SDG 16 im Bezirk: Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen – „Vielfalt Stärken!“ in Kreuzberg

Valentina auf der Admiralbrücke, unweit des Dütti-Treffs.

Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) bilden den globalen Rahmen für nachhaltige Entwicklung. Das sechzehnte Nachhaltigkeitsziel steht für Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen. Dahinter steht der Anspruch, friedliche und inklusive Gesellschaften zu fördern, allen Menschen Zugang zu Gerechtigkeit zu ermöglichen und Institutionen transparenter, effektiver und inklusiver zu gestalten. Auch im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gibt es Initiativen, die diese Prinzipien ganz praktisch leben und lokal umsetzen. Ein Beispiel dafür ist die Bildungsinitiative „Vielfalt Stärken! GEGEN Diskriminierung im Bezirk Kreuzberg“.

Entstehung und Motivation

Initiiert wurde „Vielfalt Stärken!“ von den beiden jungen Frauen Valentina und Lina. Die beiden eint die Erfahrung, dass gesellschaftliche Entwicklungen und Krisen in den letzten Jahren viele Menschen verunsichert haben. Gleichzeitig fiel ihnen auf, dass Diskriminierung und Ausgrenzung im Alltag wieder sichtbarer wurden und es im Ortsteil Kreuzberg an niedrigschwelligen Angeboten für politische Bildungsarbeit fehlte.

„Wir haben gemerkt, dass viele Menschen Räume brauchen, in denen sie offen und ungefiltert über ihre Erfahrungen sprechen können, aber auch Orte, an denen man auf Augenhöhe voneinander lernen, sich gegenseitig stärken und neue Perspektiven entwickeln kann“, erzählt Valentina. „Unser Ziel war es, solche Räume zu schaffen – Orte, an denen Menschen sich gesehen und ernst genommen fühlen und mit neuer Stärke hinausgehen.“
So entstand die Idee, Workshops und Schutzräume zu entwickeln, in denen Austausch, gegenseitige Unterstützung und konkrete Handlungsmöglichkeiten im Mittelpunkt stehen und Aufklärungsarbeit passiert.

Die Initiative entstand unabhängig und selbstorganisiert aus der Kreuzberger Zivilgesellschaft – aus einer selbstbestimmten Haltung heraus und aus dem klaren Bewusstsein, dass im Bezirk Angebote fehlen, die diskriminierungssensibel, machtkritisch und empowernd arbeiten. Lina und Valentina sind beide in der BIPoC-Community (Black, Indigenous, and People of Color) verwurzelt und kennen die Herausforderungen, die marginalisierte Gruppen tagtäglich erleben. „Vielfalt Stärken!“ war keine theoretische Idee, sondern eine direkte Antwort auf reale Erfahrungen, auf strukturelle Lücken und auf das Bedürfnis, etwas Eigenes, Nachhaltiges zu schaffen.

Als Sozialarbeiterin und Psychologin bringen Valentina und Lina ihre fachlichen Kompetenzen, Netzwerke und Praxiserfahrungen zusammen. „Vielfalt Stärken!“ ist ein zivilgesellschaftliches Projekt, das inhaltlich an SDG 16 anknüpft – „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“. Denn was die Vereinten Nationen global formulieren, setzen die beiden lokal um: Sie fördern Inklusion, schaffen Räume für Dialog und Verständnis, stärken Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind und beziehen Nicht-Betroffene und Interessierte bewusst mit ein.

Im Kern steht dabei die Überzeugung, dass Frieden und Gerechtigkeit nicht von oben entstehen, sondern in den Beziehungen zwischen Menschen wachsen – in Nachbarschaften, Schulen, Jugendzentren und Projekten und Einrichtungen. Durch ihr Engagement tragen Valentina und Lina dazu bei, Vertrauen aufzubauen, Barrieren abzubauen und demokratische Teilhabe erfahrbar zu machen. „Vielfalt Stärken!“ ist damit ein gelebtes Beispiel für soziale Nachhaltigkeit – verwurzelt in der Praxis, gefördert von Gemeinschaft und getragen von dem tiefen Wunsch, Gesellschaft gerechter zu gestalten.

Die Initiatorinnen

Valentina (27) ist im Graefekiez aufgewachsen – dort, wo auch der Dütti-Treff liegt. Der Treff war für sie schon früh ein vertrauter Ort in ihrer Nachbarschaft, an dem Gemeinschaft, Unterstützung und Zusammenhalt selbstverständlich waren. Ihren ersten Kontakt hatte sie während eines Schulpraktikums in der zehnten Klasse. Aus dieser kurzen Begegnung wurde eine langjährige Verbindung. Valentina blieb, übernahm Schritt für Schritt mehr Verantwortung und engagierte sich besonders im Projekt GraefeGirls, das Mädchen und junge Frauen im Kiez stärkt und begleitet.

Parallel absolvierte Valentina zunächst ihre Ausbildung zur Sozialassistentin, anschließend ihr Studium der Sozialen Arbeit. Neben Ausbildung und Studium blieb sie dem Dütti-Treff treu, arbeitete ehrenamtlich mit und lernte dort, was soziale Arbeit in der Praxis wirklich bedeutet: Beziehungen aufbauen, Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft gestalten. Diese Erfahrungen hätten sie sowohl fachlich als auch persönlich stark geprägt.
Durch die Arbeit in verschiedenen Projekten im Dütti-Treff kam Valentina erstmals mit politischer Bildungsarbeit in Berührung. In Kooperation mit unterschiedlichen Partnern erlebte sie, wie wichtig es ist, gesellschaftliche Themen niedrigschwellig zugänglich zu machen und Menschen die Möglichkeit zu geben, sich aktiv einzubringen. Diese praktische Erfahrung, kombiniert mit der Reflexion aus Studium und Ausbildung, habe ihren sozialarbeiterischen Blick geschärft und ihr Bewusstsein für strukturelle Ungleichheiten und Empowermentprozesse vertieft, betont sie.

Im März hat Valentina ihren Bachelor in Sozialer Arbeit abgeschlossen und arbeitet nun als Sozialarbeiterin als Ko-Leitung im Dütti-Treff. Sie ist damit die erste in ihrer Familie, die ein Studium abgeschlossen hat. Besonders prägend war für sie die Begleitung durch ihre Mentorin Emine, die selbst im Treff tätig ist. „Emine hat zu mir gesagt: Wenn du studierst, hast du eine Chance, meine Stelle zu bekommen“, erinnert sich Valentina. Heute ist dieser Satz Realität geworden. Für Valentina ist es ein Herzensanliegen, weiterzugeben, was sie selbst durch ihre Mentorin erfahren hat: Wissen, Chancen und Netzwerke für die nächste Generation. Ihre Arbeit vereint soziale, künstlerische und rassismuskritische Bildung zu einem ganzheitlichen Ansatz, der auf Empowerment, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zielt – lokal in Kreuzberg und im internationalen Austausch.

Lina

Lina (27) bringt eine wissenschaftliche Perspektive mit ein. Im Rahmen ihres Studiums der Sozialen Arbeit suchte sie einen Praktikumsplatz und kam über einen Kontakt nach Berlin zum Dütti-Treff, wo sie Valentina kennenlernte. Jetzt studiert sie Psychologie und schreibt gerade an ihrer Bachelorarbeit. Ihr Thema „Rassismuserfahrungen und ihre Relevanz im Kontext Psychotherapie“ ist eng mit der Arbeit von „Vielfalt Stärken!“ verbunden.

Sie berichtet offen: „Es gibt Orte in Berlin, an die ich mich nicht traue. Diese persönlichen Erfahrungen prägen mich und zeigen, wie dringend wir Räume brauchen, die Schutz und Austausch ermöglichen.“ Gerade in diesen Zeiten käme es auf das Engagement jedes einzelnen Menschen besonders an, wichtig sei aber auch ein gesamtgesellschaftliches Verständnis darüber, dass Rassismus betroffene Menschen sehr belasten kann.

Lina sieht ihre Rolle darin, Brücken zwischen Theorie und Praxis zu schlagen. „Mir ist wichtig, dass unsere Workshops nicht nur Wissen vermitteln, sondern dass die Menschen gestärkt herausgehen – mit dem Gefühl, handlungsfähig zu sein.“

Struktur und Inhalte der Initiative

„Vielfalt Stärken!“ arbeitet in enger Kooperation mit dem Dütti-Treff und weiteren lokalen Projektpartnerinnen, Institutionen und Trägern. Finanziert wird „Vielfalt Stärken!“ aus Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, welches im Bezirk in Form von „Partnerschaften für Demokratie“ in den beiden Ortsteilen Friedrichshain und Kreuzberg umgesetzt wird.

Das Team besteht aus fünf Referent*innen, den beiden Initiatorinnen sowie zehn weiteren Unterstützer*innen. „Uns ist wichtig, dass die Ressourcen zurück in die Community fließen. Arbeit in diesem Bereich muss wertgeschätzt werden – auch finanziell. Besonders bei BiPoC-Arbeit ist dies wichtig“, erklärt Valentina.

Ein Workshop umfasst in der Regel etwa zehn Teilnehmende, begleitet von ein bis zwei Moderator*innen sowie Lina und/oder Valentina. Die Treffen sind bewusst niedrigschwellig gestaltet, um Hemmschwellen gering zu halten. Erfahrungen können offen geteilt und gemeinsam reflektiert werden.

Die Workshop-Module dauern jeweils rund zwei Stunden und decken verschiedene Themen ab:

  • Diskriminierungsformen benennen und erkennen
  • Wie entsteht Rassismus?
  • Welche Auswirkungen hat Rassismus auf die Psyche?
  • Sensibilisierung und Wahrnehmung schärfen
  • Handlungsmethoden entwickeln

Die Inhalte sind flexibel und können auf die Gruppe zugeschnitten werden. „Wenn die Teilnehmenden bestimmte Erfahrungen mitbringen, greifen wir diese auf. Das macht die Workshops intensiv und lebendig“, berichtet Valentina.

Teilnehmer*innen bei einem der Workshops.

Die drei Säulen des Konzepts

Das Projekt basiert auf einem klaren Dreiklang:

  • Schutzräume und Community-Bildung – von und für BIPoC, um gegenseitige Unterstützung zu ermöglichen.
  • Workshops und Fortbildungen – für die Nachbarschaft, aber auch für Verwaltung und Politik, um institutionelle Sensibilisierung zu fördern.
  • Filmische Dokumentation – um Erfahrungen sichtbar zu machen, aufzubereiten und langfristig Wirkung zu erzielen.

„Wir wollen nicht, dass unsere Arbeit nur in kleinen Räumen bleibt. Sie soll auch Institutionen erreichen und Strukturen verändern helfen“, erklärt Lina.

Beitrag zu SDG 16

Mit dieser Arbeit leistet „Vielfalt Stärken!“ einen unmittelbaren Beitrag zu den Zielen von SDG 16:

Frieden: Durch Schutzräume entsteht die Möglichkeit, Erfahrungen zu teilen, Konflikte anzusprechen und gegenseitiges Verständnis zu entwickeln.

Gerechtigkeit: In den Workshops werden Diskriminierungen benannt und Handlungsoptionen aufgezeigt – ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung.

Starke Institutionen: Die Zusammenarbeit mit Verwaltung und Politik trägt dazu bei, dass Strukturen inklusiver und sensibler für Fragen von Rassismus und Diskriminierung werden.

Die Initiatorinnen berichten, dass es bereits Austausch mit Verwaltungspersonal und Vertreter*innen aus der Politik gibt. So wurden sie etwa zu Empfängen im Bundestag und ins Abgeordnetenhaus eingeladen. „Wir möchten, dass das, was wir im Kleinen erleben, auch auf institutioneller Ebene ankommt“, sagt Valentina.

„Vielfalt Stärken!“ ist ein Projekt in Bewegung. Die Initiatorinnen planen, weitere Workshop-Module zu entwickeln, bestehende weiterzuentwickeln, Kooperationen mit Verwaltung und Politik auszubauen und einen Dokumentarfilm über das Projekt fertigzustellen. Ziel ist es, noch mehr Menschen im Bezirk – und darüber hinaus – zu erreichen und nachhaltige Projektstrukturen sowie Finanzierungen zu verankern.

Für die beiden Initiatorinnen ist entscheidend, dass ihre Arbeit nah an den Menschen bleibt. „Wir möchten, dass alle Menschen, die unseren Workshop besuchen, gestärkt wieder aus ihm heraus gehen“, sagt Valentina.

So wird deutlich: „Vielfalt Stärken!“ ist mehr als ein Bildungsangebot. Es ist ein Ort, an dem Begegnung und Austausch möglich werden, an dem Menschen neue Handlungsperspektiven entwickeln können – ein lebendiges Beispiel dafür, wie SDG 16 in Friedrichshain-Kreuzberg Gestalt annimmt.

Am 7. November 2025 veranstaltet „Vielfalt Stärken!“ einen Fachtag unter dem Oberthema: „Intersektionale Handlungsempfehlungen gegen Rassismus – gemeinsam für Empowerment & Solidarität“. Die Veranstaltung findet von 11.00 bis 17.00 Uhr in Kreuzberg statt – der genaue Ort wird in Kürze bekannt gegeben. Im Anschluss lädt „Vielfalt Stärken“! von 18:00 bis 22:00 Uhr zur Vernissage der Fotoausstellung „Wir sind, was wir sind“ ein. Mehr Infos gibt es hier.