Vorstellung des digitalen Archivs „30 Jahre nach dem Frauenhaus: Von damals bis heute – Solidarität und feministischer Widerstand“

Die beteiligten Frauen

Ehemalige Bewohnerinnen des ersten autonomen Frauenhauses in Berlin haben gemeinsam mit der Kreuzberger Initiative StoP – Stadtteile ohne Partnerschaftsgewalt ein digitales Archiv über die Geschichten und Erfahrungen von Frauen, die sich vor 30 Jahren dort trafen und sich auf den Weg machten, gestaltet, finanziert durch Mittel der Gleichstellungsbeauftragten von Friedrichshain-Kreuzberg. Im Dezember feierten sie mit Projektbeteiligten, Freund*innen und Interessierten den Launch der Webseite „Leben nach dem Frauenhaus“ im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße.

Im digitalen Archiv kommen die Frauen selbst zu Wort. In Texten, Fotos und Audioaufnahmen teilen sie ihre Erinnerungen an das Leben im und nach dem Frauenhaus, berichten von ihren individuellen Erfahrungen und ihren erfolgreichen Neuanfängen seitdem. „Ohne diese Gemeinschaft wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin“, erzählt eine ehemalige Bewohnerin. „Das Frauenhaus hat mir Halt, Hilfe und Sicherheit gegeben. Das war mein Zuhause, meine Familie. Dort hat mein neues Leben gestartet.“

Erstes Frauenhaus in Berlin

Die Geschichte des Frauenhauses

Das erste autonome Frauenhaus entstand 1976 als radikale Antwort feministischer Gruppen auf die systematische Gewalt gegen Frauen. Vom Roten Kreuz wurden den Aktivistinnen eine alte Villa in Grunewald vermittelt. „Wir haben ganz bewusst darauf geachtet, nicht in irgendeinem Hinterzimmer zu verschwinden“, berichtet Barbara, die – sozialisiert und politisiert im Klima der 68er-Bewegung – das Frauenhaus mitinitiiert und viele Jahre dort gearbeitet hat. „Partnerschaftsgewalt ist kein privates Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches – ‚das Private ist politisch‘. Wir wollten, dass der Staat Verantwortung übernimmt.“

Die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus verfolgten den Ansatz „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Bewohnerinnen sollten dazu in die Lage versetzt werden, wieder selbst aktiv zu werden und über ihr Leben zu bestimmen. Das Frauenhaus folgte dem Prinzip der Selbstverwaltung, die Bewohnerinnen erledigten alle anfallenden Aufgaben selbst, vom Einkaufen und Kochen bis hin zu nächtlichen Telefonbereitschaftsdiensten für neue Schutzsuchende. Phasenweise lebten ca. 100 Frauen und Kinder auf engstem Raum zusammen. „Das schweißt zusammen. Wir sind aus der Not heraus eine Gruppe geworden“, berichtet Anneliese, ehemalige Bewohnerin des Frauenhauses und Mitinitiatorin des digitalen Archivs. „Die geteilte Gewalterfahrung verbindet – auch nach der Zeit im Frauenhaus. Wir halten seitdem zusammen und unterstützen uns gegenseitig, egal was kommt.“

Foto von den Frauen

Gegenseitiges Empowerment

Die Frauen und ihre Kinder sind durch die Zeit im Frauenhaus zu einer großen Familie geworden, seit 30 Jahren begleiten und empowern sie sich gegenseitig, fahren zusammen in den Urlaub, und verarbeiten gemeinsam ihre Erfahrungen. Aus diesem Gemeinschaftsgefühl heraus ist auch die zum digitalen Archiv entstanden – der Wunsch, etwas Bleibendes zu schaffen und den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen. „Man redet immer nur über uns und nie mit uns“, beklagt eine weitere ehemalige Bewohnerin. 2022 wurde an der alten Villa in Grunewald eine Gedenktafel angebracht, zur feierlichen Enthüllung wurden Politiker*innen, Aktivist*innen und ehemalige Mitarbeiter*innen eingeladen, aber keine der ehemaligen Bewohnerinnen. Im digitalen Archiv kommen nun die Frauen selbst zu Wort. „Mit dem Projekt wollen wir auch anderen Frauen Mut machen, an die Öffentlichkeit zu gehen und ihre Stimme zu erheben“, sagt Anneliese. „Geschichten können Macht und Einfluss entwickeln, wenn sie gehört und gelesen werden“, bekräftigt Zahra Nasrollahi, die verantwortliche Webdesignerin des digitalen Archivs.

Die Koordinatorinnen.

Anneliese, ehemalige Bewohnerin des Frauenhauses und Mitinitiatorin des digitalen Archivs, mit den Mitarbeiterinnen von StoP, Carla Miranda Contreras und Angelika Greis (v.l.n.r.).

Mut, Stärke, Solidarität

Über vier Monate hinweg haben die ehemaligen Bewohnerinnen des Frauenhauses sich mit der Projektkoordinatorin Angelika Greis von StoP getroffen und an dem digitalen Archiv gearbeitet. Die Treffen fanden immer im Warmen und bei gemeinsamen Essen statt. „Wir wollten einen Raum schaffen, in dem sich alle wohlfühlen zu sprechen“, erklärt Angelika Greis „Die Wiedersehen waren oft emotional. Ich war sehr beeindruckt von der Kreativität, der Fürsorge und Leichtigkeit im Miteinander der Frauen – und von ihrer Stärke. Der Diskurs rund um Partnerschaftsgewalt führt oft dazu, dass wir Frauen als schwache, machtlose Opfer sehen, dabei haben Frauen so viel Kraft. Das möchten wir mit dem Projekt zeigen. Wir wollen die Frauen ehren, ihren schwierigen Weg aus der Gewaltbeziehung würdigen und ihren Mut, ihre Stärke und ihre Solidarität hervorheben,“ erläutert die Projektkoordinatorin.

Gleichzeitig halte das digitale Archiv auch der Gesellschaft den Spiegel vor. Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von Partnerschaftsgewalt betroffen. „Bekämpfung von und Befreiung aus Partnerschaftsgewalt ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, betont Carla Miranda Contreras, Projektleitung von StoP. Deswegen sei für StoP auch die Vernetzung zwischen den ehemaligen Bewohnerinnen des Frauenhauses und den Nachbarschaftsaktivistinnen wichtig. „Die betroffene Frau kann in dem Moment oft selbst nicht handeln. Sie ist angewiesen auf Unterstützung und Solidarität aus der Nachbarschaft. Deswegen ist es so wichtig, nicht wegzuschauen!“

StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt ist eine bundesweite Initiative, die Zivilcourage und nachbarschaftliche Solidarität gegen Partnergewalt unterstützt. Die Stadtteilgruppe Kreuzberg organisiert regelmäßig Veranstaltungen und Austauschformate, unterstützt Menschen dabei sich Hilfe zu holen und durch Zivilcourage und Solidarität anderen Hilfe zu geben, klärt über Partnerschaftsgewalt auf und holt das Thema auf erfinderische Weise in die Stadtteilöffentlichkeit – zuletzt mit der Kampagne „Sie ist unsere Nachbarin“ und jetzt mit dem digitalen Archiv über die ehemaligen Bewohnerinnen des autonomen Frauenhauses.

Kontakt
StoP Kreuzberg
Stadtteile ohne Partnergewalt
Jahnstraße 4
10967 Berlin
stop-partnergewalt@nhu-ev.org
www.leben-nach-dem-frauenhaus.de