Deutsch lernen, Gemeinschaft finden – ein Ort der Hoffnung am Frankfurter Tor

Deutschunterricht für Ukrainer*innen, auf dem Foto ist die Gruppe um Dr. Uwe Kaczinski

Gruppenfoto in der Kadiner Straße

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat das Leben vieler Menschen über Nacht ins Chaos gestürzt. Millionen Ukrainer*innen sind geflohen – nach Deutschland, nach Berlin, nach Friedrichshain-Kreuzberg. Viele haben hier einen Ort gefunden, an dem sie mehr als nur Deutsch lernen: die kommunale Begegnungsstätte in der Kadiner Straße.

Zweimal pro Woche findet der Deutschunterricht statt – montags in der Kadiner Straße, bisher auch donnerstags in der BGS in der Kreuzberger Falkensteinstraße. Rund 30 Menschen nehmen regelmäßig teil – überwiegend Frauen. Ihre Geschichten sind oft schwer in Worte zu fassen. „Früher war ich Ärztin, jetzt bin ich nur noch Frau-aus-der-Ukraine“, sagt Natalia (65) aus Charkiw.

Alexandra und 2 Schülerrinnen beim Deutsch Unterricht

Alexandra mit zwei Teilnehmerinnen beim Deutschunterricht

Der Kurs ist kostenlos und zeugt von großem Engagement und Menschlichkeit. Geleitet wird er unter anderem von Dr. Uwe Kaczinski, der gemeinsam mit Svitlana, einer Deutschlehrerin, und Alexandra (24), ihrer Tochter, unterrichtet. Getragen wird das Angebot von der Begegnungsstätte selbst – Räume, Kekse und Kaffee inklusive, bzw. auch gesponsert. Die Idee, eine Gruppe für ältere ukrainische Menschen ins Leben zu rufen, geht auf die Initiative von Frau Ratsiborynska, Koordinatorin des Ehrenamtlichen Dienstes beim Bezirksamt, zurück. Sie selbst ist auch Ukrainerin und lebt seit über 30 Jahren in Berlin. Nur zu gut kennt sie die Herausforderungen – aber auch die Kraft, die aus Gemeinschaft entsteht. Die Atmosphäre ist ruhig und offenherzig, es wird gelacht, es wird gelernt – und manchmal auch geweint. Denn schlechte Nachrichten aus der Heimat kommen oft mitten im Unterricht. Dr. Kaczinski: „Dann muss auch mal jemand in den Arm genommen werden.“

Das Kursangebot richtet sich gezielt an Menschen, die sonst kaum Zugang zu kostenlosen Sprachkursen haben – vor allem ältere Geflüchtete, die durch reguläre Fördermaßnahmen oft durchs Raster fallen. Dennoch ist Dr. Kaczinski ganz wichtig: „Jeder Mensch, der durch die Tür kommt, ist herzlich willkommen – und wird herzlich aufgenommen.“ Neben dem Deutschunterricht geht es um viel mehr: den Alltag in Deutschland zu meistern, Arzttermine zu vereinbaren, Mietverträge zu verstehen – und nicht zuletzt, das neue Land besser kennenzulernen.

Die Teilnehmenden kommen aus allen Ecken der Ukraine: aus Dnipro, Kiew (Kyiv), Saporischschja, Donetsk, Charkiw, Nova Kachowka und vielen anderen Städten. Ihre beruflichen Hintergründe sind ebenso vielfältig wie beeindruckend – unter ihnen sind eine Architektin, eine Professorin, ein Agrarwissenschaftler, eine Tanzlehrerin, eine Journalistin, eine Mechanikerin, ein Schuhdesigner, eine Programmiererin, eine Ärztin.

Dr. Uwe Kaczinski und Natalia

Dr. Uwe Kaczinski und Natalia

Was sich im Klassenzimmer der Begegnungsstätte abspielt, ist oft viel mehr als reiner Sprachunterricht. Es geht um Mut, um Würde – und um kleine persönliche Durchbrüche. Da sitzt ein älterer Mann, die Hände und Stimme zitternd vor Aufregung, bevor er sich traut zu fragen: „Was hast du gestern gemacht?“ Die scheinbar einfache Frage verlangt ihm Überwindung ab – doch er stellt sie. Und wird verstanden.

Ein paar Plätze weiter beugt sich ein anderer Teilnehmer konzentriert über sein schon etwas abgenutztes Deutsch-Notizbuch. Seite um Seite ist gefüllt mit handschriftlichen Einträgen, Anmerkungen, kleinen Skizzen. Mit ernster Miene und großer Entschlossenheit schreibt er neue Wörter mit. Für viele in der Gruppe ist das Lernen hier nicht eine Pflicht, sondern ein Privileg – denn außerhalb des Kurses haben sie kaum Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. „Im Alltag habe ich weniger Gelegenheit zum Reden als hier“, sagt eine Teilnehmerin leise. „Ich habe in Berlin noch keine Arbeit, aber hier habe ich eine Aufgabe. Ich lerne. Ich gehöre irgendwohin.“

Die Kursräume sind voller Stimmen, voller Leben – und doch auch voller Geschichten, die oft unausgesprochen bleiben. Der Unterricht stärkt nicht nur sprachlich – er gibt Struktur, Selbstvertrauen, ein Gefühl von Zugehörigkeit. Inmitten all der Unsicherheit wächst hier ein neues Stück Alltag.

Ein Teil der Schüler*innen beim Bundestagsbesuch in der Kuppel

Ein Teil der Gruppe beim Bundestagsbesuch in der Kuppel

Das Angebot orientiert sich stark an Alltagssituationen: Wie mache ich einen Arzttermin? Wie lese ich einen Mietvertrag? Wie frage ich nach dem Weg? Dabei wird nach Kenntnisstand in zwei Gruppen gearbeitet, um möglichst individuell zu fördern. Und wenn sich Gesprächspausen ergeben, wird auch schon mal über das große Kaufland in Schöneweide geschwärmt – kleine Brücken zwischen Sprachen, Leben und Kulturen.

Doch das Angebot geht weit über die Unterrichtsstunden hinaus: Es gibt regelmäßig Ausflüge – zum Bundestag, ins Rote Rathaus, nach Potsdam oder in den Britzer Garten. Auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegener, hat den Deutschlernenden schon einmal die Hand geschüttelt.

Auch kulturell ist viel geboten: Gemeinsames Singen von Weihnachtsliedern – im letzten Jahr dank des Sprachangebots zum ersten Mal auf Deutsch -, Backen von Brot, Feiern traditioneller Feste. All das schaffe Zugehörigkeit, Struktur und Wärme – auch wenn der Schmerz der Heimat nie ganz verschwindet.

Ein Teil der Gruppe am Roten Rathaus mit dem reg. Bürgermeister Kai Wegener

Ein Teil der Gruppe am Roten Rathaus mit dem regierenden Bürgermeister Kai Wegner

Viele aus der Gruppe engagieren sich auch selbst. So zum Beispiel Nadiya: Sie unterstützt häufig Wohltätigkeitsveranstaltungen. Der Erlös geht an Hilfsprojekte in der Ukraine. Außerdem besucht sie verwundete ukrainische Soldaten in Berliner Krankenhäusern, spendet Kraft und bedankt sich persönlich für die medizinische Hilfe.

„Wir haben sehr viele Gefühle in unserer Seele, mehr als ich ausdrücken kann“, sagt eine Frau. Vielleicht ist das genau der Moment, in dem sichtbar wird, worum es in der Kadiner Straße wirklich geht: um Menschlichkeit, Würde – und ein bisschen Hoffnung, mitten in Friedrichshain-Kreuzberg.