Vorbild Paris: Lektionen für Friedrichshain-Kreuzberg

Gartenstraße rue jardin

Die erste Gartenstraße von Paris im 13. Arrondissement.

Es ist ruhig auf den Straßen von Paris, als die Delegation aus Friedrichshain-Kreuzberg mit den Leihrädern durch das Stadtzentrum fährt. Verkehrsberuhigte Wohnviertel, neue Fahrradstraßen und begrünte Plätze entstehen mit rasantem Tempo in der gesamten Stadt. Die ambitionierte Klimapolitik von Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat das Pariser Stadtbild grundlegend verändert. Wie gelingt das? Und was davon lässt sich auf Friedrichshain-Kreuzberg übertragen?

Auf der Suche nach Antworten hat sich eine Delegation aus Friedrichshain-Kreuzberg zweieinhalb Tage lang mit der Pariser Stadtverwaltung zu Projekten und Strategien ausgetauscht. Am Erfahrungsaustausch nahmen Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann und Mitarbeiter*innen der Organisationseinheit Klima und Internationales teil. Die Delegationsreise fand im Rahmen vom „City-to-City Exchange“ statt, der über die European Urban Initiative gefördert wird.

Die Pariser Stadtverwaltung geht systematisch und pragmatisch vor, um die ökologische Wende voranzutreiben. Positive Veränderung im öffentlichen Raum soll stufenweise in jedem Stadtbezirk ankommen, besonders bedürftige Kieze werden priorisiert. In die Planung werden Bürger*innen von Anfang an eingebunden. Bei der Umsetzung wird groß gedacht und Ansätze kombiniert, zum Beispiel verkehrsberuhigende Baumaßnahmen mit Entsiegelung und Begrünung verbunden.

Im Rahmen der Besuchsreise lernte die Delegation aus Friedrichshain-Kreuzberg zahlreiche Projekte kennen.

Clara Herrmann und Thomas Chevandier

Clara Herrmann und der stellvertretenden Pariser Bürgermeister Thomas Chevandier

Der Pariser Fahrradplan "Mission Vélo"

Mit dem Fahrradplan („Mission Vélo“) der Stadt Paris werden für den Zeitraum von 2021 bis 2026 insgesamt 250 Millionen Euro für eine fahrradfreundliche Stadt eingesetzt, darunter 180 Kilometer zusätzliche Radwege und 130.000 neue Fahrradparkplätze. Der Fahrradplan ist fester Bestandteil der Pariser Mobilitätswende, indem er das Radfahren in der französischen Metropole sicherer und den Verzicht aufs Auto im Alltag immer attraktiver macht.

Neben privaten Fahrrädern steht den Menschen in der Pariser Metropolregion, die aus der Hauptstadt und ihren Vororten (banlieus) besteht, auch ein großer Fuhrpark an städtischen Leihrädern zur Verfügung. Die Fahrräder (mit und ohne Elektroantrieb) können im gesamten Stadtgebiet und der Umgebung an festen Stationen ausgeliehen und abgestellt werden.

Nur rund ein Drittel der Haushalte in der französischen Hauptstadt mit etwa zwei Millionen Einwohner*innen hat ein Auto. Ein Anwohnerparkausweis kostet dort neun Euro in der Woche. Seit 2001 hat der Autoverkehr nach Aussagen der Stadtverwaltung um 50 Prozent abgenommen.

Bodenbemalung Schulzone

300 Schulzonen für die französische Hauptstadt

Schulzonen sind auch in Friedrichshain-Kreuzberg eine wichtige Maßnahme, um Sicherheit sowie Luft- und Lärmbelastung rund um Schulen zu verbessern. In Paris entstehen in der aktuellen Legislaturperiode insgesamt 300 Schulzonen. Pro Monat werden ein bis zwei neue Zonen umgesetzt.
Hierbei wird der Bereich vor Grund- und weiterführenden Schulen sowie Kitas nicht nur verkehrsberuhigt, sondern auch entsiegelt und bepflanzt.

Gemeinsam mit dem stellvertretenden Bürgermeister von Paris, Thomas Chevandier, und der Leiterin der Abteilung für die Unterstützung neuer Projekte in der Stadtverwaltung, Priscilla Bendetti, besuchte die Delegation eine Schulstraße vor einem Schulzentrum im 11. Arrondissement. Hier wurde der Straßenraum komplett neugestaltet.

Bei der Umsetzung der Schulzonen optimiert die Pariser Stadtverwaltung den Prozess und die Umsetzung immer weiter. Wenn sich einzelne Elemente im Alltag als ungeeignet erweisen, werden sie weiterentwickelt. So zeigte sich etwa, dass die Standard-Parkbänke für kleine Kinder vor Grundschulen und Kindertagesstätte nicht optimal sind. Daher werden inzwischen Sonderanfertigungen auf Kinderhöhe installiert.

Die Schulen werden bei der Planung von Anfang an mit eingebunden und können ihre Bedarfe einbringen. Vor dem College Paul Verlaine wünschte sich die Schulgemeinschaft in ihrer Schulzone beispielsweise ein Schachbrettmuster zum Spielen.

Stadtplatz

Im 13. Arrondissement ist ein Stadtplatz entstanden.

Programm "Verschönern Sie Ihre Nachbarschaft" gestaltet Kieze neu

Mit dem Programm „Verschönern Sie Ihre Nachbarschaft“ („Embellir votre quartier“) können die Pariser*innen selbst entscheiden, wie ihr Viertel verändert wird, z.B. durch Begrünung, Radwege, Barrierefreiheit.

Dafür finden öffentliche Konsultationen statt, in die sich die Bewohner*innen der Stadtviertel einbringen können. Die beliebtesten Ideen werden anschließend von der Pariser Stadtverwaltung umgesetzt. Hierfür werden alle 20 Pariser Bezirke (arrondissements) in jeweils sechs Nachbarschaften/Kieze unterteilt, die nach und nach umgestaltet werden. Für jede Nachbarschaft stehen 5,5 Millionen Euro zur Umgestaltung zur Verfügung. Bei Vor-Ort-Veranstaltungen und in einer Onlinebeteiligung können die Bürger*innen ihre Ideen einbringen.

Die Delegation besuchte gemeinsam mit einer Mitarbeiterin der Verwaltung einen neuen Stadtplatz, direkt an einer Metro-Station im 12. Arrondissement. Wo bis vor Kurzem eine Straße entlang führte, ist ein Aufenthaltsort mit Stadtgrün, Bänken, Außengastronomie und Trinkwasserbrunnen für die Nachbarschaft entstanden.

Gartenstraße

Die erste Gartenstraße von Paris

Außerdem schaute sich die Delegation mit der zuständigen Projektleiterin der Pariser Stadtverwaltung die erste Gartenstraße der französischen Hauptstadt an. Die „rue jardin“ im 13. Arrondissement wurde im Sommer nach rund einem Jahr Beteiligung, Planung und Bau eröffnet. Bis voriges Jahr fuhren dort Autos.

Jetzt verbindet die Gartenstraße einen Park, der ein Gartenbaudenkmal ist, und eine große Sportanlage. Sie liegt im Umfeld einer Schule in einem dicht besiedelten Kiez. Der Bereich wurde entsiegelt und umfangreich bepflanzt. Zudem wurden verschiedene Bänke und Tische sowie Trinkwasserspender aufgestellt und der Bereich zum Sportgelände hin geöffnet. Weitere Gartenstraßen sind geplant. Mindestens eine pro Bezirk soll laut Plan entstehen.

Clara Herrmann und Eric Lejoindre

Clara Herrmann und Eric Lejoindre

Chapelle international: Ein modernes Stadtquartier auf ehemaligem Bahngelände

Ein ambitioniertes Stadtentwicklungsprojekt besuchte die Delegation im 18. Arrondissement gemeinsam mit dem dortigen Bezirksbürgermeister Eric Lejoindre und Vertreter*innen der Societé nationale des chemin de fer français (SNCF). Unweit der Metrostation „Porte de la Chapelle“ – zwischen den großen internationalen Bahnhöfen Gare du Nord und dem Gare de l’Est – ist auf ehemaligem Eisenbahngelände der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF ein neues Viertel entstanden: Chapelle international. Das Projekt wurde von der Eisenbahngesellschaft gemeinsam mit der Stadt Paris und dem 18. Bezirk umgesetzt.

Urban Farming

Auch die Eisenbahninfrastruktur wurde in Form eines Logistikzentrums mit Gleisanschluss in den Kiez integriert. Während in der Halle Güter verladen werden, wird auf dem Dach des Gebäudes von „Plantation Paris“ urbane Landwirtschaft auf 7.000 Quadratmetern betrieben. Auf der Fläche wachsen auf einem Gemüseacker unter anderem Auberginen, Kürbisse, Zucchini, Mangold und Tomaten. Im Gewächshaus daneben werden ganzjährig Kräuter und Sprossen gezogen. Die Ernte wird an kleine Betriebe in der Nähe ausgeliefert. Neben dem Gewächshaus findet sich ein Veranstaltungsort, für den auch Cafébetrieb geplant ist. Zudem finden sich auf dem Dach des Logistikzentrums direkt neben den Gleisanlagen Sportplätze für verschiedene Sportarten. In mehreren Hochhäusern sind rund 1.100 Wohnungen für unterschiedliche Zielgruppen entstanden – etwa sozialer Wohnungsbau, aber auch Wohnungen für Studierende und für Beschäftigte der SNCF. Zwischen den Wohngebäuden finden sich auch Spiel- und Sportanlagen sowie eine Schule und eine Kita.

Ein Gegenbesuch aus Paris wird im Rahmen des Austauschs innerhalb des nächsten halben Jahres erfolgen. Dann wird Friedrichshain-Kreuzberg Projekte des Klimaschutzes und der Klimaanpassung in unserem Bezirk vorstellen.