Dr. Renate Hellwig - Vorkämpferin in der Frauen- und Familienpolitik

Dr. Renate Hellwig

Am 8. März ist Frauentag. Hierzu finden im Bezirk den gesamten März über zahlreiche Veranstaltungen statt – von Lesungen in der Stadtbibliothek über Workshops bei freien Trägern bis hin zur kostenlosen Kinovorführung. Der Frauentag ist zudem genau der richtige Anlass, um starke Frauen aus Friedrichshain-Kreuzberg vorzustellen.

Eine Vorkämpferin in der bundesdeutschen Frauenpolitik war Dr. Renate Hellwig, die im Februar ihren 85. Geburtstag feierte. Wenige Tage später haben wir uns in einem Café im Samariterkiez zum Gespräch getroffen.

Seit 2013 wohnt die ehemalige Politikerin in Friedrichshain. „Wir haben eine sehr lebhafte Hausgemeinschaft aus aller Welt.“ Beim Richtfest des Neubaukomplexes lernten Renate Hellwig und ihre Lebensgefährtin die Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Haus kennen. „Damals haben wir alle abgestimmt, wer wann seine Einweihungsfeier macht. Und seitdem haben wir eigentlich immer gemeinsam etwas zu feiern. Das ist ein toller Zusammenhalt hier.“

Die Entscheidung, von München nach Berlin zu kommen, trafen die beiden einerseits wegen der Berliner Toleranz und Offenheit, andererseits wegen familiärer Verbindungen in der Stadt. „Berlin hat uns schon immer gut gefallen. Also haben wir uns gedacht: Komm, wir packen unsere Koffer!“ Bei der Suche nach einer Wohnung schauten sie bewusst nach einem umweltschonenden Neubau und wurden in Friedrichshain fündig.

Der Stadtteil gefällt Renate Hellwig weiterhin sehr, nur der Müll gehe ihr auf die Nerven. Überall sei es dreckig. Sie selbst hat die Pflege einer Baumscheibe vor ihrem Haus übernommen, die sie bepflanzt. „Aber da lassen die Leute immer wieder ihre Hunde drauf.“ Darum habe sie extra ein Schild aufgestellt. „Und dann hat jemand ein anderes Schild darunter gehängt, auf dem steht: Unser Kiez bleibt dreckig!“ Darüber kann Renate Hellwig nur den Kopf schütteln.

München

Studium in München und Berlin

Im Februar 1940 wurde Renate Hellwig in Schlesien geboren. Mit dem Kriegsende kam die Familie nach München. „Dort lebte der Bruder meines Vaters, sodass es sich anbot, dass wir uns dort niederlassen.“ Während ihres Studiums in den 1960er Jahren lebte die Juristin bereits eine Weile in Berlin. Sie studierte drei Semester an der Freien Universität (FU). „Meine Mutter hatte eine Tante in Steglitz und fand es eine gute Idee, wenn ich für eine Zeit nach Berlin gehe. Sie hat mich sogar selbst mit dem Auto, einem alten BMW, hingefahren. Kaum in Berlin angekommen, machten die beiden erstmal Halt am Kudamm – für eine Currywurst mit Champagner.

Die Semester in Berlin seien für sie eine sehr prägende Zeit gewesen. „Das waren für mich die Anfänge meines politischen Interesses. Da musste man sich einfach engagieren.“ Damals war die Grenze innerhalb Berlins noch offen. Unter den Studierenden der Universitäten in Ost und West gab es viel Austausch. „Wir haben uns regelmäßig mit Studenten und Professoren – auch aus Ostberlin – getroffen und diskutiert.“ Sie engagierte sich in der evangelischen Hochschulgruppe. Auch ins Studentenparlament ließ sie sich als Vertreterin wählen und stellte schon damals fest, dass es von Vorteil gewesen wäre, einer politischen Partei anzugehören. Ihr Vater war als Unternehmer zwar engagierter FDP-Wähler, aber kein Parteimitglied. „Er meinte immer: ‚In Bayern muss man ja in der CSU sein, aber dann muss man auch bei der Fronleichnamsprozession mitlaufen.‘ Das kam für ihn aber nicht infrage. Wir waren schließlich protestantisch.“

Atomium Brüssel

Mit Hartnäckigkeit kam sie an den Praktikumsplatz in Brüssel

Nach dem Studium und der Promotion wollte die Absolventin unbedingt ein Praktikum in Brüssel bei den Europäischen Gemeinschaften, dem Vorläufer der EU, machen. Mit einem Koffer und Geld für eine Woche Aufenthalt fuhr sie kurzerhand nach Belgien, um persönlich dort vorzusprechen. Dort angekommen, ging sie zu den relevanten Entscheidungsträgern, um sich vorzustellen und zu bewerben. Tagelang wurde sie von A nach B verwiesen. Renate Hellwig blieb hartnäckig und ließ sich nicht abwimmeln. „Eine Woche lang bin ich dort von Büro zu Büro getingelt, bis ich auf den Kommissar traf, der das entscheiden konnte. Der sah mich in seinem Büro sitzen und meinte: Sie sind also die Verrückte, die unbedingt einen Praktikumsplatz haben will. Sie kriegen ihn.“ Während ihres Praktikums knüpfte sie wichtige Kontakte für ihre Karriere.

Eine Anschlussbeschäftigung in Brüssel war jedoch nicht möglich, weil dort Einstellungsstopp herrschte. „Also wurde ich erstmal beim Blüm im Sozialministerium in Bonn geparkt“, fasst die 85-Jährige ihre nächste Berufsstation zusammen. Von dort aus wechselte sie kurze Zeit später ins baden-württembergische Kultusministerin, wo sie die Öffentlichkeitsarbeit übernahm. Die Arbeit in den Ministerien erinnerte sie an ihren bereits zu Schulzeiten gehegten Wunsch, Bundestagsabgeordnete zu werden. Dort übernahm sie im Laufe der Zeit mehr und mehr die Kommunikation zwischen dem Ministerium und der CDU-Landtagsfraktion. Irgendwann habe ihr Vorgesetzter, der Minister Wilhelm Hahn, gesagt: „Du erklärst uns hier die CDU-Politik, dabei bist du selbst gar kein Parteimitglied.“ So trat sie 1970 in die Partei ein.

Stuttgart

Stuttgart

Landtagsabgeordnete, Staatssekretärin, Bundestagsabgeordnete

Zwei Jahre später zog sie selbst als Abgeordnete in den Landtag in Stuttgart ein. In dieser Funktion widmete sie sich vor allem der Bildungspolitik. Auf ihre Initiative gehe die Einführung der Berufsakademien im Bundesland zurück, die inzwischen bundesweit verbreitet sind und sich zwischen Universitäten und Berufsschulen einfügen.

Ihren Kindheitstraum des Bundestagsmandats wollte sie sich weiterhin erfüllen und kandidierte 1975 innerhalb der Partei für den Wahlkreis Esslingen. Sie gewann. Doch noch bevor der Bundestagswahlkampf begann, erhielt sie plötzlich ein Jobangebot als Staatssekretärin im rheinland-pfälzischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport. Minister war zu dieser Zeit Heiner Geißler. Erst später dämmerte Renate Hellwig, dass dieses Karriereangebot kurz vor der Bundestagswahl kein Zufall gewesen war, sondern sie Platz für den Gegenkandidaten machen sollte.

Bei der Bundestagswahl 1980 war es dann soweit: Die Politikerin gewann den neu entstandenen Wahlkreis Heilbronn/Ludwigsburg und zog in den Bundestag in Bonn. 18 Jahre lang setzte sie sich als Abgeordnete vor allem für die Belange der Frauen-, Europa- und Umweltpolitik ein. Im Bundestag übernahm sie erst den Vorsitz der Europa-Kommission und wenige Jahre später den Vorsitz des EG-Ausschusses. Im Umweltausschuss engagierte sie sich für das 3-Liter-Auto.

Bonn

Bonn

Progressive Positionen zur Frauen- und Familienpolitik

Für die Belange von Frauen und Familien setzte sie sich auch innerhalb ihr Partei ein, etwa in der Familienkommission der CDU: „Da habe ich ein knallhartes Papier vorgelegt. Ich habe die Partei beim Wort genommen, die die Bedeutung der Hausfrauen immer nach vorn gestellt hat. Also habe ich gefordert, dass die Hausfrau den Anspruch auf das halbe Gehalt des Ehemannes hat. Die Männer haben getobt und geschimpft. Am Ende kam ein Gewurschtel raus.“ Immer wieder eckte sie mit ihren progressiven Positionen zur Frauen- und Familienpolitik innerhalb der Union an. Ob es für sie in einer anderen Partei mit ihren Themen und Einstellungen vielleicht einfacher gewesen wäre? „Klar, bei denen Grünen wäre es für mich sicher leichter gewesen! Die CDU ist nicht von Natur aus eine Partei, die auf Gleichberechtigung setzt“. Aber, als Renate Hellwig vor 55 Jahren in die CDU eintrat, gab es die Grünen noch gar nicht. „Zur Gleichberechtigung musste ich sie immer etwas treiben, die CDU, aber sie hat als Partei auch ihre Vorteile.“

Beim Parteitag 1985 in Essen forderte Renate Hellwig den damaligen Kanzler Helmut Kohl, gemeinsam mit Parteikolleginnen auf, eine weitere Frau ins Bundeskabinett aufzunehmen und im Bundesfamilienministerium eine erfahrene CDU-Politikerin einzusetzen. Dieser „Frauenparteitag“ ging in die Geschichte der BRD und der Union ein. Im Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ von 2021 spielt dieser eine große Rolle. Renate Hellwig ist eine der Protagonistinnen dieser Dokumentation, die die Vorkämpferinnen in der bundesdeutschen Politik porträtiert. Nach Veröffentlichung des Filmes war sie viel in der Republik unterwegs – zu Premieren, Podien und Diskussionsveranstaltungen, unter anderem an ihrer ehemaligen Wirkungsstätte im baden-württembergischen Landtag.

Fast allein unter Männern

Der Posten der Bundesfamilienministerin ging am Ende an Rita Süßmuth – eine Quereinsteigerin, und nicht an die erfahrene Frauen- und Familienpolitikerin Renate Hellwig. Als Generalsekretär Heiner Geißler dem Bundeskanzler vorschlug, Renate Hellwig zur Ministerin zu machen, habe Helmut Kohl sie damals mit Thatcher verglichen, erinnert sich die 85-Jährige. Und das mache sie auch ein bisschen stolz. Es zeige, dass die Männer in der Partei sie klar als mächtige Gegenspielerin wahrgenommen hätten.

Wichtig war der Bundestagsabgeordneten stets ihr eigener Wahlkreis in Baden-Württemberg. Sie sei immer viel vor Ort unterwegs gewesen. „Ich bin durch die Betriebe dort getingelt und habe nachgefragt, was sie an der Bonner Politik stört. Die anderen Abgeordneten haben immer nur auf die Verbände gehört, aber ich war eine echte Mittelstandsvertreterin.“ Für die Betriebe organisierte Renate Hellwig regelmäßige Feste in der baden-württembergischen Landesvertretung mit Wein aus der Region, bei dem sich die regionale Wirtschaft und die Bundespolitik miteinander ins Gespräch kommen konnten. „Diese Feiern erfreuten sich einer großen Berühmtheit und Beliebtheit.“ Auch Schüler- und Erstwählergruppen lud sie als Abgeordnete regelmäßig in die Hauptstadt ein.

Im Umgang mit den den Politikbetrieb dominierenden Männern sei sie stets gelassen geblieben. „Es gab einen alten Staatssekretär, der mich fragte: ‚Sagen Sie mal, haben Sie denn keine Angst vor mir?‘ Dem habe ich nur entgegnet: Haben Sie denn Angst vor mir?“ Als sie in den baden-württembergischen Landtag einzog, war sie in der CDU-Fraktion die jüngste Abgeordnete und eine der wenigen Frauen. „Um uns herum waren nur Männer. Und die haben sich alle gegenseitig geduzt. Uns Frauen haben sie gesiezt. Dabei wollten wir auch geduzt werden.“ Sie habe immer heftig kämpfen müssen. „Einmal hat mir sogar ein anderer Landtagsabgeordneter eine geschmiert. Da habe ich mich gewehrt und ihm eine zurückgegeben!“ Wenn Renate Hellwig sich anschaut, dass nach der aktuellen Bundestagswahl der Anteil der Frauen im Parlament weiter sinkt, wirkt sie etwas resigniert. „Wir müssen stärker auftreten.“

EU-Fahne

"Make Europe great again"

Ihr Rat an die noch zu bildende Bundesregierung: Make Europe great again. „Wir müssen Trump und den USA als Europa etwas entgegensetzen.“ Das traut sie Friedrich Merz zu. „Er hat das entsprechende Machtbewusstsein!“ Generell müssten die Deutschen ein wenig aus ihrer Ängstlichkeit herausfinden. Durch ihren Pessimismus fehlte ihnen manchmal die Visionen für die Zukunft.

Diese Mammutaufgabe müssen andere übernehmen. Aus der aktiven Politik hat sich die 85-Jährige zurückgezogen. Für Renate Hellwig geht es an diesem Wintertag, wenn die Sonne herauskommt, noch auf den Golfplatz.