ihrer Pläne. Die Kinder machen das klasse. Wir haben sie einfach ausprobieren und machen lassen. Damit sind wir hier sehr erfolgreich.“

"Wenn es im Ausstellungsbereich so klingt wie im Schwimmbad, dann ist es ein guter Tag bei uns."

Knapp 650.000 Besucher*innen pro Jahr

Herausfordernd sei es trotz umfangreicher aufsuchender Kulturarbeit und Besucher*innenzahlen von knapp 650.000 pro Jahr weiterhin, alle Communitys in der Stadt gleichermaßen zu erreichen. „An die Berliner Kinder kommen wir über Schulausflüge er sehr gut ran.“ Wichtig sei aber, dass diese mit ihren Eltern und Familien wiederkämen.

Für Kinder, Jugendliche und Familien hält das Museum ein riesiges Bildungsprogramm mit Workshops und Führungen, aber auch viele Drop-In-Angeboten bereit. „Da sind wir extrem zielgruppenorientiert – und natürlich ausgerichtet auf den Berliner Lehrplan.“

Überhaupt sind die Kinder für das Team des Deutschen Technikmuseums eine Kernzielgruppe. „Kinder sollen hier bei uns Kinder sein dürfen.“ Man könne schreien und man könne im Gebäude herumrennen. „Wenn es im Ausstellungsbereich so klingt wie im Schwimmbad, dann ist es ein guter Tag bei uns. Wir möchten Kinder ernst nehmen, und die merken es, wenn sie ernst genommen werden.“

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Öffnungszeiten des Museums

  • Montag geschlossen
  • Dienstag bis Freitag: 9 bis 17.30 Uhr
  • Samstag, Sonntag, Feiertage: 10 bis 18 Uhr
  • Letzter Einlass: 17 Uhr

Deutsches Technikmuseum
Trebbiner Straße 9
10963 Berlin

Science Center Spectrum & Ladestraße
Möckernstraße 26
10963 Berlin