Vorstellung des Fortbildungsprojekts für Beschäftigte in Jugendeinrichtungen

Niklas Vögeding

Der Gaza-Streifen ist zwar rund 3.000 Kilometer Luftlinie von Friedrichshain-Kreuzberg entfernt, doch was dort passiert, hat dennoch einen Einfluss auf das Miteinander in unserem Bezirk. Besonders in der Arbeit mit Jugendlichen spielen der so genannten Nahostkonflikt und der Umgang mit aktuellen Ereignissen im Nahen Osten eine wichtige Rolle. Die Diskussionen hierzu werden auch unter Jugendlichen teilweise sehr emotional geführt.

Die Rückmeldung von Fachkräften, die hierzu mit Jugendlichen zusammenarbeiten, war im vergangenen Jahr: Es ist total schwer, über das Thema zu reden. Es sei ein vermintes Feld – nicht zuletzt, weil Emotionen bei dieser Thematik eine so große Rolle spielten. Dabei sind auch viele Fachkräfte selbst in der aktuellen Situation stark verunsichert und befangen. Sie stellten sich die folgenden Fragen: Wie ist meine Haltung? Welche Meinung habe ich privat und welchen Einfluss hat sie auf meine professionelle Haltung? Wie kann ich Ambivalenzen zulassen? Besonders herausfordernd sei für die Mitarbeiter*innen die Beantwortung der Frage, wann sie in den Dialog unter Jugendlichen zu diesem Thema eingreifen und pädagogisch intervenieren müssen und wie das gegebenenfalls am besten funktionieren können.

Während für Lehrer*innen relativ schnell entsprechende Workshops und Fortbildungen angeboten wurden, gab es für Mitarbeiter*innen der Jugendarbeit keine entsprechenden Seminare, die auf die Förderung von Dialogfähigkeit abzielen, stellte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg fest. Die Präventionskoordination der Sozialraumorientierten Planungskoordination (SPK) tat sich daher mit der Jugendförderung zusammen, um ein entsprechendes Angebot auf die Beine zu stellen. Finanziert wird es aus Mitteln der kiezorientierten Gewaltprävention der Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Das Bezirksamt schrieb eine entsprechende Leistung aus und suchte einen Träger für die Umsetzung. Mit Cultures Interactive e.V. konnte ein versierter Projektträger für die Zusammenarbeit gefunden werden. Der Verein mit Sitz in Neukölln arbeitet seit 20 Jahren mit Jugendlichen. Der Schwerpunkt liegt auf der Prävention von Rechtsextremismus, gruppenbezogener Feindlichkeit und Gewalt sowie auf Dialogförderung.

Da die Gelder erst Mitte des Jahres bewilligt werden konnten, hatte das Team für die Entwicklung und Durchführung des Projekts nicht viel Zeit. Die Konzeption der Fortbildung war komplex. Für das Gelingen der Fortbildung war dies entscheidend. „Wir mussten uns im Vorfeld erstmal viel miteinander zu diesem Themenfeld verständigen,“ erklärt Projektkoordinator Niklas Vögeding. Der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker arbeitet seit 2018 beim Verein. Projekte, in denen er in der Vergangenheit mitarbeitete, hatten einen Fokus auf Rechtsextremismus und Verschwörungserzählungen. Hierzu war der Projektkoordinator, der auch eine Mediationsausbildung abgeschlossen hat, regelmäßig in Schulen unterwegs.

In die Vorbereitung sei viel Arbeit und Mühe geflossen. Schon beim Formulieren des Teaser-Textes für die Fortbildung habe der Verein genau auf Wortwahl geachtet, damit kein Eindruck von unzulässiger Einseitigkeit entstand. „Wir wollten ja alle abholen und niemanden verschrecken.“

Pinnwand mit Moderationskarten

Umgang mit Emotionen und der eigenen Haltung

Beim Fortbildungsangebot „(Nahost)Konflikt im Jugendclub?! Fortbildung zum Umgang mit menschenverachtenden Haltungen und Konfliktsituationen infolge der Ereignisse in Israel/Gaza“ ging es zunächst darum, eine sehr klar definierte Zielgruppe anzusprechen und intensiv mit dieser Zielgruppe zu arbeiten. Die gezielte Ansprache der Mitarbeiter*innen aus Friedrichshain-Kreuzberger Jugendeinrichtungen lief über das Jugendamt. Es sei herausfordernd gewesen, die Fachkräfte zu erreichen, da es beim Thema Nahostkonflikt allgemeine Unsicherheiten und Skepsis gebe. Weitere Schwierigkeiten waren die Kurzfristigkeit des Angebots und die generelle Überlastung der Fachkräfte in der Jugendarbeit. Trotz generellem Interesse am Thema und dem Angebot war es für einige Mitarbeiter*innen aus Kapazitäts- und Überlastungsgründen nicht möglich, sich die Zeit für eine Fortbildung zu nehmen.

„Wir haben uns den Diskurs rund um den Nahostkonflikt angeschaut und festgestellt, dass da einiges schiefläuft.“ Einige der gängigen Formate der politischen Bildung führten in der aktuellen Lage nicht zu einer Versachlichung der Diskussion. Ein wichtiger Aspekt der Fortbildung war dementsprechend der Umgang mit Emotionen. „Es ging darum, wie man Emotionen regulieren kann – bei sich selbst und bei den Jugendlichen.“ Wichtig für die Konzeption der Fortbildung sei daher gewesen, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Fachkräfte sicher fühlten, ihre eigene Haltung zu äußern. Das sei ihnen gelungen. „Die Leute haben sich bei uns sicher und gut aufgehoben gefühlt. Es war eine Atmosphäre, in der sich alle getraut haben, die relevanten Punkte und Meinungen anzusprechen.“ Alle Fachkräfte seien sehr offen für den Austausch unterschiedlicher Standpunkte gewesen.

Follow-up-Termine und dezidierte Fallberatung

Dazu wurden verschiedene Perspektiven auf den Nahost-Konflikt beleuchtet und geschaut, wo die Spannungsfelder liegen. „Wir haben geschaut, welche Debatten es gibt und wie adäquat auf diese reagiert werden kann.“ Außerdem wurden unterschiedliche Erscheinungsformen von Antisemitismus und Rassismus beleuchtet. „Hierfür wollten wir ein Bewusstsein schaffen, damit diese Formen auch erkannt werden.“
Nach dieser Grundlagenarbeit ging es in der Fortbildung und die pädagogische Praxis.

Die entscheidende Fragestellung war: Wie kann ich mit gewissen Aussagen zum Nahostkonflikt in meiner Jugendeinrichtung umgehen und reagieren? Hierfür wählten Niklas Vögeding und seine Kollegin Marie Jäger unter anderem den Ansatz der narrativen Gesprächsführung, der von cultures interactive auch in anderen Themenfelder bereits erfolgreich erprobt wurde. „Die Idee ist, dass das Gegenüber seine eigene Geschichte und Vorerfahrungen erzählt und dadurch klarer wird, woher gewisse Haltungen kommen.“ Durch die Schilderung von persönlich Erlebten werden so Selbstreflexionsimpulse gesetzt. Dabei gehe es darum, mehr am Selbstbild zu arbeiten und eigene Haltungen zu hinterfragen. Wichtig sei es, bei dieser Gesprächsführung offen und ohne Vorannahmen an die Sache heranzugehen. Es ging auch darum, wie Fachkräfte Gespräche mit den Jugendlichen zum Thema suchen und führen können. Welche Rolle spielen Rassismus und Antisemitismus im Diskurs? Welchen Einfluss haben bestimmte Rollenbilder? Wie können Fachkräfte selbst Haltung beziehen, um potenziell Betroffene zu schützen, ohne dabei andere zu verschrecken.

Einige Wochen später gab es das Angebot digitaler Follow-up-Termine mit Reflexion und Auffrischung, bei denen die Teilnehmer*innen gemeinsam besprechen, was es ihnen seit der Fortbildung ergangen ist. Ergänzend gab es für sie durch Niklas Vögeding und seine Kollegin Marie Jäger eine dezidierte Fallberatung. Dieses proaktive Beratungsangebot sei eine wichtige Ergänzung. „Wenn den Fachkräften im Nachgang zur Fortbildung im Berufsalltag konkrete Fälle begegnen, zu denen sie sich besprechen möchten, können sie sich jederzeit bei uns melden.“
Insgesamt haben Niklas Vögeding und sein Team im Vorjahr vier Fortbildungen für insgesamt 35 Fachkräfte aus beiden Ortsteilen des Bezirks durchgeführt. Aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen für die Fachkräfte ist das Team sehr flexibel auf deren Bedürfnisse eingegangen. „Wir haben versucht, alles möglich zu machen.“ Teilweise haben sich komplette Teams aus einzelnen Einrichtungen für die Fortbildung angemeldet.

Eine Fortführung des Angebots in 2025 ist – vorbehaltlich der Finanzierung – geplant.