Rosemarie Mehl zeigt, wie Frau glücklich und 90 Jahre alt werden kann

Der Kreuzbergerin Rosemarie Mehl, hier mit ihrem Mann Ulrich, sieht man bereits an ihrem Strahlen an, dass sie eine sehr zufriedene Frau ist

Der Kreuzbergerin Rosemarie Mehl, hier mit ihrem Mann Ulrich, sieht man bereits an ihrem Strahlen an, dass sie eine sehr zufriedene Frau ist

Friedrichshain-Kreuzberg ist der jüngste Bezirk Berlins. Nur drei Prozent der Bevölkerung sind über 80 Jahre alt. Im Bezirksticker möchten wir die Sichtbarkeit der älteren Menschen in unserem Bezirk erhöhen und regelmäßig Personen aus dieser Gruppe vorstellen.

Der Kreuzbergerin Rosemarie Mehl sieht man bereits an ihrem Strahlen an, dass sie eine sehr zufriedene Frau ist. Sie hat viele Gründe glücklich zu sein. Ein guter Grund ist sicherlich, dass seit mehr als 62 Jahren Ehemann Ulrich (94) an ihrer Seite ist, mit dem sie gemeinsam viel erlebt und geleistet hat.

„Wir ergänzen uns gut“, sagt Rosemarie, während Ulrich in der Küche den Geburtstags-Kaffee vorbereitet. Der duftende Bohnenkaffee wird in einer weißen Porzellankanne gereicht, dazu gibt es knusprige Vanille-Kekse. „Er kann besser reden als ich, dafür kann ich besser mit Zahlen.“ Ehemann Ulrich setzt sich neben seine Frau und dementiert: „Sie stapelt wieder tief, sie kann das sogar sehr gut mit dem Reden!“

Rosemarie ist vor wenigen Tagen 90 Jahre alt geworden. Als Beweis dafür legt sie eine Einladungskarte auf den Tisch, die sie mit ihrem Tablet selbst kreiert hat. Auf dem Deckblatt steht eine 90. Und ein Foto der letzten Reise, die nach Japan ging.

Geburtstag am internationalen Frauentag

Da sie am internationalen Frauentag 1935 in Berlin-Altglienicke geboren ist, habe sie wahrscheinlich besonders viel Power mit auf den Weg bekommen. „Es war damals alles nicht so einfach. Mein Vater war im Krieg, und meine Mutter tat alles, um mich und meine kleine Schwester, die 1942 geboren wurde zu versorgen. Ein Jahr später, 1943 wurden wir ausgebombt.“ Die Mutter wurde mit ihren beiden Mädchen nach Polen evakuiert. Rosemarie erinnert sich an das Kriegsende im Jahr 1945: „Ich war zehn Jahre alt. Wir sind mit einem offenen LKW von Polen zurück nach Berlin gefahren. Hinten auf der Ladefläche. Das werde ich nie vergessen!“

Sie kamen in einer Gartenlaube bei der Oma in Altglienicke unter. Zur gleichen Zeit zog dort auch eine Tante mit ihren fünf Kindern ein. „Wir haben uns mit sieben Kindern das Doppelbett in der Laube geteilt.
Es sei eng gewesen. „Aber alle haben sich verstanden – eine Notgemeinschaft“. Anschließend zog es die kleine Familie nach Adlershof. „Mein Vater ist nie aus dem Krieg zurückgekehrt. Er gilt als vermisst.“ Die Familie ihres Vaters hatte eine Buchdruckerei in Adlershof. „Dort arbeitete meine Mutter alleine weiter. Meine Schwester und ich gingen dort zur Schule. Meine Mutter und auch ich hatten aus politischen Gründen Schwierigkeiten.

Wir haben drei Mal neu angefangen

1951 schaffte Rosemaries Mutter neue Fakten. Sie nahm ihre Kinder, ließ alles zurück und „machte rüber“. Raus aus dem russischen Sektor. „Und damit hatten wir zum dritten Mal alles verloren, was wir hatten!“

Das neue Leben der 16-jährigen Rosemarie startete erneut, im nun West-Berliner Stadtteil Mariendorf: „Hier habe ich Abitur gemacht. Ich konnte sehr gut rechnen und wollte Lehrerin werden. Also studierte ich nach dem Abitur Mathe.“ Das sei eigentlich ganz gut gelaufen, doch aus persönlichen Gründen habe sie dann das Studium nach einiger Zeit abgebrochen.

„Aus dieser Zeit stammt auch mein Mann Ulrich, den ich damals kennenlernte.“ Ulrich arbeitete damals auf dem Fruchthof in Marienfelde. 1963 heiraten sie und nehmen ein Ehestandsdarlehen über 3000 D-Mark auf. „Wenn man es genau nimmt, sind wir zwei verkrachte Existenzen. Ich arbeitete in einem kleinen Blumenladen an der Ecke. Ulrich arbeitete zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten auf dem Fruchthof. Wir dachten, wir machen jetzt mal unser eigenes Ding.“

Also setzte das Paar einen Teil des Darlehens ein und kaufte den kleinen Gemüseladen. Der Rest des Geldes ging für die Anzahlung eines Autos mit Anhänger drauf den sie zum Einkaufen brauchten.

„Wir mussten in dieser Zeit so viel arbeiten. Es war harte körperliche Arbeit. Unser Laden war gegenüber dem Notaufnahmelager in Marienfelde. Dort kamen die Flüchtlinge aus der DDR an. Bei uns kauften sie dann ihre ersten Bananen und anderes frisches Obst.“

Nach drei Jahren im eigenen Laden machten sie Schluss und verkauften den Laden wieder. „Uns war nach geregelten Arbeitszeiten, nach Wochenenden und Feierabenden. Und nach einem regelmäßigen Einkommen.“

Natürlich gab es einen Plan für das Paar: „Es war die Zeit, in der überall die EDV – Elektronische Datenverarbeitung eingeführt wurde. Auch im öffentlichen Dienst. Das hat uns beide brennend interessiert. Und dort hatten wir tatsächlich Chancen.“

Rosemarie heuerte als Statistikerin beim DIW – Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung an. Und Ulrich fand eine feste Stelle beim Senat.

Rosemarie Mehl geniesst das Leben und trinkt auch gern einmal einen Cocktail

Rosemarie Mehl geniesst das Leben und trinkt auch gern einmal einen Cocktail

Bis heute leben sie im Wrangelkiez

Rosemarie lächelt: „Wie gesagt, wir sind etwas verkracht. Als wir uns eingearbeitet hatten und alles seinen Gang ging, verliebten wir uns während eines Ausflugs in ein Grundstück an der Elbe im Wendland. 1977 begonnen wir, dort ein Haus zu bauen.“ Ein kleines Haus, mit Wasserblick. 50 Quadratmeter, die das Paar an jedem Wochenende gemeinsam ausbaute.
So nahmen die sie freitagabends die Grenzkontrollen geduldig hin und fuhren fünf bis sechs Stunden lang ins Wendland, um dann sonntags abends wieder zurück nach West-Berlin zu fahren.

1981, Rosemarie war inzwischen Mitte 40, suchten sie in Berlin neue Herausforderungen: „Wir haben ausgerechnet, wieviel Miete wir in den nächsten Jahren zahlen müssten. Diese Summe haben wir genommen, und eine Wohnung gesucht, die wir damit bezahlen können. Leisten konnten wir uns damit nur Kreuzberg.“ Und dort wurden sie fündig.

Bis heute leben sie im Wrangelkiez, mit Blick auf die scheppernde Hochbahn, der für beide ihr Zuhause geworden ist. „Wir haben uns von Anfang an sehr wohl in Kreuzberg gefühlt. Damals kamen unheimlich viele aus West-Deutschland nach Kreuzberg und machten Kneipen auf. Die Stimmung war toll!“

1983 entdeckten sie dann das Reisen für sich. Als verspätete Hochzeitsreise gönnten sie sich zur Silberhochzeit sechs Wochen Urlaub am Stück: „Zuerst fünf Tage Paris, dann Lissabon und die schönsten Ecken Portugals, und dann waren wir drei Wochen auf den Azoren unterwegs. Das war schon damals ein ungewöhnlicher Urlaubsort.“ Auf dieser Reise lernten sie fleißig portugiesisch. Noch in diesem Jahr planen beide eine Reise auf dem Nil in Ägypten: „In einem Segelboot mit Kabine werden wir den Fluss befahren.“
Rosemarie schwärmt über Kreuzberg: „Hier konnte ich allein ausgehen, ohne angemacht zu werden. Woanders ging das nicht. Aber die Kreuzberger waren immer gelassen. Wir haben hier auch heute noch feste Anlaufstellen, an denen man uns kennt, und wo wir gern hingehen.“

Einmal in der Woche fährt Rosemarie mit der Bahn zum Reha-Sport, nach Marzahn. Sie sagt, sie brauche die Abwechslung und dieser Sport täte ihr sehr gut. Auch das Treppensteigen, immerhin über drei Etagen. „Ja, das ist unser tägliches Trainingsprogramm. Jeden Tag gehen wir raus, manchmal auch zwei Mal täglich. Wir bewegen uns viel.“

„Frieden für die Ukraine und nie wieder Krieg!“

Und eines ihrer Geheimnisse lüftet sie gern: „Wir ernähren uns so gut wie möglich. Einmal in der Woche gehen wir auf dem Markt oder in der Markthalle einkaufen. Wir kochen alles selbst.“ Noch nie habe sie eine Tiefkühl-Pizza oder ein anderes Fertiggericht aus dem Supermarkt gekauft oder gegessen.

Früher, so sagt sie, war sie als Berlinerin in Kreuzberg eine Exotin. „Alle kamen aus Bayern oder aus Hessen. Heute sprechen hier alle spanisch oder italienisch. Kreuzberg bleibt bunt. Sowas brauchen wir. Das braucht auch der Bezirk!“

Bis vor drei Jahren haben beide noch ein Auto gehabt, das sei nun aber in der Familie weitergegeben worden. „Wir wandern auch lieber oder gehen spazieren. Wir gehen auch sehr gern in Buchgeschäfte und kaufen Bücher, die wir lesen. Ganz analog.“

In den letzten Jahren ihrer Berufstätigkeit war sie neben ihrer Aufgabe Gutachten zu erstellen, auch die Frauenbeauftragte im Institut. „Eine Ehrensache, sich mit Frauenförderung zu beschäftigen, und diese auch so gut wie möglich durchzusetzen.“ So wundert es niemanden, dass es heute noch, besonders in den letzten Wochen kribbelte, wenn sie auf ihrem Tablet die neuesten Entwicklungen der Politik verfolgte.

„Da mussten wir einfach raus, auf die Straße, an den Reichstag, und mit demonstrieren! Uns hat nichts mehr hier am Tisch gehalten. Wir wollten dabei sein, unsere Meinung sagen! Und: Dagegen sein, gegen rechts!“
Beide sind sich einig, dass Demokratie ein Geschenk ist, das zu schützen und zu pflegen ist.

Für Rosemarie, die als Kriegskind aufgewachsen ist, ein Herzenswunsch: „Frieden für die Ukraine und nie wieder Krieg!“

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