„Wir helfen, wenn nichts mehr geht!“ - Sieben ehemalige Suchtmittelkonsument*innen engagieren sich, damit es anderen besser geht

Die Peer-Gruppe der Kreuzberger Drogen- und Suchtberatung Misfit leistet einen großartigen freiwilligen Eisatz

Die Peer-Gruppe der Kreuzberger Drogen- und Suchtberatung Misfit leistet einen großartigen freiwilligen Eisatz

In der Kreuzberger Drogen- und Suchtberatung Misfit engagieren sich sieben selbst betroffene Geflüchtete ehrenamtlich dafür, anderen den Weg in die Suchthilfe und in die suchtmedizinischen Arztpraxen zu erleichtern.

Die Teilnehmer*innen des niedrigschwelligen Peer-Projekts, in dem gezielt russisch- oder ukrainisch-sprachige Menschen auch mit Fluchterfahrung angesprochen werden, kennen die Hürden und unterstützen Betroffene, sich im Hilfesystem zurecht zu finden. Die Suchtberaterin Anna Permilovskaya erklärt, dass bereits seit 2016 erfolgreich Peers die Arbeit der Drogenberatung unterstützen. Nämlich dort, wo Zielgruppen erreicht werden sollen, die mit bisherigen Angeboten nicht oder nur ungenügend angesprochen werden.

Mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine habe sich ein großer Bedarf an Ukrainisch oder Russisch sprechenden Peers ergeben. „So haben wir diese Projektgruppe ins Leben gerufen, die hilft, wenn Betroffene kein Deutsch und auch kein Englisch sprechen.“

Insgesamt sieben Peers und zwei Sozialarbeiterinnen entwickelten gemeinsam ein wirksames Unterstützungskonzept. „Es hilft, dass die Projekt-Teilnehmenden selbst Fluchterfahrungen mitbringen, sich in unserem Suchtsystem auskennen und wissen, mit welchen Schwierigkeiten es verbunden sein kann, in einem fremden Land Hilfe zu finden und anzunehmen.“

Die Peer-Gruppe entwickelte kleine Heftchen mit den wichtigsten Fragen und Problemen, die in der Arztpraxis vorgelegt werden können

Die Peer-Gruppe entwickelte kleine Heftchen mit den wichtigsten Fragen und Problemen, die in der Arztpraxis vorgelegt werden können

Projektgruppe entwickelt Sprachmaterialien und Piktogramme

Die Peer-Gruppe kommuniziert über WhatsApp und trifft sich ein bis zwei Mal im Monat.

Sviatoslav kommt aus der Ukraine, als selbst Betroffener hat er es mit Unterstützung geschafft, sich Hilfe in einer suchtmedizinischen Arztpraxis zu suchen und eine medikamentöse Behandlung zu beginnen: „Es ist sehr schwierig, die richtige Arztpraxis zu finden. Hat man eine gefunden, bleibt es ohne Deutsch-Kenntnisse schwierig in der Kommunikation. Deshalb haben wir hier im Projekt Sprachmaterialien mit Piktogrammen entwickelt. Kleine Heftchen, mit den wichtigsten Fragen und Problemen, die einfach in der Praxis vorgezeigt werden können. So ist alles leichter zu verstehen.“

Ohne sprachliche Unterstützung käme es regelmäßig zu Missverständnissen im Praxisalltag, in dem alles immer sehr schnell zugeht. So hätte in der Vergangenheit ein Hilfesuchender sogar die Arztpraxis wieder verlassen, da er eine mit der Hand gezeigte Geste so verstanden habe, er solle gehen. „Dabei wollte ihm die Mitarbeiterin nur anzeigen, er solle ins Wartezimmer gehen.“

Eine weitere wichtige Frage, die das Team beschäftigt: Was braucht die Praxis, wenn die Patient*innen kein oder kaum Deutsch sprechen?

Die Ukrainerin Julia ist seit April 2022 im Peer-Projekt tätig: „Wir haben hier unsere eigenen Erfahrungen umgesetzt, denn in den Arztpraxen ist am Empfang keine Zeit dafür, erst mit dem Handy eine Übersetzung zu machen. Deshalb haben wir für die Mitarbeitenden in der Arztpraxis große Karten vorbereitet, auf denen die wichtigsten Begriffe bildlich wie auch in Russisch und Ukrainisch dargestellt werden. Begriffe wie ‚Blutabnahme‘ oder Standardsätze wie ‚Bitte geben Sie mir Ihre Versichertenkarte‘ können so in der schnellen Kommunikation in der Arztpraxis verständlich ausgetauscht werden.“

Für Neuankömmlinge in der Arztpraxis, die noch am Anfang einer suchtmedizinischen Behandlung stehen, hat das Projektteam Kontaktadressen Russisch sprechender Beraterinnen vorbereitet, die in der Arztpraxis von einem Abreißblock einfach auszuhändigen sind.

Die Peer-Gruppe entwickelte Abreißblöcke für Termine und mit Kontaktadressen für Neuankömmlinge in den Arztpraxen

Die Peer-Gruppe entwickelte Abreißblöcke für Termine und mit Kontaktadressen für Neuankömmlinge in den Arztpraxen

Aktive Unterstützungsangebote für alle Überlebenslagen

Ivan, gebürtig aus Kirgisistan, lebt schon seit 20 Jahren in Deutschland und hat seit über drei Jahren Erfahrungen als Peer gesammelt. Auch wenn sein Leben inzwischen viel besser läuft, weil er hier Hilfe fand, blickt er auf lange Jahre der Sucht zurück: „Aufgrund meiner Erfahrungen kann ich anderen dabei behilflich sein, davon wegzukommen.“ So steht er, wenn es nötig ist, als Telefon-Übersetzer für die Arzt-Praxen zur Verfügung. „Gibt es zum Beispiel im Arztgespräch Verständnisschwierigkeiten, können Arzt und Patient mich anrufen. Ich übersetze dann alles. Auf diesem Weg habe ich schon oft helfen können, denn ich beherrsche auch die Fachbegriffe. Das klappt ganz gut, und es geht schnell. Aber leider nutzen nicht alle Ärzte diesen Service. Manche haben Sorge wegen des Datenschutzes.“

Anna kam vor neun Jahren aus Lettland nach Berlin. Sie kam mit ihrer Erkrankung und wollte abstinent werden: „Ich hatte einen großen Willen, aber ich wusste nicht wie und wo. Dadurch, dass ich kein Wort Deutsch sprach, war ich auf Hilfe anderer angewiesen. Ich weiß, wie man sich fühlt, und was am Anfang nötig ist. Ich bin seit fast einem Jahr in diesem Projekt tätig und freue mich, wenn ich mit meinen Erfahrungen helfen kann, damit auch andere ihr Leben wieder ins Gute ändern können.“

Spezialisiert auf Unterstützung bei Institutionen wie Jobcenter und Wohnungsamt weiß sie: „Auch, wenn sie Hilfe annehmen wollen, wissen die Betroffenen oft nicht, wie sie das anstellen sollen.“

Hier kennt sich Dmitrij, der ebenfalls aus Lettland kommt, und lange Jahre auf der Straße gelebt hat, gut aus. Er lebt inzwischen in einer Wohngruppe und hat einen festen Arbeitsplatz, doch an die Fallstricke, die das Leben auf der Straße mit sich bringt, erinnert er sich gut: „Manchmal scheitert ein Arztbesuch schon daran, dass niemand auf die wenigen Dinge, die man hat, aufpasst, solange man weg ist. Ohne Krankenversicherung muss man sehr lange in Schlangen warten, in der Zeit werden die wenigen Dinge, die man hat, geklaut.“ Damit andere zur Arztpraxis gehen können, passt Dmitrij zum Beispiel so lange auf die Sachen auf. Damit zeigt er, dass sich die Person auf ihn verlassen kann.

Ivan: „Es sind auch oft die ganz einfachen Dinge wie Essen, Wäsche waschen, Aufenthaltsräume oder Selbsthilfegruppen – alles wichtige Themen, die wir klären können.“

Vadim kam 2020 aus Belarus nach Berlin und brachte von dort Erfahrungen als Peer mit. Seit 2023 ist er in diesem Projekt tätig: „Ich biete persönliche Treffen an und helfe zum Beispiel dabei, ein Bankkonto einzurichten. Inzwischen habe ich viele Kontakte und kann aktiv dazu beitragen, dass das Leben normaler laufen kann.“

Ein großer freiwilliger Einsatz, der immer wieder Früchte trägt

Dmitrij fasst noch einmal zusammen: „Wir begleiten die Menschen. Viele kennen die Orte und Wege nicht. Sie haben weder Handy noch Internet. Es fehlt auch oft das Geld für die Fahrkarte. Wenn man einen Termin in einer Beratung, Praxis oder beim Jobcenter hat, muss man pünktlich sein. Hier sind wir die Lotsen und helfen dabei, dass die Dinge in Gang kommen.“

Auf der Straße denken die Menschen anders, wirft Anna ein: „Wenn ein Mensch keinen Pass hat, keine Dokumente, abhängig ist, obdachlos und obendrein die Sprache nicht spricht, dann rechnet er nicht mit Hilfe. Viele geben sich ihrem vermeintlichen Schicksal hin.“

So machen sich Anna und Dmitrij mitunter auf den Weg und versuchen auf der Straße die Menschen zu motivieren: „Wir zeigen, dass es möglich ist, das Leben zu ändern, und helfen dabei.“

Die Peers helfen auch bei der Klärung kultureller Unterschiede: In Deutschland sind Hilfesuchende mit Suchtproblematik geschützt. Im Rahmen der Schweigepflicht dringen keine sensiblen Informationen aus der Arztpraxis zum Beispiel an Arbeitgeber*innen oder Vermieter*innen durch. Dies vermitteln die Peers an Betroffene, die es aus ihren Heimatländern anders kennen. Zudem wissen viele nicht, dass es in Deutschland auch Hilfe gibt, wenn jemand keine Papiere vorweisen kann.

Ein großer freiwilliger Einsatz, der immer wieder Früchte trägt – das zeigen diese Menschen, die es geschafft haben und jetzt anderen den Weg zeigen, ein Leben ohne Drogen zu finden.