Astrid Rehbaum – Konstante im Wandel

Astrid Rehbaum vor dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in der Yorkstraße

Seit fast drei Jahrzehnten arbeitet Astrid Rehbaum dort, wo Kommunalpolitik organisiert, moderiert und oft auch abgefedert wird: im Büro der Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg. Am 16. Oktober 1995 trat sie ihren Dienst an – mit 23 Jahren, ohne Umwege, ohne großes Karriereziel, aber mit einer klaren Vorstellung davon, wie sie arbeiten wollte: eigenständig, flexibel und mit Sinn für das Ganze.

Dass daraus fast 30 Jahre geworden sind, war nicht geplant. „Die erste und die letzte Arbeitsstelle“, sagt sie heute – lakonisch, aber überzeugt. Damals hat sie den Job eher zufällig gefunden: eine Stellenausschreibung am Schwarzen Brett in der Petersburger Straße – Teilzeit, BVV-Büro. Beworben „auf blauen Dunst“ – und geblieben.

Politik im Alltag, Verwaltung im Hintergrund

Was Astrid Rehbaum genau macht, lässt sich nicht in einem Satz erklären. Vielleicht ist das auch Teil des Problems – und der Faszination – ihrer Arbeit. Sitzungen vorbereiten und begleiten, Mittel verwalten, Schnittstelle zwischen BVV, Bezirksamt, Fraktionen und Öffentlichkeit sein, ansprechbar bleiben für Anliegen, Eingaben, Beschwerden. Und dabei immer eines im Blick behalten: politische Neutralität.
„Egal ob Linke oder AfD – für uns darf das keinen Unterschied machen“, sagt sie. Loyalität gegenüber dem demokratischen Prozess sei Grundvoraussetzung. Wer klare Fronten, eindeutige Zuständigkeiten und lineare Abläufe sucht, sei hier falsch. Das BVV-Büro sei keine klassische Verwaltungseinheit. Es brauche Flexibilität, Fingerspitzengefühl und ein Gespür für politische Befindlichkeiten – sonst tapse man schnell ins nächste Fettnäpfchen.

Astrid Rehbaum im BVV Saal

Bezirksfusion, Münzwurf, historische Räume

Astrid Rehbaum hat nicht nur viele Wahlperioden erlebt, sondern auch strukturelle Einschnitte, die den Bezirk bis heute prägen. Die Bezirksfusion von Friedrichshain und Kreuzberg Anfang der 2000er-Jahre war eine davon. Ost-West-Unterschiede, unterschiedliche Arbeitskulturen, Ressentiments – „das war nicht reibungsfrei“. Wer wo seinen Sitz bekommt entschieden damals die beiden Bürgermeister per Münzwurf – eine kleine, skurrile Anekdote, die in Erinnerung bleibt. Der damalige Bürgermeister verlegte sein Büro nach Friedrichshain, während das BVV-Büro – und damit auch Astrid Rehbaum – seinen neuen Standort in Kreuzberg im Dienstgebäude an der Yorckstraße fand, wo sie bis heute arbeitet. Ein besonderer Raum, denn das Besprechungszimmer, in dem unser Interview stattfand, war früher das Büro des Bürgermeisters von Kreuzberg – ein stiller Zeuge des Wandels.

Digitalisierung, Corona, flexible Strukturen

Später kamen Digitalisierung und Corona. Zwei große Herausforderungen, denn gerade die Pandemie habe gnadenlos offengelegt, wie wenig die bestehenden Systeme auf die Arbeit der BVV zugeschnitten waren. Sitzungen in externen Räumen, kurzfristige Umstellungen, rechtliche Grauzonen – viel Improvisation, wenig Routine. Gleichzeitig entstanden Spielräume, die es vorher nicht gab: digitale Sitzungen in Ausnahmefällen, mehr Flexibilität, weniger Ausfälle. Ein Fortschritt, den sie klar benennt – ohne zu romantisieren.

Führung, Zusammenarbeit und leise Verbesserungen

Ein prägender Einschnitt war ihre Zeit im Bürgermeisterbüro von Franz Schulz, wo sie von 2007 bis 2011 arbeitete. Eine intensive, lehrreiche, aber auch extrem fordernde Phase – Vollzeit, zwei kleine Kinder, hohe Verantwortung, wenig Erholung. Sie bildete sich fort, lernte viel über Führung und Management, stieß aber auch an die Grenzen dessen, was sich in der Verwaltung tatsächlich umsetzen lässt.
Zurück im BVV-Büro traf sie auf einen neuen Leiter, neue Strukturen und eine Arbeitsweise, die sie bis heute schätzt: klarer, zielorientierter, prozessorientierter. Vieles sei in der Zwischenzeit verschlankt und geordnet worden – eine Entwicklung, die den Arbeitsalltag spürbar erleichtert habe. Große Gesten brauche es dafür nicht. Manchmal reiche es, wenn Dinge endlich funktionieren.

Astrid Rehbaum im Innenhof des Bezirksamts in der Yorkstraße

Insel, Freiräume – und ein Stück Torte

Das BVV-Büro ist kein Ort mit viel Publikumsverkehr. „Man sitzt hier schon ein bisschen auf seiner Insel“, sagt Astrid Rehbaum. Teamrituale im klassischen Sinne gibt es kaum – und das ist durchaus gewollt. Verordnete Geburtstagsrunden oder Pflichtfrühstücke waren nie ihr Ding.
Stattdessen gibt es etwas sehr viel Passenderes: gelegentlich ein Stück Torte. Wenn es passt, wenn Zeit ist, wenn alle Lust darauf haben. Dann wird bei „Mr. Minsch“ in der Yorckstraße bestellt – manchmal organisiert, manchmal auf Zuruf. Astrid Rehbaum greift am liebsten zur Sahnetorte, gern mit Obst: Himbeersahne, Zitronensahne. Kein festes Ritual, kein Kalendertermin, eher ein stilles Einvernehmen. Man setzt sich zusammen, isst, spricht über das Nötige – und dann geht es weiter. Gerade diese Unaufgeregtheit sagt viel über die Arbeitsweise im Büro: pragmatisch, selbstbestimmt, ohne Zwang zur Gemeinschaft.

Rückblick ohne Verklärung

Was sie an ihrer Arbeit schätzt, ist die Flexibilität. Die Möglichkeit, Arbeitszeiten abzustimmen. Die sitzungsfreien Zeiten. Die Sommerpause. Und die Gewissheit, dass Arbeit nicht alles ist. Ihre eigentliche Leidenschaft liegt in der Musik: Sie singt im Chor, spielt Klavier, Cembalo und inzwischen auch Orgel. Musik als Hobby – bewusst nicht als Beruf. „So habe ich meine Basis – und keine Existenzängste.“
Würde sie mit dem Wissen von heute wieder so entscheiden? Vielleicht hätte sie weiter studiert, sagt sie. Musikwissenschaft. Aber mit „Was-wäre-wenn“-Prognosen hält sie sich nicht lange auf. Wichtig sei, Geduld mitzubringen – und zu akzeptieren, dass sich in der Verwaltung nicht alles sofort umsetzen lässt.
Am 15. Oktober 2025 wurde Astrid Rehbaum für ihr 30-jähriges Dienstjubiläum von BVV-Vorsteher Werner Heck mit einem Blumenstrauß geehrt. Viel Aufhebens braucht sie darum nicht. Leise wie nachhaltig geht sie ihrer Arbeit nach – als Konstante in einem System, das sich ständig neu sortiert.