Wenn das Zuhause auf der Kippe steht - Ein Besuch bei der Fachstelle Soziale Wohnhilfe

Jeannette Raschke leitet die Fachstelle Soziale Wohnhilfe im im Sozialamt

Jeannette Raschke leitet die Fachstelle Soziale Wohnhilfe im im Sozialamt

Eine Kündigung, Mietrückstände, der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine persönliche Krise – es gibt viele Gründe, warum Menschen plötzlich um ihr Zuhause fürchten. Wenn Wohnraumverlust droht oder bereits eingetreten ist, sind schnelle Orientierung und konkrete Hilfe gefragt. In Friedrichshain-Kreuzberg ist dafür die Fachstelle Soziale Wohnhilfe zuständig, ein Bereich des Amtes für Soziales.

Im Altbau des Bezirksamts an der Yorckstraße arbeiten rund vierzig Mitarbeitende daran, Wohnraumverlust zu verhindern, Menschen unterzubringen, Sozialleistungen zu sichern und individuelle Lösungen zu entwickeln. Seit 2020 wird der Bereich von Jeannette Raschke geleitet. Sie ist Sozialarbeiterin mit langjähriger Erfahrung, einem klaren Blick für das Machbare und einem hohen Verantwortungsbewusstsein für ihr Team und die Menschen, denen geholfen wird.

Dreimal in der Woche ist Sprechzeit. Dann suchen bis zu sechzig Personen Hilfe. Die Gründe dafür sind vielfältig. Mietrückstände, Kündigungen, drohende Räumungen oder der Verlust einer Unterkunft. Auch persönliche Krisen oder gesundheitliche Belastungen spielen oft eine Rolle. Die Fachstelle berät dort, wo Unsicherheit besteht oder andere Hilfen nicht mehr greifen.

„Wer zu uns kommt, bringt nicht nur ein Anliegen mit, sondern oft eine lange Geschichte von Belastungen, Unsicherheiten und Brüchen“, weiß Jeannette Raschke. „Da reicht keine schnelle Lösung. Es geht darum, einen Zugang zu finden, der dem Leben dahinter gerecht wird.“

Im direkten Beratungskontakt arbeiten derzeit neunzehn Sozialarbeiter*innen. „Das hört sich zunächst viel an“, sagt die Fachstellenleiterin, „aber natürlich sind nicht immer alle gleichzeitig verfügbar. Urlaub, Fortbildungen oder Vertretungen gehören auch zum Alltag.“ Dass das Team dennoch so vielen Menschen zur Seite steht, sei „nur durch Erfahrung, gute Strukturen und gegenseitige Unterstützung möglich“.

Ziel: Wohnraumverlust möglichst verhindern

Um den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden, ist die Fachstelle in mehrere Bereiche gegliedert. Der Sozialdienst übernimmt Beratung und Krisenbegleitung, etwa bei Mietschulden, drohender Räumung oder bei Fragen zur Wohnraumsicherung. Der Verwaltungsdienst organisiert die Unterbringung. Er akquiriert Wohnheimplätze, bearbeitet Beschwerden und arbeitet eng mit Trägern, Kliniken und Unterbringungsanbietern zusammen. Das Team Leistung kümmert sich um Fragen der Grundsicherung, der Mietübernahme und der Abrechnung während der Unterbringung. Ein eigenes Team unterstützt geflüchtete Menschen aus der Ukraine.

Ein wichtiger Teil der Arbeit ist die Prävention. Ziel ist es, Wohnraumverlust möglichst zu verhindern, bevor er entsteht. Die Fachstelle berät deshalb nicht nur im akuten Fall, sondern oft schon frühzeitig, etwa wenn eine Kündigung droht oder Mietschulden auftreten. Auch Gespräche mit Vermietenden, soziale Beratung und Hausbesuche gehören dazu. „Gute Prävention braucht Aufmerksamkeit und Zeit, aber sie wirkt, wenn man rechtzeitig ins Gespräch kommt“, sagt Jeannette Raschke.

Auch im öffentlichen Raum ist die Fachstelle präsent, in enger Zusammenarbeit mit der Straßensozialarbeit. Manche Menschen leben seit Jahren ohne festen Wohnsitz und haben kaum noch Vertrauen in Hilfsangebote. Andere meiden Unterkünfte, weil sie ihre Hunde nicht mitnehmen dürfen oder der Konsum von Alkohol oder Drogen dort nicht erlaubt ist. Wieder andere sind gesundheitlich oder psychisch stark belastet. Es braucht Zeit, Verlässlichkeit und immer wieder neue Anläufe, um den Zugang zu stabilisierenden Hilfen zu ermöglichen. Hilfen werden angeboten, auch wenn sie nicht sofort angenommen werden.

Die Zusammenarbeit innerhalb des Amtes für Soziales ist eng. Die Fachstelle steht im regelmäßigen Austausch mit anderen Bereichen wie der Eingliederungshilfe, der Pflege, der Grundsicherung und weiteren sozialen Diensten. Darüber hinaus gibt es viele Schnittstellen zu anderen Abteilungen im Bezirksamt sowie zu Trägern, Beratungsstellen, medizinischen Diensten und Wohnungsunternehmen.
„Wir greifen hier ineinander. Niemand arbeitet isoliert. Nur gemeinsam können wir wirksam helfen“, sagt Raschke. In besonderen Lagen wie bei Evakuierungen oder Bränden unterstützt die Fachstelle das Amt für Soziales bei der kurzfristigen Organisation von Unterbringung.

Immer mehr Frauen und Alleinerziehende betroffen

Neben der kurzfristigen Hilfe steht auch die langfristige Perspektive im Fokus. Die Vermittlung in eigenen Wohnraum ist jedoch schwierig. Der Wohnungsmarkt ist angespannt. Viele Menschen leben über Monate in Übergangsheimen, bis ein passendes Angebot gefunden ist. Die Fachstelle begleitet sie in dieser Zeit, unterstützt bei der Antragstellung für das geschützte Marktsegment oder vermittelt in betreute Wohnformen. Auch Menschen in Haft oder kurz vor der Entlassung werden beraten und begleitet.

Auffällig ist, dass sich die Zielgruppen verändert haben. Früher suchten vor allem alleinstehende Männer Hilfe. Heute betreut die Fachstelle zunehmend auch Frauen, Alleinerziehende und Familien. Die Zahl der Ratsuchenden steigt seit Jahren. 2021 meldeten sich 667 Menschen neu bei der Fachstelle. 2022 waren es bereits 1610.

„Wir sehen eine große Vielfalt an Lebenslagen. Wir passen unsere Arbeit immer wieder an. Es gibt nicht die eine Lösung“, so Jeannette Raschke. Die Fachstelle entwickelt sich kontinuierlich weiter. Ob in der Zusammenarbeit mit freien Trägern, bei der Abstimmung mit anderen Bezirken oder in der Suche nach neuen Konzepten, das Team bringt seine Erfahrungen ein, sucht Lösungen und beteiligt sich an Veränderungen auf Landesebene.

Wir bieten: Erfahrung, Geduld und ein großes Netzwerk

Aktuell betreut jede Fachkraft rund 130 Fälle pro Monat. Ziel ist es, diese Zahl perspektivisch zu senken, damit mehr Zeit für persönliche Begleitung bleibt. Supervisionen, Fortbildungen und regelmäßige Teamrunden gehören zum Alltag. „Die Anforderungen in unserem Bereich sind hoch“, sagt die Fachstellenleiterin. „Aber wir tragen sie gemeinsam. Was hier geleistet wird, ist nur möglich, weil wir ein verlässliches Team sind.“

Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit liegt darin, Strukturen zu stärken und Entwicklung zu ermöglichen. „Ich sehe es als meine Verantwortung, die Bedingungen für gute soziale Arbeit zu sichern. Dazu gehört auch, klar zu benennen, was funktioniert und was nicht.“ Wohnungslosigkeit ist eine Realität, die viele Ursachen hat und oft leise beginnt. Die Fachstelle Soziale Wohnhilfe begegnet ihr mit Erfahrung, Geduld und einem Netzwerk, das weit über das Amt hinausreicht. Entscheidend ist, dass die Menschen nicht allein gelassen werden, sondern gemeinsam mit vielen Akteur*innen im Sozialraum neue Wege möglich werden. „Wir stehen täglich vor komplexen Lagen, für die es selten einfache Antworten gibt“, erklärt Jeannette Raschke. „Mein Wunsch ist es, dass wir die Rahmenbedingungen weiter verbessern können, um dieser Arbeit gerecht zu werden. Für die Menschen, die kommen, und für die, die sie begleiten.“