Nachhaltigkeitsziel 17: Vom Engagement zur globalen Partnerschaft für den Frieden
Im Bezirksticker zeigen wir inspirierende Projekte aus Friedrichshain-Kreuzberg, die ganz konkret zu den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der UN beitragen. Denn: „Global denken – lokal handeln“ beginnt genau hier bei uns im Kiez.
Sergiy Govorovskyy lebt seit rund sechs Jahren in Berlin. Der gebürtige Ukrainer wurde in der Hauptstadt Kyjiw geboren und zog mit elf Jahren gemeinsam mit seiner Mutter nach Deutschland. Dennoch blieb die Verbindung zu seinem Heimatland stets eng. „Vor dem Krieg war ich mindestens zwei- bis dreimal im Jahr in der Ukraine“, erzählt er.
Der studierte Politikwissenschaftler arbeitete eine Zeit lang in Brüssel für eine ukrainische Nichtregierungsorganisation. Dort vertrat er 15 verschiedene NGOs auf europäischer Ebene. „Wir haben zu ganz unterschiedlichen Themen gearbeitet, was ich sehr mag.“ In Berlin wollte er neue Erfahrungen sammeln und war zunächst im Startup-Bereich tätig – im Vertrieb und in strategischen Partnerschaften. Doch als der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begann, änderte sich für ihn alles. „Es hat Klick gemacht in mir, und ich habe beschlossen, mein Land zu unterstützen und etwas zurückzugeben.“
Gemeinsam mit seiner Frau wandte er sich an den Verein Be an Angel e.V., der zu Beginn des Krieges zahlreiche Menschen aus der Ukraine evakuierte. Über den Verein entstand ein direkter Kontakt zu Geflüchteten, die dringend eine Unterkunft benötigten. „Zusammen mit Freunden und Familie konnten wir 27 Familien direkt helfen.“ Inzwischen hat Be an Angel über 24.000 Menschen vor dem Kriegsgeschehen in Sicherheit gebracht.
Auch beruflich entschied sich Sergiy Govorovskyy, sich in diesem Bereich zu engagieren. Als der Verein expandierte, suchte er eine Person, die den Bereich Partnerschaften und Strategie aufbaut. Heute ist er Head of Strategic Partnerships bei Be an Angel e.V..
Seit seiner Gründung hat sich der Verein, der sich ausschließlich durch Spenden finanziert, zu einer international tätigen gemeinnützigen Organisation entwickelt. Trotz seines kleinen Teams engagiert sich Be an Angel in mehreren Bereichen: in der Beratung Geflüchteter, bei der nachhaltigen Integration in den deutschen Arbeitsmarkt und in der humanitären Nothilfe. Besonders spezialisiert ist der Verein auf die medizinische Evakuierung von Kleinkindern mit seltenen Krankheiten. Zudem ist Be an Angel mit verschiedenen Projekten direkt vor Ort aktiv – etwa in Cherson und Odessa. „Dort haben wir zum Beispiel nachhaltige PTBS-Kreativ-Rehabilitation für binnengeflüchtete Kinder etabliert, die durch Krieg und Vertreibung stark belastet sind.“
Auch Hilfslieferungen in die Ukraine gehören zu den Schwerpunkten der Arbeit. „Wir konnten über sechstausend Tonnen Hilfsgüter liefern – und tun das weiterhin.“ Vor Kurzem übergab der Verein zwei Feuerwehrautos an die Stadt Cherson, eine Lieferung von 2.000 Feuerlöschern ist in Vorbereitung. „Dafür gibt es einen riesigen Bedarf wegen der russischen Drohnenangriffe.“
Besonders eng arbeitet der Verein mit kleineren ukrainischen NGOs zusammen, die an der Front aktiv sind. Ziel ist eine nachhaltige Unterstützung. „Es geht nicht nur um humanitäre Hilfsgüter, sondern auch um Austausch und Wissen – darum, wie man sich robuster aufstellt.“ Laut Govorovskyy fehlt vielen Organisationen vor Ort die Zeit, sich um Fördergelder aus dem Ausland zu bemühen. „Wir wollen ihnen helfen, Zugang zu EU-Fördermitteln zu bekommen.“
Derzeit arbeitet er an einem Projekt, das eine digitale Plattform für die Vernetzung und Kommunikation zwischen ukrainischen und westlichen NGOs schaffen soll. „So kann die Zusammenarbeit noch transparenter und effizienter werden.“ Gemeinsam mit ukrainischen Behörden baut Be an Angel zudem neue Kooperationen und Partnerschaften auf.
Herausfordernd sind dabei die unterschiedlichen Strukturen, Regeln und Arbeitsweisen. „Das braucht Zeit und Vertrauen. Diese Beziehungen müssen wachsen.“
Seit Mai 2025 setzt Be an Angel als zivilgesellschaftlicher Akteur die Städtepartnerschaft zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und dem Kyjiwer Bezirk Darnyzja um. Diese entstand aus einer Solidaritätspartnerschaft, die bereits seit 2022 bestand. „Es freut uns sehr, unsere Erfahrung hier einbringen zu können und die Partnerschaft auf ein offizielles Level zu heben.“ Gemeinsam wurden die Bedarfe im neuen Partnerbezirk ermittelt, um Hilfe gezielt und wirksam zu gestalten.
Die Arbeit mit und in der Ukraine ist für Sergiy Govorovskyy besonders erfüllend. „Als Ukrainer bedeutet es mir viel, den direkten Kontakt zu halten und den Menschen durch unsere Projekte etwas zurückzugeben. Das kann übrigens jeder – auf seinem eigenen Level.“ Ihn motiviert der Austausch mit engagierten Menschen und die spürbaren Erfolge in der humanitären Hilfe. „Manchmal trifft man morgens eine Entscheidung – und am Abend ist sie schon umgesetzt.“
Für die Zukunft wünscht sich Sergiy Govorovskyy ein Ende des Krieges – zu gerechten Bedingungen, die den Menschen in der Ukraine dauerhafte Sicherheit garantieren. „Der Frieden muss so geschlossen werden, dass die Ukrainer*innen echte Sicherheitsgarantien bekommen.“ Außerdem hofft er auf einen nachhaltigen Wiederaufbau der Ukraine, bei dem internationale Partnerschaften – ganz im Sinne des Nachhaltigkeitsziels 17 – eine entscheidende Rolle spielen.