Zukunftspreis für den Mädchenfußball in Kreuzberg

die jungen Trainerinnen

Nilah, Lila, Kadira, Ella, Sofia und Lykka

Der Kreuzberger Sportverein FSV Hansa 07 wurde Ende Februar mit dem Zukunftspreis des Berliner Sports ausgezeichnet. Den Preis erhält der Fußballverein für sein Engagement im Bereich Mädchen- und Frauenfußball. Das Vereinsgelände liegt am Schulgelände des Oberstufenzentrums (OSZ) Handel im Bereich zwischen Wrangelstraße, Köpenicker Straße und Skalitzer Straße.

Johanna Suwelack ist eine von drei ehrenamtlichen Jugendleiterinnen bei Hansa 07 und steht der Mädchenabteilung des Vereins vor. Sie ist seit 15 Jahren als Trainerin beim Verein und hat vor einigen Jahren das erste Mädchenteam gegründet. Nach und nach wurde der Bereich ausgebaut. „Die Mädchenabteilung ist kontinuierlich gewachsen. Erst etwas zögerlich – und dann hat’s geboomt.“
Eine der Herausforderungen für den Bereich sei es, Trainer*innen zu finden. „Für die Mädchenteams ist es uns ein großes Anliegen, dass sie von FLINTA*-Personen trainiert werden. Denn die Mädchen brauchen im Fußball weibliche Vorbilder.“ Diese fehlten bislang extrem. Immer wenn die neue Saison vorbereitetet werde, gebe es neue Löcher zu stopfen. „Es ist eine extreme Anstrengung für uns, Trainer*innen für alle Teams zu finden. Es gibt da einfach keinen Markt.“ Nach und nach fangen Jugendspielerinnen als Co-Trainerinnen im Verein an. „So wachsen neue Trainerinnen heran. Das haben wir aus der Not heraus immer weiter verstärkt.“

Die Sportvereine in Kreuzberg erfreuen in den letzten Jahren großer Beliebtheit. Mehr und mehr Kinder melden sich in den Vereinen an. Das gilt auch für den FSV Hansa 07. Immer mehr Mädchen möchten Fußball spielen. Das schlägt sich auch in den Anfragen des Vereins nieder. Pro Saison melden sich etwa 100 Eltern, die ihre Töchter anmelden möchten. Für den Verein wirft dieses große Interesse die Frage auf: Was machen wir mit all diesen Anfragen?

Suwelack_Janke_Wagner

Jugendliche Trainerinnen

„Sobald man von gemischten Teams weggeht und eigene Mädchengruppen aufmacht, steigt die Nachfrage deutlich.“ Nur bei den Kleinsten, ab vier Jahren, setzt der Verein noch auf eine gemischte Ballgruppe. Generell seien gemischte Teams schwieriger, da die Jungen in diesen dann in der Regel in der Überzahl sind. „Die Jungen haben meist einen stärkeren Zugang zum Fußball – vermutlich, weil Väter klassischerweise mit ihren Söhnen im Park bolzen, aber nicht mit ihren Töchtern. So sind die Jungs den Mädchen mit ihren Fähigkeiten voraus, was bei den Mädchen das Bild im Kopf verstärkt, dass Jungs besser Fußball spielen können. Wenn die Mädchen so abgeschreckt werden, ist das wirklich schade.“

Also kamen Johanne Suwelack und ihre Kolleg*innen auf die Idee, die Mädchen aus der B- und C-Jugend zu fragen, wer Lust habe, Trainerin zu werden. Die Resonanz der Jugendlichen sei enorm gewesen. Viele dieser Mädchen spielen selbst seit vielen Jahren bei uns Fußball. Sie seien hier aufgewachsen. Der Platz sei für sie der Ort, an dem sie ihre Freundinnen treffen. „Unheimlich viele der Mädchen hatten Lust, die Kinderteams zu trainieren. Also dachten wir uns, dann versuchen wir das so.“ Hierfür entwickelte der Verein den Bereich Qualifizierung weiter. „Wir haben ganz genau geschaut, welche Unterstützung die jugendlichen Trainerinnen brauchen und wie wir sie auf ihre neue Rolle vorbereiten können. Wichtig ist ja, dass sie Spaß bei der Sache haben. Sie machen das ja neben Schule und ihrem eigenen Sport.“ Wichtig sei, die jungen Trainerinnen nicht zu überfordern. „Nur, wenn sie es gern machen, bleiben sie am Ball. Wenn es ihnen zu viel wird, wären sie schnell weg.“ Hier die entsprechende Unterstützung zu leisten, sei eine wichtige Aufgabe für den Verein. Um die neuen Trainerinnen zu entlasten, nehme Hansa daher die Eltern der Kinder in den Teams in die Pflicht. Für alle Kinderteams wurden Elternabende organisiert, um zu klären, wo die Mütter und Väter die Trainerinnen organisatorisch unterstützten könnten. Es gebe viele administrative Aufgaben rund um das Training und die Spiele, für deren Erledigung man keine Trainerin sein müsse. Beispielsweise kümmerten sich die Eltern um die Beantragung von Spielerpässen, begleiteten die Trainings oder helfen beim Auf- und Abbau der Kleinfelder. Auch Bundesfreiwilligendienstler*innen unterstützen die Trainerinnen. „Das klappt sehr gut. Die Eltern sind sehr engagiert. So können sich die Trainerinnen auf den Sport konzentrieren.“

Sportplatz

Symbolfoto

Regelmäßige Workshops

Zu Beginn der Sommersaison bot der Verein zahlreiche Workshops an, vom allgemeinen Überbau „Ich bin neu bei Hansa“, bei dem erfahrene Trainer*innen ihr Wissen an Neue weitergaben bis hin zu „Wie organisiere ich ein Turnier“. Einmal im Monat organisiert der Vereinsmanager, der einzige Hauptamtliche im Team, eine Fortbildung für die Trainer*innen des Vereins. Hierzu kommen auch externe Referent*innen, etwa von Union oder dem Berliner Fußballverband. Dieser unterstützt und begleitet Hansa 07 auch mit seinem Programm „Female Coaches“ vielfältig. „Viele unserer Trainerinnen haben sich dazu angemeldet. Sie wenden wirklich viel Zeit für ihr Ehrenamt hier auf.“

Viele der jungen Trainerinnen nehmen an diesem Freitagabend, kurz nach der Preisverleihung im Roten Rathaus, in den Kellerräumen der Schule, die der Verein nutzt, an einer Fortbildung teil, bevor sie zum Training auf den Platz kommen. Nilah, Lila, Kadira, Ella, Sofia und Lykka freuen sich sehr über die Auszeichnung. Fast alle wohnen selbst in Kreuzberg.

Lykka spielt seit acht Jahren Fußball bei Hansa 07 und trainiert bereits seit sechs Jahren eigene Team. Sie möchte ihre Leidenschaft für den Fußball und den Spaß daran an die Jüngeren weitergeben. Auch für Nilah, die zum Training immer aus Plänterwald nach Kreuzberg fährt, ist es eine große Motivation, den Spaß am Fußball an jüngere Mädchen weiterzugehen. Seit sieben Monaten ist sie selbst Trainerin. Vor nur anderthalb Jahren hat sie selbst mit dem Sport angefangen. „Stell dir vor, du hättest schon früher mit Fußball angefangen, Nilah. Dann wärst du jetzt wahrscheinlich in der Nationalmannschaft“, sagen die anderen.
Ella ist seit zwei Jahren als Trainerin dabei und kann auf zehn Jahre Fußballerfahrung zurückblicken. Sie findet es selbst immer cooler, von Frauen trainiert zu werden und wollte, dass andere Mädchen und junge Frauen auch erleben können, wie es ist, eine Trainerin zu haben. Kadira spielt seit neun Jahren Fußball und ist schon die dritte Saison als Trainerin dabei. „Ältere Trainer*innen verstehen einen nicht so gut wie jüngere – selbst wenn es FLINTA sind.“ Sofia, die seit neun Jahren Fußball spielt, findet, dass man einen Vorteil habe, wenn man gleichzeitig spiele und trainiere. „Wir wissen ganz gut, wie Kinder ticken und wie man sie motivieren kann.“

Fußballplatz

Viele Kreuzberger Kinder trainieren hier

Bei den Frauen- und Mädchenteams sind inzwischen unter den 30 Trainer*innen nur zwei Männer. 23 der Trainerinnen sind zwischen 14 und 19. „Das ist hier einfach ein Frauenumfeld“, erklärt Katharina Janke-Wagner vom Vereinsvorstand.

Die meisten der Kinder, die beim FSV Hansa 07 trainieren, leben in den umliegenden Kreuzberger Kiezen, Alt-Treptow oder Friedrichshain. Gerade die Mädchen nehmen teilweise weitere Anfahrtswege aus anderen Bezirken in Kauf. „Das liegt daran, dass es immer noch deutlich weniger Mädchenfußballangebote gibt“, erklärt Katharina Janke-Wagner. Der Schwerpunkt auf den Mädchenfußball führe dazu, dass immer mehr Mädchen kämen. „Wo Mädchen sind, kommen immer mehr Mädchen hin.“ So würden diejenigen, die hier im Verein spielen, weitere Freundinnen mitbringen. Aktuell stehen 500 Kinder auf der Warteliste von Hansa 07. Mädchen werden so lange bevorzugt aufgenommen, bis eine Quote von 50/50 erreicht ist.
Damit alle Kinder die Möglichkeit haben, im Verein zu trainieren und es nicht an finanziellen Mitteln scheitert, gibt es viele Unterstützungsangebote – von einer Schuhbörse zum Tausch von Fußballschuhen, aus denen die Kinder immer schnell herauswachsen, bis hin zu einem Soli-Fonds, aus dem Fahrten und Anschaffungen bezahlt werden können, wenn das Geld hierfür in einer Familie nicht reicht. Auch für das Herbstcamp seien explizit Kinder angesprochen worden, deren Familien Anspruch auf Leistungen für Bildung und Teilhabe (BuT) haben, um ihnen bevorzugt Plätze anzubieten.

fußballspielende Kinder

Nutzung des Preisgeldes

Generell zeige sich die Gentrifizierung der Kreuzberger Kieze auch an Mitgliedern des Vereins. Johanna Suwelack und Katharina Janke-Wagner würden sich mehr Durchmischung im Verein wünschen. Hierfür geht Hansa 07 auch in die vier umliegenden Grundschulen und bietet dort im Rahmen der Ganztagsbetreuung Fußball-AGs an, in der Fichtelgebirge-Grundschule im Wrangelkiez richtet sich die Arbeitsgemeinschaft explizit an Mädchen.

Katharina Janke-Wagner: „Wir wären mit dem Verein gern mehr ein Ort, an dem man sich trifft, auch spontan und außerhalb der eigenen Trainingszeiten.“ Früher gab es zwischen dem Sportplatz und dem restlichen Schulgelände des OSZ Handel keinen Zaun, sodass das Gelände auch vom Verein besser genutzt werden konnte. „Da gab es mehr Begegnungsmöglichkeiten von Familien aus unterschiedlichen Lebenswelten.“ Durch den Zaun gibt es nun bei Trainings und Spielen wenig Platz für begleitende Eltern, Geschwister oder Freund*innen. Das sei schade, da der Verein für alle offen sein wolle. „Wir brauchen ein gutes Raumangebot.“ Hierzu sei man in regelmäßigen Gesprächen mit dem Oberstufenzentrum. Auch der Wunsch nach einem Vereinsheim ist da. „Es wäre schön, wenn wir durch eine bessere räumliche Ausstattung auch mehr soziale Angebote machen könnten“, erläutert Johanna Suwelack.

Generell gebe es mit der Anlage einige Herausforderungen. Der Kunstrasen sei nicht in bestem Zustand. Es gibt keine Duschen und die Umkleidecontainer sind teilweise nicht angeschlossen. Auch Teile der Flutlichtanlage funktionieren aktuell nicht. „Wir machen hier ein sehr gutes Angebot unter prekären Bedingungen“, fasst Katharina Janke-Wagner die Situation zusammen. „Teilweise beschweren sich die Gastmannschaften über die Zustände hier“, ergänzt Johanna Suwelack.

Wie sie die 7.000 Euro Preisgeld nutzen wollen, wird der Verein mit den Jung-Trainerinnen besprechen. Trainerin Lykka hat schon eine Idee: „Wir wollen einen Mädchenraum einrichten. Die Mädchen möchten auch gern außerhalb der Trainingszeiten hier sein, ohne draußen rumsitzen zu müssen.“ Es solle ein Safe Space für Mädchen werden und gleichzeitig die Sportanlage mehr in Richtung Kiez öffnen. „So einen Raum hätte ich als Kind und Jugendliche selbst sehr gern gehabt.“