120 Jahre Markt am Boxhagener Platz – Ein Ort im Wandel der Zeit

Impression vom Boxhagener Wochenmarkt, im Vordergrund ist ein Kürbis zu sehen im hintergrund einkaufende Menschen und Stände

In diesem Jahr feiert der Wochenmarkt am Boxhagener Platz ein ganz besonderes Jubiläum: 120 Jahre Marktgeschehen im Herzen von Friedrichshain. Ein lebendiger Ort der Begegnung, der Versorgung – und des ständigen Wandels.

Gutshaus und Park Boxhagen spätes 19. Jahrhundert

Gutshaus und Park Boxhagen spätes 19. Jahrhundert

Vom Gutshof zum Wochenmarkt

Kaum zu glauben: Wo heute Händler*innen frisches Obst und regionale Spezialitäten anbieten, stand einst ein Gutshof. Lange Zeit waren Kirschen aus Boxhagen bei Kund*innen Berliner Märkte sehr beliebt.

Später wurde der Boxhagener Platz zu einem Schmuckplatz gestaltet, als Teil der gründerzeitlichen Stadtplanung. Bereits zur Kaiserzeit wurde der Platz zum Marktstandort erklärt –unter ganz anderen Bedingungen als heute. So war etwa der Einsatz von Hundekarren zur Warenanlieferung üblich, Hunde selbst jedoch streng verboten. Wer mit einem Vierbeiner auf dem Platz erwischt wurde, dem drohten 30 Mark Strafe oder acht Tage Zuchthaus.

Auch in der DDR blieb der Markt bestehen – eine feste Größe für die Versorgung im Kiez. Nach der Wende, in den Umbruchsjahren der frühen 90er, wurde der Markt zur Überlebenshilfe für viele Arbeitssuchende. 1995 wurde er in private Hand übergeben – ein Wendepunkt für viele Händler*innen und auch für Stefan Frantz.

Stefan Frantz auf die Markierungssteine deutend

Stefan Frantz auf die Markierungssteine deutend

Stefan Frantz – Ein Leben für den Markt

Stefan Frantz (51) ist Marktleiter und einer der drei Inhaber der Friedrichshainer Wochenmarkt GbR, die den Markt seit fast drei Jahrzehnten betreibt. Geboren in Prenzlauer Berg, heute wohnhaft in Biesdorf, kam er aus der Not heraus auf den Markt – und blieb aus Überzeugung.

Zur Wendezeit machte Frantz noch eine Ausbildung bei der Reichsbahn und arbeitete danach bei Siemens Verkehrstechnik. Doch 1995 kam die Kündigung – und mit ihr der Schritt auf den Markt, wo sein Vater bereits tätig war. “Typische Wendekarriere”, sagt er heute rückblickend. Seitdem ist er aus dem Marktgeschehen nicht mehr wegzudenken.

„Man braucht ein dickes Fell“, sagt Stefan Frantz, „das kann man nicht lernen – das wächst auf der Straße.“ Heute leitet er den Markt mit Gelassenheit und Erfahrung und die 80 bis 100 Aussteller*innen wissen das zu schätzen. Am Markttag beginnt sein Arbeitstag schon um 6 Uhr morgens – Fahrzeuge umsetzen, Stände aufbauen, Verkehrszeichen aufstellen. Es ist ein Kampftag, der für Händler*innen oft schon am Vortag beim Großhändler in der Beusselstraße beginnt. Es gibt ständig neue Herausforderungen, doch Stefan Frantz bringt die nötige Ruhe mit: „Es findet sich immer eine Lösung.“
Links: Auszug aus Originalbauplan, ca. 1905; Rechts: Stefan Frantz vor dem Toilettenhäuschen heute.

Links: Auszug aus Originalbauplan, ca. 1905; Rechts; Stefan Frantz vor dem Toilettenhäuschen heute.

Wandel im Kiez – Wandel auf dem Markt

Der Markt spiegelt den sozialen Wandel im Kiez wider. In den 1990er und 2000er-Jahren prägten viele ältere Menschen das Bild. Sie kauften gezielt bei vietnamesischen Händler*innen ein.

Doch mit den Jahren veränderte sich die Kundschaft – der Markt wurde jünger, touristischer, internationaler. Vor der Corona-Zeit waren viele Hostel-Gäste und junge Menschen unterwegs.

Heute zeigt sich ein anderer Trend: Der Kiez ist wieder älter geworden. Es kommen Familien, Menschen mittleren Alters – keine klassischen Rentner, aber auch keine Rucksacktouristen mehr. Viele der vietnamesischen Händler*innen sind mittlerweile selbst im Ruhestand, ihre Kinder zieht es nicht mehr auf den Markt. Die Ansprüche wandeln sich – und mit ihnen das Angebot.

Manche Dinge bleiben jedoch bestehen. So etwa die in den Boden gelassenen Markierungssteine, die das Ende des einen Marktstandes und den Beginn des nächsten markierten. Heutzutage wird die Aufstellung der Stände mit Hilfe eines Grafikprogramms am Computer geplant. Vor Ort sind die Markierungssteine jedoch noch immer eine Orientierungshilfe.

Ein weiteres Urgestein des Boxhagener Marktes ist das ursprünglich nur für Männer vorgesehene gusseiserne, zehnständige Pissoir. Bereits kurze Zeit nach Markteröffnung wurde der Bedarf offensichtlich und dieses gebaut. Es befindet sich bis heute auf der östlichen Seite des Platzes.

4 fairKiez boxi Becher unterschiedlichen Formats in der Sonne auf einer kleinen wand, 2 sind durchsichtig, 2 weiß/beige

Die fair.kiez Mehrwegbecher haben seit Einführung 1,5 Tonnen Einwegbecher gespart. Gestapelt würden sie den Mount Everest um einen Kilometer überthronen.

Kein Mauerpark 2.0 – der Markt bleibt Kiez

Der Boxhagener Platz ist kein Street-Food-Event und keine Selfie-Kulisse. Der Wochenmarkt versteht sich primär als Markt für den Kiez – nicht für Touristen. Der Fokus liegt auf Lebensmitteln, auf Grundversorgung und nicht auf Show. „Und wenn Tourismus, dann verträglicher Tourismus für einen fairen Kiez“, so Stefan Frantz. Deshalb soll die Belastung etwa durch Verschmutzungen und Müll auf einem Minimum gehalten werden.

Ein Beispiel dafür, wie ernst gemeint das ist: das einheitliche Mehrwegbechersystem. Beim abendlichen Aufräumen fielen die vielen Becher besonders auf. Und so initiierten die Marktbetreiber zusammen mit der Wirtschaftsförderung des Bezirksamtes den fair.kiez Mehrwegbecher.
Heute gibt es auf dem gesamten Markt denselben Pfandbecher – genutzt von allen fünf Kaffeehändlern. Anfangs gab es Bedenken, vor allem wegen möglicher Umsatzeinbußen.

Tatsächlich dauerte es anfangs etwas länger, bis das System erklärt und angenommen wurde. Doch die Sorge legte sich schnell: Die Anwohnenden waren von Anfang an dabei. Manche brachten schon immer ihre eigene Tasse von zu Hause mit – aus Überzeugung.

Heute ist das System Alltag. Und erfolgreich: rund 800 Einwegbecher weniger pro Markttag – das sind seit Einführung vor drei Jahren 120.000 Becher! Selbst eine benachbarte Bäckerei hat sich dauerhaft dem Boxhagener Pfandsystem angeschlossen. „Zum Feierabend liegt hier kaum noch ein Becher rum“, sagt Herr Frantz stolz.

Bei den Essensständen ist ein einheitliches System schwieriger – zu unterschiedlich die Anforderungen an Verpackungen. Aber auch hier hat sich viel getan: nur noch Holz und Pappe werden verwendet. Einige Händler*innen setzen auf eigene Mehrweg-Lösungen, manche sogar auf reine Vertrauensmodelle ganz ohne Pfand.

Willy Brandt beim Besuch des Parteibüros am Boxhagener Platz

Willy Brandt beim Besuch des Parteibüros am Boxhagener Platz 1960

Ein Ort mit Geschichte – und Geschichten

Der Markt am Boxhagener Platz hat viele prominente Fans: Willy Brandt war in den 60ern zu Besuch, die Puhdys kamen regelmäßig, Anna R. von Rosenstolz kaufte hier ein, genauso wie viele Schauspieler*innen und Musiker*innen. Auch heute noch kommen viele bekannte Persönlichkeiten zu Besuch. Jedoch gönnt Stefan Frantz ihnen ihre Privatsphäre und nennt keine Namen.

Auch für Film und Fernsehen dient der Markt immer wieder als Kulisse. Selbstverständlich bei der Verfilmung des Buches „Boxhagener Platz“ oder regelmäßig bei den „Restaurant-Rettern“, wenn diese mit ihren Klienten mit Kamera-Team auf den Markt gehen, um gute regionale Lebensmittel einzukaufen.

Aber die eigentlichen Geschichten schreibt der Alltag – mit Menschen wie Stefan Frantz, mit Händler*innen, Stammkund*innen und allen, die hier seit Jahrzehnten ein- und verkaufen. Der Markt verändert sich, weil der Kiez sich verändert. Und genau das hält ihn am Leben.