„Lebens-Lauf: Auf dem Weg in die Zukunft“ – Neue Dauerausstellung in der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg

Fotografin Chloé Laurence Cohen (li.) und ein Mitschüler aus dem Berufssprachkurs zeigt vor seinem Portrait den Flyer der Ausstellung

Fotografin Chloé Laurence Cohen (li.) und ein Mitschüler aus dem Berufssprachkurs zeigt vor seinem Portrait den Flyer der Ausstellung

„Es fing damit an, dass mich ein Mitschüler aus meinem Berufssprachkurs fragte, ob ich ihn für seinen Lebenslauf fotografieren kann“, erklärt Chloé Laurence Cohen (28) zu Beginn ihrer Eröffnungsrede, am Freitag, den 21. Februar 2025, in den Räumen der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg (VHS), in der Bergmannstraße.

Damit setzte sich der Zug in die Zukunft für diese Gruppe zugewanderter Menschen in Bewegung. Das Ticket, in Form eines Lebenslaufes, befördert diese Lerngruppe eines Berufssprachkurses der VHS ans Ziel: eine baldige Arbeitsaufnahme und ein sicheres Leben in Deutschland.

Die in New York geborene Fotografin und Malerin Chloé kommt aus Frankreich und spricht fünf Sprachen, fließend: „Englisch, Suaheli, Französisch und Portugiesisch, und jetzt auch noch Deutsch.“ Gemeinsam mit 18 Kursteilnehmer*innen aus 10 unterschiedlichen Nationen drückte sie fünf Monate lang an der VHS die Schulbank, um das Sprachniveau B2 zu erreichen, das für viele Berufsgruppen erforderlich ist.

Jährlich werden an den drei Lernzentren der VHS Friedrichshain-Kreuzberg und in zahlreichen weiteren Außenstellen rund 7.000 zugewanderte Menschen unterrichtet und auf ihrem Weg der Integration begleitet. Der Großteil von ihnen lernt ca. ein Jahr lang in den Integrationskursen die deutsche Sprache. Ein wichtiges Bindeglied zwischen den Integrationskursen und einer Arbeitsaufnahme sind Berufssprachkurse, die noch einmal gezielt auf eine qualifizierte berufliche Tätigkeit vorbereiten.

Das Team der VHS während der Eröffnung der Dauerausstellung (v.li.n.re.): Peter Lattermann, Leiter des Programmbereichs „Kultur und Gestalten“, Gesche Elsholz, Kursleiterin, der Direktor Maik Walter und Karla Grunfeld, Leiterin Programmbereich „Deutsch als Zweitsprache“

Volle Unterstützung aus allen Bereichen

Chloé: „Wir haben gemeinsam Deutsch gelernt mit dem Ziel, hier in Deutschland eine Arbeit zu finden. Dieser Kurs, die Power meiner Mitschüler hat mich dazu inspiriert, aus jedem einzelnen fotografisch das Beste herauszuholen. Wir haben viel Zeit, in einer besonderen Situation gemeinsam verbracht. Wir kennen uns sehr gut, so fiel es mir leicht, in jedem das Besondere zu sehen, und auch festzuhalten.“

Schnell schmiedete die Gruppe einen Plan. Denn, wenn sie einen Schulfreund fotografiert, könnte sie ebenfalls die anderen an dieser wichtigen Station ihres Lebens in Szene setzen. Sofort waren alle Teilnehmenden Feuer und Flamme. „Doch wie machen wir das? Wer kann bei den Kosten unter die Arme greifen? Wo können und dürfen wir ein mobiles Fotostudio aufbauen?“ Die Fotografin fasste sich ein Herz, sprach mit ihrer Kursleiterin Gesche Elsholz.

Gesche Elsholz: „Das ist eine sehr schöne Idee, die ich in jeder Hinsicht unterstützt habe. Die Planungen fanden nach dem normalen Unterricht statt. Es war eine Freude, unsere Teilnehmer*innen dabei zu sehen, wie sie diesen besonderen Augenblick ihres Lebens festhalten wollen.“

Auch Peter Lattermann, Leiter des Programmbereichs „Kultur und Gestalten“, unterstützte das Projekt sofort: „Selbstverständlich bot ich jede Form der Hilfe und Unterstützung an. In unserer Aula wurde vorrübergehend für drei Tage ein Foto-Studio errichtet, mit viel Licht und Technik, die wir hier im Haus haben. Wir haben alles getan, damit es ein Erfolg wird!“

Fotografin Chloé Laurence Cohen und der portugiesische Filmemacher Edi Lopez-Kettemann, der einen Kurzfilm über dieses Fotoprojekt drehte

Fotografin Chloé Laurence Cohen und der portugiesische Filmemacher Edi Lopez-Kettemann, der einen Kurzfilm über dieses Fotoprojekt drehte

Edi Lopez-Kettemann drehte Kurzfilm über dieses Fotoprojekt

Chloé, die liebend gern für eine Kultureinrichtung in der Kommunikation arbeiten möchte, zeigte sich mehr als dankbar in ihrer Rede dafür, dass die Leitung der Volkshochschule sofortige Unterstützung und Hilfe zusicherte. Auch der portugiesische Filmemacher Edi Lopez-Kettemann (33) begeisterte sich für die Idee und produzierte während der Fotoaufnahmen einen Kurzfilm über dieses ungewöhnliche Fotoprojekt. Der Film kann hier angeschaut werden.

Chloé: „Ich bedanke mich sehr für diese gute Ausbildung an der VHS, der ich durch die intensiven Schulungen viel zu verdanken habe. Der Unterricht gab mir Halt und Struktur in meinem Leben, und zeigte mir mögliche Perspektiven. Es tat so gut all, diese Menschen hier zu treffen, die arbeiten wollen, und alles dafür tun! Das sollen meine Bilder bestätigen.“

Hunderttausende Menschen aus der Ukraine, Syrien und Afghanistan und anderen Ländern wurden bisher durch Integrations- und Berufssprachkurse dabei unterstützt, sich in Deutschland zurechtzufinden. Sie lernen nicht nur die deutsche Sprache, sondern bekommen auch Werte des demokratischen Staatswesens vermittelt. Finanziert wird dieses Erfolgsmodell aus Bundesmitteln. Seit dem Herbst letzten Jahres steht dieses Angebot jedoch aufgrund der finanziellen Situation auf Bundesebene auf der Kippe.

Der Direktor der Volkshochschule Maik Walter eröffnet die Dauerausstellung, die von jetzt ab die sanierten Räume der VHS in der Bergmannstraße schmücken wird. „Der Augenblick zwischen Deutschkurs und Ankunft in der Berufswelt, dieser wichtige Punkt in einem Lebenslauf, ist jetzt mit den Bildern hier bei uns in die Kunst gewandert. Wir werden auch in einigen Monaten mit diesen Fotografien in ihre Gesichter schauen, ihren Lebensläufen nachgehen und uns über diese Ausstellung freuen.“

Absolventin Diana vor ihrem Portrait

Absolventin Diana vor ihrem Portrait

Die Zukunft der Berufssprachkurse ist ungewiss

Der Direktor der Volkshochschule Maik Walter eröffnet die Dauerausstellung, die von jetzt ab die sanierten Räume der VHS in der Bergmannstraße schmücken wird. „Der Augenblick zwischen Deutschkurs und Ankunft in der Berufswelt, dieser wichtige Punkt in einem Lebenslauf, ist jetzt mit den Bildern hier bei uns in die Kunst gewandert. Wir werden auch in einigen Monaten mit diesen Fotografien in ihre Gesichter schauen, ihren Lebensläufen nachgehen und uns über diese Ausstellung freuen.“

Nicht erfreulich sei in diesen Wochen jedoch die ungewisse Zukunft der Berufssprachkurse. Der Haushaltsentwurf 2025 der Bundesregierung sieht vor, dass im Vergleich zu 2024 nur noch ein Bruchteil der bisherigen Berufssprachkurse stattfinden können.

Maik Walter: „Dies hätte weitreichende Konsequenzen für die Versorgung mit diesen speziellen Bildungsangeboten im Bezirk. Die Nachfrage ist hoch: Im letzten Jahr fanden bei allen Trägern in Friedrichshain-Kreuzberg 70 Berufssprachkurse statt, in diesem Jahr konnten im gesamten Bezirk im ersten Quartal gerade einmal 3 Kurse angeboten werden, nur durch Zufall gelang es der VHS durch ein Los davon einen Kurs zu erhalten.“

Für die anderen Kurse fehle nun die finanzielle Förderung, was generell bedeute, dass tausende Menschen das für viele Berufe erforderliche B2-Niveau nicht mehr erreichen können und damit qualifizierte Zuwanderer*innen nur noch Hilfsarbeiten übernehmen könnten.

Ein Absolvent des B2-Berufssprachkures, der mit seinem Profil auch die Flyer für die Dauerausstellung schmückt, ist sehr glücklich, dass er noch dabei sein konnte, denn dank des Kurses habe er gut sprechen gelernt, neue Freunde gefunden und sei auch aufgrund seines mitreißenden Bewerbungsfotos bereits zwei Mal zu einem Gespräch eingeladen worden. Er zeigte sich zuversichtlich und bedankte sich für die Möglichkeit, die ihm die Volkshochschule geboten hat.

Neugierig geworden? Die Ausstellung „Lebens-Lauf: Auf dem Weg in die Zukunft“ ist hier zu finden:

  • Wann? Montag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr
  • Wo? Gilberto-Bosques-Volkshochschule, Standort Bergmannstraße 28/29, 10961 Berlin